Das Storchenpaar

Seit einigen Wochen ist der Frühling wieder ins Land zurück gekehrt und mit ihm auch die vielen Vöglein aus den warmen, sonnigen Ländern aus dem Süden der Erde. In allen Gärten, auf Hecken und Bäumen haben sie ihre Nestchen gebaut, in denen die Weibchen ihre Eier legen und dann darin ihre kleinen Küken aufziehen. Jeden Morgen ist schon beim Sonnenaufgang ihr munteres Zwitschern zu hören und dann flattern die Männchen durch die Lüfte, um Nahrung für ihre Vogelfamilien zu suchen. – Nur ein Vogelpaar fehlt heuer noch! – Das Storchenpaar! – Findet es den Weg nicht mehr zurück oder ist ihm ein Unglück passiert? – Nein, zum Glück nicht, denn gerade sind sie von weit her am Himmel zu sehen. Storchenmännchen Udo kommt mit seinem Storchenweibchen Lisa endlich angeflattert und kehren wieder in ihr Sommerquartier zurück, wo sie schon viele Jahre die warmen Monate wohnen. Udo bittet sein Weibchen doch etwas schneller zu fliegen, damit sie noch vor Einbruch der Dunkelheit ihr Nest erreichen. Doch Lisa kann bald nicht mehr, schließlich war es doch ein weiter Weg vom südlichen Afrika bis hierher. Udo hält aus der Luft Ausschau nach ihrem Nest. – Ja, es ist nicht mehr weit! Er sieht schon das alte Schloss auf dem Hügel, auf dessen Turm ihr Nest sicher auch schon auf sie wartet. Mit letzter Kraft erreichen sie ihr Ziel und landen in ihrem Nest. – Aber oje, es hat im Winter ganz schön gelitten und ist total zerzaust. So können sie nicht darin schlafen. Obwohl Udo von der langen Reise auch sehr müde ist, beginnt er damit, das Nest wenigstens etwas herzurichten. Beide haben es sich schon vor vielen Jahren auf einem großen, schweren Wagenrad gebaut und nun muss es wieder – wie eigentlich alle Jahre – von Grund auf renoviert werden. Beide flattern doch noch einmal los und sammeln im Schlossgarten Zweige und Gras, um es sich in ihrem Nest wieder gemütlich zu machen.
Das Getippel und Geklapper ihrer Storchenfüße bleibt auch vom Zauberer Zwiebelbart nicht unbemerkt, der mittlerweilen in das alte Schloss eingezogen ist. Er schimpft in seinem Zimmer, weil er sich bei dem Geklapper, welches vom Schlossturm zu hören ist, nicht konzentrieren kann. Wie soll er da in Ruhe seine Zaubersprüche ausprobieren können? – Er öffnet das alte Fenster mit den schmutzigen Scheiben und blickt hinaus. – Er kann seinen Augen fast nicht glauben. Sind doch tatsächlich diese langbeinigen Vögel wieder hier. Dabei hatte er schon gehofft, sie finden heuer den Weg nicht mehr zurück und er kann alleine hier in dem alten Schloss leben. Weil ihm das Geklapper ihrer Zehen auf dem Schlossdach nervt, beschließt er, dieser Ruhestörung rasch ein Ende zu bereiten. Wozu ist er denn ein Zauberer. Schnell holt er seinen Zauberstab und murmelt einen Zauberspruch:
„Hokus-pokus-Zwiebelbärtchen,
Storchennest flieg in Kasperls Gärtchen“!
„So, erledigt!“, denkt er sich. „Nun können sie dem Kasperl mit ihrem Geklapper auf die Nerven gehen! Hahahaha!“

Im Nu hebt das schwere Wagenrad vom Schlossturm ab und schwebt davon. Die Störche können sich nur mit aller Kraft festkrallen, um beim Flug durch die Luft nicht heraus zu fallen. „Hilfe, Udo!“, ruft das Storchenweibchen Lisa, „Was geschieht denn plötzlich mit unserem Nest?“ Das Nest fliegt und fliegt durch den abendlichen Himmel und endlich landet in einem Garten. Udo kann sich das auch nicht erklären, weshalb sie ihr Nest auf einmal in diesen Garten gebracht hat. Doch mitten auf der Wiese können sie nicht bleiben. Da sind sie nicht sicher und können keinesfalls da wohnen. Denn direkt auf dem Erdboden ist es für sie und ihre Eier zu gefährlich. „Jetzt lass deinen Storchenhals nicht hängen!“, beruhigt Udo erst einmal sein Weibchen. Dann fliegt er zum Haus und hofft, darin auf gute Menschen zu treffen, die ihnen helfen. Mit seinem spitzen Schnabel klopft er fest an die Haustüre. Zum Glück wohnt das Bamberger Kasperle hier und ist noch nicht im Bett. So hört er das Hämmern an der Tür und sieht gleich einmal nach, wer da zu später Stunde noch anklopft. Als er die Tür öffnet erblickt er Udo. „Ja, da schau her, hähä, ein Storchenpaar! Hähä, wenn ihr einen Frosch sucht, ich habe gerade keinen im Hals, hähä!“, meint Kasperl in seiner lustigen Art. Lisa, die inzwischen auch nachgekommen ist, freut sich, dass sie ihr Irrflug ausgerechnet in Kasperls Garten gebracht hat. Udo erzählt ihm gleich, was ihnen geschehen ist und bittet Kasperl, ihnen zu helfen. Lisa findet es zwar toll, dass sie bei ihm sind, doch auf dem Boden mitten im Garten kann es für sie gefährlich werden. Gemeinsam überlegen sie, wie sie das schwere Wagenrad mit ihrem Nest wohl nach oben auf das Hausdach bekommen.
Kasperl versucht mit aller Kraft, das Rad anzuheben. Die beiden Störche packen mit ihren Schnäbeln an den Rändern an und zerren und ziehen. Doch alle Bemühungen nützen nichts. Sie bringen das schwere Wagenrad keinen Zentimeter vom Boden weg. Es ist einfach zu schwer!
Da kommt dem Kasperl ein Gedanke! Zauberer Zwiebelbart muss helfen! Wenn er sie schon bei sich auf dem Schlossturm nicht haben will, dann soll er ihnen wenigstens zu einem neuen, sicheren Brutplatz verhelfen. Doch wenn Kasperl den Schlosshügel erreichen will, müsste er die ganze Nacht durchmarschieren. Da wissen die Störche etwas Besseres. Sie schlagen Kasperl vor, sich doch einfach an ihren Beinen festzuhalten und sie fliegen ihn rasch zum Zauberer hin. Das geht doch viel schneller. – „Also gut, warum nicht mal mit den Storchen-Airlines fliegen?“, denkt sich Kasperl. Er klammert sich an den dünnen Storchenbeinen fest und schon starten sie in den Abendhimmel. Für Kasperl ist das natürlich ein tolles Erlebnis, die Stadt, die Wiesen, Wälder, den Fluss und die ganze Landschaft einmal von oben aus der Vogelperspektive zu sehen. Er genießt den Flug und die herrliche Aussicht – und geflogen ist Kasperl ja noch nie in seinem Leben. Das gefällt ihm, doch schade! Der Flug ist schon zu Ende und die Störche setzen Kasperl sicher auf dem Platz vor dem alten Schloss wieder auf der Erde ab.
Kasperl hat eine Idee, wie sie den Zauberer dazu bringen, ihnen zu helfen. „Passt auf, ich werde anklopfen und wenn der Zauberer Zwiebelbart herauskommt, dann zwickt ihr ihn mit eueren spitzen Schnäbeln solange in die Beine, bis er euer Nest auf unser Hausdach zaubert!“, bespricht er mit den Störchen. Also, worauf noch warten. Sofort setzen sie ihren Plan in die Tat um. Kasperl klopft heftig an das schwere, dunkle Holztor. Es dauert natürlich nicht lange, da kommt Zauberer Nieswurz schon schimpfend angebraust, weil er schon wieder beim Ausprobieren seiner neuen Zaubersprüche gestört worden ist. „Was ist denn schon wieder los?“, fragt er wütend. Doch bevor Kasperl antworten kann, fangen die beiden Störche schon an, ihn heftig mit ihren klappernden Schnäbeln in die Beine zu zwicken. „Au! Au! Aufhören!“, schreit der Zauberer. „Was soll das? Wer zwickt mich da in die Beine?“ Wild hüpft er von einem Bein auf das andere, doch er kann sich dem Angriff der verärgerten Störche nicht erwehren. Kasperl schaut dem Treiben zu und kann nur herzhaft darüber lachen. „Hähähä, Zauberer Zwiebelbart, die Störche zwicken dich solange, bis du ihr Nest auf das Dach von unserem Haus zauberst, wenn du sie schon bei dir nicht wohnen lässt!“
Der Zauberer hält es vor Schmerzen nicht mehr aus und gibt auf. Was will er auch anderes machen? – Er fuchtelt mit seinem Zauberstab und spricht noch einen Zauber:
„Hokus-pokus-Zauberbach,
Storchennest flieg auf Kasperls Dach!“
Ein lautes Pfeifen ist zu hören und der Zauberer verspricht, dass ihr Nest nun fest auf dem Giebel von Kasperls Haus sitzt.
Kasperl will sich natürlich gleich davon überzeugen und das Storchenpaar fliegt mit ihm wieder zurück. Tatsächlich, die Störche haben ein neues, sicheres Zuhause. Von Kasperls Haus werden sie bestimmt nicht mehr vertrieben. Udo und Lisa bedanken sich bei Kasperl für seine Hilfe und flattern gleich nach oben in ihr Nest, um sich nach dem anstrengenden Tag zur Ruhe zu legen.
Ihr, liebe Kinder, könnt nun auch in euer Bett fliegen – nein – euch natürlich brav in euer Bett legen. Wenn ihr ausgeschlafen habt, könnt ihr euch ja mal in euerem Ort umsehen, ob ihr auch irgendwo ein Storchenpaar auf einem Dach entdeckt.
Doch nun schlaft erst einmal gut und träumt was schönes, bis euch die Vöglein mit ihrem Gezwitscher wieder wecken.
Eine gute Nacht wünschen Euch Euer Bamberger Kasperl und die Puppenbühne Herrnleben.

Wolfgang Herrnleben (GAP, 2009)