Der fliegende Teppich

Wieder geht ein Tag zu Ende. Großmutter hat für Gretel, Seppl und das Bamberger Kasperle ein leckeres Abendessen gekocht. Erst gab es eine gesunde Kartoffelsuppe und dann Pfannkuchen mit Pflaumenkompott, welches Großmutter im vergangenen Herbst selbst eingemacht hat. Kasperl und Seppl lieben Großmuttis Pfannkuchen und auch ihr selbstgemachtes Kompott. Kein Wunder, dass sich Beide den Bauch so richtig vollgeschlagen haben. Zum Dank für das gute Essen haben die drei Kinder beschlossen, heute ganz alleine das Geschirr zu spülen.
Damit es auch richtig sauber wird, hat Gretel lieber das Spülen übernommen, während Kasperl alles abtrocknet. Seppl räumt dann immer gleich Topf, Pfanne, Teller und das Besteck wieder ordentlich auf. Ruckzuck sind sie damit fertig. Zur Belohnung hat ihnen Großmutter versprochen noch eine Partie „Mensch ärger dich nicht“ mit ihnen zu spielen, bevor sie ins Bett müssen.
Solange sie im Wohnzimmer um den großen Tisch sitzen und würfeln, schleicht der Zauberer Sternenmantel um ihr Haus herum. Seit Wochen überlegt er schon, wie er sich an Kasperl rächen kann. Er ist schließlich der große, mächtige Zauberer Sternenmantel! – Aber immer wieder hat ihn Kasperl ausgetrickst und ihm seine Zauberstreiche zunichte gemacht. Heute will er sich einmal einen Spaß mit dem Kasperl erlauben. Es kam ihm nämlich endlich eine tolle Idee. Er hat sich einen Zauberteppich gezaubert, mit dem er Kasperl fortfliegen lassen will. Der Teppich soll mit Kasperl davonfliegen, sobald er auch nur einen Fuß darauf setzt. Aber, wie soll er es schaffen, dass Kasperl auf den Teppich tritt? – Klar, das ist doch ganz einfach. Da Kasperl mit den anderen im Wohnzimmer sitzt und spielt, ist sein Zimmer unbeaufsichtigt. Also kann er den Teppich unbemerkt in dessen Zimmer direkt vor Kasperls Bett wünschen. Wenn Kasperl in sein Bett steigen will, muss er automatisch auf den Teppich treten und schon wird dieser mit ihm durchs Fenster auf Nimmerwiedersehen davon segeln. Ein guter Plan! So denkt zumindest der Zauberer. – Also, her mit dem Teppich! – Er schwingt seinen Zauberstab und murmelt einen Zauberspruch:
„Zauberteppich, leg dich in Kasperls Zimmer
Und flieg mit ihm davon auf nie und nimmer!“
Der Himmel färbt sich darauf hin rot und blau, Blitze leuchten auf und mit lautem Pfeifen kommt der Zauberteppich durch die Luft geschwebt, rollt sich zusammen und saust wie ein Pfeil durch das Fenster von Kasperls Zimmer. Dort hält er an, breitet sich wieder aus und legt sich flach vor Kasperls Bett. – Der Zauberer ist zufrieden. Genauso hatte er sich das vorgestellt. „Hahaha, jetzt muss Kasperl nur einen Fuß auf den Teppich setzen und ich bin ihn für immer los! Hahaha! Dann kommt er mir nie mehr in die Quere!“ Mit lautem Lachen und großem Schritten rennt der Zauberer davon. Sein schwarzer Mantel mit den vielen blinkenden Sternen weht im Abendwind. Und so schnell wie der Wind ist er auch im Wald verschwunden.
Inzwischen haben Großmutter und die Kinder auch ihr Spiel im Wohnzimmer beendet. Kasperl, Gretel und Seppl wünschen der Großmutter noch eine Gute Nacht und dann verschwinden sie alle Drei in ihren Zimmern. Großmutter setzt sich noch etwas in ihren großen Sessel, um die eingekehrte Ruhe zu genießen. Doch es dauert nicht lange, da ist die Ruhe schon wieder vorbei. „Großmutti, Gretel!“, tönt Kasperls Stimme durch das ganze Haus, so dass alle gleich neugierig herbei eilen, um zu erfahren, was denn los ist. Kasperl empfängt sie alle außen vor seiner Zimmertüre. Scherzhaft fragt Gretel, ob sie ihm noch einen Gute-Nacht-Kuss geben sollen. Kasperl hätte da zwar nicht dagegen, aber er wollte sich nur für den neuen Teppich bedanken, den sie ihm vor sein Bett gelegt haben. Doch Großmutter weiß nichts von einem neuen Teppich. Und Gretel? – Sie blickt durch die Türe und begutachtet den neuen Bettvorleger. Sie wundert sich, dass ihr Kasperl so einen schlechten Geschmack zutraut. Sie findet, der Teppich passt ja wohl farblich überhaupt nicht zu seinem Zimmer. Und so einen hässlichen Teppich hätte sie ihm beim besten Willen nicht geschenkt. – Niemand weiß etwas von dem seltsamen Geschenk und alle wundern sich, wer den Teppich hierher gelegt hat. – Da erklingt eine tief klingende Melodie und eine dunkle Stimme spricht: „Das war der Zauberer Sternenmantel!“ – Gretel springt erschrocken zurück: „Da – da – da – der Teppich bewegt sich und kann reden!“ Kasperl denkt sich, wenn der Teppich reden kann, dann kann er sich ja auch mit ihm unterhalten. Also fragt er ihn einfach, wie er denn wohl in sein Zimmer kommt. Der Teppich berichtet ihm vom Zauberer Sternenmantel, der Kasperl nicht leiden kann, weil er ihm immer alle Zauberstreiche zunichte macht. Er warnt Kasperl, bloß nicht auf ihn zu treten, sonst muss er mit ihm davon fliegen. Da staunen sie alle: Vor Kasperls Bett liegt ein echter fliegender Teppich. Doch der Teppich sagt ihnen jammernd, dass er eigentlich gar nicht von hier fortfliegen will. Ihm gefällt es hier nämlich sehr gut. Bei Kasperl und seinen Freunden ist es lustig und vor allem sehr gemütlich. Er möchte lieber bei ihnen bleiben, als mit Kasperl draußen durch die kalten Lüfte, hoch in den Himmel zu fliegen. Großmutter ist das auch lieber, bevor er mit ihrem Kasperl verschwindet. Doch vor dem Bett können sie ihn auch nicht liegen lassen. Das kann gefährlich werden, wenn irgendjemand versehentlich seinen Fuß darauf setzt. Gretel hat eine tolle Idee. Wie wäre es, wenn sie den Teppich an die Wand hängen. So kann niemand drauf treten und er kann trotzdem bei ihnen im Haus bleiben. Der Teppich überlegt kurz und dann flattert er fröhlich mit seinen Franzen. „Jaja, das gefällt mir! Ich will gerne bei euch an der Wand hängen. Aber bitte bringt mich nicht mehr zum Zauberer zurück!“ Alle sind damit einverstanden. Gretel will ihm gleich ein paar Stoffschlaufen an den Rand nähen und Kasperl wird an den passenden Stellen ein paar Nägel in die freie Wand schlagen. Damit ist allen geholfen. Und wenn der Teppich an der Wand hängt, kann der Zauberspruch nicht in Erfüllung gehen und es besteht keine Gefahr mehr. Der Teppich freut sich auch schon auf sein neues Dasein als schmucker Wandteppich. Sofort machen sich alle an die Arbeit – nicht das Kasperl am Ende heute Nacht schlaftrunken aus dem Bett direkt auf den Teppich springt.
Ja, liebe Kinder, so ein fliegender Teppich wäre zwar manchmal nicht schlecht. Der könnte einen ruck-zuck überall hin fliegen. Aber so ein Zauberteppich ist wohl besser an der Wand aufgehoben. Ihr seid zum Schlafen natürlich besser in euerem Bettchen aufgehoben und braucht dazu nicht an der Wand hängen.
Also schlupft flink unter euere Bettdecke und träumt was Schönes.
Euer Bamberger Kasperl, die Gretel, der Seppl, die Großmutter und die Puppenbühne Herrnleben wünschen Euch eine gute Nacht!

Wolfgang Herrnleben (GAP, 2009)