Der Gurkenkönig

Gretel hat mit der Großmutter im Frühjahr im Garten viele Samen ausgesät und Pflänzlein gesetzt, die sie seitdem hegt und pflegt und immer fleißig gießt, wenn es nicht genug regnet. Gretel ist schon seit dem frühen Morgen in den Gemüsebeeten unterwegs, rupft das Unkraut zwischen den Pflanzen heraus, lockert die Erde mit ihrer kleinen Hacke und sucht nach reifen Früchten, die sie vielleicht heute noch ernten kann. Großmutter verwendet nämlich, wenn es geht, nur Gemüse und Früchte aus ihrem eigenen Anbau. Denn da weiß sie sicher, dass nichts gespritzt oder mit chemischen Mitteln gegen Schädlinge behandelt ist. Auf einmal strahlt Gretel übers ganze Gesicht, denn sie stellt mit Freude fest, dass jede Menge Gurken reif zum Ernten sind. Gleich ruft sie das Bamberger Kasperle aus dem Haus, um ihm die vielen Gurken zu zeigen, die an ihren Pflanzen gewachsen sind. Kasperl kommt sofort herbei und fragt Gretel erst einmal verdutzt: „Ja, sag mal, Gretelein, hähä, was kriechst du denn in aller Herrgottsfrüh zwischen dem ganzen Grünzeug herum? Willst du die Schnecken aufwecken, die noch schlafen, hähä?“ Gretel fordert Kasperl auf, sich doch auch einmal zu bücken, damit er die vielen Gurken auch sieht, die schon gewachsen sind. Sie will sie heute noch abpflücken, um sie mit der Großmutti einzumachen. Sie bittet Kasperl, ihr doch beim Ernten zu helfen. Doch Kasperl hat eigentlich keine Lust und fragt, ob sie die nicht morgen auch noch abpflücken können, denn er will doch eigentlich heute mit Seppl eine Radtour machen. Gretel erklärt ihm aber, dass gerade jetzt in der Früh die richtige Tageszeit zum Gurkenernten ist. Es ist noch relativ kühl und der Himmel ist bewölkt. Später soll die Sonne scheinen und in der Mittagshitze soll man sie nicht ernten, weil sie sonst zu viele Bitterstoffe haben. Außerdem braucht sie ja mit Großmutti auch bestimmt den halben Tag, um die Gurken einzulegen. Wenn sie die Gurken jetzt gleich am Morgen ernten, schaffen sie es bis zum Nachmittag und dann kann er mit dem Seppl ja immer noch Radl fahren. Kasperl lässt sich überzeugen, geht aber erst einmal ins Gartenhäuschen, um den großen Weidenkorb zu holen, denn die vielen Gurken kann er ja nicht in seine Hosentaschen sammeln. Bis Kasperl wiederkommt, läuft Gretel schnell ein paar Meter weiter, um in ihrem Kräutergärtlein Dill zu pflücken, den sie zum Einmachen auch benötigen.

Als Gretel das Gurkenbeet verlassen hat, rührt sich eine große Gurke, die versteckt unter den großen Pflanzenblättern gewachsen ist. Diese Gurke hat Gretel bislang noch gar nicht gesehen. Die große Gurke hat sogar kleine schwarze Augen und oben am Stengelansatz ein kleines grünes Krönchen. Es ist der Gurkenkönig, der sich für alle anderen kleinen Gurken verantwortlich fühlt. Er will es nicht zulassen, dass Gretel und Kasperl seine kleinen Gurkenbrüder abernten. Aber, was soll er dagegen tun? Er ist ja auch angewachsen und kann von dem Gurkenstrauch nicht weg, um seine Brüder zu verteidigen. Er überlegt kurz und dann fällt ihm ein böser Streich ein. Damit kann er zwar nicht verhindern, dass sie heute die reifen Früchte abpflücken, aber von allen anderen, die noch nachwachsen, werden sie in Zukunft bestimmt die Finger lassen. Deshalb spricht er schnell einen Zauber:

„Meine Gurkenbrüder werdet bitter sogleich,

damit sie keine mehr stehlen aus meinem Reich!“

Es donnert kurz und der Gurkenkönig ist sich sicher, dieser Streich wird Gretel und Kasperl zu einer Lehre werden. Voller Schadenfreude versteckt er sich wieder unter dem großen Blatt.

Kaum ist er wieder in Deckung gegangen, kommen auch Kasperl und Gretel zurück. Kasperl stellt den großen Korb an den Rand des Beetes und Gretel beginnt gleich damit zwischen den Gurkenpflanzen zu wühlen, um die passenden Gurken zu pflücken. Sie weist Kasperl darauf hin, nur die kleinen Gurken zu nehmen, die auch in die Einmachgläser passen. Kasperl fängt auch gleich an, nach kleinen Gurken zu suchen, denn um so schneller der große Weidenkorb voll ist, um so eher kann er mit Seppl seine geplante Radtour machen. Aber vor lauter Hektik hat Kasperl nicht darauf geachtet, dass an den Stielen und Blättern der Gurkenpflanzen kleine Härchen sind. „Autsch!“, ruft er auf einmal und schüttelt seine Hände, „Das Kraut sticht ja!“ Gretel muss über ihn lachen und meint nur, er soll halt etwas langsamer und vorsichtiger herangehen. Aber erst einmal kann sie ihn beruhigen, denn die Härchen sticheln zwar etwas, aber gefährlich sind sie nicht. Ab jetzt ist Kasperl etwas vorsichtiger und ist ganz überrascht, wie viele Gurken überall zu finden sind. Gretel erklärt ihm ganz stolz, dass dies nur das Ergebnis ist, weil sie die Gurkenpflanzen immer fleißig gegossen hat. Auf einmal stößt Kasperl auch auf die Riesengurke. Allerdings bemerkt er nicht, dass sie Augen und ein kleines grünes Krönchen hat. Gretel hält ihn aber zurück, diese große Gurke abzupflücken, denn diese ist zu groß zum Einmachen. Sie können sie holen, wenn sie einen Gurkensalat machen wollen. So hat der Gurkenkönig Glück und kann weiter unter dem großen Blatt hängen bleiben.

Während sich der Korb nach und nach mit den knackig grünen Gurken füllt, fragt Kasperl: „Du Gretelein, kann man die Gürkelein auch so essen?“ Gretel antwortet ihm, dass er natürlich auch gleich in eine Gurke hinein beißen kann. Und weil sie nicht gespritzt sind, braucht er sie auch nicht abzuwaschen und kann sie mitsamt der Schale essen. Mit den großen Gurken für den Gurkensalat machen sie es doch auch nicht anders. „Das stimmt! Na logisch!“, meint Kasperl und beißt kräftig in eine der Gurken hinein. „Pfui, die schmeckt ja scheußlich!“, ruft Kasperl und spuckt das Stück Gurke wieder aus. Gretel kann sich das gar nicht vorstellen. Kasperl hält ihr die andere Hälfte hin und Gretel versucht sie auch. „Tatsächlich!“, sagt sie weinerlich, „Du hast recht! Die sind ja total bitter! Aber wir haben sie doch immer genügend gegossen und zur richtigen Zeit geerntet!“ Nun ist Gretel bitter enttäuscht, denn solch ungenießbare Gurken taugen nicht zum Einmachen. Völlig betrübt seht sie neben dem halb gefüllten Weidenkorb und weint.

Da erklingt auf einmal eine geheimnisvolle Melodie und ein kleines gelbes gekleidetes Männchen mit einem Strohhut erscheint. „Ich werde Euch helfen!“, sagt es mit heller, krächzender Stimme. Gretel erschrickt und weicht zurück: „Huch, wer bist denn du?“ Das sonderbare Männchen gibt sich zu erkennen und stellt sich vor: „Ich bin der kleine Rohkostler, der es nicht mag, wenn gesunde Früchte umsonst gewachsen und reif geworden sind! Euere Gurken waren auch einmal gut, bis Euch der böse Gurkenkönig einen Streich gespielt und sie alle bitter gezaubert hat!“ Kasperl will wissen, wo denn dieser Gurkenkönig wohnt. Der Rohkostler deutet auf die große Gurke, die Kasperl schon fast abgepflückt hätte. Und weil Gurken, alle anderen Gartenfrüchte und Gemüse sehr gesund sind und sie die Menschen als Nahrung benötigen, will der Rohkostler den Zauber des Gurkenkönigs wieder rückgängig machen. Dazu bedarf es nur eines Zauberspruches, den er über das Gurkenbeet und die Gurken im Korb erschallen lässt:

„Ihr kleinen Gurken werdet wieder gut,

das will der Rohkostler mit seinem Hut!“

Ein glockenähnliches Bimmeln verbreitet sich über alle Gurken. „So, nun könnt ihr Euere Gurken wieder essen!“, sagt der Rohkostler. Nachdem sich Kasperl und Gretel für seine Hilfe bedankt haben, pflückt der Rohkostler den Gurkenkönig ab und nimmt ihn zur Strafe mit, damit er keinen Schaden mehr anrichtet. Und schon ist er mit samt dem Gurkenkönig wieder verschwunden.