Prinzessin Stupsnäschen hat ihren Freund, das Bamberger Kasperle heute eingeladen, weil sie ihm unbedingt ihren herrlichen Schlosspark zeigen will. Der Park um das Königsschloss ist wirklich der schönste weit und breit. Wie soll es auch anders sein. Die Hecken sind zu tollen Figuren zurecht geschnitten, die Blumenbeete wirken wie bunte Musterteppiche und die Bäume blühen in der verschiedensten Farben. Aber bevor die Beiden die Wege durch den großen Schlosspark ablaufen, gibt es natürlich erst einmal eine Stärkung. Stupsnäschen hat auf der steinernen Terrasse hinter dem Schloss schon einmal den Kaffeetisch gedeckt. Ihr Schlosskoch hat extra einen frischen Erdbeerkuchen gebacken, den sich die Prinzessin und Kasperl unter strahlend blauem Himmel mit Sahne und zu einer Tasse Kakao schmecken lassen. Stupsnäschen schwärmt Kasperl während des Kuchenessens schon einmal von ihrem schönen Schlosspark vor und zählt ihm alle Blumensorten auf, die dort blühen.
Auf der anderen Seite des Schlosses hat sich indes unbemerkt der Räuber Schlapphut geschlichen und bewundert die üppige Farbenpracht. Dabei sticht ihm ein Baum besonders ins Auge. Er kann es nicht fassen, da wächst doch tatsächlich im Schlosspark sogar das Gold an den Bäumen. „Das ist wieder typisch für die Königs“, schimpft er vor sich hin, „jetzt züchten sie schon Gold an den Bäumen. Als wenn sie im Schloss nicht schon genug stapelweise herum liegen hätten! Und ich armer Räuber muss mir alles mit harter Arbeit zusammen stehlen!“ Er findet das ungerecht! Zufällig hat er seine kleine Säge in der Jackentasche stecken und beschließt, einfach einen Ast davon abzusägen. Was soll das dem König schon groß schaden, er hat ja immer noch jede Menge Gold auf Lager. „Ritsch-ratsch“ sägt Schlapphut einfach einen Ast durch und will ihn gleich nachhause zu seiner Räuberfrau Trutschel bringen. Nun hat er auch einen Baum, an dem das Gold immer einfach nachwächst und sie können sich davon immer alles kaufen, was das Herz begehrt. Und nie mehr muss er bei Tag und Nacht durch die Gegend streifen, um nach Beute Ausschau zu halten und etwas zu stehlen. Schnell macht er sich mit dem goldenen Ast aus dem Schlosspark davon.
Inzwischen haben Kasperl und die Prinzessin genug Erdbeerkuchen mit Sahne gegessen und beginnen ihren Spaziergang durch den Schlosspark. Freudig springt Stupsnäschen durch den Schlosspark und will dem Kasperl beweisen, wie gut sie alle Blumen kennt. Jede Sorte zeigt sie ihm und sagt ihm, wie sie heißt. Dann fasst sie Kasperl an der Hand und zieht ihn hinter sich her. „Was ist denn nun kaputt, Prinzessin?“, will Kasperl wissen, der ihr im Eiltempo folgt. „Jetzt will ich dir noch etwas ganz Besonderes zeigen!“, ruft sie ihm zu, um ihn neugierig zu machen, „Wir haben auch einen Goldregenbaum!“ Lächelnd fragt Kasperl: „Was, bei euch hat es Gold geregnet? Wohl, wie im Märchen von Frau Holle?“ Aber als sie unter dem großen Baum mit den vielen gelben Blüten stehen, erklärt ihm Stupsnäschen, das dieser Baum Goldregen heißt. Kasperl bewundert die gelben Blütentrauben, die ihnen vom Baum in großer Anzahl entgegen leuchten. Als die Prinzessin mit Stolz den blühenden Baum betrachtet, strahlt ihr Gesicht fast so, wie die gelben Blüten. Doch dann fällt ihr mit Erschrecken auf, dass ja ein ganzer Ast vom Goldregenbaum abgesägt worden ist. Kasperl kann sich nur vorstellen, dass dies ihr Schlossgärtner Spatenstich gewesen sein könnte. Aber das kann sich die Prinzessin nicht vorstellen, denn der Goldregenbaum ist das Heiligtum ihres Gärtners. Total aufgelöst steht Stupsnäschen vor dem Baum und fängt das Weinen an. Kasperl beruhigt sie erst einmal und will der Sache auf den Grund gehen. Als er sich so umsieht, entdeckt er in der Wiese eine Spur von gelben Blüten. Kasperl vermutet, dass hier irgendein Dieb am Werk war und den Ast abgesägt und mitgenommen hat. Stubsnäschen wischt sich die letzten Tränchen aus den Augen und dann verfolgt sie mit Kasperl die gelbe Blütenspur. Diese führt sie direkt in den Wald. Hoffentlich finden sie den Dieb, denn die Blüten werden immer weniger, die er verloren hat und so wird es langsam schwer, die kleinen gelben Wegweiser nicht aus den Augen zu verlieren.
Der Räuber Schlapphut ist ihnen natürlich schon weit voraus. Doch mit der Zeit wird ihm der große Ast doch zu schwer. So beschließt er, sich auf einen Baumstumpf zu setzen und erst einmal die vielen Goldstückchen abzupflücken, damit er nicht noch mehr verliert. Den großen Ast kann er später mit seiner Räuberfrau immer noch gemeinsam heimtragen. Nachdem er alle Blüten abgezupft hat, von denen er immer noch glaubt, es seien Goldstückchen, hat er erst einmal Hunger. So holt er seine Stulle Wurstbrot aus der Jackentasche, die er sich als Wegzehrung eingesteckt hat, versteckt sich hinter ein Gebüsch und beginnt diese schmatzend zu essen.
„Da, da, Kasperl!“, ruft die Prinzessin plötzlich, „das muss der fehlende Ast von unserem Goldregenbaum sein!“ Sie gehen näher zu diesem Fundstück hin, müssen aber feststellen, dass keine einzige Blüte mehr daran hängt. Da hört Kasperl plötzlich ein seltsames Jammern. Er spitzt die Ohren und glaubt, es müsste hinter dem Gebüsch herkommen. Kasperl will natürlich gleich einmal nachsehen, wer da so schrecklich jammert. Ängstlich bittet ihn die Prinzessin nur vorsichtig zu sein. „Jaja, keine Sorge“, flüstert Kasperl, „ich schleich mich an, wie ein Plattfußindianer!“ Als er um das Gebüsch herumspitzt, erblickt er den Räuber Schlapphut und auch die Säge. Nun traut sich auch die Prinzessin hinterher und schimpft: „Du böser Räuber hast also den großen Ast von meinem Goldregenbaum abgesägt!“ Der Räuber fleht sie an, ihn bitte nicht zur Polizei zu bringen. Er wollte doch nur auch einmal viel Gold besitzen, dann hätte er nie mehr in seinem Leben etwas gestohlen. Kasperl muss herzhaft über seine Dummheit lachen und erklärt ihm, dass das doch gar kein echtes Gold ist, sondern nur die Blüten vom Goldregenbaum. Doch das ist dem Räuber gerade ganz egal. Er würde sogar die ganzen Goldstücke wieder zurückgeben, beteuert er ihnen mit großem Gejammer, wenn nur das fürchterliche Brennen im Hals und die schlimmen Bauchschmerzen wieder aufhören würden. Er meint, die Wurst auf seinem Brot war wohl schlecht.
In diesem Moment erklingt eine geheimnisvolle Melodie und die Gegend um das Gebüsch hüllt sich in hellgrünes Licht. Plötzlich erscheint die Gesundheitsfee und klärt den Räuber auf:
„Nein, Räuber Schlapphut, dein Wurstbrot war in Ordnung. Deine Hals und Magenschmerzen kommen vom Goldregen!“ Sie macht ihm noch mal klar, dass es nur Blüten sind und kein wertvolles Gold. Doch das schlimme an allen Teilen des Goldregenbaumes ist, dass alles sehr giftig ist. Die bohnenähnlichen Schoten, die im Herbst daran wachsen können, sind sogar noch gefährlicher und können bei Kindern und Erwachsenen zu tödlichen Vergiftungen führen. Das wenn der Räuber gewusst hätte, wäre er nie auf die Idee gekommen, einen Ast von diesem giftigen Baum abzusägen. Aber was soll er nun tun? Muss er jetzt sterben? – Wie ein Häufchen Elend kniet er vor der Gesundheitsfee und bittet sie, ihn wieder gesund zu machen. Er verspricht ihr dafür, nie mehr in seinem Leben andere Leute zu bestehlen. Die gute Fee glaubt ihm und will ihn mit einem Spruch von seinen Schmerzen befreien und den Ast wieder an seinen Platz am Baum im Schlosspark zurückwünschen.
„Schlapphuts Schmerzen lasst nach husch-husch,
Goldregen kehr zurück an deinen Busch!“
Es ertönt ein kräftiger Donner, es blitzt und im selben Augenblick ist der Ast verschwunden. Auch dem Räuber geht es wieder gut, er steht auf, bedankt sich unterwürfig bei der Gesundheitsfee und eilt schnurstracks heim ins Räuberhaus. Nachdem sich auch die Prinzessin und Kasperl bei der Fee für ihre Hilfe bedankt haben, verschwindet diese wieder genauso schnell, wie sie erschienen ist.
Dann machen sich Kasperl und die Prinzessin schnell auf den Rückweg und wollen den wieder vollständigen Goldregenbaum noch einmal bestaunen.
Ihr, liebe Kinder, wisst sicher schon längst, wie giftig alles am Goldregenbaum ist. Deshalb lasst lieber die Finger davon. Und wenn ihr nur etwas Gift davon an den Fingern habt und damit esst, ergeht es euch so, wie dem Räuber Schlapphut. Aber auch mit allen anderen Pflanzen, die man nicht kennt, soll man sehr vorsichtig sein.
Wir hoffen, euch geht es gut und ihr könnt alle gesund in euer Bettchen steigen. Wer krank ist, dem wünschen wir eine gute Besserung und natürlich euch allen eine gute Nacht!
Euer Bamberger Kasperle und die Puppenbühne Herrnleben.
Wolfgang Herrnleben (GAP, 2009)






