DAS VORWITZIGE BUSCHWINDRÖSCHEN

Das Bamberger Kasperle ist heute Abend bei Prinzessin Ella im Königsschloss zum Abendessen eingeladen. Natürlich hat die Prinzessin beim Schlosskoch extra Kasperls Leibgericht bestellt: Bratwürstel mit Sauerkraut. Kasperl ließ es sich natürlich deshalb auch besonders gut schmecken. Gleich drei Paar Bratwürstel hat er gegessen, dazu natürlich auch eine halbe Schüssel vom gesunden Sauerkraut und einige Scheiben frisches Schwarzbrot. Mit so einem vollen Bauch konnte er logischerweise nicht gleich ins Bett zum Schlafen. Deshalb beschließen Prinzessin Ella und er, dass sie beide noch einen kleinen Verdauungsspaziergang im Schlosspark machen. Tagsüber herrschte strahlend blauer Himmel mit viel Sonnenschein und milden Temperaturen. Das war schon beinahe wie im Frühling. Doch jetzt am Abend, nachdem die Sonne hinter den Bergen untergegangen war, kühlten die Temperaturen doch rasch wieder ab und es wurde fast wieder eisig kalt. Deshalb ziehen Prinzessin Ella und Kasperle sich lieber ihre warmen Mäntel an, setzen eine Mütze auf und wickeln sich ein dickes Schal um den Hals, damit sie sich nicht erkälten. Nun verlassen beide das Schloss durch das schwere Schlosstor aus dunklem Eichenholz und gehen die breite Schloßtreppe hinunter in den Schlosspark. Vom Winter ist im ganzen Park fast nichts mehr zu sehen. Nur noch ein paar Schneereste liegen wie kleine Inseln auf den Wiesenflächen. Sonst ist aber alles noch sehr kahl, an den Bäumen hängen keine Blätter, die Blumenbeete sind noch mit Tannenzweigen abgedeckt, der Springbrunnen ist abgeschaltet und nirgends sind bunte Blümchen zu sehen. Nur der Mond schickt seine Strahlen flach in den Schlosspark und lässt die Bäume lange Schatten werfen, so dass der ganze Park sehr gespenstisch wirkt. Auf den Wegen, die vom Mondlicht leicht erleuchtet werden, spazieren Kasperle und die Prinzessin durch den stillen Schlosspark. Auf einmal springt Prinzessin Ella von Kasperle weg, seitlich in eine Wiese und ruft ganz aufgeregt: „Kasperle, Kasperle, sieh mal!“ Kasperle folgt ihr. „Was hast du denn, Prinzessin Ella?“, fragt er neugierig. Die Prinzessin haspelt ganz freudig: „Da – da! In dem Blumenbeet blüht schon ein Blümchen!“ „Ja, tatsächlich“, stellt Kasperle fest. „Das wird schon das erste Schneeglöckchen sein!“ Prinzessin Ella aber, die im Biologieunterricht in der Schule immer besonders gut aufpasst, erklärt ihm, dass das kein Schneeglöckchen ist. Denn ein Schneeglöckchen sieht anders aus. Es hat ganz lange grüne Blätter, die direkt aus dem Boden wachsen und die weiße Blüte hängt wie eine Glocke nach unten. Außerdem hat ein Schneeglöckchen nur vier Blütenkronblätter. Doch beide zählen die Blätter dieser Blüte sicherheitshalber zweimal nach. Dieses Blümchen hat aber sechs Blütenblätter. Da fällt der Prinzessin etwas ein. Das muss ein Buschwindröschen sein. Genau, die haben sechs Blütenkronblätter. Prinzessin Ella weiß, das bei Buschwindröschen die Blütenunterseite rosa sein muss. Drum kippt sie eines der Blätter vorsichtig leicht nach oben und kontrolliert die Farbe. Aber auch im schwachen Mondlicht kann man es genau erkennen, die Unterseite ist wirklich rosa. Ella wundert sich nur, dass es jetzt schon blüht. Normalerweise blühen die Buschwindröschen doch erst im März oder sogar später, wenn der Winter vorbei ist. Lachend meint Kasperle, dass es sich vielleicht in der Jahreszeit geirrt hat und halt zu bald aus der Erde geschlüpft ist. Prinzessin Ella macht sich aber Sorgen um das kleine Blümchen. Der Winter ist ja schließlich noch lange nicht vorbei und da besteht die Gefahr, dass es an einem kalten Tag oder in den eisigen Nächten erfriert. Doch Kasperle beruhigt sie, weil er meint, dass es die Natur wohl schon so eingerichtet hat, dass die Pflanzen nur zum richtigen Zeitpunkt aus der Erde sprießen, damit sie nicht erfrieren. Und damit die Prinzessin und er nicht erfrieren, schlägt er vor, dass sie lieber wieder zurück ins Schloss gehen und morgen Früh gleich wieder nach dem Blümchen sehen. Irgendwie ist die Prinzessin darüber nicht ganz glücklich, doch was sollte sie tun. Also bleibt ihr nichts anderes übrig, als mit Kasperl wieder zum Schloss zurück zu laufen, damit sie sich selbst nicht erkälten.
Kurz nachdem die Beiden wieder das warme Schloss betreten und das Schlosstor hinter sich geschlossen und zugesperrt haben, fängt das kleine Buschwindröschen mit leiser, heller Stimme das Sprechen an. „Was haben die beiden Menschen nur?“, wundert sich das kleine Blümchen. „Bloß weil sich die anderen Frühlingsblumen nicht aus der Erde trauen, muss ich doch nicht auch ewig in der Erde versteckt bleiben. Schließlich scheint ja fast den ganzen Tag die Sonne, es ist herrlich blauer Himmel und warm genug ist es auch. Der Winter muss längst vorbei sein und ich kann bestimmt schon hier in dem Blumenbeet blühen. Sollen sich die Menschen doch darüber freuen.“

Kaum hat sie das gesagt, kommt plötzlich mit Gebraus und eisigem Wind Väterchen Frost in den Schlosspark und zieht eine eisige Kälte hinter sich her. Über dem Beet mit dem vorwitzigen Buschwindröschen unterbricht er schlagartig seinen Sturmflug und hält an. „Nanu, was seh ich denn da im Beet?“, fragt der Frost mit seiner tiefen, hallenden Stimme, „Wer bist du kleines Blümchen denn?“ Ängstlich und eingeschüchtert sagt das Blümchen: „Ich bin das Buschwindröschen und wer – wer bist du?“ „Ich bin der Frost.“, antwortet er und wundert sich, dass ihn das Buschwindröschen nicht kennt. Aber es kann ihn eigentlich auch gar nicht kennen, denn Buschwindröschen kommen ja normalerweise erst dann aus der Erde, wenn der Frost vom Frühling aus dem Land vertrieben wurde. Deshalb warnt er das kleine Blümchen vor der Kälte, die er heute Nacht in den Schlosspark bringt. Und morgen Früh, wenn der Morgen dämmert, liegt er dann als Reif auf Feldern, Wiesen und auch im ganzen Schlosspark. „Oje“, erschrickt das Buschwindröschen, „Ist denn das Frühjahr noch nicht da?“. Der Frost verneint und sagt ihm, dass immer noch Winter ist und bei den kalten Temperaturen, die gerade nachts die Luft und die Erde abkühlen, muss es sicher erfrieren. Schadenfroh lacht er über die Dummheit des dummen Buschwindröschens und rauscht kreuz und quer durch den Schlosspark, verteilt seine winterliche Kälte über jedes Fleckchen Erde und zieht dann weiter.
Völlig verzweifelt jammert das Buschwindröschen weinerlich: „Auweia, ich bin verloren! Ich muss erfrieren! Was mach ich nur?“ Da kommt dem Buschwindröschen eine Idee. Vielleicht können ihm die Menschen helfen, die es vorhin gefunden haben. „Hilfe! Hilfe!“ ruft es mit seiner zarten Stimme. Nur ganz leise ist sein Rufen im Schlosspark zu hören. Doch die hellen Töne dringen trotzdem durch die dicken Schlossmauern hindurch bis in Kasperls Ohren. Er meint, dass das Rufen aus dem Schlosspark kommen muss. Schnell eilt er mit Prinzessin Ella noch einmal hinaus und sie versuchen heraus zu finden, woher die Hilferufe kommen. Inzwischen ist der Mond dummerweise genau hinter die großen Tannen gewandert und sein Licht ist zu schwach, um etwas zu erkennen oder zu sehen. „Hilfe! Hilfe!“, ruft das Buschwindröschen noch einmal. Kasperle ruft fragend zurück: „Hallo, wo ist denn jemand?“ Prinzessin Ella entdeckt im Halbdunkeln das Buschwindröschen, welches um Hilfe ruft. Weinerlich und aufgeregt erzählt das Buschwindröschen vom Frost, der ihr gesagt hat, dass es erfrieren muss, weil es aus dem schützenden Erdboden gespitzt hat. Kasperle beruhigt das Blümchen erst einmal, ist aber auch ratlos, wer ihm gegen die frostige Kälte helfen kann. Das Buschwindröschen bittet Kasperle in seiner Verzweiflung doch die Blumenelfe zu wecken, die in der alten Eiche im Schlosspark wohnt. Sie ist die Einzige die ihr wohl helfen könnte. Also macht sich Kasperle gleich auf den Weg zu dem alten Eichenbaum und klopft heftig gegen den dicken Stamm. „Bitte, liebe Blumenelfe, komm bitte schnell!“, ruft Kasperle, „Du musst dem kleinen Buschwindröschen helfen!“ Sein Klopfen hat die Blumenelfe tatsächlich aufgeweckt. Sie wundert sich, dass schon ein Buschwindröschen blüht. Schmunzelnd schüttelt die Blumenelfe den Kopf und meint, es muss wohl ein besonders vorwitziges Blumenkind sein, dass zwei Monate zu früh aus der Erde gekommen ist. Da das Blümchen nun nicht mehr in die wärmende Erde zurück kann, will ihm die Blumenelfe helfen. Sie gräbt das Buschwindröschen vorsichtig mit seinen Wurzeln aus und nimmt es mit in ihre warme Baumwurzelhöhle. Dort kann es weiterschlafen, bis es Frühling wird und keine Gefahr mehr besteht, dass es erfrieren muss. Das Buschwindröschen bedankt sich bei der Blumenelfe, bei Kasperle sowie der Prinzessin und verspricht, nie mehr so vorwitzig zu sein. Kasperle und Prinzessin Ella sind erleichtert und froh, dass das hilflose, kleine Blümchen gerettet werden konnte. Jetzt ist wieder Ruhe im Schlosspark und alle können sich schlafen legen.

Ihr, liebe Kinder müsst in euerem warmen Bettchen bestimmt auch nicht frieren und wenn es draußen noch so kalt und frostig ist. Deshalb wünschen Euch die Puppenbühne Herrnleben und das Bamberger Kasperle auch  eine gute Nacht!

© by Wolfgang Herrnleben (2008)