Der Honigkuchenmann

In vielen Städten und Orten sind jetzt in der Adventszeit stimmungsvolle Weihnachtsmärkte aufgebaut. Meist sind um eine große Krippe viele Buden aufgebaut, Lichterketten erstrahlen, weihnachtliche Musik erklingt, es duftet nach Lebkuchen, Glühwein, gebrannten Nüssen und Maronen. Besonders beeindruckend ist ein Besuch auf einem Weihnachtsmarkt natürlich am Abend in der Dämmerung, wenn die Sterne und Weihnachtskugeln in den Buden nur noch im Licht der künstlichen Beleuchtung oder im Kerzenschein funkeln. Großmutter ist deshalb heute Abend mit Gretel, Seppl und dem Bamberger Kasperl auch auf dem Weihnachtsmarkt unterwegs. Toll, was es da alles zu sehen gibt! Es ist für alle ein echtes Erlebnis, dass sie so richtig in Weihnachtsstimmung versetzt, noch dazu, wo es letzte Nacht geschneit hat und der Schnee auf den Dächern der Buden und auf den Tannenzweigen glitzert. Seppl erfreut sich allerdings weniger an dem, was es zu sehen gibt, sondern mehr an den vielen verlockenden Gerüchen. Seine Nase wird überflutet von den Düften nach Würsteln, Mandeln, Lebkuchen und vielem mehr. Am liebsten würde er alles probieren, denn Hunger hat Seppl ja immer! Aber Großmutti hält ihn zurück, denn sie weiß, Seppl kann sich nicht bremsen und futtert und trinkt alles durcheinander. Und – was bleibt ihm dann vom Weihnachtsmarkt? Es ist ihm danach nur wieder schlecht und er hat Bauchschmerzen. Doch Großmutter und die Kinder sind logischerweise nicht die Einzigen, die die abendliche Stimmung auf dem Weihnachtsmarkt genießen wollen. Mittlerweilen haben sich immer mehr Menschen in den Gassen zwischen den Buden eingefunden und zwängen sich dicht gedrängt durch die engen Wege. Großmutter wird das Menschengewirr zu viel und sie schlägt vor, den Weihnachtsmarkt wieder zu verlassen, bevor sie sich zwischen den vielen Menschen verlieren und nicht mehr wieder finden. Seppl will sich aber vorher wenigstens noch etwas zum Naschen kaufen. Also gut – Großmutter erlaubt den Kindern, dass sich jeder etwas kaufen darf. Sie bittet die Kinder aber, darauf zu achten, dass sie sich nichts sehr Süßes mit viel Zucker auswählen sollen, denn zuviel Naschen ist ungesund. Kasperl und Gretel kaufen sich jeder ein großes Lebkuchenherz, welches sie sich zur Erinnerung an den Weihnachtsmarktbesuch an dem bunten Bändchen um den Hals hängen. Seppl findet so was aber albern. Da kommt er sich ja vor, wie ein Pfingstochse. Da entdeckt Seppl einen Lebkuchenmann, mit Knöpfen aus Mandeln und Augen aus Rosinen. Ja, der sieht lustig aus, den will er kaufen und mitnehmen. Die Honigkuchenbäckerin bietet ihm dazu auch die passende Lebkuchenfrau an, dann hätte er sogar ein Lebkuchenpärchen. Aber dazu reicht Seppls Taschengeld nicht, so nimmt er nur den Honigkuchenmann. Kaum hat Seppl das Lebkuchenmännchen in den Händen, plant er schon, in welcher Reihenfolge er ihn aufisst: Zuerst die Arme, dann die Beine, den Kopf und am Schluss den Rest. Großmutti meint aber, er soll damit warten, bis sie sich durch den Menschenstrom hinausgewühlt und wieder mehr Platz haben. Also hängt sich auch Seppl den Lebkuchenmann mit dem Bändchen um den Hals, damit er ihn nicht verliert. Außerdem ist er dann automatisch in der Nähe seines Mundes und er kann ab und zu hinein beißen. Am Ende würde er ja sonst verhungern, bis sie daheim sind, meint Seppl.
So versuchen die Vier nun erst einmal sich durch die Menschen, von denen ihnen immer mehr entgegenkommen, aus dem Weihnachtsmarkt hinaus zu wühlen.
Seppl muss sich nun dabei so konzentrieren, immer wieder eine Lücke zwischen den Menschen zu finden, um sich möglichst schnell einen Weg hinaus zu bahnen, dass er überhaupt nicht mehr auf seinen Honigkuchenmann achtet.
Dieser baumelt an dem Bändchen um Seppls Hals und ist völlig aufgelöst, dass ihn Seppl aufessen will. Voller Sehnsucht denkt er an seine Honigkuchenfrau in der Bude, die bestimmt ganz traurig ist, wenn es ihn nicht mehr gibt. Sie weint sich bestimmt die Rosinenaugen aus, weil sie der Seppl nicht auch gekauft hat. So könnten sie wenigstens noch zusammen sein. Er weiß ja gar nicht, wo ihn Seppl nun hinbringt. Sicher sieht er seine Lebkuchenfrau nie mehr wieder. Er muss schnell wieder zu ihr. Da kommt ihm eine Idee! – Er bindet den Knoten von dem Bändchen auf, mit dem er um Seppls Hals hängt und lässt sich hinunterfallen. Bei dem dichten Gedränge und vor lauter Umhergucken hat Seppl gar nichts davon gemerkt. Der Honigkuchenmann macht sich nun wieder auf den Weg zurück und hofft, dass er seinen Platz in der Bude und seine Lebkuchenfrau wieder findet.
Endlich haben Großmutter und die Kinder aus der weihnachtlichen Budenstadt hinaus gefunden, stellt Seppl mit Entsetzen fest, dass er wohl seinen Honigkuchenmann irgendwo verloren haben muss. Er hat nur noch das Bändchen um den Hals hängen und vermutet, dass es aufgegangen ist. Schnell kehren Kasperl, Gretel und Seppl wieder um und wollen den Weg wieder zurücklaufen. Sie hoffen nur, dass bei den vielen Beinen, die da unterwegs sind, der Lebkuchenmann nicht schon zertreten ist.
Dieser indes irrt zwischen den vielen Menschen herum, muss ständig irgendwelchen Beinen ausweichen. Doch er findet einfach nicht mehr zu seiner Bude zurück. Autsch! Beinahe hätte ihn jemand mit seinen schweren Winterstiefeln fast zertreten. Dem Honigkuchenmann wird das zu gefährlich und er beschließt erst einmal, ein sicheres Plätzchen zu suchen. Er beschließt, einfach irgendwo hochzuklettern und nach der Honigkuchenbude Ausschau zu halten. Da findet er ein Häuschen, von dessen Dach er einen prima Überblick über den ganzen Weihnachtsmarkt hat. Von dort sieht er bestimmt das rote Dach seiner Bude und sein Honigkuchenweibchen. So ein Glück, oben auf dem Dach sitzt ja jemand! – Zu dem will er hin und ihn nach dem Weg fragen. Also klettert er zielstrebig das schräge Dach bis zum Giebel.
Kasperl, Gretel und Seppl sind immer noch dabei, jeden Quadratmeter auf den Wegen nach dem Lebkuchenmann abzusuchen. Zum Glück blickt Kasperl auch einmal nach oben. Und – was muss er da sehen? – Ist das nicht Seppls Honigkuchenmann, der auf dem Dach der großen Weihnachtskrippe hochklettert. – Tatsächlich, er ist es! – Seppl schätzt, er sucht ihn schon! – Doch der Honigkuchenmann hält von dort oben nur Ausschau nach seiner Lebkuchenfrau. Seppl eilt zur Krippe hin und ruft hinauf: „Hallo, mein Lebkuchenmann! Hier bin ich! – Komm wieder herunter!“ Doch der Honigkuchenmann muss ihn enttäuschen. Er will gar nicht mehr zu ihm. Er will nur den Mann oben auf dem Dach nach dem Weg zu seiner Bude fragen. Als Kasperl das hört, muss er lachen: „Hähä, Honigkuchenmann, von dem hättest du wohl keine Antwort bekommen, hähä. Das ist doch nur ein großer, hölzerner Engel, der auf dem Dach der Weihnachtskrippe sitzt!“ – Seppl bittet, den Honigkuchenmann nun lieber wieder vorsichtig herunter zu klettern, damit er ihn mitnehmen kann. Das Männchen will aber nur mitkommen, wenn ihn Seppl nicht aufisst und er wieder mit seiner Honigkuchenfrau zusammen sein kann. Seppl verspricht ihm, ihn nicht zu essen, sondern nur an seine Zimmertür zu hängen. Und damit er nicht mehr von seiner Honigkuchenfrau getrennt ist, geht Kasperl zur Honigkuchenbäckerin und kauft auch noch die Lebkuchenfrau dazu.
Nun können sie zusammen für immer an Seppls Zimmertüre hängen und niemand wird ihnen schaden oder sie jemals mehr auseinander bringen.
Darüber freut sich der Lebkuchenmann so sehr, dass er einen Zauberspruch murmelt. Plötzlich erklingt ein weihnachtliches Glockenspiel aus der Krippe und ein Engel übergibt ihm eine bunte Dose.
Diese schenkt der Honigkuchenmann den drei Kindern. Zum Dank dafür, weil sie ihn und seine Honigkuchenfrau gerettet haben, ist die Dose bis zum Rand mit kleinen, runden Lebkuchen gefüllt. Und so viel sie davon auch essen werden, die Dose wird niemals leer.
„Das ist ja wie im Märchen!“, staunen Kasperl, Gretel und Seppl.
War es wirklich nur ein Märchen oder tatsächlich wahr? Oder war es nur ein schöner Traum?
Euch, liebe Kinder wünschen auch einen schönen Traum und eine gute Nacht, die Puppenbühne Herrnleben und Euer Bamberger Kasperl!

© Wolfgang Herrnleben (GAP, 2008)