Das falsche Krokodil

Kasperle ist heute schon den ganzen Nachmittag bei Prinzessin Jasmin im Königsschloss. Kasperl sollte ihr nämlich die wackligen Wände und das Dach vom Puppenhaus reparieren. Damit war er natürlich schneller fertig als geplant und so hatten die Beiden noch Zeit, um im Garten Federball zu spielen. Zur Belohnung bekam Kasperl noch ein königliches Abendessen mit Rühreiern, Fisch und einem bunten Salat – und er darf heute auch im Gästezimmer im Eckturm des Königsschlosses übernachten.
Total müde steigen nun Kasperl und die Prinzessin die hölzerne, knarrende Treppe in die erste Etage. Sie wünschen sich eine gute Nacht und während Jasmin in ihr Zimmer geht, macht es sich Kasperl in dem runden Turmzimmer gemütlich.
So schnell wie heute war Jasmin noch nie im Bett, doch irgendwie kann sie nicht einschlafen, obwohl sie todmüde ist. Sie wälzt sich im Bett herum und meint, sie hört ein seltsames Rascheln in ihrem Zimmer. – Ob das ein Schlossgespenst sein kann? – Durch das Fenster scheint der Mond in ihr Zimmer und als sie in Richtung Fenster blickt, kommt es ihr so vor, als ob irgendwas auf dem Fensterbrett sitzt und sie anschaut! – Sie zieht die Decke bis über die Nase, so dass nur noch ihre Augen herausschauen! – Was ist das bloß? – „Das – das ist doch ein – ein Krokodil!“, stammelt sie ängstlich! „Hilfe! Hilfe!“, ruft sie, „Kasperle! – Diener Eusebius! – Hi-hi-hilfeee!“ Diener Eusebius kommt sofort herbei geeilt und erkundigt sich mit vornehmer Verbeugung, womit er dienen kann? – Auch Kasperl kommt aus seinem Turmzimmer gerannt und will wissen, warum Jasmin denn so fürchterlich herum schreit?  „Da – da“, Jasmin deutet zum Fenster, „auf dem Fensterbrett sitzt ein Krokodil!“ Kasperl knipst das Licht an und die vielen Lämpchen des Kronleuchters erhellen das ganze Zimmer der Prinzessin. Doch er kann kein Krokodil sehen. – Auch Diener Eusebius kann nichts Außergewöhnliches im Zimmer entdecken. Jasmin beteuert aber: „Doch, glaubt mir doch! Auf dem Fensterbrett war wirklich ein Krokodil!“ Kasperl sieht kein Krokodil und vermutet, dass Jasmin nur schlecht geträumt hat. Die Prinzessin hat nun Angst, dass es vielleicht unter ihr Bett geflüchtet ist und erst hervor kommt, wenn sie wieder alleine im Zimmer ist. Damit Jasmin beruhigt ist, kniet sich Kasperl auf den Boden und kontrolliert einmal, ob sich unter dem Bett ein Krokodil befindet. Diener Eusebius bittet Kasperl vorsichtig zu sein, damit ihn das Krokodil nicht frisst. Kasperl sucht unter dem Bett und – tatsächlich – da sitzt ein kleines, grünes Tier, das ihn mit leuchtenden Augen anstarrt. Aber ein Krokodil kann es nicht sein. Dazu ist es viel zu klein! – Kasperl bittet Diener Eusebius, sich am anderen Bettende ebenfalls zu bücken und das Tier zu ergreifen, wenn es dort hervorhuschen will. Ängstlich beugt sich der Diener hinunter und hofft, dass es nicht in seine Richtung läuft! – Doch, da hat er leider Pech! – Das kleine Tier macht aber unter dem Bett eine Kehrtwende und läuft schnurstracks zum anderen Bettende. „Vorsicht, Diener Eusebius!“, ruft Kasperl, „Das Tier kommt zu Ihnen! Packen Sie schnell zu und fangen es!“ Schnell huscht das Tierchen unter dem Bett hervor, doch kann es Diener Eusebius nicht halten und es flutscht ihm durch die Hände. „Oh – oh“, stottert der Diener, „es – es ist mir – mir aus – ausgekommen!“ Kasperl sieht aber, dass Eusebius etwas in der Hand hält und fragt ihn, was er denn da erwischt hat. Eusebius öffnet seine Hand und stellt zu seinem Entsetzen fest, dass es nur der grüne Schwanz von dem Krokodil sein muss. Auch Jasmin glaubt dies ganz fest, als sie sich das Teil anschaut. Aber Kasperle versucht Beide davon zu überzeugen, dass der Schwanz nicht von einem Krokodil sein kann, denn dazu ist er viel zu klein. Und so kleine Krokodile gibt es nicht! – Es muss also, was anderes sein! – Kasperl krabbelt am Boden herum und sucht das Tierchen. Es hat sich unter den Kleiderschrank geflüchtet. Mit sanfter Stimme fordert Kasperle das Tier auf, doch hervor zu kommen, denn sie werden ihm sicher nichts zu Leide tun. Das kleine Kriechtier spitzt erst unter dem Schrank hervor und kommt dann langsam auf Kasperl zu. „Da – da“, sagt Eusebius mit zitternder Stimme, „es – es kommt! Oh – oh, hoffentlich verspeist es mich nicht!“ Darüber kann Kasperl nur lachen: „Hähähähä, Diener Eulenfuß – äh – Eusebius, keine Sorge, Sie sind für das kleine Tier als Portion viel zu groß! Es ist ja selbst höchstens 20 Zentimeter lang!“ Als es vollständig unter dem Schrank nach vorne gekommen ist, fragt es Kasperl, was es denn für ein kleines Krokodil sei.
Da fängt das kleine, grüne Tier sogar zu Sprechen an und erklärt ihnen, dass es kein Krokodil, sondern eine Mauereidechse ist. Vor ihr brauchen alle keine Angst zu haben, sie tut ihnen nichts. Normalerweise wohnt sie mit ihrem ganzen Volk in den Mauerritzen des Königsschlosses. Als sie aber heute das offene Fenster gesehen hat, ist sie hinein gekrochen. Sie wollte einmal sehen, wie denn so eine Menschenprinzessin lebt. Sie ist nämlich selbst eine Prinzessin – eine Eidechsenprinzessin – und heißt Clarissa. Kasperl schaut sich die Eidechsenprinzessin genau an und entdeckt tatsächlich ein kleines Krönchen auf ihrem Kopf. Clarissa versichert Jasmin, dass sie sie wirklich nicht erschrecken wollte. Eigentlich hatte sie ja vor, das Zimmer wieder zu verlassen. Aber Jasmin hat das Fenster geschlossen und so konnte sie nicht mehr hinaus. Damit sie wieder in die Freiheit und zu ihrem Volk zurück kann, öffnet Kasperl gleich das Fenster. Bevor die Eidechsenprinzessin jedoch über das Fensterbrett das Zimmer verlässt, ruft Diener Eusebius: „Halt! Halt! Frau Eidechsenprinzessin! Ich – ich habe ja noch Ihren Schwanz in der Hand!“ Er fragt sie, ob er den Hofarzt alarmieren soll, der ihr den Schwanz wieder annäht. Clarissa erklärt ihnen aber, dass dies nicht nötig ist. Eidechsenschwänze wachsen nämlich von selbst wieder nach! Doch weil sie Prinzessin Jasmin heute soviel Angst eingejagt hat, will sie es wieder gut machen. Jasmin soll ihren Schwanz als kleine Entschuldigung behalten. Doch natürlich nicht so wie er ist. Deshalb spricht sie einen Zauberspruch:
„Schwanz hüll dich in Gold ganz schnell,
werde zu einer Brosche auf der Stell!“
Es wird kurz dunkel und helle Glockentöne sind zu hören. Als der Spuk wieder vorbei ist, hat Diener Eusebius eine goldene Brosche in der Hand und überreicht sie an Prinzessin Jasmin. „Oh, wie schön, Clarissa!“, freut sich Jasmin, „Ich danke dir! Die Brosche steck ich immer an mein schönes Kleid!“ – Lachend sagt Kasperl dazu: „Hähä, Jasmin, sei froh, dass es nur ein falsches Krokodil war! Stell dir vor, du müsstest dir den Schwanz von einem echten, großen Krokodil ans Kleid stecken. Hähä, die müsstet du ja immer mit einer Schubkarre vor dir herschieben, hähä!“ – Jasmin lädt die kleine Eidechsenprinzessin ein, sie sooft zu besuchen, wie sie gerne will, denn jetzt hat Jasmin ja keine Angst mehr vor ihr. Clarissa nimmt die Einladung gerne an und – husch – ist sie über das Fensterbrett wieder nach draußen verschwunden.
Kasperl meint allerdings lachend zu Jasmin, dass sie die Eidechse aber nicht in ihr Himmelbett mitnehmen muss, denn da drin hat sie schon genug Kuscheltiere, die jede Nacht mit ihr schlafen.
Ihr, liebe Kinder nehmt jetzt sicher auch euere Teddys, Puppis, Wau-waus oder andere Lieblinge in den Arm und schlaft schön mit ihnen ein.
Schlaft gut und träumt was Schönes!
Eine gute Nacht wünschen Euch die Puppenbühne Herrnleben und Euer Bamberger Kasperl!

Wolfgang Herrnleben (GaPa, 2010)