An den vergangenen Nachmittagen hat Großmutter zusammen mit Gretel, Seppl und dem Bamberger Kasperl die gute Stube fein sauber gemacht. Sie haben die Fenster geputzt, überall ordentlich Staub gewischt, den Teppich gesaugt und den Boden solange gewischt und gewienert, bis dieser spiegelte. Das ganze Zimmer ist nun blitzblank, denn da drin soll das Christkind den Weihnachtsbaum aufstellen und die Geschenke für die Kinder sowie die Großmutter darunter legen. Doch bis dahin sind es ja noch ein paar Tage Zeit. Seppl kann dies natürlich kaum abwarten, aber so wie alle Kinder, muss er sich bis zum Heiligen Abend gedulden. Auch wenn es ihm schwer fällt. So läuft er nun schon den ganzen Nachmittag vor der Wohnzimmertür auf und ab. Als Kasperl das bemerkt, fragt er ihn, weshalb er denn dauernd im Flur auf und ab marschiert. Seppl antwortet ihm mürrisch: „Was soll ich denn sonst machen? Ich kann ja nicht ins Wohnzimmer hinein, weil die Tür abgeschlossen ist!“ Kasperl versucht ihm zu erklären, dass er da schon bis zum Heiligen Abend warten muss. Solange bleibt die Zimmertür geschlossen. Seppl will das aber nicht einsehen. Noch dazu, weil er der Meinung ist, dass jemand im Zimmer sein muss. Denn er bildet sich ein, Schritte im Wohnzimmer zu hören. Für Kasperl ist das ganz klar und deshalb sagt er lachend zu ihm: „Hähä, Seppl, das kann nur das Christkind mit seinen Englein sein. Sie werden alles für den Weihnachtsabend vorbereiten!“ Er schlägt ihm vor, doch einfach zu einem Fenster hinaus zu sehen, dann sieht er das Christkind und die Englein vielleicht davon fliegen, wenn sie fertig sind. Seppl hält das für großen Quatsch und will einfach nicht verstehen, dass bereits einige Tage vor Weihnachten die Wohnzimmertür verschlossen sein muss. Aber gerade wegen dem Seppl ist das genau die sinnvollste Lösung. „Hähä, so kannst du neugierige Nase nicht schon vorher spitzen, wie der Baum aussieht und was du geschenkt bekommst!“, begründet ihm Kasperl mit einem verschmitzten Lächeln. Aber Seppl tut da ganz unschuldig, denn ihn interessiert das doch alles gar nicht. Das sagt er allerdings nur so, denn in Wirklichkeit interessiert es ihn brennend, was im Wohnzimmer vor sich geht. Kasperl warnt ihn, nur nicht durch das Schlüsselloch zu spitzen, da das Christkind sonst alle Geschenke wieder mitnimmt.
Dann lässt ihn Kasperl alleine auf dem Flur zurück und geht wieder in sein Zimmer. Seppl zweifelt die Worte von Kasperl natürlich an und glaubt nicht, dass das Christkind er überhaupt merkt, wenn er durch das Schlüsselloch guckt. Und schon gar nicht kann er sich vorstellen, dass es alle Geschenke wieder entfernt. Nach dem er nun ganz alleine ist und ihn niemand sehen kann, wagt es Seppl doch und bückt sich zum Schlüsselloch. Er hofft insgeheim, doch etwas zu entdecken. Aber falsch gedacht, als er durchschaut, sieht er gar nichts. Es ist alles durch dunkel. Da er sich voll auf seinen gezielten Blick durch das Schlüsselloch konzentriert, merkt er nicht, dass jemand von innen den Schlüssel im Schlüsselloch umdreht. „Autsch! Au!“, schreit er plötzlich auf, denn er hat die Türklinke voll aufs Auge bekommen, als sich die Tür öffnete. Mit gesenktem Kopf, blickt er mit dem linken Auge vorsichtig nach oben, denn das rechte Auge ist ihm schon zu geschwollen. Hat ihn das Christkind doch bemerkt und will ihn nun zur Rede stellen? – Als er die Person, die im leicht geöffneten Türspalt steht, langsam von unten nach oben betrachtet, muss er feststellen, dass es doch nicht das Christkind ist. – Nein, es ist nur die Großmutter, die sich erkundigt, warum denn Seppl so dicht an der Wohnzimmertür steht. Stotternd antwortet Seppl, dass er sich nur rein zufällig vor der Tür gebückt hat. Und ausgerechnet in diesem Moment hat Großmutter die Tür aufgemacht. Dabei hält er sich mit der rechten Hand sein schmerzendes Auge zu. Da kommt auch schon Kasperle wieder an, der durch den Schrei von Seppl in seinem Zimmer aufgeschreckt wurde. „Hähähä, und ausgerechnet genau mit dem rechten Auge auf Höhe der Türklinke, hähä!“, sagt Kasperl und lacht dabei schadenfroh. Seppl hat natürlich gleich eine Ausrede parat: „Na, wenn doch die Großmutter auch drin ist, kann ich doch einmal durchs Schlüsselloch gucken. Aber, beruhigt euch, ich habe ja gar nichts gesehen!“ Großmutter muss ihn allerdings enttäuschen, denn erstens hat sie von innen ein Pflaster über das Schlüsselloch geklebt und zweitens hätte er sowieso nichts erkennen können, weil alles mit weißen Tüchern abgedeckt ist. „Hähä, jetzt hast du dir dein blaues Auge umsonst eingehandelt, hähä!“, kann Kasperl nur lachen, denn schließlich hatte er ihn ja extra gewarnt, durch das Schlüsselloch zu spitzen. Großmutter hat allerdings trotzdem Mitleid mit dem Seppl und will ihm gleich einen kalten Umschlag machen, damit das Auge nicht gar so blau wird.
Da wird es plötzlich ganz dunkel und eine weihnachtliche Melodie erklingt. Alle drei glauben sie träumen, als eine Stimme sagt: „Dies soll dem Seppl für immer eine Lehre sein!“ Kasperl ist überrascht, wer da zu ihnen spricht: Es ist die Weihnachtsfee, die neben ihnen im Hausflur steht. Die gute Weihnachtsfee will nicht, dass Seppl am Weihnachtsfest mit einem blauen Auge herumlaufen muss. Sie beabsichtigt, ihn davon zu befreien, aber nur, wenn er ihr verspricht, nie mehr so neugierig zu sein und durch das Schlüsselloch zu sehen. Kleinlaut verspricht Seppl, das er es nie – nie mehr machen wird.
Die Weihnachtsfee glaubt ihm. – Wer hat schon gerne ein blaues Auge?
Darauf hin spricht sie einen Spruch:
„Seppls Auge, sei auf der Stell’,
nicht mehr blau, sondern wieder hell!“
Es wird wieder kurz dunkel und ein lauter Glockenschlag ist zu hören.
Seppl rennt gleich los und schaut in den Garderobenspiegel. Tatsächlich das Auge ist nicht mehr blau und die Schwellung ist auch weg. Er kann wieder normal damit sehen. Als er vom Spiegel zurück kommt, bedankt er sich artig bei der Weihnachtsfee, die ihnen allen noch schöne Adventstage und ein frohes Weihnachtsfest wünscht. Dann wird es wieder dunkel, die Weihnachtsmelodie verklingt und als es wieder hell wird, ist die Weihnachtsfee wieder verschwunden. Großmutter hofft auch, dass dies dem Seppl eine Lehre war und er nun von seiner Neugierde für immer geheilt ist.
Ihr, liebe Kinder, seid hoffentlich nicht so neugierig wie der Seppl und könnt es bis zum Heiligen Abend abwarten, um zu erfahren, was euch das Christkind gebracht hat.
Um so größer wird dann die Überraschung sein, wenn das Christkind am Weihnachtsabend mit dem Glöckchen läutet, die Wohnzimmertüre wieder aufgesperrt wird und ihr alle wieder hinein gehen könnt.
Euer Schlafzimmer ist aber sicher nicht abgesperrt, so dass ihr durch die offene Tür leicht hinein und in euer Bettchen steigen könnt.
Rechnet einmal nach, wie oft ihr noch schlafen müsst, bis das Christkind kommt. Wenn ihr jetzt schnell einschlaft und morgen Früh aufwacht, ist es schon wieder eine Nacht weniger.
Deshalb flugs hinein und gleich die Äuglein schließen.
Eine gute Nacht wünschen Euch die Puppenbühne Herrnleben und Euer Bamberger Kasperl!
© Wolfgang Herrnleben (GAP, 2008)






