DER BLÜTENHONIG

Es ist wieder einmal dasselbe, wie jeden Abend. Die Großmutter vom Bamberger Kasperl hat für alle wieder ein leckeres Abendessen auf den Tisch gestellt, allen hat’s geschmeckt und sie haben brav aufgegessen. Natürlich haben Gretel, Seppl und Kasperl danach der Großmutti geholfen. Sie haben den Tisch mit abgedeckt, das Geschirr gespült und abgetrocknet und alles wieder in den Küchenschrank geräumt. Darüber freut sich Großmutter immer ganz besonders, weil sie dann nicht immer alles alleine machen muss. Fleißig und lieb sind die drei schon und sind der Großmutter immer dankbar, für all die leckeren Sachen, die sie ihnen kocht. Doch, wenn alles erledigt ist, haben die drei bis zum Schlafengehen immer noch jede Menge zu erledigen. Entweder sie wollen noch etwas für die Schule lernen, wollen noch etwas im Garten spielen, ein Buch lesen oder einfach noch Fernseh gucken, so wie heute. Und weil ja morgen schulfrei ist, hat es ihnen Großmutti auch erlaubt. Dafür ist die Großmutter nun ganz alleine in der Küche zurück geblieben. Zum Fernseh schauen hat sie keine Lust, deshalb will Großmutti die Zeit nutzen und schon einmal für den nächsten Tag den Frühstückstisch herrichten. Als sie alles nacheinander auf den Tisch stellt, merkt sie, dass das Honigglas schon wieder leer gegessen ist. Da auch in der Speisekammer kein Honig mehr vorrätig ist, ruft Großmutter nach Kasperle und Seppl. Beim dritten Mal rufen haben die Beiden endlich gehört und kommen angerannt. „Ja, Großmutti, sollen wir Dir noch etwas helfen?“, fragt Kasperle. Großmutter sagt ihnen, dass für morgen kein Honig mehr für ihre Frühstücksbrötchen im Glas ist und bittet sie, doch beim Onkel Simon gleich einen kleinen Eimer voll frischen Honig zu holen. Seppl hat dazu natürlich keine Lust mehr und hat gleich eine Ausrede auf Lager: „Ach, Großmutti, ich brauch nicht unbedingt einen Honig. Mir ist ein Brötchen mit viel Wurst drauf sowieso lieber!“ „Das denk ich mir!“, sagt die Großmutter erst lächelnd darauf. „Aber du sollst nicht nur Wurst essen. Etwas Abwechslung beim Frühstück muss schon sein. Und ein echter Honig ist das genau das Richtige. Er hat viele Vitamine und ist sehr gesund!“, versucht sie Seppl zu erklären. Doch der lässt sich nicht überzeugen und deshalb macht sich Kasperle alleine auf den Weg zu Onkel Simon. Der Onkel sitzt am Abend immer müde in seinem Sessel im Wohnzimmer, ruht sich aus oder macht Kreuzworträtsel. Darum muss Kasperle schon ein paar Mal und immer fester an seine Tür klopfen, bis dieser endlich die Haustüre öffnet. „Ja, grüß dich, Kasperle!“, sagt Onkel Simon, „Schön, dass du mich am Abend einmal besuchen kommst!“ Doch leider muss ihn Kasperl enttäuschen, denn nur zum Besuchen ist er nicht gekommen. „Die Großmutti schickt mich. Ich soll einen kleinen Eimer Honig kaufen, weil wir unseren schon aufgemampft haben, hähä.“, sagt ihm Kasperle in seiner lustigen Art. Onkel Simon muss ihn aber enttäuschen, denn heuer gibt es noch keinen Honig zum Verkaufen. Kasperle kann es gar nicht glauben, denn die Zeit ist doch längst gekommen, in der die Bienen genügend Nektar sammeln können. Auf Felder und Wiesen blühen doch schon jede Menge bunte Blumen. Onkel Simon muss Kasperle Recht geben, denn normalerweise müsste er tatsächlich schon längst Honig bei seinen Bienen holen können. Aber die Waben seines Bienenvolkes sind immer noch leer. Jeden Tag schaut er dort ein paar Mal vorbei, aber sie haben heuer noch keinen Blütenhonig gesammelt. Und ab dem Monat Juni gibt es ja eigentlich schon wieder Waldhonig. Kasperl will wissen, woran das liegen kann. Doch Onkel Simon kann es sich auch nicht erklären. Er kann sich nur denken, dass seine Bienenvölker heuer so faul sind oder den ganzen Nektar als Nahrung für sich selbst aufbrauchen. Kasperle schlägt vor, dass sie doch einmal zum Bienenstock gehen sollten, um nachzusehen, ob vielleicht heute etwas Honig drin ist. Der Onkel ist damit einverstanden, gibt Kasperle einen Schutzumhang und eine Imkerhaube, damit Kasperle von den Bienen nicht gestochen werden kann. Onkel Simon setzt sich nur eine Imkerhaube auf. Dann machen sie sich auf den Weg durch den Garten bis hin zum Bienenstock. Umso näher sie aber kommen, um so lauter hören sie das Surren der vielen Tausend Bienen. „Na horch doch, Onkel Simon“, sagt Kasperle, „so faul können deine Bienen gar nicht sein. Sie surren doch ganz emsig um ihren Bienenstock herum!“ Onkel Simon erwidert brummelnd unter seiner Haube: „Mir wäre es lieber, sie würden emsig Honig produzieren!“ Auf einmal kommt eine kleine Biene aus dem Bienenstock direkt auf sie zugeflogen und kreist immer wieder surrend um ihre Köpfe herum. „Kasperl, nicht nach ihr schlagen!“, warnt der Onkel. „Nein, nein“, beruhigt ihn Kasperle, „ich will sie ja nicht wild machen! Außerdem kenn ich sie! Das ist doch die kleine Biene Sumsi!“ Die kleine Biene hat nun Kasperle auch an seiner Stimme erkannt, denn mit dem Schutzumhang und der Imkerhaube wäre dies sonst nicht möglich gewesen. „Summ, summ“, fragt sie mit ihrer zarten Stimme, „was machst du denn beim Bienenonkel Simon, Kasperle?“ „Hähä“, lacht Kasperle unter seiner Imkerhaube hervor, „ich wollte eigentlich ein Eimerchen Honig kaufen. Aber Onkel Simon kann mir keinen geben, weil ihr noch keinen in eueren Waben habt!“ Sumsi versichert ihm aber fast schon etwas beleidigt, dass sie freilich jeden Tag fleißig genügend Honig in ihre Waben sammeln. Onkel Simon wundert sich dann nur, warum nie etwas da ist, wenn er welchen holen will. „Aber, Onkel Simon“, summt das kleine Bienchen, „du kommst doch jeden Abend und schleuderst unseren Honig heraus! Du musst doch schon ganz viele Eimer voll haben!“ Der Onkel hat aber noch keinen Abend Honig schleudern können, da die Waben immer leer waren, wenn er nachschaute. Er meinte schon, die kleine Biene schwindelt nur, weil Kasperle dabei ist. Doch Kasperle glaubt Sumsi und hat das Gefühl, dass da etwas faul ist. „Sag mal, Sumsi“, forscht Kasperle nach, „habt ihr denn den Onkel Simon immer genau erkannt?“ Aber nach genauem Überlegen kann das Sumsi nicht hundertprozentig sagen, denn die Bienen können ja nicht erkennen, wer unter der Imkerhaube steckt. Zudem macht derjenige mit seiner Imkerpfeife immer  solchen Qualm, dass die Bienen vor lauter Rauch immer niemanden erkennen können. Kasperl schätzt, dass da wohl ein frecher Honigdieb sein Unwesen treibt. Aber heute war noch niemand da, der den Honig abgeholt hat, erklärt ihnen Sumsi. Kasperl hat da eine Idee und beschließt mit Onkel Simon, sich doch hinter dem Gartenhaus zu verstecken, um zu beobachten, ob der Doppelgänger noch hier auftaucht. Beide gehen also dort in Deckung und spitzen immer wieder hinter dem Häuschen hervor, Sumsi fliegt zurück zu ihrem Bienenvolk, um ihnen davon zu erzählen und ihre Brüder und Schwestern zu warnen. Erst tut sich gar nichts, doch auf einmal kommt doch tatsächlich jemand aus dem Gartenhaus, eingehüllt in einem Schutzmantel, mit Imkerhaube auf dem Kopf und geht mit qualmender Imkerpfeife auf den Bienenstock zu. Wer mag der Honigdieb nur sein? Unter der Schutzkleidung und durch die Rauchwolke kann man wirklich nicht erkennen, wer sich da nähert. Aber mit Kasperls Hilfe, will Onkel Simon nun herausfinden, wer hier immer unberechtigt den Honig der Bienen abholt. Kasperl flüstert: „Los, Onkel Simon, schleichen wir uns an und dann zieh ich dem Honigdieb die Haube herunter!“ „Und ich nehm ihm meine Imkerpfeife ab!“, beschließt Onkel Simon. Der Dieb ist mittlerweilen schon beim Bienenstock angekommen und will gerade den Honig herausholen. Sumsi hat aber inzwischen ihrem ganzen Volk von dem Dieb informiert und deshalb strömen alle Bienen heraus und greifen den Dieb an, um ihren Honig zu verteidigen. Der Dieb fuchtelt wie wild um sich. Aber durch den riesigen Bienenschwarm ist kein Durchkommen. „Weg, weg! Ihr blöden Bienen!“, ruft der Honigdieb. Das hat natürlich auch Kasperle gehört. „Hähä, Onkel Simon, ich glaub ich weiß, wer unter der Imkerhaube steckt!“ Schnell springen Kasperle und der Onkel aus ihrem Versteck hervor, Kasperl zieht dem Dieb die Imkerhaube herunter und Onkel Simon greift sich die Imkerpfeife. Kasperle hatte richtig vermutet, der Dieb ist die Hexe Schleckermaul. Diese ist jetzt natürlich völlig wehrlos gegen den Bienenschwarm, der sie umzingelt und angreift. „Jagd doch die Bienen weg! Au! Au! Sie stechen mich ja überall!“, schreit die Hexe Schleckermaul. Ja, meint Kasperl, das kommt davon, wenn man sich unberechtigt einem fremden Bienenstock nähert. Jammernd erklärt die Hexe, dass sie doch nur Honig haben will, weil der von Onkel Simons Bienen besonders süß ist. Sumsi sagt aber, dass sie den Honig alleine für Onkel Simon produzieren und die Hexe hätte nie welchen bekommen, wenn sie sie nicht mit ihm verwechselt hätten. Ja so billig wird die Hexe wohl keinen Honig mehr kriegen, denn in Zukunft muss sie ihn genauso wie alle anderen bei Onkel Simon kaufen. Sumsi fliegt nun mit ihrem Bienenvolk zurück in den Bienenstock. Sie warten nun darauf, dass heute noch Onkel Simon wieder selbst ihren Honig abholt, den sie eifrig den ganzen Tag über gesammelt haben. Und die Hexe Schleckermaul? Ja, sie wird sich wohl an keinen fremden Bienenstock heranmachen, denn die vielen Stiche, die ihr die Bienen verpasst haben, waren ihr eine Lehre, die sie so schnell nicht vergisst. Das erste Eimerchen frischen gesunden Honig bekommt natürlich heute Kasperle ganz umsonst als Belohnung. Und freut sich schon heute auf sein Frühstück morgen und sein Butterbrötchen mit frischem, gesunden Honig von Onkel Simons Bienen.
Ihr liebe Kinder, esst sicher auch gerne ein leckeres Honigbrötchen. Und denkt immer daran, dass ihr echten Honig den fleißigen Bienen zu verdanken habt, die jeden Tag stundenlang und viele Kilometer herumfliegen und Nektar dafür bei den Blumenblüten sammeln müssen. Deshalb erschlagt Bienen nicht, die ihr in der Natur antrefft, denn sie sind sicher gerade unterwegs, um den Nektar für eueren Honig zu sammeln.
Wenn ihr ausgeschlafen habt und morgen in euer Honigbrötchen beißt, denkt an die vielen emsigen Bienen, denen ihr den leckeren Honig zu verdanken habt.
Eine gute Nacht wünschen Euch die Puppenbühne Herrnleben und das Bamberger Kasperle!

© by Wolfgang Herrnleben (2008)