Prinzessin Annabell hat das Bamberger Kasperle heute Nachmittag zum Spielen eingeladen, weil ihr Wetterfrosch schon gleich in der Früh ganz oben auf der Leiter gesessen war. – Und das bedeutet, dass es schönes Wetter gibt. Die Sonne scheint auch schon den ganzen Tag, so dass Kasperl und die Prinzessin beschlossen haben, hinaus in den Schlossgarten zu gehen. Annabell ist das einzige Kind vom König und der Königin. Darum hat sie normalerweise keinen Partner zum Federball spielen. Dabei spielt sich doch so gerne Federball. Aber ihr Vater, der König hat nie Zeit, ihre Mutter, die Königin hat immer Sorge, dass sie sich dabei ihr Kleid schmutzig macht und der alte Diener stellt sich immer so dusselig an und trifft den Ball nicht. Aber Kasperl kann es und so schaffen sie oft lange Ballwechsel, wobei der Ball manchmal sogar über 50 Mal hin- und her fliegt, ohne dazwischen herunter zu fallen. Weil ihnen die Sonne gar so stark in die Augen schein, dass sie manchmal so geblendet sind und den Ball nicht sehen, sind sie zum Federballspielen unter den großen Baum gegangen, dessen breite Krone einen weiten Schatten wirft. Aber, obwohl sie im Schatten des Baumes spielen, kommen Beide ganz schön ins Schwitzen. Die Luft flimmert und es wird immer schwüler. Kasperl meint, dass sie wohl mit einem Gewitter rechnen müssen.
Kaum hat er das ausgesprochen, ist aus der Ferne schon Donnergrollen zu hören. Beide schauen zum Himmel hinauf und sehen schon, wie plötzlich ganz dunkle Wolken aufziehen. Kasperl schlägt der Prinzessin vor, schnell ins Schloss zu gehen, bevor es zum Regnen anfängt. Flink räumen sie die Federballschläger in das Netz und sammeln alle Federbälle ein. Die Prinzessin bittet aber Kasperle nicht gleich nach Hause zu eilen, sondern lieber hier bei ihr zu bleiben, weil sie doch so schreckliche Angst vor einem Gewitter hat. Kasperle versucht sie zwar zu beruhigen und sagt ihr, dass ein Gewitter doch etwas ganz Natürliches ist. Außerdem findet er, dass sie heute schon genug geschwitzt haben und da tut eine kleine Abkühlung ganz gut. Doch Annabell ist es trotzdem lieber, wenn Kasperle bleibt, denn sie hat Angst, ein Blitz könnte in den großen Schlossturm einschlagen. Kasperle deutet aber hinauf zur Spitze des Schlossturms und zeigt ihr den Blitzableiter der dort extra angebracht wurde. Er erklärt der Prinzessin, dass sie also keine Angst haben muss. Blitzableiter sind ein sicherer Gebäudeschutz, fangen die Blitze auf und leiten sie genau an der Hausmauer entlang in die Erde. Während Kasperl der Prinzessin die Leitung an der Mauer zeigt, haben die Zwei gar nicht bemerkt, dass sich der Himmel schon ganz schwarz zugezogen hat und es das Regnen beginnt.
Erst, als ein Regentropfen auf Kasperls große Nase trifft, merkt er, dass es höchste Zeit wird, ins Schloss zu flüchten, bevor sie patschnass werden. – Und sie haben gerade noch Glück! – In dem Moment, als sie knarrende Schlosstür von innen schließen, prasselt ein mächtiger Wolkenbruch auf die Erde, helle Blitze zucken vom Himmel und es donnert fast pausenlos.
Annabell ist das unheimlich. Sie will lieber sofort ins Bett gehen und sich die Bettdecke über die Ohren ziehen, damit sie das Gewitter nicht hört. Kasperl muss über das kleine Angsthäschen lachen und bittet sie aber, sich nicht zu weit unter der Bettdecke zu verkriechen, damit sie nicht erstickt. Da er auch keine Lust hat, bei dem heftigen Regen heim zu laufen, will er im Salon solange warten, bis das Gewitter vorbei ist. Kasperl bietet der Prinzessin an, zu ihm in den Salon zu kommen, bevor sie zuviel Angst leidet. Er rät ihr, am besten schnell einzuschlafen, dann kann sie das Gewitter nicht mehr hören. Kasperl setzt sich im Salon in den großen Sessel und wundert sich nur über die Prinzessin. Er hat nämlich keine Angst vor einem Gewitter und er kann sogar besonders gut schlafen, wenn es draußen blitzt und donnert und der Regen an die Fensterscheiben prasselt. Aber heute darf er nicht einschlafen, denn er muss ja noch nach Hause, damit sich seine Großmutter keine Sorgen macht.
Draußen tobt ein mächtiges Gewitter, es stürmt und braust. Genau das gefällt der Wetterhexe, die auf ihrem Besen zwischen den Blitzen hindurch reitet. Am meisten amüsiert sie sich über die ängstliche Prinzessin Annabell, der sie mit dem Gewitter so richtig Angst einjagen kann. Sie schaut von außen durch das Schlossfenster ins Zimmer zu Annabell. Schadenfroh lacht sie, weil sich die Prinzessin die Bettdecke über die Ohren gezogen hat. Doch, was nützt ihr ganzes Gewitter, wenn es die Prinzessin nicht hört? – Deshalb will sie Annabell einen Streich spielen. Sie steigt zum Fenster hinein, zieht die Bettdecke weg und wirft sie zum Fenster hinaus in den Garten. Nun wird die Decke auch noch tüchtig nass und die Prinzessin kann sich nicht mehr damit zudecken. Das freut die Wetterhexe noch mehr. Doch nun schnell weg, bevor die Prinzessin aufwacht. In Windeseile springt sie wieder zum Fenster hinaus und zischt auf ihrem Besen unter Blitz und Donner davon.
Irgendwann spürt die Prinzessin, dass ihre Füße kalt werden und wacht auf. Sie reibt sich ihre Augen und hält Ausschau nach ihrer Bettdecke. Ist sie vielleicht zum Bett hinaus gefallen? – Nein, sie kann sie im ganzen Zimmer nicht entdecken. Sie vermutet, dass Kasperle sich einen Scherz erlaubt und ihr die Decke weggezogen hat. Sie springt aus ihrem Bett, rennt in ihrem rosafarbenen Nachthemd zur Zimmertür und ruft Kasperle herbei. Bei dem lauten Geschrei der Prinzessin, das die ganzen Schlossmauern zum Zittern bringt, kommt Kasperl natürlich sofort herbei geeilt. Annabell findet es nicht schön, dass er ihre Bettdecke versteckt hat. Doch Kasperl beteuert seine Unschuld und sucht erst einmal in aller Ruhe nach der verschwundenen Decke: Unter dem Bett, auf dem Schrank, hinter der Kommode — Doch nirgends ist auch nur ein Zipfel von der Decke zu sehen. Dann bemerkt Kasperl das offene Zimmerfenster. Als er hinaus blickt, entdeckt er sie draußen im Schlossgarten. Die Prinzessin denkt aber immer noch, Kasperle hat sie hinaus geworfen und findet es gemein von ihm. Nun ist ihre Decke bestimmt patschnass und sie kann sich heute nicht damit zudecken. Kasperle versichert ihr aber, dass er wirklich nichts damit zu tun hat.
Traurig und entsetzt schaut die Prinzessin zum Fenster hinaus. In diesem Augenblick hört das Gewitter auf, die schwarzen Wolken verziehen sich und die letzten Sonnenstrahlen erreichen vom Horizont das Fenster vom Zimmer der Prinzessin. Dann erklingt eine geheimnisvolle Melodie und eine zarte, helle Stimme ist zu hören: „Sei unbesorgt, Prinzessin Annabell. Ich, die liebe Sonne schicke dir schnell meine letzten Sonnenstrahlen, damit sie dein Bett wieder trocknen!“ Kasperl und Annabell freuen sich über die Hilfe der Sonne, die ihnen berichtet, dass sich die Wetterhexe diesen bösen Streich erlaubt hat, weil sie Spaß daran hatte, welche Angst die Prinzessin vor einem Gewitter hat. Dabei braucht man doch vor einem Gewitter keine Angst zu haben, erklärt die Sonne noch einmal der Prinzessin. Dann hat auch die Wetterhexe keinen Anlass mehr, um mit der Prinzessin Schabernack zu treiben. Die Prinzessin verspricht das der Sonne, bedankt sich noch mal für die rasche Hilfe und dann verschwindet die Sonne auch schon hinter dem Horizont.
Kasperl holt der Prinzessin die getrocknete Bettdecke wieder aus dem Garten und bittet sie, sich nicht mehr so fest damit zuzudecken, denn ein Gewitter ist doch nicht so schlimm, als wenn man vor Angst unter der Bettdecke im Schlaf erstickt.
Ihr, liebe Kinder, habt sicher keine Angst vor einem Gewitter. Wenn ihr schön in euerem Haus bleibt, solange es blitzt und donnert, kann euch nichts passieren.
Doch nun kuschelt euch, so wie Prinzessin Annabell, in euer Bettchen und schlaft gut.
Eine gute und ruhige Nacht wünschen Euch die Puppenbühne Herrnleben und Euer Bamberger Kasperl!
Wolfgang Herrnleben (GAP, 2009)






