Bruder Leichtsinn

Seit ein paar Wochen ist Adventszeit – und – liebe Kinder, die wievielte Adventskerze brennt an Euerem Adventskranz? – Genau! – Die drei Kerzen müssen jetzt brennen und am Sonntag dürft Ihr schon die vierte Kerze anzünden und wenn man die anzündet, ist der Heilige Abend nicht mehr weit! – Oder! – Wie sagt ein lustiges Gedicht?
„Advent, Advent, ein Lichtlein brennt.
Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier,
dann steht das Christkind vor der Tür.
Und wenn das fünfte Kerzlein brennt,
dann hast Du Weihnachten verpennt!“
Na, Ihr verpennt Weihnachten bestimmt nicht, gell? – Kasperl, Gretel und Seppl bestimmt auch nicht, denn die Großmutter zündet jeden Abend zum Abendessen auf dem Esstisch den Adventskranz an, damit die Kinder wissen, wie es Kerze für Kerze auf das Weihnachtsfest zu geht. – Und nach dem Abendessen singen sie immer ein paar Weihnachtslieder, denn es ist ja die einzige Zeit im Jahr, in der man diese schönen althergebrachten Lieder singen kann. Kasperl, Gretel und Seppl machen das gerne, denn es bringt sie Abend für Abend in Weihnachtsstimmung. – Liebe Kinder, macht Ihr das daheim auch? – Oder kennt Ihr die traditionellen Weihnachtslieder schon gar nicht mehr? – Doch gell! – Weil Großmutter mit den Kinder jeden Abend nach dem Abendessen um die brennenden Adventskranzkerzen ein paar Weihnachtslieder singt, brennen die Kerzen natürlich schnell herunter und es bleiben oft immer nur die Kerzenstummel übrig. Normalerweise wirft man diese einfach weg. Doch immer wenn neue Kerzen gegen die abgebrannten Kerzen ausgetauscht werden, sammelt Gretel die Kerzenstummel und hebt sie auf. Und die übrigen Kerzenstummel steckt sie in eine Tüte. – Seppl, wundert sich, warum sie die Kerzenstummel aufhebt. – Gretel zeigt ihm, dass sie schon eine ganze Tüte davon gesammelt hat. Diese wird sie dann wieder einschmelzen und neue Kerzen daraus machen. Kasperl fragt sie lachend, wie sie denn aus den vielen Kerzenresten wieder neuen machen will. „Hähähä, willst Du die Stummel wohl wieder aufeinander kleben, bis wieder große Kerzen daraus werden?“ Gretel erklärt ihm, dass das ganz anders geht. Als erstes sortiert sie die Kerzenstummel nach ihrer Farbe und macht sie dann wieder flüssig. – Seppl vermutet, dass sie die Kerzen in der Bratröhre wieder zum Schmelzen bringt. – Gretel wundert sich zwar, dass Seppl diese Methode nicht kennt, aber dann erklärt sie ihm, dass sie immer die Kerzenstummel einer Farbe in einen alten Kochtopf gibt und diese dann solange über einem Wasserbad erhitzt, bis das Wachs wieder flüssig wird. Soweit kann sich das Kasperl schon vorstellen, doch es ist ihm ein Rätsel, wie Gretel daraus dann wieder neue Kerzen formt. – Gretel sagt ihm, dass dies doch ganz einfach geht. – Sie gießt das Wachs in verschiedene Formen, in die sie vorher den Docht dafür befestigt hat. –Aber heute ist es schon zu spät. Sie will es den Beiden morgen zeigen, denn heute ist es schon lange Zeit, ins Bett zu gehen. Derselben Meinung ist auch die Großmutter, die alle Drei für heute erst einmal ins Bett schickt. Brav sagen alle „Gute Nacht, Großmutti!“, geben ihr einen Gute-Nacht-Kuss und verschwinden schnell in ihre Zimmer.
Kurz nachdem Seppl sich in sein Bett gekuschelt hat, erscheint bei ihm im Zimmer der hinterlistige Bruder Leichtsinn, der sich mit dem Seppl einen Streich erlauben will. Er weckt den Seppl wieder auf: „He, Seppl, willst Du schon schlafen?“ – Seppl schreckt in seinem Bett hoch und fragt sich schlaftrunken, wer ihn da wohl aufweckt? – Bruder Leichtsinn meint erst einmal zu ihm, dass dies doch völlig egal ist, aber er will ihm etwas zeigen, was nur geht, solange die anderen schlafen. – Seppl, ist zwar sehr müde, aber neugierig ist er schon, was ihm der Bruder Leichtsinn wohl zeigen will. – Dieser verspricht Seppl, dass die anderen alle staunen werden, wenn morgen – wie von Geisterhand – neue, große Kerzen auf dem Adventskranz leuchten, die Seppl fabriziert hat. – Als Seppl, das hört, wird er ganz schnell wieder hellwach, springt aus dem Bett und will wissen, wie das geht.
Gutgläubig geht Seppl mit Bruder Leichtsinn in die Küche. Dieser erklärt ihm, dass er die alten Kerzenstummel nur in einen Topf legen und diesen auf eine heiße Herdplatte stellen muss. – Seppl wundert sich zwar, weil Gretel vorhin etwas von einem heißen Wasserbad erzählt hat, doch der Vorschlag vom Bruder Leichtsinn gefällt ihm viel besser und es geht bestimmt auch viel schneller. Also folgt er den Anweisungen vom Bruder Leichtsinn, gibt die Kerzenstummel in einen Topf, stellt diesen auf die Herdplatte und schaltet diese auf die höchste Stufe. Seppl wundert sich zwar, weil Gretel doch erzählt hat, man müsste das restliche Kerzenwachs über einem Wasserbad erhitzen. – Doch Bruder Leichtsinn  versichert ihm, dass dies alles nur Unfug ist, weil es so viel schneller geht. – Seppl glaubt ihm und wirft die Kerzenstummel einfach in den Topf und freut sich schon auf das Gesicht von der Gretel, wenn morgen Früh die neuen Kerzen schon fertig sind.  Bruder Leichtsinn bringt gleich ein paar leere Blechdosen an und schlägt Seppl vor, das heiße Wachs dann einfach da hinein zu füllen. Er verspricht ihm, dass er dann besonders schöne Kerzen daraus formen wird. Seppl glaubt ihm und macht alles, wie es ihm Bruder Leichtsinn ihm anweist. – Es dauert nicht lange und die Kerzen schmelzen nicht nur, sondern das Kerzenwachs fängt bei der direkten Hitze auch das Schmelzen und Stinken an. – Der starke Rauch, der sich dabei entwickelt und durch das ganze Haus verbreitet, weckt auch Kasperl und Gretel wieder auf. Beide springen aus ihren Betten und wollen wissen, woher dieser Qualm plötzlich kommt. Kasperl und Gretel eilen fast gleichzeitig aus ihren Zimmern heraus und eilen in die Küche, um nach dem Rechten zu sehen. –
Dort treffen sie auf den Seppl, der eifrig in der Küche herum werkelt. Gretel, will wissen, was Seppl mitten in der Nacht in der Küche zu schaffen hat. Kasperl vermutet, er hat wohl noch Hunger und plündert den Kühlschrank. Stotternd versucht ihnen Seppl als Entschuldigung nur zu erklären, dass er doch nur damit anfangen wollte, die neuen Kerzen zu gießen, um Gretel und Kasperl damit zu überraschen, wenn sie morgen Früh aufstehen. – Gretel schreit auf und fordert ihn auf, den Topf sofort von der heißen Herdplatte zu nehmen, denn das heiße Wachs raucht und qualmt ja schon so arg, dass es durch das ganze Haus zieht. – Kasperl meint auch, dass der Topf mit dem heiß gewordenen Kerzenwachs so schnell wie möglich von der Herdplatte herunter muss, bevor es sich entzündet und an Ende noch zu brennen anfängt, denn das kann gefährlich werden. – Seppl folgt sofort und erzählt den Beiden, dass es ja eigentlich ja gar nicht seine eigene Idee war. Ein kleines, Männchen mit einem roten Bart hat ihm erklärt, dass es so am einfachsten funktioniert. Kasperl ist sofort klar, dass dies der Bruder Leichtsinn war, der den Sepp mit diesem bösen Streich herein legen wollte.
Gretel weist Seppl nochmals darauf hin, dass Kinder niemals alleine in der Küche herum hantieren sollen, wenn kein Erwachsener dabei ist. Seppl sieht auch ein, dass er sich ja eigentlich gar nicht ausgekannt hat, was zu tun gewesen wäre. Aber das kleine rotbärtige Wesen hat ihn halt überredet und er hat geglaubt, es kennt sich wirklich aus.  – Kasperl
schlägt ihm vor, nie auf irgendwelche Wesen zu hören, die er nicht kennt. Seppl will diesen Ratschlag in Zukunft gerne befolgen und verspricht Gretel und Kasperl, nie mehr alleine leichtsinnig irgendwelche Experimente zu machen. – Gretel verspricht ihm, dass sie ihm dafür morgen zeigt, wie man wirklich richtige Kerzen aus den Wachsresten macht. –
Sie schaltet den Herd wieder aus und schlägt vor, dass sie erst einmal Schlafen gehen.
Kasperl kippt noch das Küchenfenster, damit der Qualm wieder abziehen kann und dann gehen alle Drei wieder in ihre Zimmer, um endlich zu schlafen.
Wenn Ihr, liebe Kinder, einmal selbst Kerzen gießen wollt, dann tut das bitte nicht alleine und lass Euch auch vom Bruder Leichtsinn nicht dazu überreden, sondern lasst es Euch von Eueren Eltern genau zeigen und von ihnen dabei helfen.
Und aufgepasst! – Der Bruder Leichtsinn lauert überall! –
Doch nun macht es, wie Gretel, Seppl und Kasperl und geht erst einmal husch-husch in Euer Heiabett und freut Euch auf Euere Weihnachtsgeschenke! – Und nicht vergessen: Am Sonntag müsst Ihr die vierte Kerze auf Euerem Adventskranz anzünden !!!
Die Puppenbühne Herrnleben und Euer Bamberger Kasperl wünschen Euch noch eine schöne Adventszeit und ein frohes Weihnachtsfest!

Wolfgang Herrnleben (GaPa, 2009)