DER FEENSCHATZ

Tief im Märchenwald, dort wo normalerweise kein Mensch hinfindet, steht ein traumhaftes Schloss. Seine Mauern sind aus weißem Marmor errichtet, die Fenster- und Türrahmen mit Edelsteinen besetzt und die Dächer sowie Türme sind mit goldenen Ziegeln gedeckt. Wenn die Mittagssonne darauf scheint, könnte man das Schloss weit durch den Wald zwischen den Bäumen hindurch schimmern und glitzern sehen. Aber es soll ja von allen Menschen verborgen bleiben und deshalb zieht sich – wie ein Ring – eine Mauer aus dichtem Nebel durch den Wald und umschließt das Schloss samt den ganzen Schlosspark mit seinem großen Springbrunnen. – Ja, wer wohnt nun in diesem prunkvollen Schloss? – Darin leben die guten Feen, viele Elfenkinder und die Feenkönigin. Aber gesehen hat sie bisher noch niemand, denn aus dem Wald führt kein Weg zum Feenschloss. Alle Wege enden an der Nebelmauer und durch die hat sich noch niemand hindurch gewagt. Das ist auch gut so, denn die Feen und Elfen wollen alleine sein und sich um ihren Schlosspark kümmern. Sie verlassen ihr Reich nur dann, wenn sie Waldtieren helfen oder diese füttern müssen. Das tun sie aber nur dann, wenn sich wirklich keine Menschenseele in die Nähe ihres Schlosses verirrt hat. Es soll ja auch keiner wissen, dass die Feen und Elfen die einzigen sind, die sich mit Tieren und Pflanzen unterhalten können. Außerdem besteht dann die Gefahr, dass ihnen jemand folgt und sie ausrauben will. Zur Sicherheit haben sie auch ihren wertvollen Feenschatz nicht in ihrer Schatzkammer eingeschlossen. Dort würde diesen ja jeder Dieb als erstes vermuten. Nein, sie haben ihren Schatz in ihrem Schlosspark sicher vergraben, wo ihn bestimmt niemand findet.

Doch durch irgendeinen dummen Zufall hat die Hexe Krummbuckel vor vielen Jahren von der Existenz des Feenschatzes erfahren. Seitdem ist sie auf der Suche nach dem Schatz, den sie unbedingt haben will. So freut sie sich immer jedes Jahr, wenn der Winter vorüber ist und die warmen Frühlingstemperaturen den Waldboden wieder auftauen. Dann zieht sie mit ihrer Schaufel los, sucht und gräbt etwas, sucht weiter und gräbt an einer anderen Stelle und so weiter. Und das macht sie Tag für Tag und Jahr für Jahr.
-    Und warum heißt sie Hexe Krummbuckel? –
Weil sie immer mit gekrümmtem Rücken, gebückt durch den Wald läuft, nur um die Stelle zu finden, unter welcher der Schatz vergraben sein könnte, ist eines Tages ihr Buckel für immer krumm geblieben. Nun, nachdem der Winter endlich wieder vorüber ist, hat sie ihr Hexenhaus verlassen und ist wieder losgezogen, um sich wieder auf den Weg durch den Märchenwald zu machen. So ein Zufall! Ausgerechnet heuer stößt sie doch tatsächlich auf die Nebelwand. Die Hexe Krummbuckel überlegt kurz, ob sie da wohl durchgehen soll. Aber sie weiß ja nicht, wie weit dieser Nebel sich durch den Wald zieht. Am Ende findet sie da nicht mehr heraus. Kurz entschlossen nimmt sie ihren Hexenbesen zur Hand, fuchtelt damit herum und teilt die Nebelwand, so dass sich mittendurch ein Weg bahnt. Da lacht die Hexe und humpelt ihren selbst gehexten Weg, der wie eine Gasse durch die Wände aus Nebel führt, die links und rechts neben ihr hochragen. Auf einmal hört der Nebel auf und sie steht am Rande eines herrlich angelegten Parks. Als sie ihren Kopf leicht nach oben hebt, entdeckt sie das Schloss der Feenkönigin. Noch nie hat sie ihr Weg durch den Märchenwald hierher geführt. Jetzt ist sie sicher, hier muss irgendwo die Stelle sein, an welcher der Feenschatz vergraben sein muss. Also, nimmt sie ihre Schaufel und fängt gleich einmal das Graben an. Bis zum Ende des Sommers hat sie ja noch viel Zeit, um die richtige Stelle zu finden. Plötzlich stört sie eine helle Stimme: „Was machst du denn hier, altes Weiblein?“ Es war das Elfenkind Mirabella, das wieder einmal die schützenden Mauern des Feenschlosses verlassen hat und alleine durch den Schlosspark tippelt. Erst ist die Hexe mächtig erschrocken, dass sie Mirabella beim Graben ertappt hat, aber hinterlistig wie die Hexe ist, kommt ihr eine tolle Idee. „Gut, dass du kommst, kleines Elfenkind.“, sagt sie mit einem verschmitzten Lächeln. „Ich soll nämlich deiner Elfenkönigin den Feenschatz bringen. Aber ich hab ganz vergessen, wo er vergraben ist!“ Leichtsinnig und leichtgläubig wie Mirabella ist, zeigt sie der Hexe unbekümmert die Stelle, an welcher der Schatz vergraben ist. Alleine wäre da die Hexe wahrscheinlich nicht drauf gekommen, dass sie zwischen den zwei großen, nebeneinander stehenden Tannen graben muss. Wie wild schaufelt sie mit aller Kraft. Und auf einmal stößt sie mit dem Spaten auf etwas Hartes. Tatsächlich, es ist die wertvolle Truhe. Schnell hebt sie sie heraus, öffnet den Deckel und staunt nicht schlecht. Die Ruhe ist bis zum Rand gefüllt mit herrlich funkelnden Edelsteinen. Lautstark und schrill lacht sie, dass es durch den ganzen Schlosspark hallt: „Hihihihi, nun besitze ich, die Hexe Krummbuckel die wertvollen Edelsteine. Und jeder davon erfüllt mir einen Wunsch. Nun ist die Macht der Feen und Elfen für immer vorbei! Hihihihi!“ Mirabelle erschrickt ganz fürchterlich. Was hat sie da gemacht? „Ich hab einer Hexe das Versteck des Feenschatzes gezeigt.“, stammelt Mirabella völlig aufgelöst, „Ich muss sofort zur Feenkönigin und ihr meinen Fehler beichten!“ Doch logischerweise will das die Hexe verhindern, fuchtelt mit ihrem Hexenbesen und spricht schnell den Zauberspruch:
„Elfenkind Mirabella klein,
werde zu einem Vögelein!“
Nun ist sie sicher, dass Elfenkind kann sie nicht mehr verraten. Lachend verschwindet sie mit der Schatztruhe wieder durch die Nebelwand. Mirabella versucht ihr als Vöglein zu folgen und fliegt der Hexe hinterher. Doch in der Nebelwand hat sie plötzlich ihre Spur verloren und flattert planlos im Märchenwald herum, denn dort kennt sie sich ja nicht aus. „Piep – piep, piep – piep.“, pfeift das Mirabella-Vögelchen. Da hört sie plötzlich aus der Ferne ebenfalls ein Pfeifen. „Ist das wohl ein anderer Waldvogel, der auf meine Rufe antwortet?“, denkt sie sich. Nein, es ist kein Vogel. Es ist das Bamberger Kasperle, das ein Liedchen pfeifend, fröhlich durch den Märchenwald marschiert. „Hähä, will da jemand mit mir ein Duett pfeifen? Oder ist das nur mein Echo?“, sagt Kasperl lachend zu sich. Da hat Mirabella Kasperle entdeckt,  kommt pfeifend angeflogen und schwirrt Kasperl um den Kopf herum. „Piep-piep, piep-piep, piep-piep.“ Kasperl wundert sich erst, warum das Vögelein nicht von ihm weicht: „Ja, hähä, was willst du denn von mir?“ Da vermutet er, das Vögelein will ihm etwas zeigen. Mirabella fliegt immer wieder ein Stück weg und kommt dann wieder zurück. Kasperl folgt ihm einfach einmal. Mirabella fliegt wieder zurück durch die Nebelwand in den Schlosspark. Kasperl eilt ihm nach und kann ihm kaum folgen, so geschwind fliegt Mirabella voraus. Endlich beendet es seinen Flug und Kasperl muss erst einmal tüchtig ausschnaufen und wieder Luft holen. Mirabella kreist dann um das Erdloch. Kasperl erkennt, dass hier jemand erst vor Kurzem etwas ausgegraben hat, sogar die Schaufel liegt noch daneben. Und schon ist das Vögelein wieder ganz aufgeregt: „Piep, piep, piep.“ Und wieder fliegt es davon. Kasperle läuft einfach wieder hinterher, bis er plötzlich vor dem Feenschloss Halt macht. Mirabella klopft mit seinem Schnäbelchen an das Tor und die Feenkönigin öffnet knarrend die große Tür. Sie wundert sich: „Ja, du bist doch das Bamberger Kasperle! Wie hast du zu den geheimen Ort unseres Schlosses gefunden?“ Kasperle erzählt ihr, dass sie das kleine Vögelein hierher gelotst hat, nach dem es ihm ein großes Loch im Waldboden gezeigt hat. Die Feenkönigin will wissen, an welcher Stelle das Loch war. Kasperl berichtet, dass es mitten zwischen zwei großen Tannen ist. Erschrocken vermutet die Feenkönigin, dass jemand ihren Feenschatz ausgegraben hat. Sie führt Kasperle in ihr Schloss und will dort ihre gläserne Wahrheitskugel befragen. In einer dunklen Kammer setzen sich beide an den Tisch aus weißem Marmor und die Feenkönigin bittet die Kugel um Hilfe. Da leuchtet die Wahrheitskugel auf einmal ganz hell und erstrahlt die dunkle Kammer plötzlich mit hellem Licht. In dem runden Glaskörper sehen Kasperl und die Feenkönigin doch tatsächlich die Hexe Krummbuckel, die vor der geöffneten Schatztruhe sitzt und sich über die vielen Edelsteine freut, die darin liegen. Kasperl will sich natürlich sofort auf den Weg machen und die wertvolle Truhe wieder zur Feenkönigin zurück bringen. Die Feenkönigin will aber die Wahrheitskugel noch einmal um Hilfe bitten, die Kasperle schneller dorthin zaubern kann.
„Zauberkugel bring den Kasperl in den Wald hinaus,
direkt zu Hexe Krummbuckels Haus!“
Kasperl hört gerade noch ein melodisches Glockenläuten, da steht er auch schon ruck-zuck vor dem Haus der Hexe Krummbuckel. Und siehe da, auch das kleine Vöglein ist mitgekommen. „Piep-piep, piep-piep, piep-piep.“ Es fliegt um das Hexenhaus herum, klopft mit seinem Schnäbelchen an die Tür und an die Fenster, bis die Hexe von dem Gepiepse genervt aus ihrem Haus nach draußen eilt. Sie denkt sich erst, das kleine Vögelein ist ihr gefolgt, doch dann ist sie nicht schlecht erstaunt, dass auch Kasperle mit dabei ist. Er fordert sie auf, den Feenschatz wieder heraus zu geben, den sie gestohlen hat. Schlau, wie die Hexe sein will, tut sie so, als wüsste sie nichts von dem Feenschatz. Doch Kasperle kann sie nicht täuschen. Er hat ja in der Wahrheitskugel genau gesehen, dass die Schatztruhe bei ihr im Hexenhaus ist. Doch die Hexe will die Truhe mit den wertvollen Edelsteinen nicht mehr heraus geben. Mirabella fliegt darauf hin ganz nah um die Hexe herum und pickt der Hexe immer wieder in den Kopf. Solange die Hexe durch den Angriff des Vögleins abgelenkt ist, geht Kasperl ins Hexenhaus hinein und holt die Schatztruhe mit dem Feenschatz wieder heraus. Kasperl öffnet die Truhe, um nachzusehen, ob alle Edelsteine noch drin sind. Das Vöglein fliegt in diesem Moment in die Truhe und pickt mit seinem Schäbelchen einen Edelstein auf. „Halt, du Vögelein!“, ruft Kasperle, „Die Edelsteine kann man nicht fressen!“ Da blitzt es plötzlich und von einem hellen Glockenschlag begleitet hat sich das Vögelein wieder in das Elfenkind Mirabella verwandelt. Mirabella erklärt Kasperle, dass in jedem Edelstein ein Wunsch steckt und deshalb hat sie sich damit wieder aus dem Vogelleben zurück gewünscht. Die Hexe schimpft, weil sie ihren Schatz, nach dem sie solange gesucht hat, nun so schnell wieder hergeben muss. Sie hätte den Vogel doch von ihrem Hexenkater Moritz fressen lassen sollen, meint sie. Doch dazu ist es nun zu spät. „So, Kasperl, nun nehmen wir beide einen Edelstein in die Hand und wünschen uns mit der Schatztruhe ins Feenschloss zurück!“, sagt Mirabella. Und genauso geschwind, wie Kasperle mit dem Vöglein beim Hexenhaus war, kehren Beide mit dem Zauber der Edelsteine wieder im Feenschloss. Die Feenkönigin ist sichtlich erleichtert, dass sie ihren Feenschatz wieder hat. Sie saß die ganze Zeit vor ihrer Wahrheitskugel und hat alles beobachtet, was beim Hexenhaus geschehen ist. Zum Dank für seine Hilfe schenkt sie Kasperle einen der Edelsteine. Kasperle will ihn gut aufbewahren. Vielleicht kann er den Wunsch, der darin eingeschlossen ist einmal brauchen.
Kasperl verabschiedet sich von der Feenkönigin und verspricht ihr, niemandem zu verraten, wo ihr Schloss zu finden ist.
Ihr liebe Kinder habt den Weg in Euer Bett bestimmt schon gefunden. Deshalb schlaft gut. Vielleicht seht ihr das große Feenschloss auch, wenn Ihr die Äuglein schließt.

Die Puppenbühne Herrnleben und das Bamberger Kasperle  wünschen Euch eine gute Nacht!

© by Wolfgang Herrnleben (2008)