Für die nächsten Tage ist schönes, warmes Wetter gemeldet, so dass sich alle Kinder auf ein paar herrliche Ferientage freuen. Natürlich sind auch Gretel, Seppl und das Bamberger Kasperle hellauf begeistert, als sie gerade den Wetterbericht im Radio hören, der für das ganze Wochenende Sonne pur meldet. – Und das hat auch einen ganz wichtigen Grund! – Weil sie nämlich nicht in Urlaub wegfahren können, hat ihnen die Großmutter versprochen, dass sie alle Drei dafür zum Zelten gehen dürfen, wenn das Wetter passt. – Und – idealer kann es ja wohl nicht sein! – Deshalb rollen sie rasch alles zusammen, was sie dazu brauchen. Ihre Zelte, Schlafsäcke und Decken. Alles andere verteilen sie auf ihre drei Rucksäcke: Wäsche zum Wechseln, Getränke, Taschenlampen, Sonnencreme, Mückensalbe und jede Menge zum Essen. Großmutter gibt ihnen noch ein paar Hinweise, worauf sie beim Zelten achten müssen und dass sie kein offenes Feuer machen sollen. Sie versprechen ihrer Oma bestimmt ganz vernünftig zu sein und Großmutter weiß, auf ihre drei Lauser kann sie sich verlassen. Dann verabschieden sie sich für die nächsten drei Tage von der Großmutti und machen sich voll bepackt auf den Weg. Sie steuern schnurstracks auf den Wald zu, in dem sie schon vor Wochen eine kleine Lichtung ausfindig gemacht haben, die für sie ein idealer Zeltplatz inmitten vieler hoher Bäume ist.
Als sie dort ankommen werfen sie erst einmal ihr ganzes Gepäck auf einen Haufen und setzen sich ins Gras, um nach dem anstrengenden Marsch etwas zu verschnaufen. Seppl hält diese Ruhe wieder einmal nicht lange aus, springt auf und will die Gegend erkunden, ob er etwas Interessantes entdeckt. Kasperl pfeift ihn allerdings noch mal zurück und erinnert ihn an die Ermahnungen der Großmutti. Sie sollen immer schön zusammenbleiben, keiner soll sich alleine weit weg von den anderen entfernen, sie sollen vorsichtig mit unbekannten Sachen sein, die sie finden und nicht einfach alle Beeren essen, die an den Sträuchern hängen, denn sie könnten auch giftig sein. „Jajaja“, motzt Seppl genervt, „ich bin ja nicht blöd! Man meint ja Großmutti wäre selbst dabei!“ Er will sich ja schließlich nur etwas umsehen. Kasperl empfiehlt ihm doch lieber als erstes die Zelte aufzubauen. Denn schnell vergeht die Zeit, es wird dunkel und dann sind ihre Schlafstätten noch nicht fertig. Seppl meint allerdings, dass er doch der beste Zeltbaumeister ist und sein Zelt zehnmal auf- und abbaut, bis Kasperl und Gretel ihres fertig haben. Während Gretel den Kasperl darum bittet, ihr beim Zeltbau zu helfen, lässt sich Seppl nicht unterstützen. Solange Kasperl und Gretel gemeinsam ihre Zelte aufschlagen, hantiert Seppl alleine planlos herum. Aber Hauptsache ist ja für ihn, schnell fertig zu werden, damit er auf Entdeckungstour gehen kann. Er denkt sich, wenn ihm niemand helfen muss, braucht er auch den anderen nicht zu helfen und kann eher los. Er klappert und scheppert mit den Stangen, steckt sie eilig irgendwie zusammen und wirft die Zeltplane darüber! „So, da schaut mal, ihr zwei!“ ruft er, „Da staunt ihr, was? Rucki-zucki hab ich mein Zelt ganz alleine aufgebaut!“ Kaum hat er das ausgesprochen, rumpelt und klimpert es und sein Zelt rutscht wieder zusammen. Pautsch, da liegen plötzlich alle Teile platt am Boden. Da muss Kasperl lachen: „Hähähä, du bist wirklich ein großer Zeltbaumeister! – Da musst du dich aber ganz schön flach machen, wenn du da drin schlafen willst, hähähä!“ Aber Seppl nimmt das nicht so tragisch! Wozu braucht er denn überhaupt ein Zelt? Es soll doch nicht regnen und warm genug ist es auch. Da kann er doch auch unter freiem Himmel schlafen und es genügt, wenn er in seinen Schlafsack krabbelt. Also lässt Seppl Zelt Zelt sein und geht lieber seiner Lieblingsbeschäftigung nach. Er schnappt sich seinen Rucksack, setzt sich auf einen Erdhügel und holt sich die Bonbontüte heraus, die er sich heimlich eingepackt hat. Genüsslich wickelt er einen Bonbon nach dem anderen aus und steckt ihn sich in den Mund. Dabei beobachtet er Gretel und Kasperl und amüsiert sich darüber, wie sie ihre Zelte aufbauen, während er schon Pause machen kann.
Da hört er auf einmal unter sich jemand schimpfen. Es ist die Ameisenkönigin, die ihn mit zarter, heller Stimme fragt, ob er denn verrückt sei? „Du drückst doch mit deinem Elefantengewicht unsere ganzen Gänge zusammen!“, beschwert sie sich. Seppl hat sich nämlich aus Unachtsamkeit mitten auf einen Ameisenhaufen gesetzt und sieht nicht ein, dass er den weichen Hügel verlassen soll. Schließlich gehört der zur Natur und ein Stück Natur gehört auch ihm. Doch die Ameisenkönigin kann das nicht dulden und alarmiert ihr Ameisenvolk, damit sie Seppl davon tragen. Viele Tausend Ameisen kommen aus dem Bau gekrochen und versuchen mit vereinten Kräften, den Seppl von ihrem Haufen herunter zu schieben. Doch so sehr sie sich auch anstrengen, der Seppl ist ihnen einfach zu schwer und sie bringen ihn keinen Zentimeter weg. Da bleibt der Ameisenkönigin nur eine Möglichkeit. Sie fordert ihr ganzes Volk auf, über den schweren Brocken herzufallen und ihn überall zu kribbeln und zu kitzeln, bis er freiwillig geht. Die ganzen Ameisen strömen aus, kriechen dem Seppl in die Hosenbeine, steigen ihm den Rücken hoch und krabbeln ihm zum Hemdkragen hinein. Es dauert nicht lange, da merkt der Seppl, dass es ihm am ganzen Körper krabbelt. Jetzt spürt er, dass sich die Ameisen überall unter seiner Wäsche verteilt haben und auf seiner nackten Haut herumwirbeln. Seppl springt auf und schlägt um sich, versucht die Ameisen aus den Ärmeln und Hosenbeinen heraus zu schütteln, juckt und kratzt sich am ganzen Körper. „Oh! Ah! Weg mit euch! – Ich werde verrückt!“, schreit er herum. Kasperl kommt aus seinem fertigen Zelt gekrochen und lacht sich halb kaputt: „Hähähä, Seppl, was führst du denn für einen Tanz auf? Du hüpfst ja herum, wie ein Gummiball, hähä!“ Seppl sagt zu Kasperl, bevor er dumm herumlacht, soll er ihn lieber von den Tausend Ameisen befreien und sie alle erschlagen. Doch Kasperl tut das natürlich nicht. Er macht Seppl klar, das Ameisen doch sehr nützliche Tiere sind, die man nicht vernichten darf. Sie sind die Gesundheitspolizei des Waldes, räumen den Wald auf und ein Ameisenvolk vernichten am Tag ca. 120 Tausend Schadinsekten. Ohne Ameisen wäre der Wald gar nicht lebensfähig. Aber Seppl meint, er ist doch kein Schädling und will sich nicht von den wild gewordenen Ameisen vertilgen lassen. Die Ameisenkönigin bezeichnet ihn aber schon als Schädling, denn er hat sich auf ihren Ameisenhaufen gesetzt und ihn dabei sehr beschädigt. „Hähä, Seppl“, lacht Kasperl, „und jetzt benutzen sie dich als wandernden Ameisenhaufen, hähä!“ Seppl will aber, dass sie ihn in Ruhe lassen, weil er das Gekribbel nicht mehr aushält. Zur Strafe will er ihren ganzen Ameisenhaufen zerstören. Als er das androht, kündigt ihm die Ameisenkönigin an, ihr ganzes Volk aus dem Wald zu rufen und dann werden sich 5000 Königinnen und über eine Million Arbeiterinnen über ihn her machen. Das wird dem Seppl aber dann doch zuviel, denn er vermutet, dass die Ameisenkönigin Ernst macht. Deshalb bittet er sie, ihn in Frieden zu lassen. Dafür will er sie auch in Frieden lassen und verspricht zukünftig großen Abstand vor jedem Ameisenhaufen einzuhalten. Die Ameisenkönigin hat ein Einsehen und befiehlt ihre Ameisen wieder zurück in den Ameisenhaufen, damit sie diesen wieder in Ordnung bringen.
Da färbt sich die Lichtung plötzlich in grünes Licht und eine geheimnisvolle Melodie erklingt. In einer Nebelwolke erscheint die gute Waldfee, als Beschützerin aller Tiere und Pflanzen im Wald. Sie will den Ameisen dabei helfen, ihre Wohnung wieder herzurichten, denn die Ameisen haben im Wald genug andere Aufgaben. Schnell spricht sie einen guten Zauber:
„Die Wohnung der Ameisen sei ganz geschwind,
wieder in Ordnung, schnell wie der Wind!“
Ein heftiger Wind bläst durch die Waldlichtung, Lichtblitze zucken und als der Zauber vorüber ist, können die Ameisen wieder in ihren reparierten Ameisenhaufen einziehen. Die Ameisenkönigin bedankt sich bei der Waldfee, Seppl verspricht auch ihr, die Ameisen und ihre Haufen in Zukunft zu schützen und im Nu verschwindet die Waldfee mit einer Nebelwolke aus der Lichtung.
Ihr, liebe Kinder, wisst sicher längst, wie nützlich die Ameisen sind und dass man sie nicht ärgern darf. Und denkt daran, niemals einen Ameisenhaufen zu zerstören, denn da drin wohnen und schlafen die kleinen starken Tierchen. Ihr wollt ja sicher auch nicht in einem zerwühlten Bett schlafen.
Kasperl, Gretel und Seppl wollen es natürlich in den Nächten unter freiem Himmel auch gemütlich haben, deshalb bauen sie nun doch noch Seppls Zelt auf und bereiten alles zum Schlafen in ihren Zelten her, bevor sie sich auf der großen Decke zum Abendessen treffen.
Habt ihr schon zu Abend gegessen? – Wenn ja, dann noch schön die Zähne putzen und husch-husch ins Bett. Oder habt ihr vielleicht in euerem Garten auch ein Zelt aufgebaut und kuschelt euch heute Nacht in einen Schlafsack? – Wenn nicht heute, dann ist es in den Ferien bestimmt einmal eine gute Idee, gell?
Egal, ob im Bett oder im Zelt, schlaft gut und träumt was Schönes.
Euer Bamberger Kasperl und die Puppenbühne Herrnleben wünschen Euch eine gute Nacht!
Wolfgang Herrnleben (GAP, 2009)






