Nun ist schon seit ein paar Wochen Frühling, die Temperaturen steigen von Tag zu Tag. Es ist in den letzten Wochen immer wärmer geworden, an manchen Tagen sogar schon richtig sommerlich heiß. Auch die Sonne geht am Morgen immer eher auf und schickt ihre Sonnenstrahlen zur Erde. So, wie das Bamberger Kasperle, so schlafen sicher auch viele Kinder bei offenem oder gekipptem Fenster, um die kühle, frische Nachtluft in die Zimmer zu lassen. So bald es dämmert, beginnen auch überall in der Natur, im Wald und in den Gärten die vielen verschiedenen Vogelarten ihr Zwitschern und Tirilieren und kündigen so den neuen Tag an. Im Garten von Kasperls Großmutter hat sich in einem großen Strauch fast ganz oben, gut versteckt eine Vogelfamilie ihr Nest gebaut. Es sind das Singdrosselmännchen Kiwipp und sein Singdrosselweibchen Zwitscherchen. Kiwipp ist schon gleich nach dem Aufwachen ausgeflogen, um für sein Singdrosselweibchen Zwitscherchen Nahrung zu holen. Zwitscherchen kann nämlich die ganzen Tage schon nicht selbst wegfliegen, weil es Eier ins Nest gelegt hat und diese ausbrüten muss. Als Kiwipp heute von seiner Nahrungssuche zurückkehrt ist im Nest eine helle Aufregung. „Piep, piep, piep, piep!“ So tönen helle, noch feine Vogelstimmchen durch den ganzen Garten, welche Kiwipp schon beim Anflug auf das Nest zu hören bekommt. Vorsichtig landet Kiwipp auf dem Nest und hält sich vorsichtig mit seinen Füßen nur am Rand fest. Freudig fragt er sein Vogelweibchen Zwitscherchen: „Na, mein Singdrosselweibchen, gell unsere kleinen Vogelkinder sind heute aus ihren Eiern geschlüpft, kiwipp?“ Genauso begeistert antwortet Zwitscherchen: „Ja, zwitsch, mein Männchen. Aber komisch ist, dass es sogar fünf Vögelchen sind, obwohl ich doch eigentlich nur vier Eier in unser Nest gelegt habe!“ Kiwipp glaubt seinem Vogelweibchen erst nicht und zählt die kleinen Vögelchen einmal selbst durch: Eins-zwei-drei-vier-fünf! – Tatsächlich es sind fünf Vögelchen. Beide wundern sich, wieso ein Vögelchen mehr im Nest seinen Schnabel aufsperrt als geplant. Waren in irgendeinem Ei vielleicht Zwillinge? – Aber beim näheren Hinsehen stellen die Vogeleltern fest, dass keine Zwillinge darunter sein können, weil keine zwei Vogelkinder dabei sind, die gleich ausschauen. Ganz im Gegenteil, eines davon sieht sogar ganz anders aus. Im Unterschied zu den anderen vieren ist es viel größer, ganz nackig, ohne Federn und scheinbar blind. Beiden ist es ein Rätsel, wieso eines ihrer Kinder völlig anders geraten ist. Aber Kiwipp nimmt dies erst einmal so hin und meint, es sei doch egal. „Auch wenn es anders aussieht, Zwitscherchen“, sagt er zu seinem Vogelweibchen, „du hast es ausgebrütet und so muss es auch eines unserer Kinder sein!“ Die fünf Vögelchen haben auf alle Fälle Hunger, was man an ihrem heftigen Piepsen und ihren weit aufgerissenen Schnäbeln unschwer erkennen kann. Kiwipp und Zwitscherchen fliegen deshalb sofort los, um genügend Futter für die fünf hungrigen Mäuler zu suchen. Sie fliegen ziemlich weit davon, weil sie ihrem Nachwuchs nur die leckersten Sachen als erstes Fressen bieten wollen. Zum Nest werden sie sicher wieder zurückfinden, denn ihre Vögelchen piepsen so laut, dass man es kilometerweit hört. „Piep, piep, piep, piep!“, tönt es aus den aufgesperrten, hungrigen Schnäbelchen. Plötzlich rührt sich auch das größere Vogelkind. Es piept aber nicht, so wie die anderen. Als es endlich einmal einen Ton von sich gibt, hört man ein feines „Kuckuck – kuckuck“ erschallen. Ja, und, was macht der kleine Kuckuck denn nun? - Weil er größer und stärker ist als die Singdrosselkinder, beginnt er damit, sich Platz in dem Nest zu verschaffen. Schwupps, wirft er einfach das erste kleine Vögelchen aus dem Nest hinaus. Plumps! Zum Glück landet es unter dem großen Busch im weichen Gras und es ist ihm Gott-sei-Dank nichts passiert. Zack, schon schupst er das Zweite aus dem Nest hinaus und es fällt genau neben sein Geschwisterchen. „Pi-iep, pi-iep“, jammern die kleinen Vögelchen und zappeln im Gras herum, da sie ja das Fliegen noch nicht gelernt haben. Durch Zufall kommt das Bamberger Kasperle am Gebüsch vorbei und entdeckt die beiden kleinen Vögel im Gras. „Nanu, ihr kleinen Vögelchen“, wundert sich Kasperle, „warum liegt ihr denn hier im Gras? Seid ihr wohl aus euerem Nest gefallen?“ Kasperl schaut sich um und entdeckt oben im Gebüsch, kaum sichtbar ein Vogelnest. Kasperl hebt die beiden kleinen Vogelkinder vorsichtig auf und will sie wieder ins Nest setzen. Als er dabei nach oben blickt, stürzt schon wieder eines ihrer Geschwister nach unten. Kasperl reagiert schnell und kann es gerade noch behutsam mit seiner freien Hand auffangen. Da sieht er den frechen, kleinen Kuckuck, der seinen Kopf über den Rand des Nestes hinausstreckt. „He, was bist denn du für ein frecher Piepmatz?“, ruft Kasperle. „Was fällt dir ein? Du kannst doch deine Geschwisterchen nicht aus dem Nest hinaus werfen?“ Aber das stört den kleinen Kuckuck nicht und – zack – räumt er auch das letzte Vögelchen aus dem Nest, das Kasperl ebenfalls in seine Hand fallen lässt. „Piep, piep, piep, piep!“, melden sich die kleinen Vögel in seiner Hand und wollen wieder zurück in ihr Nest. In diesem Moment kommen Kiwipp und Zwitscherchen wieder zurück und haben beide ihre Schnäbel voll Futter für ihre Kleinen. Die Vogelmutter fliegt direkt in das Nest, um das Futter zu verteilen. Doch keines ihrer kleinen Vögelchen ist mehr darin. Aufgeregt ruft sie ihrem Vogelmännchen zu: „Zwitsch, zwitsch, Vogelmännchen, wo sind denn unsere kleinen Kinder? – Sie sind ja gar nicht mehr im Nest!“ Kasperl ruft ihr von unten zu, um sie zu beruhigen: „Nur keine Angst, Vogelmutter, deine Kinder sitzen alle vier brav in meinen Händen!“ Singdrosselvater Kiwipp hat inzwischen auch sein Futter im Nest abgeladen und fragt Kasperle voller Entsetzen: „Wieso, Kiwipp, hast du unsere Kinderchen aus dem Nest heraus geholt?“ Doch Kasperl erklärt den besorgten Vogeleltern, dass er keinesfalls ihre Kinder aus dem Nest entfernt hat, sondern sie der nackige Piepmatz alle heraus geworfen hat. Mit einer lieblichen Melodie und unter bunten Lichtblitzen erscheint plötzlich Madam Federkleid. Es ist eine gute Fee mit einem Schleier aus lauter feinen, weißen Vogelfedern. Kasperle kennt sie, denn sie ist die Beschützerin aller Singvögel. Sie kann den Vogeleltern bestätigen, dass Kasperle ihren Kindern nur geholfen hat. Zwitscherchen wundert sich, warum denn ihr großes Vogelkind seine Brüder und Schwestern aus dem Nest hinaus geworfen hat. Madam Federkleid muss der Vogelmutter zu deren Erstaunen mitteilen, dass das größere, nackige Vögelchen nicht zu ihren Kindern gehört. Sie erklärt ihr, das es ein kleiner Kuckuck ist. Seine Mutter hat ihr Ei in ihr Nest gelegt und sie hat es zusammen mit den anderen Eiern ausgebrütet. Kiwipp findet das gar nicht nett und meint, die Kuckucksmutter soll ihren kleinen Frechdachs bloß schnell wieder abholen. „Das wird sie nicht tun.“, meint Madam Federkleid. „Der kleine Kuckuck wird immer hier bleiben und eueren eigenen Kindern immer alles wegfuttern und sie ständig aus dem Nest werfen.“ Da man gegen den kleinen Kuckuck nichts machen kann, rät Madam Federklein, ihn einfach im Nest sitzen zu lassen. „Schade, kiwipp“, piepst der Singdrosselvater, „jetzt habe ich uns extra so ein schönes gemütliches Familiennest geflochten und mit weicher Erde befüllt.“ Die Vogeleltern sind verzweifelt. Mit dem kleinen Kuckuck wollen sie nicht zusammen leben und haben keine schöne Wohnung mehr für sich und ihre vier Vogelkinder. Aber Madam Federkleid kann sie trösten. Sie verspricht ihnen dafür ein neues, noch viel größeres und schöneres Nest zu wünschen. Ihr Federschleier schwebt nach oben und wirbelt in der Luft herum. Madam Federkleid spricht dazu einen Spruch:
„Weil der Kuckuck euch nicht in Ruhe lässt,
wünsch ich euch ein neues Nest!“
Unter farbigen Lichtblitzen und einer Zaubermelodie wirbelt der Federschleier zurück und legt sich über das Gebüsch. Als Madam Federkleid den Schleier vom Gebüsch wegzieht, ist darunter wirklich ein schönes, großes, neues Nest, in dem die ganze Vogelfamilie genügend Platz findet. Kiwipp und Zwitscherchen bedanken sich bei Madam Federkleid, die darauf hin ganz schnell davon schwebt. Kasperle setzt dann gleich die vier kleinen Vogelkinder wieder vorsichtig in ihr neues Familiennest und gleich fangen sie wieder freudig das Piepen an und sperren ihre Schnäbel auf, denn noch immer warten sie auf ihr erstes Futter. Kiwipp und Zwitscherchen fliegen gleich los und holen ihnen zum Einzug in ihr neues Zuhause viele neue Leckerbissen. Kasperle muss nun auch wieder heim, denn dort wartet Großmutter sicher auch schon mit dem Abendessen und danach wartet sein Bett auf ihn.
Euer Bett, liebe Kinder wartet sicher auch auf euch. Und ihr braucht keine Angst zu haben, dass Euch ein frecher Kuckuck hinaus wirft. Legt euch schön hinein und träumt was Schönes.
Das Bamberger Kasperle und die Puppenbühne Herrnleben wünschen Euch eine gute Nacht!
© by Wolfgang Herrnleben (2008)






