Das neue Jahr

Die letzte Nacht ging es überall richtig rund. Warum? – Na, klar, es war Neujahrsnacht! – Pünktlich um 0.00 Uhr läuteten überall die Kirchenglocken das neue Jahr ein. Auf allen Straßen und Gassen versammelten sich die Menschen und wünschten sich ein gutes neues Jahr. Raketen, Kracher und Böller wurden gezündet! Er krachte, rummste und der Himmel war von den vielen, bunten Leuchtraketen fast eine Stunde hell erleuchtet. – Und dann war plötzlich mit einem Schlag alles wieder vorbei und im Freien kehrte Ruhe ein. Natürlich wurde in vielen Gaststätten, Häusern und Wohnungen noch bis in die Morgenstunden gefeiert. Dann begann das neue Jahr erst einmal mit Ausschlafen. So war es nicht verwunderlich, dass es am Vormittag überall recht ruhig war. Erst gegen Mittag kroch man wieder aus dem Bett und spätestens um 13.00 Uhr versammelten sich viele vor ihrem Fernsehapparat, um das traditionelle Neujahrskispringen in Garmisch-Partenkirchen zu verfolgen.
Fast so ähnlich verlief es auch im Haus von Kasperls Großmutter, nur dass nicht bis Früh morgens gefeiert und keine Feuerwerkskörper entzündet wurden, denn dafür ist der Großmutter jeder Cent zu schade. Weil Kasperl, Gretel und Seppl heute Nacht rechtzeitig im Bett lagen, hatten sie natürlich heute Morgen schon bald ausgeschlafen und vertrieben sich die Zeit mit Spiele machen, Lesen und Hausmusik.
Nun geht der erste Tag des neuen Jahres so langsam zu Ende. Doch plötzlich wird die abendliche Ruhe durch Krachen und Schießen gestört. Seppl rennt gleich zum Wohnzimmerfenster und schaut hinaus. „Da, Kasperl!“, ruft er „Da draußen lassen die Buben aus der Nachbarschaft noch ein paar Kracher und Silvesterraketen los!“ Kasperl wundert sich, wo sie wohl die vielen Feuerwerkskörper noch gefunden haben. Schließlich haben sie doch heute Nacht schon soviel Geld in die Luft gepulvert. Das Böllern und Schießen hat ruck-zuck eine Menge Kinder aus den anderen Häusern auf die Straße gelockt und auf einmal herrscht wieder ein Trubel und Kindergeschrei und vorbei ist es mit der Stille. Logischerweise will Seppl da natürlich auch hinaus und mitmachen, wenn er schon heute Nacht keine Böller und Raketen abschießen durfte. Kasperl hält ihn aber zurück und erklärt ihm, dass er noch zu jung ist, denn unter 18 Jahre darf man solche gefährlichen Feuerwerkskörper überhaupt nicht abschießen. Seppl will das natürlich nicht einsehen, denn die Nachbarsjungen tun es ja schließlich auch, obwohl sie auch nicht älter sind als er. Doch Kasperl lässt ihn nicht zu den anderen, weil er seinen Freund Seppl gut genug kennt und weiß, dass er nicht nur zusieht, sondern ganz schnell auch herumzündelt, um eine der lauten Raketen in die Luft abzuschießen. Deshalb meint Kasperl, sie werden bestimmt bald alles verschossen haben. Bis sie im Bett liegen ist das Spektakel sicher wieder vorbei. Drum soll sich Seppl auf den Weg in sein Zimmer machen. „Jaja“, sagt Seppl gleichgültig, „ich komm ja gleich! Ich guck nur den Buben da draußen durchs Fenster noch etwas zu!“ Kasperl merkt schon, er hat keine Chance. Er fordert den Seppl aber auf, sofort ins Bett zu gehen, wenn das Restfeuerwerk vorbei ist. Da sich Kasperle nicht dafür interessiert, legt er sich lieber schlafen.
Seppl ist froh, dass der Angsthase Kasperl endlich weg ist. – Nun, wo er alleine ist, wird er unruhig und überlegt, ob er nicht doch noch schnell hinaus zu den anderen Buben gehen soll? – Leider hat er kein Geld einstecken. – Aber vielleicht schenkt ihm jemand auch so eine Rakete, ohne dass er bezahlen muss. Seppl will es auf alle Fälle probieren und schleicht sich zum Haus hinaus auf die Straße.
Im Freien kann er das Zischen und Krachen auch viel besser hören. – „Huch!“ – Auf einmal fliegt ihm etwas um die Ohren und fällt ihm direkt vor die Füße. Seppl blickt nach unten und ist ganz begeistert: „Ohohoho, was hab ich doch für ein Glück! – Da ist eine Rakete nicht hoch gegangen und mir direkt vor die Füße geflogen!“ Seppl schaut sich um, ob es auch keiner der anderen Burschen bemerkt hat. Scheinbar nicht! – Seppl betrachtet die Rakete genau und stellt fest, dass die Zündschnur noch lange genug ist. – Wie gut, dass er immer Streichhölzer einstecken hat. Da braucht er die Zündschnur nur anzufeuern und schon kann er auch eine Neujahrsrakete in den Himmel starten lassen.
Gerade als er sich bücken will, um die Rakete aufzuheben, da erklingt eine sonderbare Melodie und eine Stimme spricht zu ihm: „Halt, Seppl, lass die Finger von der Rakete! – Die Zündschnur könnte noch glühen und die Rakete geht in deiner Hand los!“ Seppl weicht zurück und fragt, wer da wohl zu ihm spricht? – Es ist das neue Jahr, das ihn daran hindern will, eine Dummheit zu machen. Seppl wundert sich, was das neue Jahr dagegen hat. Schließlich will er doch nur dem neuen Jahr zu Ehren auch eine Rakete abfeuern. Doch das neue Jahr will ja eben gerade nicht, dass sich Kinder in Gefahr begeben. Aber Seppl meint, da braucht es sich keine Sorgen zu machen. Es kann nichts passieren. Er zündet die Rakete nur wieder an und schon startet sie in den Himmel. Doch das neue Jahr will das verhindern und spricht schnell einen Spruch:
„Seppl, du begibst dich in Gefahr,
davor beschützt dich das neue Jahr!
Weil du leichtsinnig wie ein Narr,
steh vor mir steif und starr!“
Es erklingt ein leises Donnergrollen und Seppl steht steif und starr auf der Straße, kann sich nicht mehr bewegen und schon gar nicht mehr nach der Rakete bücken.
Inzwischen hat Kasperl bemerkt, dass Seppl noch nicht im Bett liegt und hat sich auf die Suche gemacht. Als er ebenfalls vors Haus geht, sieht er seinen Freund schon. „Hallo, Seppl! – Was ist denn nun? – Komm sofort wieder ins Haus und hupf in dein Bett!“ Seppl gibt ihm nur kleinlaut zu verstehen, dass er sich nicht mehr bewegen kann. Als Kasperl von ihm wissen will, warum er sich nicht mehr bewegen kann, stottert Seppl nur: „Weil – weil – weil …..“
Da erklingt die Melodie wieder und das neue Jahr erscheint. Es erklärt Kasperl, was mit Seppl geschehen ist. Es hat ihn extra starr gezaubert, damit er den Raketenblindgänger nicht anfasst. Kasperl bedankt sich beim neuen Jahr und findet es war wohl ein großes Glück, dass es dazu gekommen ist. Er weiß auch, wenn Seppl eine Rakete oder einen Kracher sieht, vergisst er – wie viele andere Kinder auch – sämtliche Vorsichtsmaßnahmen.
Seppl bittet das neue Jahr, ihn doch wieder beweglich zu machen und verspricht, nie mehr leichtsinnig eine Rakete anzufassen! Das neue Jahr hofft, er hält sich in Zukunft wirklich daran und macht immer einen großen Bogen um liegen gebliebene Feuerwerkskörper. Dann erlöst es den Seppl:
„Seppl, du willst von nun an vorsichtig sein,
drum sollst du auch wieder bewegen Arm und Bein!“
Nach einem kurzen „Klingeling“ kann sich Seppl wieder bewegen und bedankt sich artig beim neuen Jahr. Kaum hat er sich bedankt, da zischt, knallt und pfeift es. Seppl springt erschrocken zurück. Alle können nur noch beobachten, wie die Rakete plötzlich wie von alleine davon fliegt. „Da – hast es gesehen, Seppl“, sagt Kasperl, „die Rakete war doch noch scharf. Das hätte leicht ins Auge gehen können!“ Das neue Jahr hofft, er sieht es nun ein, wie gefährlich es gewesen wäre, wenn er den Spätzünder in die Hand genommen hätte. Er hätte sich schwer damit verletzen können. Denn gerade das neue Jahr möchte, dass alle Menschen und Kinder das neue Jahr gesund beginnen. Niemand soll wegen Unvorsichtigkeit mit Feuerwerkskörpern ins Krankenhaus müssen.
Seppl will sich auch nie mehr dazu verleiten lassen, denn ihm steckt der Schreck immer noch in allen Gliedern. Er verspricht noch einmal, nie mehr irgendwelche Sprengkörper anzufassen, bis er alt genug ist.
Ihr, liebe Kinder und liebe Erwachsene denkt hoffentlich auch immer an die Unfallgefahren, die beim Umgang mit Neujahrsraketen bestehen und seid alle gesund und unbeschadet ins neue Jahr gestartet.
Der erste Tag im neuen Jahr geht nun auch schon wieder zu Ende und wenn ihr ausgeschlafen habt, dann …. ist schon der zweite Tag, hähä.
Eine gute erste Nacht, Glück, Freude und vor allem Gesundheit im neuen Jahr wünschen Euch die Puppenbühne Herrnleben und Euer Bamberger Kasperl!
                                                                        Wolfgang Herrnleben (GaPa, 2009)