Kasperl und Seppl verbrachten in den Sommerferien ein paar Tage beim Jäger Grünrock. Mit ihm waren sie jeden Tag im Wald unterwegs. Und das immer schon ganz bald in der Früh, wenn der Morgen dämmerte. Mit ihm durften sie sogar auf den Jägersitz hinauf steigen und mit seinem Fernglas die Tiere beobachten. Außerdem zeigte und erklärte er ihnen die verschiedenen Baumsorten, Pflanzen, Gräser, Blumen und Beeren. Wenn es die Nacht vorher geregnet hatte, dann schossen an manchen Stellen aus dem Waldboden jede Menge Pilze hervor. Jäger Grünrock brachte den beiden wissensdurstigen Burschen bei, welche Pilze man essen kann und welche nicht, wovon man genießbare von giftigen Pilzen unterscheiden kann, wie man sie erntet, putzt und aufbewahrt. Kasperl hat sich immer alles gleich in seinem kleinen Notizbuch aufgeschrieben.
Die Ferientage bei Jäger Grünrock waren schön, interessant und die Buben haben viel gelernt. Nun sind Kasperl und Seppl wieder daheim bei der Großmutter.
Und weil es die letzte Nacht wieder geregnet hat, sind sie gleich heute alleine in den Wald gegangen, um Pilze zu suchen.
Kasperl hat schon jede Menge Pilze in seinem Korb. Sie müssen nur noch ein paar finden, dann ist der Korb randvoll und sie können wieder den Heimweg antreten. Es dämmert nämlich schon und wird bald dunkel. Seppl hat im Dickicht noch ein paar schöne Pilze entdeckt. Damit wird der Korb schnell gar voll. Vorsichtig dreht Seppl die Pilze aus dem Boden und reicht sie dem Kasperl zu. Beide freuen sich schon darauf, wenn ihnen die Großmutter morgen eine leckere Pilzpfanne mit Rühreiern zubereitet.
Als sie so im Dickicht unterwegs sind, werden sie allerdings beobachtet. Sie merken es allerdings nicht. Wer da nämlich auf der Lauer liegt, ist der kleine Holzbock Ixodenes. Pilze kann er nicht essen, aber Hunger hat er auch. Also lässt er sich einfach vom Baum herunter fallen und hofft, dass er dann direkt auf einem der beiden Burschen landet. Dann kann er sich solange voll Blut saugen, bis er satt ist. In dem Moment haben Kasperl und Seppl ihren Korb voll und machen sich damit auf den Heimweg. Sind sie dadurch unabsichtlich dem angreifenden Holzbock noch entkommen? – Oder hat Ixodenes doch einen der Beiden erwischt? –
Ob mit oder ohne Holzbock, Kasperl und Seppl sind schon bei der Großmutter und zeigen ihr stolz den Korb mit den vielen Pilzen, die sie gesammelt haben. Sicherheitshalber will Großmutter aber noch mal jeden einzelnen Pilz kontrollieren, damit sie nicht doch einen giftigen oder ungenießbaren mitgebracht haben. Kasperl schaut ihr dabei aufmerksam zu, wie Großmutter die Pilze testet, was sie sich daran genau anschaut und wo sie hin riecht. Seppl würde das auch interessieren, doch er kann sich nicht konzentrieren. Er steht neben dem Küchentisch und zappelt, ist ganz nervös und kratzt sich. Ihn juckt es am ganzen Bauch. Kasperl meint lachend, dass er wohl Flöhe hat und sich wieder einmal baden sollte. Großmutti bitte ihn mal sein Hemd hoch zu heben, damit sie nachsehen kann. Jetzt fängt Seppl plötzlich das Lachen an, weil es kitzelt, als Großmutter über seinen Bauch streichelt. Kasperl muss schon wieder lachen, weil es ihm vorkommt, als wenn eine Affenmama bei ihrem Affenbaby Flöhe sucht. – Doch Seppl hat keine Flöhe. – Großmutter entdeckt an seinem Bauch einen kleinen schwarzen Punkt. Sie erkennt sofort, dass sich Seppl einen Holzbock eingefangen hat. „Was?“, fragt Kasperl verwundert, „So kleine Böcke gibt es auch? Und wo sind seine Hörner?“ Großmutter erklärt den Beiden, dass man Holzbock zu dem kleinen Schmarotzer sagt, welcher eigentlich eine Zecke ist. Zecken wohnen in den Wäldern oder in hohem Gras und lassen sich auf Tiere oder Menschen fallen. Sie beißen sich in die Haut und ernähren sich von ihrem Blut. Das will der Seppl aber ganz und gar nicht, dass dieser Holzbock sein Blut austrinkt und will das Tier schnell aus seiner Haut heraus reißen. Doch Großmutter hält ihn zurück, denn wenn sich eine Zecke schon festgebissen hat, darf man sie nicht einfach heraus ziehen. Man muss die Stelle erst mit Speisefett, Vaseline oder Nagellack betupfen. Dann bekommt die Zecke keine Luft mehr und erstickt. Anschließend kann man sie problemlos mit einer Pinzette herauszupfen, aber ganz vorsichtig. Wichtig ist nämlich dabei, dass der Kopf auch wirklich mit heraus geht. Seppl hat aber Angst, weil er meint, es tut bestimmt arg weh, wenn die Großmutter das Tier herauszieht. Schließlich hat es sich ja in seiner Haut festgebissen. Er will lieber warten, bis der Holzbock von alleine los lässt.
Da erklingt plötzlich eine geheimnisvolle Melodie und in einer weißen Rauchwolke erscheint die gute Gesundheitsfee. Sie warnt den Seppl, die Zecke länger als nötig in der Haut zu lassen. Sie weist ihn darauf hin, dass man Zecken sofort vollständig entfernen muss, ohne dass nur ein Teil in der Haut zurück bleibt. Sie können nämlich Hirnhautentzündung übertragen sowie andere gefährliche Krankheitserreger, die Lähmungen, Herzbeschwerden oder Gelenkschwellungen verursachen. Nun wird es Seppl erst recht Angst und Bang, denn er hat Angst, schwer krank zu werden. Doch die Gesundheitsfee kann ihn beruhigen. Sie weiß, dass er Glück hat, weil dieser Holzbock keine Bakterien trägt. Aber nicht alle sind harmlos. Deshalb ist es ratsam, sich gegen Zecken impfen zu lassen, wenn man öfters im Wald unterwegs ist. „Oje“, jammert jetzt Seppl schon wieder, „da bekomme ich ja eine Spri-ti-ti-tze! – Das tut ja auch weh!“ Kasperl lacht darüber nur und findet, ein kleiner Pieks in den Po ist doch besser, als schwer krank zu werden. Großmutter will deshalb mit den beiden Pilzsammlern gleich morgen zum Kinderarzt gehen, um sie impfen zu lassen.
Damit er aber erst einmal schnell von dem Blutsauger befreit wird, spricht die Gesundheitsfee ausnahmsweise nur einen hilfreichen Spruch:
„Zecke verschwinde aus Seppls Haut sogleich,
kehr zurück in des Waldes Reich!“
Es erklingt ein heller Glockenklang und der schwarze Punkt ist aus Seppls Bauch verschwunden. Seppl bedankt sich bei der Gesundheitsfee für die schnelle, schmerzfreie Hilfe. Falls man sich aber einmal selbst von Zecken befreit, so die Gesundheitsfee, muss man die Bissstelle genau beobachten. Wenn sich ringsrum eine rote Fläche oder ein roter Kreis bildet, muss man schnell einen Arzt aufsuchen. Dann verschwindet die Gesundheitsfee wieder unter der geheimnisvollen Melodie und mit einer Rauchwolke.
Kasperl und Seppl können nun beruhigt schlafen gehen, ohne einen Holzbock am Körper.
Wenn Ihr, liebe Kinder, im Wald oder auf einer Wiese unterwegs ward, dann solltet Ihr Euch danach immer überall am ganzen Körper nach Holzböcken absuchen lassen, damit Ihr auch keinen mit ins Bett schleppt. Und denkt daran, Euch rechtzeitig impfen zu lassen. Vor einer kleinen Spritze habt Ihr doch sicher keine Angst, gell? Kasperl und Seppl gehen morgen ja auch zum Kinderarzt und lassen sich die Zeckenspritze geben.
Nun schlaft gut und bleibt immer gesund. Eine gute Nacht wünschen Euch die Puppenbühne Herrnleben und Euer Bamberger Kasperl!
© Wolfgang Herrnleben (GaPa, 2010)






