Der König vom Regenbogenland hat heute Vormittag seinen Diener zum Bamberger Kasperl geschickt. Das war natürlich sehr ungünstig, denn – so wie die meisten Kinder – war Kasperl heute morgen in der Schule. Aber zum Glück war Kasperls Großmutter zuhause. Der Diener hat sie gebeten, Kasperl vom König zu bestellen, dass er so schnell wie möglich zum Schloss ins Regenbogenland kommen soll. Damit es die Großmutter nicht vergisst, hat sie die Nachricht sicherheitshalber auf einen Zettel geschrieben und diesen an Kasperls Zimmertür gehängt.
Als Kasperl von der Schule heimkommt, hat er die Nachricht gleich gefunden. Doch ist Kasperl nicht gleich los gestürmt, denn erst einmal hat er tüchtigen Hunger. Und mit leerem Magen will sich Kasperl nicht auf den weiten Weg durch den Schnee machen. Schnell futtert er zwei Teller von Großmuttis leckerem Gemüseeintopf und macht sich dann gut gestärkt auf den Weg.
Dass er nun wieder fit ist, hört man schon von weitem. Lautstark singt er unterwegs ein Liedchen, zu dessen Takt er marschiert:
„Bei Schnee und Eis,
da zieh ich los.
Juppheidi – juppheida.
Und gehe heut zum Königsschloss,
juppheidi-heida!“
Dieses Liedchen singt er wieder und immer wieder, solange bis er endlich beim Königsschloss im Regenbogenland ist.
Dort klopft er feste an das schwere Eichentor und gemeinsam öffnen ihm der König und Prinzessin Christina völlig aufgelöst das Tor. „Grüß Gott, Herr Majestät! Halli-hallo, Prinzessin Christina!“, ruft er ihnen temperamentvoll zu und will dann aber gleich wissen, warum sie denn so aufgeregt sind.
Der König meint, dass hätte Kasperl doch sogar selbst merken müssen. – Kasperl ist aber nichts Besonderes aufgefallen. Da weist ihn Prinzessin Christina ganz entsetzt darauf hin, dass seit ein paar Tagen jeden Morgen alle Dächer, Wege und Wiesen mit weißem Pulver bedeckt sind. Kasperl wundert sich, warum sie ihn extra deswegen geholt haben, denn das ist doch nichts Besonderes. Böse ist ihnen Kasperl aber deswegen nicht, ganz im Gegenteil! – Er muss erst einmal kräftig darüber lachen: „Hähähä, das ist doch ganz normal. Es wird eben Winter und einer seiner Vorboten ist der Frost. Was sonst früh morgens als Tau überall zu finden war, ist jetzt bei der nächtlichen Kälte eben gefroren, hähähä!“ – Der König kann darüber aber gar nicht lachen. Wenn es auch überall normal ist, hier im Regenbogenland jedenfalls nicht, denn hier gibt es keinen Winter. Im Regenbogenland ist das ganze Jahr über Sommer und es ist immer warm. Seit ein paar Tagen frieren sie aber nur noch und wissen nicht, was sie dagegen tun könnten. „Das ist doch ganz einfach!“, findet Kasperl. „Ihr braucht doch nur eueren Kamin anzuschüren!“ Doch für den König ist das schon ein Problem, denn niemand im ganzen Schloss weiß, wie man einen Kamin anschürt. Bisher war das ja auch nie nötig, weil es ja immer warm genug war. Kasperl erklärt sich dazu bereit, ihnen im ganzen Schloss alle Kamine und Öfen anzuschüren, damit sie in den eiskalten Gemäuern nicht erfrieren müssen. – Aber – zum Anschüren braucht er natürlich genügend Holz. Prinzessin Christina weiß, dass im Schlosskeller seit Jahren jede Menge Holz gelagert ist, welches sie aber bisher nur in der Schlossküche für den Herd benötigt haben.
Solange die Prinzessin Kasperl den Weg in den Keller zeigt, kommt draußen vor dem Schloss – begleitet von Eiseskälte und Windbrausen der Eisprinz Holger an. Er ist beleidigt und gekränkt, weil ihn Prinzessin Christina nicht zum Prinzgemahl nimmt, obwohl er schon sooft um ihre Hand angehalten hat. Er will sich aber nie mehr so einfach davon schicken lassen, wie bei seinem letzten Versuch. Er will Prinzessin Christina zur Frau haben und ist sich sicher, ihm gelingt das auch. Und wenn sie ihn nicht freiwillig zum Prinzgemahl nimmt, dann will er sie mit der Macht des Frostes und Eiseskälte dazu zwingen. Er klingelt mit den Eiszapfen, die er immer dabei hat. Prinzessin Christina kennt dieses Klingeln schon, macht darauf hin das Schlosstor nur einen Spalt auf und sagt ihm nur abweisend: „Eisprinz Holger, was willst du schon wieder hier? – Ich hab dir doch schon gesagt, ich will keinen Eisprinzen. Du bist mir zu kalt!“ Eisprinz Holger lässt sich das aber nicht gefallen. Er will sie weiter erpressen, denn den Frost hat er schon ins Regenbogenland geschickt. Und wenn sie jetzt nicht mit ihm kommt und ihn heiratet, will er Schnee und Eis kommen lassen und das ganze Schloss ringsherum einfrieren lassen. Prinzessin Christina lässt sich aber nicht erpressen und schlägt ihm die Tür vor der Nase zu. – Der Eisprinz gibt aber nicht auf und macht seine Drohung wahr und ruft mit einem Spruch sein Heer aus Schnee und Eis:
„Ich ruf mein Heer aus Schnee und Eis,
friert ein das Schloss, macht alles weiß!“
Ein pfeifender, eisiger Wind zieht heran und es wird immer kälter. Im Nu ist das ganze Schloss von einer dicken Eisschicht überzogen. Die Kälte ist so mächtig, dass selbst alle vom Kasperl angezündeten Kamine und Öfen nicht dagegen ankommen. Trotz der Wärme, die sich nun im Inneren des Schlosses ausbreitet, wird sie von der Eiseskälte, die von außen durch die Schlossmauern nach innen dringt, weit übertroffen. Im Schloss wird es deshalb kälter und kälter! – Prinzessin Christina eilt zu Kasperl und erzählt ihm von den bösen Absichten des Eisprinzen. Ratlos steht sie vor ihm und weiß nicht, was sie dagegen tun können. Eines ist allerdings sicher: Heiraten wird sie diesen eisigen Königssohn niemals! –
Da kommt Kasperl eine Idee! – Er vermutet, dass der Eisprinz wohl alles vertragen kann, nur keine Wärme. – Deshalb soll ihn Prinzessin Christina doch noch einmal herbei rufen und ihn ins Schloss locken. Auch, wenn die Kälte von außen durch die Mauern dringt, müsste es im Inneren viel zu warm für diesen eisigen Prinzen sein. – Doch als die Prinzessin die schwere Tür öffnen will, um den Eisprinzen herein zu bitten, bekommt sie die Türe nicht auf. Diese ist nämlich fest zugefroren! – Kasperl hilft ihr und drückt fest dagegen. – Gemeinsam schaffen sie es! – Mit einem lauten Knarren und Klirren durchbrechen sie die dicke Eisschicht an der Tür und können sie öffnen. Prinzessin Christina ruft nach Eisprinz Holger. – Der war natürlich noch in der Nähe und eilt freudig ins Schloss, weil er hofft, Prinzessin Christina endlich zur Frau zu bekommen. – Kaum ist er im Schloss, schließt Christina die Tür und wie von Kasperl geahnt, ist es dem Eisprinzen im Inneren noch zu warm. „Nein, nicht!“, ruft er. „Macht die Tür wieder auf! In Euerem Schloss ist es mir zu warm! Ich schmelze sonst und werde zu Wasser!“ Prinzessin Christina muss ihm leider mitteilen, dass sie nur bei solchen warmen Temperaturen leben kann, weil sie sonst erfriert! – Aber, was für die Prinzessin normal ist, empfindet der Eisprinz als viel zu warm und will schnell wieder aus dem beheizten Schloss hinaus. – Kasperl würde ihn ja gerne wieder ins Freie lassen, aber das geht leider nicht, weil er sämtliche Türen und Fenster zugefroren hat.
Der Eisprinz sieht ein, dass er und Prinzessin Christina schon allein wegen ihres unterschiedlichen Wärme- und Kältegefühls nicht zusammen passen und in zwei verschiedenen Welten leben.
Wieder nur mit einem Spruch befiehlt er Schnee und Eis wieder zurück:
„Zurück mein Heer aus Schnee und Eis,
im Regenbogenland sei es wieder heiß!“
Unter starkem Windbrausen verschwinden Schnee, Eis und die bittere Kälte wieder aus dem Regenbogenland. Und weil es nun auch draußen zu warm für den Eisprinzen ist, flüchtet er ganz schnell, bevor er zu Wasser schmilzt. Prinzessin Christina ist sich nun sicher, dass sie der Eisprinz nicht mehr belästigen wird.
Ihr, liebe Kinder, lebt allerdings nicht im Regenbogenland, wo es immer nur Sommer und warm ist. Aber sicher freut Ihr Euch auf den kommenden Winter und seine Freuden. Wenn’s vielleicht tagsüber draußen auch sehr kalt sein mag, in Euerer Wohnung und Euerem Bettchen ist es bestimmt immer schön kuschelig warm. Also krabbelt nun schön unter Euere weiche Bettdecke und schlaft gut!
Die Puppenbühne Herrnleben und Euer Bamberger Kasperl wünschen Euch eine gute Nacht!
Wolfgang Herrnleben (GaPa, 2009)






