Das Vogelfutter

Überall im ganzen Märchenland haben die Vorboten des Winters Einzug gehalten. Es ist kalt geworden und morgens ist der Boden gefroren. Tagsüber ist schon ein paar Mal etwas Schnee gefallen, der Dächer, Wiesen, Bäume und Gehsteige mit einer glitzernden, weißen Schicht überzieht. Natürlich hat die kalte Jahreszeit auch vor dem Schlosspark nicht Halt gemacht. Auch das Königsschloss und der ganze Schlosspark haben sich in winterliche Stimmung gehüllt. Nur von vorweihnachtlicher Ruhe ist dort heute nichts zu bemerken. Schon den ganzen Nachmittag hört man ein Klopfen und ein Hämmern und eine Stimme singt dazu lauthals:
„Den Nagel rein, den Nagel rein,
das Häuschen wird bald fertig sein!“

Es ist das Bamberger Kasperl, das hier fleißig am Arbeiten ist und ein neues Vogelhäuschen im Schlosspark gebaut hat. Prinzessin Sabine kommt gerade dazu und bewundert Kasperls Bauwerk. Sie kann ihn nur für das schöne, neue Vogelhäuschen loben und findet, es ist das Schmuckstück im ganzen Schlosspark. Kasperl hofft, dass es den Vögeln auch gefällt. Prinzessin Sabine ist sich sicher, dass bestimmt alle Meislein, Dompfaffen, Spatzen, Amseln und Rotkehlchen in diesem Winter besonders gern hierher kommen. Ihnen schmeckt das Futter aus diesem neuen Häuschen bestimmt noch einmal so gut. Kasperle hofft das auch, denn die armen Vögel sollen ja im Winter nicht verhungern, weil sie ja zu dieser Zeit in der Natur sonst keine Nahrung finden. Sabine hat in einem Schüsselchen schon verschiedene Körner, Sonnenblumenkerne, geröstete Haferflocken, Hirse, Rosinen und Kürbiskerne zusammengemischt. Sie füllt einen Teil des Vogelfutters gleich ins neue Vogelhäuschen. Dann entfernen sich Beide aus der Nähe des Vogelhäuschens, weil sich ja sonst die Vögel nicht an das Futter trauen. Sie beschließen, erst einmal ins Schloss zu gehen, einen heißen Tee trinken und sich wieder aufwärmen. Pfeifend wie ein Vöglein geht Kasperl vorher noch beim Schlossgärtner vorbei und bringt ihm das ausgeliehene Werkzeug zurück.
Kaum haben Kasperl und die Prinzessin das Tor des Königsschlosses hinter sich geschlossen, ist im Schlosspark ein freudiges Kichern zu hören. „Hehehehehe“, dröhnt es aus verschiedenen Kehlen hinter einigen Gebüschen hervor. Aber von den daheim gebliebenen Vögelchen kommt das Gekicher nicht. Es sind die drei frechen Körnerfresser, die sich über das herrliche Mahl in dem Vogelhäuschen freuen. Die drei kleinen, knorrigen Männchen tippeln aus ihren Verstecken hervor, klettern am Stamm des Vogelhäuschens hinauf und machen sich über das Vogelfutter her, das allerdings nicht für sie gedacht ist. „Das ist ja ein tolles Mahl für uns Körnerfresser! – Hmm, es gibt nichts Besseres, als ein gefülltes Vogelhäuschen! – Die Vögel sollen was anderes fressen. Die frischen Körner gehören uns Körnerfressern!“, hört man sie durcheinander pappeln. Dann ist nur noch ein „Mmhh, mmhh, knack, knack, knabber, knabber!“ zu vernehmen und ratzeputz haben die drei Körnerfresser das ganze Vogelfutter aufgegessen. Doch dann öffnet sich plötzlich das Schlosstor wieder. Als die Drei das bemerken, springen sie rasch aus dem Vogelhäuschen hinunter in den Schnee und wuseln wieder in ihre Verstecke davon. Kasperl und Prinzessin Sabine kommen zurück und wollen einmal nachsehen, ob schon einige Vöglein das neue Vogelhäuschen entdeckt haben. Freudig stellt Kasperl fest, dass sich wohl schon viele Vögel über das Futter in seinem neuen Vogelhäuschen hergemacht haben, denn das ganze Häuschen ist schon leer gegessen. Sabine zweifelt aber daran, denn noch nie ist im Schlosspark das Vogelfutter so schnell wieder weg gewesen. Lachend meint Kasperl: „Warum denn nicht, hähä. Die Vögel hatten wahrscheinlich einen ebenso großen Hunger wie ich, hähä!“ Die Prinzessin hat ja noch eine Menge von ihrer Vogelfuttermischung in ihrem Schüsselchen. Sie füllt wieder etwas davon in das Vogelhäuschen und dann will sie mit Kasperle einmal beobachten, welche Vogelarten sich da so gierig über das Futter hermachen. In sicherer Entfernung verstecken sich die Beiden und legen sich auf die Lauer. Schon hören sie auch schon ein Lachen und krächzende Stimmen: „Los, ihr Körnerfresser, die Luft ist rein! – Und das Häuschen neu gefüllt! – Lasst es uns schnell wieder leer fressen, hehehehe!“ Mit flinken Schritten nähern sich schon wieder die drei Körnerfresser und stürmen das Vogelhäuschen. Ohne zu zögern fangen sie das Fressen an. Mit „Knack, knack, knabber, knabber“ beginnen sie das Vogelfutter zu vertilgen. Doch dann werden sie vom Kasperl dabei gestört. „Halt, ihr Knilche! Haben wir euch erwischt!“ Sabine hat die Drei noch nie im Schlosspark gesehen und fragt deshalb: „Wer seid ihr komischen Männchen?“ Kleinlaut sagen sie im Chor: „Wir sind die Körnerfresser!“ Kasperl fordert sie auf, sofort das Vogelhäuschen zu verlassen und sich ihre Körner woanders zu suchen, aber nicht ausgerechnet im Futterhäuschen für die Vögel. Prinzessin Sabine schlägt ihnen vor, doch zum Müller Mehlweiß zu gehen und sich von diesem Körner geben zu lassen. Davon sind die drei Körnerfresser aber nicht begeistert, denn beim Müller müssen sie die Körner immer erst am Boden zusammen suchen. Kasperl meint zu Recht, dass ihnen das gar nichts schadet. Das Futter in dem Häuschen gehört aber alleine den armen Vögeln, die es im Winter zum Überleben benötigen. Für die Körnerfresser wäre der stets gedeckte Tisch im Vogelhäuschen selbstverständlich auch eine bequeme Lösung gewesen. Doch so müssen sie das für sie ideale, reichhaltige Buffet zukünftig meiden und sich ihre Nahrung woanders besorgen. Eingeschüchtert verlassen sie mit gesenkten Köpfen den Schlosspark.
Ihr, liebe Kinder habt sicher auch schon an die armen Vöglein gedacht und mit Euerem Papa vielleicht schon ein Vogelhäuschen im Garten, auf dem Balkon oder am Fensterbrett aufgestellt. Ihr wollt ja bestimmt auch nicht, dass die kleinen Tiere im Winter Hunger leiden müssen drum füllt immer schön genügend Vogelfutter hinein, so wie Prinzessin Sabine.
So könnt ihr Euch jeden Tag darüber freuen, wenn die Vögel bei Euch vorbei kommen und die Körnchen aufpicken.
Euere Eltern geben Euch sicher auch immer genug zum Essen und ihr müsst bestimmt nie hungrig ins Bett. Wenn ihr heute schon zu Abend gegessen und Euere Zähne geputzt habt, kuschelt Euch in Euer Bettchen und schlaft gut.
Eine gute Nacht wünschen Euch die Puppenbühne Herrnleben und Euer Bamberger Kasperl!

© Wolfgang Herrnleben (2008)