Das bunte Wasser

Das Räubersöhnchen Schlipp hat mit seinem Vater Schlapp aus Holzresten ein Wasserrad gebastelt. Die ganze letzte Woche haben sie Tag für Tag in Ihrem Räuberhaus im Wald gesägt, gehämmert, geleimt und geschraubt. Nun ist das Wasserrad endlich fertig und man muss zugeben, es ist den beiden Räubern wirklich gut gelungen. Nun wollen sie es am Gebirgsbach einsetzen, damit sich das Wasserrad im herabbrausenden, klaren Wasser fleißig drehen kann. Beide laufen los und befestigen das Wasserrad am Rand des Baches mit Holzstäben und Steinen. Kaum taucht das Wasserrad in den Gebirgsbach, schon beginnt es, sich zu drehen. Begeistert betrachten Schlipp und Schlapp ihr Werk und freuen sich, dass es auch wirklich funktioniert. Doch etwas gefällt dem Räubersöhnchen trotzdem nicht! – Er findet das Wasserrad sieht aus dem rohen Holz irgendwie langweilig aus. Er meint zu seinem Vater Schlapp, es würde bestimmt noch viel schöner aussehen, wenn sie es bunt anstreichen. Räubervater Schlapp findet die Idee auch gut. Zufällig hat er im Räuberhaus noch ein paar Dosen mit bunter Farbe und Lack. Er ist sich sicher, dass das Holz nach dem Bemalen und Lackieren auch länger haltbar ist. Sofort eilen Beide zurück zum Räuberhaus, um die Farbdosen, Pinsel und den Lack zu holen.
Kurz danach kommt Kasperl, der sich zu einer Wanderung durch den Wald aufgemacht hat, am Gebirgsbach vorbei. Sofort fällt ihm das Wasserrad auf. „Hähä, das muss neu sein!“, denkt er sich, denn bisher hat er es noch nie gesehen. Er betrachtet es erst eine Weile und erfreut sich daran, wie es sich so lustig mit leisen Klappern dreht. Jetzt hofft er nur, dass es niemand kaputt macht und zerstört. – Da fällt ihm ein, dass Seppl ja auch schon lange ein Wasserrad bauen will. Deshalb will er ihn schnell herbei holen, damit er sich das fertige Wasserrad einmal als Muster betrachtet. Kasperl macht deshalb rasch kehrt und spurtet nach Hause.
Kaum hat er das Ufer am Bach verlassen, kommen Schlipp und Schlapp mit ihren Farbtöpfen, Dosen und Pinseln an. Schlipp beginnt gleich damit die rohen Holzteile verschieden farbig anzustreichen und Räubervater Schlapp lackiert alle bunten Teile. Zufrieden betrachten sie danach ihr fertiges Kunstwerk. Schlipp juchzt vor Freude: „Juhu, Papa! Unser Wasserrad ist ja herrlich geworden! Es ist das Schmuckstück am ganzen Gebirgsbach!“ Ach Schlapp stemmt voller Stolz die Arme in die Hüften, denn so was Schönes hat er noch nie gebastelt. Doch Schlapp hat von der Arbeit einen tüchtigen Hunger bekommen und fordert Schlipp auf, nun nach Hause zu gehen, um Abendessen zu machen. Doch Schlipp überredet seinen Vater, das Abendbrot heute ausnahmsweise alleine herzurichten. Er möchte nämlich noch etwas bei ihrem neuen Wasserrad bleiben, um es zu beobachten. Der Räubervater lässt ihm seinen Willen, bittet Schlipp aber, nicht zu lange zu bleiben, weil er schon mächtig Hunger hat,  aber dafür die restlichen Farbtöpfe zurück zu bringen. Dann macht sich Schlapp auf den Weg.
Schlipp geht bis an den Rand des Baches, blickt zum Wasserrad, dann ins Wasser, dann wieder zum Wasserrad und dann wieder ins Wasser und so fort. Dabei kommt ihm noch eine gute Idee – findet er! – Er ist zwar von dem neuen bunten Wasserrad begeistert, doch er ist überzeugt, alles würde noch besser wirken, wenn auch das Wasser schön bunt wäre, was über das Mühlrad fließt. – Er nimmt daraufhin die restlichen Farbtöpfe, geht damit ein paar Meter bachaufwärts und schüttet die restliche Farbe einfach nacheinander in den Bach. „Hei, wie schön!“, ruft er aus, „Wie das Wasser nun gelb, rot und blau schimmert und über das Wasserrad läuft! – Toll! – Das ist ein einzigesartiges Farbenspiel! – Ich bin ein großer Farbenkünstler!“
Die Ente Gelbschnabel hat das Tun von Schlipp mit Sorgen beobachtet und ist dem Kasperl hinterher gewatschelt. Mit letzter Kraft hat die Ente den Kasperl eingeholt und bittet ihn, schnell wieder zum Bach zurück zu kommen. Kasperl verspricht ihr, dass er bestimmt bald wieder kommt, denn er will nur seinen Freund Seppl holen. Das dauert der Ente aber zu lange und sie fordert ihn auf, sofort umzukehren, weil der Räubersohn Schlipp lauter bunte Farbe ins Wasser gegossen hat. Kasperl kann es erst gar nicht glauben und meint Schlipp ist wohl verrückt geworden. Das zwingt ihn dann wirklich dazu, auf der Stelle umzukehren, um vielleicht noch etwas zu retten. In Windeseile nähern sich Kasperl und die Ente Gelbschnabel wieder dem Bach und sehen Schlipp, wie er am Ufer sitzt und sich riesig über das Farbenspiel freut. Kasperl fragt Schlipp, wie er nur auf die Idee gekommen ist, einfach Farbe ins Wasser zu schütten. Schlipp erwidert nur schnippisch: „Na, weil es eben gut und bunt aussieht, du neugescheiter Kasperl!“ Kasperl aber erklärt ihm, dass es wohl besser sei, wenn er etwas neugescheiter gewesen wäre, denn durch die ölhaltige Farbe verseucht er das reine Wasser und Fische sowie die Kleinstlebewesen müssen ersticken, weil sie durch die Farb- und Ölschicht auf der Wasseroberfläche keine Luft mehr bekommen. „Wak, wak“, ergänzt die Ente wütend, „und uns Federtieren, den Enten, Schwänen sowie anderen Vögeln klebt die Farbe das Federkleid zusammen und können nicht mehr fliegen. Wak, wak, das wäre unser Tot!“ Kasperl weist Schlipp noch mal eindringlich darauf hin, zu bedenken, was er der Natur und den Tieren für einen Schaden angerichtet hat! – Kleinlaut gibt Schlipp zu, dass er wohl zu übermütig war. – Ja, Schlipp hat einfach nicht an den Umweltschutz und die leidtragenden Tiere gedacht. – Kasperl überlegt nun, wie er die Farbe wieder aus dem Wasser heraus bekommen könnte? –
Da erklingt plötzlich eine geheimnisvolle Melodie und der ganze Wald ist grün erleuchtet. Mit einer dicken Rauchwolke erscheint der Umweltgnom Fredy und will helfen. Damit die Farbe nicht in den Erdboden dringt und auch dort die Tiere und Pflanzen vernichtet, will er mit einen Zauberspruch alles wieder in Ordnung bringen:
„Alle bunten Farben im Wasser und auch der Lack,
verschwindet wieder in euere Dosen, zack-zack!“
Es blitzt und donnert und im Nu ist die ganze Farbe und der Lack wieder in die Dosen und Kübel zurückgekehrt. Das Wasser im Bach sprudelt wieder klar und rein den Berg herunter durch den Bach.
Schlipp bedankt sich beim Umweltgnom Fredy, dass er so schnell geholfen hat, denn er wollte wirklich nicht aus Leichtsinn an einem Umweltschaden schuld sein.
Der Umweltgnom Fredy freut sich über die Einsicht des Räubersöhnchens und hofft auch alle anderen Menschen würden sich daran halten und niemals Öl oder Benzin in die Bäche zu schütten oder im Boden versickern zu lassen.
Ihr, liebe Kinder, achtet bestimmt auch immer darauf, hoffen wir, denn Ihr wollt ja sicher auch nicht, dass die armen Tiere und Pflanzen deswegen sterben müssen. Sonst könnt Ihr nur noch von einer heilen Umwelt träumen.
Schlipp ist nun aber auch müde geworden und will nachhause, Abend essen und sich dann zum Schlafen in sein Bett legen. – Aber eines ist sicher, er wird nie mehr irgendetwas tun, was der Umwelt, den Tieren oder den Pflanzen schadet. Nur dann kann sich sein Wasserrad auch in einem reinen Wasser munter weiter drehen.
Und damit Ihr, liebe Kinder, morgen Früh auch wieder munter seid, wird es auch Zeit, dass Ihr in Euer Bettchen schlüpft und von einer heilen Umwelt träumt!
Eine gute Nacht wünschen Euch, die Puppenbühne Herrnleben und Euer Bamberger Kasperl!
Wolfgang Herrnleben (GaPa, 2010)