Das Bamberger Kasperle und sein Freund Seppl haben sich heute bei herrlichem Wetter und strahlendem Sonnenschein auf den Weg in die Natur gemacht. Überall grünt und blüht es, viele Bäume tragen ein buntes Kleid, auf den Wiesen blühen mittlerweilen verschieden farbige Blumen, im Wald kann man jetzt wieder viele Tiere beobachten, die Vöglein zwitschern ihre munteren Liedchen und die Hummeln sowie Bienen suchen summend nach Nektar. Seit über einer Viertelstunde ist der Seppl allerdings spurlos verschwunden. Kasperl läuft suchend und rufend kreuz und quer durch den Wald. – Aber – von Seppl keine Spur. Kasperl vermutet, dass Seppl sich wieder einmal einen Scherz erlaubt und Verstecken mit ihm spielt. Also macht sich Kasperl auf den Weg und guckt unter jeden Strauch und hinter jeden Baum. Irgendwo muss der Seppl doch sein! – Solangsam wird es auch spät und sie müssten zum Abendessen nach Hause gehen. Da fällt dem Kasperl ein, dass ein Hinweis aufs Abendessen für Seppl bestimmt wie ein Zauberwort wirkt. So ruft er laut in den Wald: „Hallo, Seppl! Wir müssen heim zum Abendessen!“ – Und tatsächlich, es dauert nicht lange und schon kommt der Seppl aus dem Dickicht hervor: „Was machst du denn für ein Geschrei, Kasperl? Du vertreibst doch sämtliche Waldtiere!“ Seppl springt über Äste und Wurzeln und kehrt wieder zurück auf den Waldweg. Als ihn Kasperl dabei beobachtet, muss er lachen und meint: „Hähähä, Seppl, du hüpfst herum, als wenn du Flöhe in der Hose hättest! Was versteckst du dich auch hinter dem dichtesten Gestrüpp?“ Seppl aber erklärt ihm, dass er sich gar nicht vor ihm versteckt hat. Er hat nur nicht mehr auf den Weg geachtet, weil er einem Maikäfer gefolgt ist, den er hier im Wald entdeckt hat. Kasperl kann darüber nur lachen, denn wie will denn Seppl einem Maikäfer folgen? Der fliegt doch schneller, als Seppl laufen kann. „Ätsch!“, sagt Seppl zu Kasperl, „ich war doch schneller und habe ihn sogar erwischt!“ Dann zeigt er Kasperl eine Streichholzschachtel und schüttelt sie leicht. „Horch doch mal hin! Da drin in der Streichholzschachtel ist er!“ Kasperl hofft nur, dass er den armen Maikäfer beim Einfangen nicht verletzt hat. Doch Seppl kann ihn beruhigen, er hat den Käfer ganz vorsichtig mit seinem Taschentuch gehascht. Dann öffnet Seppl die Streichholzschachtel einen Spalt, und lässt seinen Freund hinein spitzen. Tatsächlich, Seppl hat wirklich einen Maikäfer gefangen. „Und was ist das für einer?“, will Kasperl wissen, „Ein Schornsteinfeger, ein Müller, ein Kaiser oder ein Bäcker?“ Seppl behauptet, es sei eindeutig ein Schornsteinfeger. Dann macht er aber ganz schnell die Schachtel wieder zu, damit der Maikäfer nicht wieder entwischt. Sonst wäre ja seine ganze Mühe umsonst gewesen. Kaum hat Seppl die Schachtel wieder verschlossen, da hören sie ein tiefes, brummendes Singen. Sie verhalten sich ganz still und horchen. – Ja, es kommt aus der Schachtel!
„Summ – summse – summ,
ihr Menschen seid so dumm,
sperrt uns in eine Schachtel ein,
nur ihr wollt stets in Freiheit sein.
Summ – summse – summ!“
Ja, so was, Seppl hat einen Maikäfer gefangen, der sogar Singen kann. Beide beschließen, schnell damit nachhause zu laufen, um ihn der Gretel zu zeigen. Seppl will dieses sonderbare Exemplar jedenfalls nicht mehr hergeben und ihn daheim gleich in eine große Schachtel mit Luftlöchern und grünen Blättern zu setzen.
Seppl stürmt ins Haus und ruft ganz aufgeregt: „Gretel, Gretel! Komm einmal her! Schau mal, was ich gefangen hab!“ Gretel weicht erst einmal zurück, denn sie vermutet, Seppl bringt wieder eine Maus, einen Wurm oder ein anderes ekliges Getier an, nur um sie zu ärgern. Dann hält er ihr die Streichholzschachtel ans rechte Ohr und bittet sie, doch einmal genau zu horchen. Gretel hört das Summen in der Schachtel und glaubt, Seppl hat da drin eine Hummel eingeschlossen. Kasperl muss sie aber enttäuschen und meint, sie würde es nie erraten, was sich in der Schachtel für ein seltenes Tierchen befindet. Gretel ist nun ganz neugierig geworden und bittet Kasperl und Seppl, sie nicht mehr länger auf die Folter zu spannen. Vorsichtig öffnet Seppl die Schachtel wieder und lässt der Gretel einen Blick hinein werfen. „Oh, ein Maikäfer!“, ruft Gretel ganz überrascht aus. „Ich habe ja schon lange keinen echten Maikäfer mehr gesehen. Ich dachte schon, sie seien ausgestorben!“ Der Maikäfer streckt sein schwarzes Köpfchen mit den großen Fühlern durch den Spalt und spricht mit brummender Stimme: „Summsesumm, bitte sperrt mich nicht ein! Summsesumm!“ Gretel ist ganz erstaunt, dass der Maikäfer sogar reden kann. Seppl verrät ihr dann, dass er nicht nur reden, sondern auch singen kann und deshalb will er ihn nicht mehr hergeben. Doch der Maikäfer brummt und fleht sie an, ihn doch wieder frei zu lassen, damit er wieder zu seinen Brüdern fliegen kann. Gretel findet das auch am besten, denn ein Maikäfer gehört hinaus in die Natur, wo er herumfliegen kann. Sie fordert Seppl auf, ihm doch seine Freiheit zurück zu geben. Seppl will das aber nicht einsehen, schließlich hat er sich doch so plagen müssen, bis er ihn erwischt hat. Kasperl muss Gretel auch Recht geben, obwohl so ein singender Maikäfer, was ganz besonderes ist. Aber eine Schachtel – und wenn sie noch so groß ist – ist nicht die richtige Wohnung für einen Maikäfer. – Seppl überlegt kurz und dann gibt er seinem Herzen doch einen Stoß, lässt den Maikäfer aus der Schachtel heraus und setzt ihn aufs Fensterbrett. Kasperl öffnet das Fenster und dann rufen ihm alle drei zu: „Maikäfer flieg! – Maikäfer flieg!“ –
Doch, obwohl der Maikäfer schnell die Flucht ergreifen könnte, bleibt er ruhig auf dem Fensterbrett sitzen und bedankt sich bei den Kindern: „Summsesumm, ihr seid liebe Menschen. Als Dank, weil ihr mir meine Freiheit zurückgebt, rufe ich euch einen ganzen Schwarm Maikäfer herbei, den ihr behalten dürft. Dann pumpt er sich fest mit Luft auf und beginnt wieder zu singen:
„Summ – summse – summ,
darf fliegen wieder rum.
Drum schenk ich euch aus lauter Freud,
ganz viele Schokokäfer heut.
„Summ – summse – summ!“
Mit den letzten Summtönen seines Liedes startet der Maikäfer wieder hinaus in die Freiheit und fliegt Richtung Wald davon. Kasperl, Gretel und Seppl rufen ihm nach: „Auf Wiedersehen, Maikäfer! Pass auf dich auf!“ Kaum, als sie den Maikäfer aus den Augen verloren haben, ist ein wildes, lautes Brummen zu hören. Sie blicken alle zum offenen Fenster hinaus und können es fast nicht glauben. Ein riesiger Schwarm Maikäfer steuert aus dem Wald direkt auf ihr Haus zu. Die vielen Maikäfer fliegen schnurstracks durchs Fenster und lassen sich alle auf dem Küchentisch nieder. Kurz nachdem sie dort brummend gelandet waren, verwandeln sie sich alle in Schokokäfer um. Erstaunt und begeistert betrachten die Kinder nun die große Menge Maikäfer mit den schwarzen Papierfüßen. Am meisten freut sich natürlich Seppl darüber und wickelt gleich den ersten aus dem Papier, um ihn zu essen.
Kasperl findet auch, dass man auch an Schokomaikäfern seine Freude haben kann und die echten lieber in der Natur lassen soll, wo sie auch hingehören.
Ihr, liebe Kinder, gehört sicher schon längst in euer Bett. Deshalb legt euch schnell hinein und träumt vielleicht einen schönen Maikäfertraum.
Die Puppenbühne Herrnleben und Euer Bamberger Kasperl wünschen Euch eine gute Nacht!
Wolfgang Herrnleben (GAP, 2009)






