DAS LAUFENDE NEST

Es ist die Zeit, in der es gerade Kinder kaum abwarten können, bis endlich der Osterhase kommt und ihre vollgefüllten Nestchen im Garten oder im Haus versteckt. Aber eine Woche müssen alle schon noch darauf warten. Doch wer zu Ostern ein gefülltes Nest bekommen will, muss es rechtzeitig vorbereiten und es unter seinem Bett verstecken. Irgendwann wird es der Osterhase – wie jedes Jahr – nachts heimlich abholen, um es dann mit seinen Gehilfen bis Ostern mit bunten Eiern, Schokoladenhasen und anderen feinen Sachen zu füllen. Manchmal schleicht er sich auch nachts nur vorbei, ohne das Nest gleich mitzunehmen. Dafür legt er als kleine Überraschung oft einstweilen schon einmal ein kleines Ei als Vorboten ins Nest. Wenn die Kinder dann morgens gleich nach dem Aufwachen unter ihr Bett in ihr Nest blicken, ist die Freude immer ganz groß, wenn sie das kleine Ei im Nest finden. Außerdem können sie dann sicher sein, dass der Osterhase schon weiß, an welcher Stelle sie ihr Nest zum Abholen bereitgestellt haben.
So sind auch das Bamberger Kasperle, die Gretel und der Seppl heute dabei, ihre Nestchen vorzubereiten. Aber herrje, wie sieht es denn auf dem Küchentisch aus? – Ein Berg aus lauter bunten Blättern und Papierschnipseln liegt darauf herum, denn Gretel hat sich heuer für ihr Nest etwas besonderes ausgedacht. Sie will ihr Nest heuer nicht nur mit dem einfachen, grünen Ostergras auslegen, sondern hat mit Großmuttis Schere viele feine Papierstreifen aus farbigem Papier geschnitten. Diese hat sie bunt durcheinander gemischt und sie flauschig in ihr Nest gehäuft. Als Seppl dies sieht, meint er: „Also Gretel, ich weiß nicht. Das sieht eher aus, wie ein Faschingskörbchen!“ Aber Seppl war wieder einmal nur neidisch, weil er nie auf die Idee gekommen wäre, sich die Arbeit mit dem Papierstreifenschneiden zu machen. Sein Nest hat er natürlich nur wieder mit dem fertigen, grünen Ostergras ausgelegt, das es im Laden zu kaufen gibt. Kasperl hat zwar kein Gras selber gebastelt, aber er ist dafür zum Waldrand gelaufen, sich dort ein echtes weiches Moos geholt und damit ein natürliches Bett für die Ostereier ins Nest gerichtet. Aber Seppl hält da nichts davon. Er lacht nur darüber und meint, dass es dem Osterhasen doch wohl egal ist, womit das Nest ausgelegt ist. Er setzt lieber darauf, einen besonders großen Korb zu benutzen, so wie auch geschehen. Er ist sich nämlich sicher um so größer der Platz im Korb, um so mehr Eier kann der Osterhase hineinlegen. „Hoho, ich bekomm bestimmt viel mehr als ihr!“, sagt er zu Kasperl und Gretel. Aber Gretel lacht nur darüber: „Bestimmt nicht, Seppl! Für den Unfug, den du dauernd treibst, wird dir der Osterhase höchstens ein Gipsei hineinlegen!“ Kasperl und Gretel schieben dann gleich ihre Nestchen unter ihre Betten, damit sie der Osterhase findet und vielleicht schon heute Nacht abholen kann. Dann räumt Gretel brav ihre Papierschnipsel zusammen und kehrt den Küchenboden auf, damit alles wieder schön sauber ist. Kasperl hilft ihr dabei, damit sie den Küchentisch für das Abendessen vorbereiten können. Von seinem Spaziergang an der frischen Luft zum Wald und zurück hat Kasperl nämlich großen Appetit bekommen.
Seppl hat Bedenken, dass der Osterhase wirklich ins Haus geht und unter den Betten nach den Nestern schaut. Damit er seinen Korb auch ganz sicher nicht übersieht oder vergisst, stellt Seppl den großen Korb gleich direkt vor die Haustüre. Außerdem hätte der Korb mit dem hohen Henkel sowieso nicht unter sein Bett gepasst. „Hoho, da werden Kasperl und Gretel Pech haben, denn der Osterhase wird sich nur meinen Korb vor der Tür wegschnappen und gar nicht erst ins Haus gehen!“, sagt Seppl zu sich.
Inzwischen hat Gretel den Tisch gedeckt und Großmutti ruft alle zum Abendessen in die Küche. Als sie sich alle den Fisch und die Kartoffeln schmecken lassen, schleicht sich draußen vor dem Haus der kleine Gartenkobold Rotnase herum. Er wundert sich, was da für ein Korb vor der Haustür steht. Als er diesen in Augenschein nimmt, stellt er fest, dass dieser schön mit weichem, grünen Papiergras ausgelegt ist. „Hehehe, das ist genau das richtige Bett für mich. Dann brauch ich wenigstens nicht mehr auf der harten, kalten Erde zu schlafen!“, freut er sich. Er beschließt den Korb mitzunehmen. Wie praktisch, dass der Korb einen Griff hat. Diesen fasst er und schleift den Korb hinter sich her, denn der Gartenkobold ist zu klein, um den Korb vom Boden hochzuheben und wegzutragen. „Uff, uff, uff!“, stöhnt der kleine Kobold, als der den Korb hinter sich herzieht, denn er ist für den kleinen Knirps doch ganz schön schwer.
Da Großmutti wusste, dass heute der Tag war, an dem die Kinder ihre Nestchen herrichten, hat sie natürlich unter den Betten nachgesehen, ob sie damit fertig geworden sind. Nur unter Seppl’s Bett hat sie keines entdeckt und fragt ihn, warum denn bei ihm kein Nest unter dem Bett steht. Seppl gibt ihr zu Antwort: „Oooh, das wird der Osterhase schon geholt haben!“ Gretel meint, er soll keinen Quatsch erzählen, denn der Osterhase holt die Nester doch nur nachts, wenn sie schlafen. Großmutti glaubt das auch nicht und will wissen, wohin er sein Nest gestellt hat. Seppl gibt dann zu, dass er seinen Osterkorb gleich vor die Haustür gestellt hat, damit es der Osterhase nicht erst lange in der Wohnung suchen muss. Kasperl lacht und sagt: „Hähä, das macht man doch nur an Nikolaus. Da stellt man die leeren Stiefel vor die Tür! Aber jetzt ist doch Ostern!“ Großmutter fordert Seppl deshalb auf, den Korb wieder herein zu holen und unter sein Bett zu stellen. „Na gut!“, seufzt Seppl, „Dann hol ich den Korb halt wieder herein, damit ihr beruhigt seid!“ Doch er staunt nicht schlecht, als er die Haustür aufmacht und nach seinem Korb sieht. „Wo ist denn mein Korb? Mein Korb ist weg!“, ruft er laut. Kasperl und Gretel kommen daraufhin sofort vors Haus geeilt. Seppl verdächtigt da natürlich gleich den Kasperl und vermutet, dass er seinen Korb absichtlich irgendwo versteckt hat, damit ihn der Osterhase nicht findet. Aber Kasperl, weiß, dass er nichts mit dem Verschwinden zu tun hat und blickt suchend im Garten herum. „Nein, hähä, Seppl, ich hab deinen Korb nicht angefasst!“, beruhig Kasperl seinen Freund. „Aber sieh mal, was dort am Gartenzaun entlang läuft. Hähä, ich glaub, dein Korb hat Beine bekommen und marschiert alleine zu den Osterhäschen!“ Als sie alle drei zum Gartenzaun gehen, müssen sie tatsächlich feststellen, dass sich der Korb alleine fortbewegt. Gretel glaubt: „Ich schätze, der Korb reißt aus, weil es ihm heraußen vor der Haustür zu kalt war!“ Kasperl und Gretel müssen herzhaft lachen, als sie den wandernden Korb verfolgen. „Lacht nicht so dumm, sondern fangen wir den Korb schnell wieder ein!“, fordert sie Seppl auf. Kasperl stürzt sich mit einem Satz auf den Korb und – zack! – schon hat er ihn erwischt. Verwundert stellt Kasperl fest, dass da etwas am Henkel zappelt. „Gebt mir sofort mein neues Bett wieder!“, schreit der kleine Gartenkobold und wehrt sich! – Kasperl erkennt den kleinen Dieb an seiner großen roten Nase, die mitten in seinem Gesicht leuchtet. „Hähä, das ist ja der Gartenkobold Rotnase!“, sagt Kasperl und lacht, weil der Kobold wie wild am Henkel herumturnt und nicht loslassen will. Seppl schimpft: „Nimm die Hände vom Korb! Das ist nicht dein neues Bett! Das wird mein Osternest!“ Doch der Gartenkobold will nicht nachgeben und meint zu Seppl, er soll sich eben ein anderes Nest basteln, denn in diesem schönen, weichen Bett kann er ab jetzt besonders kuschelig drin schlafen. Kasperl überzeugt den rotnasigen Kobold aber dennoch den Henkel loszulassen. Er rät ihm, sich doch einfach aus Weidenzweigen und Moos selbst ein weiches Bett zu bauen, in dem er noch besser schlafen kann. Denn wenn die Papierstreifen feucht werden, weichen sie ja nur schnell auf und er hat keine Freude mehr an seinem neuen Bett. Seppl beschließt darauf hin, das Papiergras doch sicherheitshalber in ein flaches Körbchen zu füllen und es unter sein Bett zu schieben, damit es nur der Osterhase abholt und es nicht noch einmal gestohlen werden kann. „Hättest du es gleich so gemacht, Seppl“, sagt Gretel, „hätten wir uns die ganze Aufregung sparen können.“
Habt ihr, liebe Kinder euer Osternest schon vorbereitet? Wenn nicht, wird es höchste Zeit. Stellt es so wie Gretel, Seppl und Kasperl unter euer Bett, damit der Osterhase vielleicht schon während der nächsten Woche ab und zu einmal ein kleines Osterei hineinlegen kann.
Und ihr legt euch in euer Bett hinein. Aber ihr braucht nicht die ganze Nacht wach zu bleiben und aufzupassen. Der Osterhase kommt bestimmt erst, wenn ihr fest schlaft. Sehen werdet ihr ihn nicht.
Wenn ihr morgen Früh aufwacht, liegt vielleicht wirklich schon etwas drin!
Schlaft gut und träumt schon einmal von euerem vollen Osternest!
Die Puppenbühne Herrnleben und das Bamberger Kasperle wünschen Euch eine gute Nacht!

© by Wolfgang Herrnleben (2008)