So, wie in ganz Bayern, beginnen dieses Wochenende auch im Märchenland die lang ersehnten Sommerferien. Und – wie an allen Schulen – bekommen auch alle Kinder im Märchenland am letzten Schultag ihre Zeugnisse. Das Räubersöhnchen Schlipp freut sich auch auf die Ferien, dass es ein paar Wochen früh ausschlafen kann, keine Hausaufgaben machen muss und den ganzen Tag wandern, spielen und faulenzen kann. Nur, das mit dem Zeugnis gefällt Schlipp gar nicht. Als es das Papier so anschaut, glaubt es nicht, dass sein Räubervater Schlapp begeistert von seinen Leistungen im letzten Schuljahr ist – es hat sogar große Angst, das Zeugnis seinem Vater zu zeigen. Schlapp hat nämlich schon die ganze Zeit vermutet, dass Schlipp das schlechteste Zeugnis von der ganzen Klasse mit nach Hause bringt. – Aber, was soll Schlipp nur tun, damit Papa Schlapp nicht schimpft und es schöne Ferien werden. – Da fällt Schlipp eine Lösung ein. Es hat sich in den letzten Wochen heimlich im Wald, gut versteckt, ein Baumhaus gebaut. Ja, das ist ein gutes Versteck! – Da will Schlipp das Zeugnis hinbringen. Sein Vater weiß nichts von dem Baumhaus und so wird er das Zeugnis auch nie finden und kann ihn wegen der schlechten Noten nicht schimpfen. Kurz entschlossen biegt Schlipp von seinem normalen Heimweg ab und geht tief in den Wald. Dort kramt es sich zwischen den Sträuchern hindurch zu dem großen Baum, zwischen dessen starken Ästen es sein Baumhaus gebaut hat. Ruckzuck klettert es den Stamm hinauf und krabbelt in sein geheimes Bauwerk, welches es aus Ästen, Brettern und Dachlatten zusammen gezimmert hat. Ringsherum hat Schlipp es mit Blättern, Gras und viel Grünzeug gut getarnt. Sogar eine kleine Tür und ein Fenster hat es im Baumhaus angebracht. Da drin fühlt es sich sicher, hat keine Angst und kann alles vergessen, was ihm sonst Sorgen macht. So ist es auch der ideale Platz, um die Sorgen wegen seines schlechten Zeugnisses vergessen zu machen. Er holt das dumme Blatt Papier aus seiner Schultasche und legt es in die hinterste Ecke seines Baumhauses. So, jetzt ist es den Zettel, der ihm Ärger bereiten könnte endlich wieder los. Schlipp klettert wieder am Stamm hinunter und eilt aus dem Wald hinaus zum Räuberhaus.
Dort wartet sein Vater, Papa Schlapp schon auf ihn und will natürlich wissen, wie sein letzter Schultag verlaufen ist. Schlipp meint nur gleichgültig: „Ach, Papa, was soll schon gewesen sein? Es war halt wie immer!“ – Naja, ganz so wie immer war es wohl nicht, schätzt Schlapp und hofft, dass ihm sein Sohn doch ein halbwegs gutes Zeugnis zeigen kann. – Auweh! Was soll Schlipp nun bloß tun? – Muss sein Räubervater doch dummerweise daran denken, dass es heute Zeugnisse gegeben hat. – Schlipp druckst herum und weiß nicht so recht, was er nun sagen soll. – Da erscheint hinter seinem Rücken, gut versteckt vor Papa Schlapp der kleine, freche Lügenmolch, der ihm ins Ohr flüstert: „Sag deinem Vater nichts von dem Zeugnis! – Du musst ihm etwas vorlügen!“ Schlipp dreht seinen Kopf leicht nach hinten und fragt nach, wer da wohl zu ihm spricht. Da gibt sich der Lügenmolch zu erkennen und verspricht Schlipp, ihm beim Lügen zu helfen. – Und das wird auch dringend nötig, denn Schlapp will nun endlich sein Zeugnis sehen. Der Lügenmolch sagt Schlipp vor und der wiederholt nur: „Mei-mein Zeugnis?!? – Wir – wir haben heute gar keines bekommen!“ Schlapp kann sich das gar nicht vorstellen, denn er weiß doch auch genau, dass es am letzten Schultag immer Zeugnisse gibt. Schlipp antwortet wieder stotternd auf Anweisung des Lügenmolchs: „Vie-vielleicht hat es der Lehrer vergessen und wir – wir bekommen es erst nach den Ferien!“ – Doch nun passiert etwas, womit Schlipp nicht gerechnet hat. – Der Lügenmolch hat ihn nämlich herein gelegt. Denn immer, wenn jemand lügt, kann er seinem Opfer kurze Beine zaubern, so heißt es ja auch in dem Sprichwort: „Lügen haben kurze Beine!“ Und weil Schlipp gelogen hat, kann der Lügenmolch seinen Spruch sagen:
Die Lügen von Schlipp, die find ich fein,
drum soll er bekommen kurze Bein’!“
Da er sich nun hinter dem noch kleiner gewordenen Räuberkind nicht mehr verstecken kann, verkriecht sich der Lügenmolch unter dem Sofa und kichert schadenfroh. Schlipp steht nun dumm da mit seinen kleinen Beinen und kann sich gar nicht erklären, was mit ihm geschehen ist. Doch sein Vater ahnt schon die Ursache: „Hm, du hast mich wahrscheinlich angelogen. Und, weil Lügen kurze Beine haben, sind deine Beine eben kurz geworden!“ – Schlipp steht nun heulend vor seinem Vater, blickt zu ihm hinauf und weiß nicht, wie er es erklären soll. – Zum Glück hat es noch etwas Zeit, sich eine Ausrede zu überlegen, denn gerade in diesem Moment fängt es heftig zu gewittern an und sein Vater lässt ihn erst einmal stehen und eilt durchs Haus, um schnell alle Fensterläden zu schließen.
Genauso überrascht von dem plötzlich heranziehenden Gewitter wird auch das Bamberger Kasperle, das gerade auf dem Heimweg vom Königsschloss durch den Wald marschiert. Da jetzt auch noch ein Platzregen nieder prasselt, weiß Kasperle, dass er nun keine Chance mehr hat, um trocken nach Hause zu kommen. Da sieht er das Haus der Räuberfamilie und beschließt, sich dort erst einmal unter zu stellen, bis der Regen nach lässt. Als er dabei so zu dem düsteren Himmel nach oben blickt, sieht er ein Blatt Papier im Wind durch die Luft segeln. Es kommt immer näher auf ihn zu und Kasperl kann es gerade noch greifen, bevor es auf den nassen Waldboden fällt. Als er es betrachtet, sieht er, dass es sich um das aktuelle Schulzeugnis vom Räubersöhnchen Schlipp handelt. Kasperl vermutet, dass es vom Wind zu einem offenen Fenster aus dem Räuberhaus geweht wurde. Er findet, es trifft sich gut, denn er will ja sowieso gerade zum Räuberhaus gehen. Dann kann er Schlipp das Zeugnis gleich wieder zurückgeben. Zum Glück erreicht Kasperl das Räuberhaus erreicht, bevor er ganz und gar patschnass ist und klopft an die Tür. Räubervater Schlapp öffnet ihm und gewährt ihm Unterschlupf, bis das Gewitter vorbei ist. Kasperl rät ihm, in Zukunft bei Sturm lieber alle Fenster zu schließen, sonst weht es ihnen alles davon. Schlapp kann sich erst gar nicht vorstellen, was Kasperle meint, bis er ihm das Zeugnis von seinem Sohn Schlipp in die Hände drückt. Schlapp wundert sich, dass es doch ein Zeugnis gibt, obwohl im sein Söhnchen doch erzählt hat, sie hätten keines bekommen. Räubervater Schlapp will der Sache auf den Grund gehen und ruft sofort seinen Sohn herbei. Als dieser ankommt, muss Kasperl erst einmal lachen und will wissen, warum den Schlipp so kurze Beine hat. Da erklärt ihm Schlapp, das es wohl davon kommt, weil sein Söhnchen gelogen hat. Erst streitet es Schlipp ab, doch dann hält ihm sein Vater das Zeugnis vor die Nase. – Oje, nun wird Schlipp auch noch kreidebleich. Der starke Wind hat wohl das ungeliebte Zeugnis aus seinem Baumhaus geblasen. – Jetzt bleibt ihm nichts anderes übrig, als zuzugeben, dass er gelogen und das Zeugnis lieber in seinem Baumhaus versteckt hat. – Wütend springt nun der Lügenmolch unter dem Sofa hervor, denn nun ist etwas passiert, was nicht geschehen hätte dürfen: Schlipp hat die Wahrheit gesagt und nicht weiter gelogen. – Kasperl erkennt den kleinen, hinterlistigen Gnom und weiß natürlich gleich, dass er hinter den Lügengeschichten steht. Deshalb fordert er ihn auf, die Beine von Schlipp bloß schnell wieder wachsen zu lassen. Dem Lügenmolch bleibt auch nichts anderes übrig, denn wenn eines seiner Opfer doch wieder die Wahrheit sagt, muss er die Beine wieder wachsen lassen. Schnell spricht er den erlösenden Zaubervers:
„Die Wahrheit sagen ist gemein,
drum wachsen wieder deine Bein’!“
Und dann ist der Lügenmolch auch wieder blitzartig weg. Dafür sind aber Schlipps Beine und sein Zeugnis wieder da. Es beichtet seinem Vater, dass er halt Angst davor hatte, dass er ihn wegen der vielen schlechten Noten schimpft. Doch, als Schlapp sich das Zeugnis so anschaut, findet er, es ist doch gar nicht so schlecht und sitzen geblieben ist Schlipp doch auch nicht. Also, warum die ganze Aufregung und Schwindelei? Schlipp verspricht ihm, nie mehr zu lügen und sich im nächsten Schuljahr eben etwas mehr auf seinen Hosenboden zu setzen und fleißiger zu lernen.
Ihr, liebe Kinder, braucht bestimmt auch keine Angst vor Eueren Eltern zu haben. Wegen eines schlechten Zeugnisses zu lügen oder davon laufen hat keinen Sinn. Habt lieber Vertrauen zu Euren Eltern und sprecht mit ihnen darüber. Opfert lieber in den Ferien ein paar Tage, um alles nach zu holen, was Ihr vielleicht noch lernen müsst, dann könnt ihr fit ins nächste Schuljahr starten und macht dann bestimmt alles besser.
Aber jetzt startet ihr erst einmal in die Sommerferien und tankt neue Kraft.
Lügen lohnt sich jedenfalls nicht und wenn man immer die Wahrheit sagt, kann man auch mit einem ruhigen Gewissen einschlafen.
Das tut Ihr jetzt sicher alle, um morgen ausgeschlafen den ersten schönen, sonnigen Ferientag zu erleben.
Eine gute Nacht und schöne Sommerferien wünschen Euch die Puppenbühne Herrnleben und Euer Bamberger Kasperl!
Wolfgang Herrnleben (GAP, 2009)






