Almerich, das Heupferd

Ein herrlicher Sommertag geht so langsam zu Ende. Die Sonne schien von Früh bis in den späten Nachmittag vom Himmel und die Kinder konnten den Ferientag so richtig im Garten, im Freibad oder auf dem Spielplatz genießen. Jetzt, in den Abendstunden, wird es etwas kühler und die Luft frischer. Deshalb hat sich das Bamberger Kasperle noch auf den Weg gemacht, um bei der milder gewordenen Temperatur noch etwas spazieren zu gehen und der Natur einen Besuch abzustatten. So strolcht er über die Felder und Wiesen, die zwischen dem Ort und dem Waldrand liegen. Noch haben die Sommerblumen ihre Kelche geöffnet. Doch, wenn die Sonne gar hinter den Baumspitzen verschwindet, werden die Blümelein ihre Kelche schließen und schlafen. Auf den Feldern ist es ruhig geworden, die Bauern haben ihre Arbeit für heute erledigt und sind mit ihren Traktoren längst nach Hause gerattert. Nur das Grillen der Zirpen ist noch zu hören.

Plötzlich stört ein heftiges Geschimpfe die abendliche Ruhe in der Natur. „Das lass ich mir nicht länger gefallen! Ich muss meinen Brüdern helfen! So eine Frechheit!“ Kasperle hält Ausschau, kann aber erst niemanden entdecken, der diesen Radau macht. Doch dann sieht er vor seinen Füßen im Gras jemanden ganz wild und zornig herumhüpfen. „Ja, sieh mal an, eine Heuschrecke ist der Krachmacher!“, stellt Kasperl lachend fest. „Ich bin keine Heuschrecke!“, erwidert der Grashüpfer aufgeregt. „Ich bin ein großes Heupferd und heiße Almerich!“ Nachdem das geklärt war, freut sich Almerich direkt, dass er Kasperle noch getroffen hat. Kasperle fragt ihn dann erst einmal, warum er dann an dem schönen ruhigen Sommerabend so aufgebracht herum schimpft. Dann erzählt ihm Almerich, dass der böse Zwerg Graubart seine Brüder und sich tyrannisiert und gefangen hält. Der Zwerg will nämlich der Herr über alle Heupferde sein. Sie müssen ihm dienen, wie einem König. Er hat sich ein Wägelchen gebaut, spannt die Heupferde davor und sie müssen ihn durch Wald und Wiesen ziehen. Kasperl kann das kaum glauben und hat noch nie gesehen, dass ein Zwerg in einer Minipferdekutsche von Heupferden gezogen wird. Almerich bittet Kasperl, ihnen zu helfen und alle Heupferde aus der Knechtschaft des Zwerges Graubart zu befreien. Kasperl überlegt, was er da tun könnte. Erst keine Idee, wie er den armen Heupferden helfen könnte. Dann fällt ihm die Wiesenfee ein. Sie ist die Beschützerin aller Pflanzen und Tiere im Wald und auf der Wiese. Kasperl weiß, wo die gute Fee zu finden ist und so macht er sich mit Almerich sofort auf den Weg. Raschelnd streifen sie durch das Schilf am Rand des Baches und suchen nach der Wiesenfee. Sie haben Glück, die Fee liegt schon in ihrem Schilfbett und hat sich zur Nachtruhe begeben. Die Fee wundert sich über den späten Besuch und fragt Kasperl gähnend, was ihn zu später Stunde noch zu ihr führt. Kasperl stellt ihr das Heupferd Almerich vor, der ihr die ganze traurige Geschichte seiner gefangenen Brüder schildert. Die Wiesenfee hört sich alles geduldig an, ohne Almerich zu unterbrechen. Sie schüttelt dabei nur immer wieder mit dem Kopf und ist darüber ganz entrüstet, wie man Heupferde zu Dienern machen kann. „Warum fliegt ihr nicht einfach davon?“, fragt sie Almerich, nach dem dieser endlich mit seiner aufregenden Erzählung fertig ist. „Ihr Heupferde habt doch Flügel!“ Sicher wäre das für die Heupferde das Einfachste. Aber Almerich muss sie enttäuschen, denn Zwerg Graubart hat die grünen Hüpfer alle in einen Stall gesperrt und angebunden. Und wenn sie vor das Wägelchen gespannt sind, können sie nicht wegfliegen, weil der Wagen zu schwer ist. Das sieht die Wiesenfee natürlich ein, aber sie verspricht Almerich, seinen Freunden zu helfen.

Kaum hat sie ihre Hilfe zugesagt, hört man aus der Ferne ein zorniges Schreien: „Los, ihr lahmen Heupferde! Ich geb euch die Peitsche, wenn ihr nicht schneller fahrt!“ Es ist Zwerg Graubart, der sich schon wieder mit seiner Kutsche von den Heupferden durch das Land ziehen lässt. „Dort kommt der böse Zwerg mit meinen Brüdern angefahren!“, ruft Almerich.

„Almerich, keine Sorge“, beruhigt ihn die Fee, „jetzt werde ich dem Graubart eine Lehre erteilen! Deinen Heupferdchen verhelfe ich zu soviel Kraft in den Flügeln, dass sie mit dem Wagen hoch fliegen können. “

Die Wiesenfee nimmt ihren Stab aus goldenem Schilfrohr zur Hand und spricht:

„Fliegt mit Graubart hoch hinaus,

und werft ihn aus dem Wagen raus!“

Es pfeift und blitzt und die Heupferde heben mit kräftigen Flügelschlägen von der Erde ab. Hinter sich her ziehen sie den Wagen mit Zwerg Graubart in die Luft. Die Zwergenkutsche wackelt und schaukelt hin und her. Zwerg Graubart kann das nicht begreifen und schimpft: „Was soll denn das? Bleibt ihr wohl auf der Erde! Kehrt sofort nach unten zurück! So kann mein Wagen doch nicht fahren! Er schaukelt in der Luft wie verrückt!“ Die Heupferde fliegen immer weiter vom Boden weg, der Wagen schwankt und schlittert durch die Luft. Zwerg Graubart fuchtelt mit seinen Händen herum, tobt und zappelt wie wild im Wagen herum. Vor lauter Gezappel kippt der Wagen plötzlich zur Seite und Graubart schreit auf: „Hilfe! Hilfe! Ich falle heraus!“ Wie ein Stein fällt der Zwerg aus dem Gefährt und landet mit einem Plumps im hohen Gras. „Autsch! So ein Mist! Ihr dummen Biester!“, ruft er den Heupferden nach. Die Wiesenfee läuft mit Kasperl zu ihm hin. Sie schauen auf den Zwerg herab, der auf dem Rücken in der Wiese liegt, mit Armen und Beinen zappelt wie ein Maikäfer. „Daran bist du selbst schuld!“, sagt die Wiesenfee zum Zwerg. Dieser ahnt sofort, dass die Wiesenfee hinter diesem Schabernack steckt. Diese findet, dass er selbst daran schuld ist, denn die Wiesenfee kann Tierquälerei nicht leiden und wenn es sich auch um noch so kleine Tiere handelt. Sie befiehlt ihm sofort alle Heupferde wieder frei zu lassen und niemehr das Leben in der Natur zu stören. Andernfalls bringt sie ihm zum Zwergenkönig Puck, der ihn sicher in seinem Schloss einsperrt. Doch vor dem Zwergenkönig Puck hat Graubart großen Respekt und aus Angst immer in dessen Schloss eingesperrt zu sein, verspricht er der Wiesenfee alles zu tun, damit sie ihm die Freiheit lässt. Graubart geht sofort zu seinem Stall, bindet die Heupferde los und lässt sie alle wieder davon hüpfen. Inzwischen sind auch die Heupferde mit dem Wägelchen wieder in der Wiese gelandet und Kasperl löst sie aus dem kleinen, ledernen Zaumzeug, das ihnen der Zwerg umgelegt hatte. Almerich bedankt sich artig im Namen aller seiner Brüder: „Wir danken dir, gute Wiesenfee und auch dir, Kasperl. Nun können wir endlich wieder in unserem gewohnten Lebensraum frei springen und schlafen. Kasperle kann es auch nicht leiden, wenn Tiere gequält und ausgenutzt werden. Denn alle Tiere sind genauso Lebewesen und Gottes Geschöpfe, wie alle Menschenkinder auch.

Ihr, liebe Kinder seid sicher auch alle tierlieb zu allen Tieren, ob zu Hund, Katze, Pferd oder Ameise. Bestimmt genauso, wie vielleicht zu euerem Teddybären, mit dem Ihr Euch nachts ins Bett kuschelt.

Die Heupferde, die Wiesenfee und Kasperl legen sich nun auch schlafen. Für Euch liebe Kinder wird es auch Zeit, die Äuglein zu schließen. Träumt etwas Schönes!

Die Puppenbühne Herrnleben und euer Bamberger Kasperl wünschen eine gute Nacht!

© Wolfgang Herrnleben (2008)