Der Frosch im Glas

Im Haus von Kasperls Großmutter klopft und hämmert es schon seit einer ganzen Weile, dass man es vom ersten Stock bis hinunter in die Küche hört. Auch Kasperl und Gretel hören es und steigen die Treppe hoch, um nachzusehen, was da oben los ist. Als sie die Treppe hochsteigen, merken Kasperl und Gretel, dass das Klopfen aus Seppls Zimmer kommt. Beide stürmen hinein und Kasperl fragt Seppl: „Ja, sag mal, Seppl, was machst du denn für einen Radau?“ Seppl erklärt ihm, dass er eine Leiter baut. Gretel muss darüber lachen und kann sich nicht vorstellen, wohin er mit der kleinen Leiter hinauf steigen will. Seppl findet das nicht witzig, denn die Leiter ist doch logischerweise viel zu klein für ihn. Gretel überlegt kurz und vermutet dann freudig, dass Seppl wohl eine Leiter für ihr Puppenhaus bastelt. Doch da hat sich Gretel zu früh gefreut. „Nein, falsch!“, erwidert Seppl, „Die Leiter ist für meinen Frosch!“ Kasperl schaut sich erst in seinem Zimmer um und fragt ihn dann, wo denn sein Frosch sein soll.
Seppl holt ein Einmachglas herbei und zeigt ihnen einen grasgrünen Frosch, der quakend darin sitzt. Den Boden des Glases hat Seppl mit frischem Moos ausgelegt und oben drüber hat er ein Tuch gespannt, damit der Frosch nicht heraus springen kann. Gretel ist entsetzt: „Aber, Seppl! Das ist doch Tierquälerei!“ Kasperl möchte auch wissen, warum er denn den armen Frosch im Glas einsperrt. Seppl braucht den Frosch, damit er immer zuverlässig weiß, wie das Wetter wird, weil der Wetterbericht im Radio fast immer nicht stimmt. Gretel kann sich nicht vorstellen, dass es der Frosch besser weiß. Seppl ist sich da ganz sicher und erklärt, dass das doch ganz einfach ist. Immer wenn der Frosch oben auf der Leiter sitzt, wird das Wetter schön und immer, wenn er unten im Moos sitzt, wird das Wetter schlecht. Gretel hält das auch nicht für zuverlässig und meint, statt an die Vorhersagen des Frosches, soll sich Seppl lieber an die altbewährten Bauernregeln halten. Lachend schlägt Kasperl vor, dass es noch besser wär, sich an Großmuttis Hühneraugen zu orientieren. Oma behauptet nämlich, immer wenn ihre Hühneraugen schmerzen, dann regnet es. – Gretel ist mit der Tierquälerei jedenfalls nicht einverstanden und bittet Seppl, den süßen Frosch wieder frei zu lassen. – Doch Seppl lehnt diesen Vorschlag ab. Er hat den Frosch extra gefangen und jetzt will er ihn auch behalten. Außerdem hat er ihm sogar schon einen Namen gegeben. Er heißt jetzt „Froggi“!
Kasperl und Gretel merken schon, dass sie heute Abend keine Chance mehr haben, Seppl umzustimmen. Kasperl weist ihn aber darauf hin, dass er den Frosch dann vor dem Schlafengehen aber auch noch füttern muss. Seppl weiß das natürlich auch und zeigt ihnen eine Tüte Körner, die er schon für den Frosch besorgt hat. Gretel muss ihn enttäuschen und weißt ihn darauf hin, dass Frösche doch keine Körner fressen, sondern nur Fliegen und Spinnen. Und Kasperl ergänzt, dass diese auch noch lebendig sein müssen. Überrascht sagt Seppl: „Pfui! So ein ekliges Zeug! Das möchte ich nicht essen!“ Kasperl macht ihm lachend klar, dass er es vielleicht nicht essen würde, aber sein Froggi braucht noch lebendige Spinnen und Fliegen zum Abendessen, damit er nicht verhungert. Beide wünschen Seppl viel Spaß beim Fliegen- und Spinnenjagen und lassen ihn dann mit seinem Frosch alleine.
Seppl murmelt mürrisch vor sich hin: „Jetzt lassen die mich alleine! Dabei hätten sie mir schön helfen können, irgendwelche Insekten für meinen Froggi zu fangen! – So was Gemeines!“ – Bevor Seppl eine Spinne sucht und sie fängt, will er lieber auf Fliegenjagd gehen. Damit er möglichst schnell eine erwischt, holt er sich ein Küchensieb von der Großmutter. Er schaut sich genauestens in seinem Zimmer um und entdeckt tatsächlich eine Stubenfliege, die in seinem Zimmer herum surrt. Sofort nimmt er mit dem Küchensieb die Verfolgung auf. „Gleich hab ich dich!“, ruft er und wirft sich wie ein Torwart quer durchs Zimmer, dabei fällt er über seinen Schreibtisch, dass es nur so rumpelt und poltert. Zu dumm, erwischt hat er sie leider nicht! Ah, jetzt sitzt sie auf der Blumenvase! Vorsichtig schleicht er sich an und ist sich sicher, jetzt wird er sie erwischen. Mit einem mächtigen Hieb schwingt er das Küchensieb über die Vase. Doch die Fliege ist schneller! Dafür hat Seppl die Vase vom Fensterbrett gestoßen. Klirrend zerschmettert es diese am Fußboden. Die Fliege surrt weiter durchs Zimmer und dann setzt sie sich auf Seppls Bett! Vorsichtig nähert sich Seppl und „Wusch!“ schwingt er wieder mit dem Küchensieb .. und … ja, er hat sie erwischt. Er schiebt ein Blatt Papier unter das Sieb und schließt so die Fliege ein. Siegesbewusst trägt er sie zum Einmachglas und will seinem Frosch Futter geben. Vorsichtig hebt er das Tuch hoch: „So, mein Froggi, bleib schön im Moos sitzen! Jetzt kriegst du dein Abendessen! Und wenn du brav aufgegessen hast, bekommst du deine neue Leiter, die ich dir gebastelt habe. Dann kannst du mir morgen Früh zeigen, wie das Wetter wird!“ – Doch Seppl ist etwas zu langsam! – Bevor er das Küchensieb mit der Fliege über das Glas gestülpt hat, springt der Frosch mit einem kräftigen Sprung aus dem Glas und hüpft im Zimmer herum. „Halt, mein Froggi, bleibt doch hier!“, ruft Seppl! Es lässt das Sieb fallen und versucht nur seinen Frosch wieder zu fangen. Dieser spricht auch plötzlich zu Seppl: „Quak, quak, mich kriegst du nie!“ Und dann hüpft er weiter im Zimmer umher. Seppl geht ihm mit dem Glas hinterher und fordert Froggi auf, wieder in sein Glas zurück zu springen. Doch der Frosch sorgt für eine böse Überraschung und nach zweimal „Quak!“ spricht er einen Spruch:
„Seppl, werd wie ein Frosch so klein,
du sollst für mich ins Glas hinein!“
Ein kurzes Blitzen erhellt das Zimmer und ein lautes „Ploing!“ ertönt. Dann sitzt Seppl tatsächlich im Einmachglas und ist so klein geworden wie der Frosch. „Hilfe, hilfe!“, ruft Seppl, „Lass mich wieder heraus!“ Dabei bedauert Seppl, dass er die Leiter noch nicht ins Glas gestellt hatte, sonst könnte er wieder hinaus klettern. So sitzt er hilflos im Moos und weiß nicht, wie er wieder aus dem Glas kommen könnte.
Kasperl und Gretel haben seine Hilferufe gehört und kommen herbei geeilt! Sie suchen den Seppl überall im Zimmer, bis ihn Kasperl im Einmachglas entdeckt. Als er den klein geschrumpften Seppl sieht, muss er erst einmal kräftig lachen: „Hähähähä, Seppl sitzt im Einmachglas! Gell, du willst selber Wetterfrosch spielen!“ Jammernd erzählt Seppl, dass ihn der Quakfrosch da hinein gezaubert hat. Dabei weiß er gar nicht warum! – Da springt der Frosch auf Seppls Schreibtisch und spricht zur Überraschung von Kasperl und Gretel: „Quak, ich wollte dem Seppl nur beweisen, wie es ist, wenn man in einem Glas eingesperrt ist! Quak!“ – Kasperl ist ganz erstaunt, dass der Frosch sogar sprechen kann. Dafür hat der Frosch eine ganz einfache Erklärung. Er ist nämlich ausgerechnet der Froschkönig, den der Seppl gefangen hat. Da entdeckt Gretel auch, dass der Frosch tatsächlich eine Krone auf dem Kopf hat. Winzelt bittet Seppl den Froschkönig, es soll ihn doch bitte wieder aus dem Glas heraus holen und wieder groß machen. Der Froschkönig will das nur tun, wenn ihm Seppl wieder seine Freiheit schenkt! „Ja, Herr Froschkönig“, garantiert ihm Seppl, „ich lass dich wieder frei. Meinetwegen soll Großmutti in dem Glas lieber grüne Gurken einmachen!“
Der Froschkönig glaubt ihm und spricht:
„Seppl, sei frei auf der Stell,
werde wieder groß ganz schnell!“
Wieder ertönt ein lautes „Ploing!“ und es blitzt kurz und hell. Seppl steht wieder normal groß neben Kasperl und Gretel und bedankt sich erleichtert beim Froschkönig. Wie versprochen, öffnet er schnell sämtliche Türen und gibt dem Frosch seine Freiheit wieder zurück. Mit lautem Quaken springt er Froschkönig hinaus und freut sich wieder bei seinen Freunden in der Natur schlafen zu können.
Kasperl und Gretel gehen nun auch wieder aus Seppls Zimmer und schlagen ihm lachend vor, statt mit einem Frosch, lieber mit seinem Teddybären im Arm schlafen zu gehen.

Ja, Ihr, liebe Kinder, kuschelt Euch bestimmt auch mit Euerem Lieblingstier oder Euerer Puppe ins Bett! – Oder wollt Ihr lieber in einem Einmachglas im Moos liegen, hähä.
Eine gute Nacht wünschen Euch die Puppenbühne Herrnleben und Euer Bamberger Kasperl!

© Wolfgang Herrnleben (GaPa, 2010)