Im Märchenwald wird es nun in den Abendstunden – wie überall – bald dunkel und empfindlich kalt. Da können die Tiere und Zwerge im Märchenwald vor dem Schlafengehen nicht mehr solange zwischen den Tannen, Fichten und anderen Bäumen spielen und herum tollen. Die Tiere verschwinden bald in ihrem Bau oder ihren Höhlen. Und die Zwerge? – Sie gehen bei Einbruch der Dunkelheit lieber in ihre Wohnungen unter den Baumwurzeln oder in ihre Pilzhäuser. Auch das Zwergensöhnchen Pimperle ist schon lange im Zwergenpilzhaus und sein Zwergenvater Bommelhut hat sein Söhnchen in sein kuscheliges, buntes Zwergenbettchen geschickt. – Aaah, nun ist endlich Ruhe im Zwergenpilzhaus eingekehrt. Zwergenvater Bommelhut macht es sich in seinem Zwergenschaukelstuhl gemütlich und zündet sich sein Pfeifchen an. Es ist seine Lieblingspfeife mit dem Pfeifenkopf, den er sich heute selbst aus einer Eichelschale ganz neu geschnitzt hat. - Doch der gemütliche Feierabend im Zwergenpilzhaus dauert nicht lange! – Zwergensöhnchen Pimperle krabbelt wieder aus seinem Bettchen und steht plötzlich wieder neben seinem Vater, der genüsslich seine Pfeife schmaucht. Als sich Bommelhut erstaunt erkundigt, warum Pimperle wieder aus seinem Bett gekrochen ist, bringt Pimperle zur Entschuldigung: „Ich kann einfach nicht einschlafen, Papa Bommelhut, weil das Sandmännchen heute noch nicht bei mir war!“ Da wundert sich der Zwergenvater aber schon, denn das Sandmännchen kommt sonst auf seinem abendlichen Weg immer als erstes zu Pimperle. – Nur heute nicht! – Und ohne den Schlafsand vom Sandmännchen kann Pimperle nicht schlafen. Da Papa Bommelhut weiß, dass das Sandmännchen auf seiner abendlichen Tour danach als nächsten immer zum Bamberger Kasperl geht, will er diesen einmal fragen, ob er heute auch noch auf das Sandmännchen wartet.
Da sich Papa Bommelhut nun auch Sorgen macht, warum das Sandmännchen nicht kommt, macht er sich auf den Weg zu Kasperl. Als er dort an die Tür klopft, macht Kasperle gleich selbst die Haustüre auf. Er schläft nämlich auch noch nicht, weil er selbst auf den Besuch vom Sandmännchen wartet, dass heute überfällig ist, um ihm den Traumsand in die Augen zu streuen. Da sich Beide nicht erklären können, warum das Sandmännchen heute nicht kommt, machen sie sich auf den Weg, um es zu suchen. Sie fragen sich: „Hat es sich verlaufen? – Ist es krank geworden? – Ist ihm etwas passiert?“ – Aber vielleicht hat es sich auch nur verspätet. So laufen Bommelhut und Kasperle durch den dunklen Wald und rufen laut nach dem Sandmännchen.
Ihr Rufen hat die Fee Rosenfein aus dem Feenschloss gelockt und sie erkundigt sich, wer hier am Abend so einen Lärm im Märchenwald macht. Kasperl und Bommelhut erzählen ihr, dass sie das kleine Sandmännchen suchen, weil es heute noch nicht bei ihnen war, so wie sonst jeden Tag. Die Fee findet das auch sehr seltsam und bietet den Beiden ihre Hilfe bei der Suche an. Kasperl findet das prima: „Danke, gute Fee Rosenfein! Das ist lieb von dir. Sechs Ohren sehen mehr als vier – äh, hähähä, ich mein natürlich – sechs Augen sehen mehr als vier!“ Doch die gute Fee kann ihnen die Suche erleichtern. Warum sollen sie denn ziellos durch den Wald streifen und lange suchen, wenn es viel – viel einfacher geht. Sie besitzt doch schließlich ihr wertvolles Zauberglöckchen. Mit dem braucht sie doch nur läuten und einen Spruch aufsagen und es wird sie dann direkt zum Sandmännchen führen. Zum Glück hat die Fee das Zauberglöckchen bei sich, läutet damit und sagt dazu ihren Spruch:
„Zauberglöckchen, zeig uns die Stell’,
wo Sandmännchen ist, ganz schnell!“
Daraufhin schwebt das Glöckchen mit lautem Gebimmel durch den Wald los, zwischen den Bäumen und Büschen hindurch, über Gräben und Büsche hinweg, bis hin zur Waldschule, in die Pimperle jeden Tag zum Waldlehrer Uhu geht. – Dort schwebt es vor der Türe bimmelnd hin und her, von links nach rechts und wieder von rechts nach links. Bommelhut glaubt, das Zauberglöckchen hat etwas falsch verstanden, denn sie suchen ja nicht nach Pimperle, sondern nach dem Sandmännchen! – Als die Feenkönigin, Bommelhut und Kasperle auch an der Schultüre ankommen, schwebt das Zauberglöckchen weiter um die Waldschule herum und bleibt letztendlich vor einem Klassenzimmerfenster in der Luft stehen. Die Fee Rosenfein wundert sich, warum ihr Zauberglöckchen plötzlich hier einfach in der Luft anhält und nicht mehr weiter schwebt. Doch – da hören die Drei auf einmal ein Klopfen! – Wo kommt das her? – Sie laufen auch zu dem Klassenzimmerfenster, vor dem das Glöckchen wie an einem unsichtbaren Faden in der Luft hängt und merken, dass hier jemand von innen an die Glasscheibe klopft. „Hallo, befreit mich!“, hören sie jemand aus dem Klassenzimmer rufen. „Ich bin es, das kleine Sandmännchen! – Ich bin hier eingesperrt!“ Kasperl drückt seine Nase platt an das Fensterglas und schaut hindurch. – Tatsächlich, da drin erkennt er im Dunkeln das kleine Sandmännchen. „Ja hallo, kleines Sandmännchen“, ruft er durch das verschlossene Fenster, „was machst du denn so spät noch in der Waldschule? – Du müsstest doch längst zu den Tieren, Zwergen und uns Kindern im Märchenland und uns deinen Schlafsand in die Augen streuen, damit wir auch heute Nacht gut schlafen können!“ Das Sandmännchen erzählt ihnen darauf hin, dass es der böse Schulkobold hier festgehalten hat und es nach dem Schulunterricht hier in der Waldschule vom Lehrer Uhu eingesperrt hat, damit es heute keinem Tier, keinem Zwerg und keinem Kind seinen Schlafsand in die Augen streuen kann. – Der Schulkobold will damit nämlich erreichen, dass heute Nacht alle nicht richtig schlafen können und morgen verschlafen und den ganzen Tag nur müde in ihren Betten liegen, nicht spielen, nicht lernen und vor Müdigkeit keine Hausaufgaben machen können. Kasperl findet diesen Streich sehr dumm, auch die Fee Rosenfein, die sofort etwas gegen die böse Absicht des Schulkobolds unternehmen will. Sie fängt ihr Zauberglöckchen aus der Luft auf und läutet mit ihm zu einem weiteren, hilfreichen Spruch:
„Alle Türen der Schule öffnen sich eins-zwei-drei,
Sandmännchen bist gleich wieder frei!“
Im Nu öffnen sich alle Türen der Waldschule und das Sandmännchen stürmt wieder hinaus in die Freiheit. Es bedankt sich bei der Fee Rosenfein für die Hilfe und macht sich gleich auf den Weg, um allen Kindern, Tieren und Zwergen auch heute noch – wie jeden Abend – seinen Schlafsand in die Augen zu streuen.
Kasperl will nun auch schnell nach Hause zurück laufen, damit er rechtzeitig in seinem Bett liegt, bevor das Sandmännchen bei ihm eintrifft, sonst bekommt er ja vom Schlafsand nichts ab.
Ihr, liebe Kinder, müsst also auch heute nicht auf eueren Schlafsand verzichten, denn es wird nicht mehr lange dauern, dann wird das kleine Sandmännchen auch bei Euch vorbei kommen und euch seinen Sand in die Augen streuen. Also kuschelt Euch schon mal in Euere weichen Bettchen, schlaft gut und träumt was Schönes. Morgen Früh, wenn Ihr aufwacht, werdet Ihr bestimmt den Traumsand vom Sandmännchen in Eueren Augenwinkeln spüren. Dann wisst Ihr ganz sicher, dass es heute Abend wirklich noch bei Euch war, auch wenn Ihr es nicht gesehen habt.
Eine gute Nacht wünschen allen Kinder das Bamberger Kasperle und die Puppenbühne Herrnleben.
Wolfgang Herrnleben (GaPa, 2009)






