Das Bamberger Kasperle und die Gretel sind alleine zuhause, denn Seppl ist mit seinen Freunden beim Zelten und Großmutter ist bei der Nachbarin zum Kaffeeklatsch eingeladen. Beide haben sich einen gemütlichen Sommerferiennachmittag gegönnt, etwas gelesen, auf der Terrasse Brettspiele gemacht und gefaulenzt. Da für die Abendstunden Gewitter gemeldet sind, kümmert sich Gretel schnell noch um den Garten. Sie zupft Unkraut, hackt die Erde zwischen den Blumen locker und kehrt die Terrasse und die Gartenwege sauber. – Und wo steckt Kasperle? – Er werkelt in der Küche herum. Weil er Hunger hat und die Großmutter nicht da ist, richtet er heute selbst eine Brotzeit her und deckt in der Küche den Esstisch für sich und die Gretel. So, nun hat er alles beisammen. Er öffnet das Fenster und ruft hinaus: „Gretelein, Greteleinchen, der Tisch ist gedeckt. Komm zum Brotzeit machen!“
In diesem Moment ist auch Gretel gerade mit der Gartenarbeit fertig, räumt die Gartengeräte auf, wäscht sich die Hände und das Gesicht und eilt zu Kasperl in die Küche. „Ui“, staunt sie nicht schlecht, als sie auf den Küchentisch blickt, „Kasperl, das hast du aber fein gemacht! Das sieht ja lecker aus! Eine Wurst- und Käseplatte, dazwischen Gurken, Tomaten und Eier! Toll!“ Kasperl ist ganz stolz, als er Gretels strahlende Augen sieht und freut sich darüber, dass es ihr gefällt, was er hergerichtet hat. Lachend meint Gretel sogar: „Das kannst du ruhig öfters machen!“ Beide setzen sich an den Tisch, bestreichen sich eine Schwarzbrotscheibe mit Butter und beginnen mit großem Appetit zu essen.
Plötzlich hören sie ein jammerndes Rufen! „Au! – Auweh!“ – „Nanu, was war denn das?“, fragt Gretel. Kasperl meint, es war vielleicht die Großmutter. Aber beide sind sich einig, sie kann es eigentlich gar nicht sein, denn so schnell kehrt sie von der Nachbarin sonst auch nicht zurück. „Au! – Auweh!“ Da war das Rufen schon wieder! – Gretel glaubt, das Rufen kommt aus dem Garten und macht sich besorgt auf den Weg nach draußen, um nachzusehen. Kaum ist sie im Garten, schreit sie laut: „Kasperle, Kasperle! Komm schnell! Im Garten liegt ein Krokodil!“ Kasperle kann es gar nicht glauben, denn in der Nähe gibt es weder einen Zoo, noch einen Zirkus. Doch sicherheitshalber geht er auch hinaus, um zu sehen, was Gretel da wohl für ein Krokodil hält. Er meint, sie täuscht sich bestimmt. Aber als er genau hinsieht, erkennt er tatsächlich ein großes, grünes Krokodil, welches mitten auf dem Rasen liegt.
„Aua! Aua!“, ruft das Krokodil wieder. Weil Gretel Angst vor dem großen Ungetüm hat, holt Kasperl vorsichtshalber einen dicken Strick, um es zu fesseln. „Hilfe! Hilfe!“, ruft die Gretel schon wieder. „Kasperl, beeil dich! Das Krokodil kommt immer näher! Schnell, es kriecht auf die Tür zu!“ In diesem Moment kommt Kasperl herbei und bindet dem Tier den Strick um den Hals. „Du brauchst dich nicht mehr zu fürchten, Gretel“, sagt Kasperl, „ich habe es gefangen!“ Fest hält er den Strick in seinen Händen und zieht das Krokodil zurück. „So“, sagt er zum Krokodil, das sich gar nicht wehrt, „ und nun bringe ich dich wieder dorthin, wo du hergekommen bist!“ Da öffnet das Krokodil sein großes Maul und Kasperl und Gretel können es gar nicht glauben. Es fängt zu sprechen an und erklärt ihnen, dass es so nirgends zurück kann, weil man ihm erst den kaputten Zahn ziehen muss. Für Kasperl ist dies natürlich kein Problem und er will dem armen Krokodil helfen, das dazwischen immer wieder traurig und schmerzvoll „Au! – Aua! – Auweh!“ ruft. Kasperl nimmt den Strick wieder vom Hals des Krokodils und bittet es sein Maul weit auf zu machen. „Pass auf, Kasperl!“, warnt ihn Gretel, „Das kann gefährlich werden!“ Sie bringt sich lieber in Sicherheit und versteckt sich hinter der Gartenbank auf der Terrasse. Das Krokodil versichert Kasperle, dass er keine Angst haben muss und es ihm bestimmt nichts tut. Lachend sagt Kasperl: „Das sag ich dir, du Krokovieh“, wenn du mich verschluckst, kann ich dir den Zahn nicht ziehen!“ Aber mutig blickt er dem Krokodil ins Maul und entdeckt gleich den kaputten Zahn. Kasperl bindet den Strick um den schmerzenden Zahn und mit dem anderen Ende des Seiles läuft er zur offenen Gartentür. Dort knotet er es fest am Türgriff an. Kasperl weiß von der Großmutti, wie man schnell wackelnde oder kaputte Zähne zieht, denn früher hat ihm die Großmutter seine Milchzähne auch immer so entfernt. „Aufgepasst, du Krokodil“, ruft Kasperle, „ich schlag die Tür zu!“ Mit großem Schwung knallt Kasperl die Tür ins Schloss, das Seil spannt sich blitzschnell und in hohem Bogen fliegt der große, kaputte Krokodilszahn durch die Luft! – „Auaaaa!“, ruft das Krokodil dabei, dass man es bestimmt über einen Kilometer hören kann. „Hui, der Zahn ist heraußen!“, freut sich Kasperle.
In diesem Moment wird es plötzlich dunkel, es blitzt, funkt und pfeift und das Krokodil löst sich in eine große Rauchwolke auf. Gretel spitzt hinter der Bank hervor: „Huch, Kasperle, was passiert denn jetzt?“ – Als sich die große Rauchwolke verzogen hat, trauen beide ihren Augen nicht. Aus dem Krokodil ist ein schöner Prinz geworden. Mit einer Verbeugung stellt er sich vor: „Erschreckt nicht! Ich bin Prinz Edelherz und danke euch, dass ihr mich erlöst habt!“ Lachend meint Kasperl zu ihm: „Ja, das sehe ich, hähä. Und ohne, dass dir die Gretel einen Kuss gegeben hat!“ Prinz Edelherz berichtet ihnen, dass er vor vielen Jahren vom Zauberer Wackerstein in die Gestalt dieses Krokodils verwandelt wurde, weil er Prinzessin Tausendschön heiraten wollte. Und er sollte erst wieder erlöst werden, wenn ihm ein mutiger Mensch den Schicksalszahn zieht. Schon lange war er unterwegs, aber immer wieder sind die Menschen nur vor ihm geflüchtet. Kasperl war der Erste, der es gewagt hat. Nun will er aber schnellstens zum Schloss von Prinzessin Tausendschön laufen und sie endlich heiraten. Kasperl und Gretel lädt er schon jetzt dazu ein, denn sie sollen bei der Hochzeit ihre Ehrengäste sein.
Gretel freut sich schon jetzt auf die Märchenhochzeit im Schloss und sie wollen heute schon einmal vorfeiern. Deshalb bittet Gretel den Prinzen, doch mit ihnen Brotzeit zu machen. Der Tisch ist ja schon gedeckt und alles wartet ja noch darauf, gegessen zu werden. Gretel ist ganz außer sich, wenn sie nur daran denkt, heute mit einem echten Prinzen am Tisch zu speisen.
Für Euch, liebe Kinder wäre das sicher auch einmal ganz toll, wenn ihr euch das vorstellen könnt. Aber denkt daran, nicht hinter jedem Tier verbirgt sich ein echter Prinz. Deshalb seid vorsichtig mit allen Tieren, die ihr nicht gut kennt.
Vielleicht müsst ihr heute auch noch zu Abend essen. Auch ohne einen Prinzen am Tisch wünschen euch dazu einen guten Appetit und danach eine gute Nacht die Puppenbühne Herrnleben und euer Bamberger Kasperl.
Wolfgang Herrnleben (2008)






