Der geschwollene Knöchel

Heute ist ein herrlicher Sommertag, kein Wölkchen ist am Himmel, die Sonne sticht so richtig und es ist fast unerträglich schwül-warm. Deshalb haben das Bamberger Kasperle und Prinzessin Sabine beschlossen eine Wanderung durch den königlichen Wald zu machen. Dort ist es viel kühler und im Schatten der großen Bäume ist die Hitze erträglicher. Weil es die letzten Abende immer wieder heftige Gewitter mit kräftigen Stürmen gab, liegt überall auf den Waldwegen und zwischen den Bäumen jede Menge Holz, Äste und Reisig herum, welches der Sturm dort verteilt hat. Sabine wundert sich auch darüber, aber sie vermutet, dass Oberförster Grünrock wohl noch nicht dazu gekommen ist, alle Stellen und Plätze im Wald wieder in Ordnung zu bringen. Kasperl findet das sehr schade, dass sie nicht einfach quer durch den Wald streifen können, um einigen Waldtieren zu begegnen. Es ist schon nicht ganz einfach, auf den Waldwegen zu laufen. Sabine und Kasperl müssen selbst dort genau aufpassen, dass sie beim Laufen nicht über das heruntergefallene Geäst stolpern. Prinzessin Sabine meint aber, es macht doch bestimmt viel Spaß, durch den Wald zu gehen und über die herumliegenden Äste und Zweige zu springen und zu hüpfen. Ohne lange zu überlegen verlässt Sabine den Waldweg und springt kreuz und quer durch den Wald und springt wie eine Hürdenläuferin über die dicksten Äste. Ausgelassen tobt und lacht sie dabei, hüpft und springt im Zick-zack zwischen den Bäumen hindurch, dass es einem vom Zuschauen schon schwindelig werden könnte. Kasperl ruft ihr besorgt nach: „Halt, Prinzessin Sabine, bleib hier! Wenn du durch den Wald hüpfst, wie ein Hase, kannst du dir leicht ein Bein brechen!“ Doch Sabine lässt sich nicht belehren und springt lachend weiter: „Mach dir keine Sorgen, Kasperl. Sieh her, leicht wie eine Feder schwebe ich über die Äste hinweg! Hui-hui, hopp-hopp!“ Damit er sie nicht aus den Augen verliert, hetzt Kasperl der übermütigen Prinzessin über Stock und Stein hinterher, dass ihm schon bald die Puste ausgeht. Sabine lacht nur über Kasperle, weil er so zaghaft über die Äste steigt. Kasperl erklärt ihr, dass er eben vorsichtig ist, weil man nie weiß, was unter den Holzhaufen ist. Sabine wird aber immer leichtsinniger, nimmt Anlauf und springt über die dicksten Baumstämme, die quer auf dem Waldboden liegen.
DA! – Auf stürzt die Prinzessin und liegt am Boden! „Au, au!“, schreit sie auf, „Kasperle, hilf mir! Ich glaube, ich habe mir den Fuß gebrochen!“ „Siehst du, das kommt von deinem Übermut! Ich habe dich oft genug gewarnt!“, sagt Kasperle und begutachtet ihren schmerzenden Fuß. Zum Glück kann Kasperle feststellen, dass nichts gebrochen ist. Sabine hat sich beim Sprung nur den Knöchel verstaucht. Damit sie ihn schnell hochlegen und kühlen kann, will sie Kasperle stützen und nachhause führen. Aber der Knöchel schwillt immer mehr an und Sabine kann nicht einmal mehr richtig auftreten. Da bleibt Kasperl nichts anderes übrig, als die Prinzessin ins Schloss zurück zu tragen. Er legt sie quer über seine Arme und läuft mit ihr los. Sabine gefällt das natürlich und sie verspricht Kasperle, sich extra so leicht wie eine Feder zu machen. Doch plötzlich jammert sie wieder, obwohl sie getragen wird: „Au, Kasperle, mein Knöchel zuckt und schmerzt. Ich glaube, die Schwellung wird immer dicker!“ Kasperl verspricht ihr, sich zu beeilen, damit sie bald im Schloss sind und etwas gegen die Schmerzen tun können.
Plötzlich bleibt Kasperl stehen und schnuppert. Es riecht irgendwie nach brennendem Holz und nach Essen. „Da scheint irgendjemand im Wald zu wohnen, Sabine.“, meint er. „Vielleicht bekommen wir dort einen kühlen Umschlag für deinen schmerzenden Knöchel!“ Kasperl folgt – immer noch mit der Prinzessin auf den Armen – dem Geruch und tatsächlich, da steht ja eine Hütte, wo auch der Rauch herkommt. Als Kasperl näher kommt, erkennt er die Hütte der alten Kräuterliese, die ja hier im Wald wohnt. Sie ist eine gute alte Frau, die ihnen bestimmt helfen wird. Die Kräuterliese steht gerade unter ihrem kurzen Vordach und rührt mit einem Kochlöffel in einem großen Topf herum, der über der offenen Feuerstelle hängt. „Grüß dich, Kräuterliese!“, sagt Kasperle. „Wir bräuchten dringend deine Hilfe!“ Die Kräuterliese freut sich, dass sie Kasperle einmal besuchen kommt und erkennt auch gleich Prinzessin Sabine, die er auf den Armen trägt. „Liebe Frau“, bittet Sabine, „ich habe mir den Knöchel verstaucht! Er wird immer dicker! Können Sie mir vielleicht helfen? Ich habe solche Schmerzen!“ Selbstverständlich ist die Kräuterliese bereit, der Prinzessin zu helfen. Doch leider hat sie in ihrer Hütte kein fließendes Wasser, was sie für einen kühlen Umschlag bräuchte. Sie schickt Kasperle schnell mit einem Krug zum Bach, damit er darin kaltes Wasser holt. Kasperle setzt die Prinzessin einstweilen auf einen Stuhl neben den dampfenden Kessel und macht sich dann auf den Weg zum Bach.
Die Kräuterliese, die ja nicht umsonst so heißt, kennt sich logischerweise mit natürlichen Heilkräutern sehr gut aus. Deswegen will sie schnell im Wald welche pflücken, die gegen die Schmerzen und die Schwellung an Sabines Knöchel helfen. Damit ihr solange der Eintopf im Kessel nicht anbrennt, drückt sie der Prinzessin den Kochlöffel in die Hand und bittet sie, immer schön umzurühren, bis sie wieder kommt. Sabine rührt auch brav das Gemüse und die Kräuter im Topf herum, obwohl die Schmerzen immer schlimmer werden. Auf einmal kommt ein leichter Wind auf, was Sabine ganz gut findet, denn so geht wenigstens das Feuer nicht aus. Doch der Wind wird plötzlich immer stärker und es fängt an zu Stürmen. Es stürmt sogar so arg, dass es das ganze brennende Holz unter dem Kessel auseinander treibt. Die glühenden Holzscheite fliegen ins Gras und ins Reisig vor der Hütte. Da alles wegen der Hitze trocken und ausgedörrt ist, fängt das Gras und das Reisig sofort Feuer und es brennt rings um die ganze Hütte lichterloh. Sabine versucht aufzustehen, um die Flammen auszutreten, doch mit ihrem geschwollenen Knöchel kann sie nicht gehen. „Hilfe, hilfe!“, ruft sie in ihrer Not. „Kasperle! Kräuterliese! Kommt schnell und helft!“
Da kommt Kasperle schon mit dem Krug voll Wasser angeeilt und schüttet das Wasser über ein paar Flammen. Doch das bisschen Wasser reicht lange nicht, um das ganze Feuer zu löschen. Kasperl überlegt, ob er noch einmal zum Bach laufen soll, um noch mehr Wasser zu holen. Aber, der Weg ist zu weit und bis er wieder kommt, hat sich das Feuer sicher weiter ausgebreitet und in der Zwischenzeit würde der halbe Wald brennen. Da kommt Kasperle die rettende Idee. Hier kann nur die Regenprinzessin Sarah helfen. Schnell ruft sie Kasperle herbei.
Begleitet von hellen Glockenklängen kommt Sarah auf ihrer Wolke herbei geschwebt. „Oje“, sagt sie, „um das ganze Haus der Kräuterliese brennt es ja!“ Kasperl fragt sie, ob sie es nicht aus ihrer Wolke regnen lassen kann, um das Feuer zu löschen. Sarah überlegt nicht lange und befiehlt ihrer Wolke:
„Regen, fall auf die Erde nieder,
lösche schnell die Flammen wieder!“
Es blitzt, donnert und aus der Wolke prasselt ein heftiger Regen nieder. Im Nu ist das Feuer aus und die Gefahr ist gebannt. Kasperl bedankt sich bei der Regenprinzessin Sarah und freut sich, dass der viele Regen sogar den leeren Wasserkrug wieder gefüllt hat.
Nun kommt auch die Kräuterliese wieder zurück und ist ganz erschrocken, weil der Boden um ihre Hütte vom Feuer ganz verbrannt und schwarz ist. Kasperl beruhigt sie und erzählt ihr, was passiert ist. Sarah belehrt die Kräuterliese darüber, wie gefährlich es ist, bei Hitze und Trockenheit im Wald ein offenes Feuer zu entzünden, da die Waldbranntgefahr gerade im Sommer sehr hoch ist. Schon ein weggeworfenes Streichholz kann zu verheerenden Waldvernichtungen führen, deshalb ist Feuer machen und Grillen in einer Entfernung von weniger als 100 Metern vom Waldrand immer untersagt. Die Kräuterliese ist froh, dass nicht mehr passiert ist und verspricht der Regenprinzessin, in Zukunft nur noch auf dem Herd in ihrer Küche zu kochen.
Die Kräuterliese verarztet nun aber erst einmal mit Heilkräutern und kalten Umschlägen den geschwollenen Knöchel der Prinzessin und Kasperl will sich dann mit Sabine wieder auf den Weg zurück ins Königsschloss machen. Sabine geniest es, dass sie Kasperle bis nachhause trägt und sie ins Bett legt.
Ja, liebe Kinder, vielleicht trägt euch euer Papi heute auch ins Bett, aber hoffentlich nicht wegen einer Verletzung am Fuß. Passt immer schön auf, wenn ihr durch Feld, Wald und Wiesen springt, damit ihr euch nichts brecht oder verstaucht.
Schlaft gut und träumt was Schönes. Das wünschen Euch die Puppenbühne Herrnleben und Euer Bamberger Kasperl.

Wolfgang Herrnleben (2008)