Der klebrige Teig

Liebe Kinder, ihr wisst sicher alle, dass morgen Allerheiligen ist. Da geht Ihr sicher auch auf die Friedhöfe und besucht die Gräber Euerer Großeltern, Urgroßeltern, von Verwandten und Bekannten, legt ihnen etwas auf’s Grab, zündet ein Licht an und sprecht ein stilles Gebet. Und der Tag nach Allerheiligen heißt Allerseelen. Und da gibt es auch einen Brauch. Für diesen Tag bäckt man entweder Allerseelenbrezen oder Allerseelenzöpfe.
Die Gretel hat schon im vergangenen Jahr von der Großmutter gelernt, wie man so einen feinen Allerseelenzopf bäckt. Und heuer darf sie diesen das erste Mal ganz alleine backen. In einer großen Schüssel hat sie schon einen Hefeteig mit vielen Rosinen zusammengerührt. Nachdem der Teig etwas geruht hat, hat sie den Küchentisch blitzblank geputzt und mit Mehl bestäubt. Darauf rollt sie nun den Teig. In dem Moment kommt Kasperl dazu und muss lachen, als er Gretel dabei zuschaut: „Hähähä, Gretel, ich denke, Du willst einen Allerseelenzopf backen? – Aber, du machst ja nur lauter lange Schlangen aus dem süßen Teig, hähä!“ Gretel erklärt dem Kasperl, dass sie doch erst einmal drei lange Würste aus dem Teig rollen muss, die dann nebeneinander auf den Tisch gelegt werden und dann genauso geflochten werden müssen, wie manche Mädchen ihre Haare zu Zöpfen flechten. Kasperl schaut ihr interessiert dabei zu und staunt nicht schlecht, als aus den drei Würsten tatsächlich ein schöner breiter Zopf aus Teig entsteht. Der Duft des süßen Teiges und der Rosinen hat auch den Seppl in die Küche gelockt und der ist natürlich auch ganz begeistert von dem Superkuchen. Logisch, dass da dem Seppl gleich das Wasser im Mund zusammen läuft und er später unbedingt gleich ein Stück davon essen will. Doch Gretel muss ihn enttäuschen, denn erstens muss der Hefezopf erst ungefähr eine Stunde gebacken werden, dann muss er auskühlen und überhaupt wird er vor Allerseelen nicht angeschnitten. Seppl findet dass natürlich jammerschade, dass er noch solange warten muss, bis er von dem herrlichen Backwerk essen darf. Gretel schickt die beiden Naschkatzen nun aus der Küche hinaus ins Esszimmer, denn dort hat die Großmutter in der Zwischenzeit schon das Abendessen gerichtet. Da können sie ihren Hunger auch stillen. Als die Gretel dann wieder alleine in der Küche ungestört weiterarbeiten kann, legt sie den Zopf vorsichtig auf das große Backblech, bestreicht diesen mit Milch und schiebt ihn zum Backen in die vorgeheizte Bratröhre. Bis der Allerseelenzopf fertig ist, hat Gretel jetzt Zeit und geht auch erst einmal zum Abendessen.
Der süße Duft hat sich nicht nur durch das ganze Haus verbreitet, sondern er zieht durch das gekippte Küchenfenster auch hinaus ins Freie, ja sogar über den Gartenzaun hinweg. Dort schleicht gerade die Hexe Schleckermaul herum. Sie schnuppert und sofort erkennt ihre krumme Nase, dass der herrliche Duft aus dem Haus von Kasperls Großmutter kommt. Es ist für die Hexe nicht schwer zu erraten, dass wohl die Gretel oder die Großmutter wieder einmal einen feinen Kuchen backen. Leider kann sie so einen guten Kuchen nicht selbst backen und selbst, wenn sie sich einen hext, schmeckt der lange nicht so gut. Aber, wie kommt sie an den guten Kuchen heran? – Sie geht erst einmal in den Garten und spitzt durch das Küchenfenster hinein. Da sieht sie ihn durch die Glasscheibe der Bratröhre: Den herrlichen Kuchen, wie er langsam vor sich hin bäckt. Aber wie soll sie an den Kuchen heran kommen? Durch den schmalen Spalt des gekippten Küchenfensters kann sie nicht hindurch klettern! – Die Hexe Schleckermaul nascht nicht nur gern, sondern sie meint, sie sei auch besonders schlau. Sie überlegt kurz und dann kommt ihr die zündende Idee. Wenn sie schon nicht zum Kuchen ins Haus kann, so muss der Kuchen eben zu ihr in den Garten kommen. „Hihihi“, lacht sie voller Begeisterung über ihren tollen Einfall, „ich lass den Kuchen einfach immer größer werden, bis er zum Haus heraus wächst und zu mir in den Garten kriecht. Dann kann ich mir ein großes Stück davon abschneiden und mich damit aus dem Staub machen, hihihi!“ Sie fuchtelt mit ihrem Hexenbesen und spricht einen Hexenspruch:
„Kuchen wachse ganz geschwind,
zu mir heraus, schnell wie der Wind!“
Ein kurzer Blitz zischt von ihrem Besen weg durchs Küchenfenster bis zur Bratröhre. Da drin wächst der Hefezopf über das Backblech hinaus und breitet sich in der Bratröhre aus, bis er im Innenraum keinen Platz mehr hat. Dann springt die Ofenklappe auf, der Teigzopf wandert aus dem Ofen hinaus und wird immer größer und größer. Er streckt sich durch die ganze Küche, zwischen den Stuhl- und Tischbeinen und schließlich durch die offene Küchentüre hinaus in den Hausflur. Dort schlängelt er sich entlang zwischen der Kommode und dem kleinen Tisch hindurch. Dabei fällt dort die Blumenvase herunter, der Schirmständer kippt um und die Schuhe kullern durcheinander. „Hört ihr das auch?“, fragt Kasperl die Großmutter, die Gretel und den Seppl beim Abendessen, „Was ist denn da draußen im Hausgang für ein Gepolter?“ Großmutter kann sich nur vorstellen, dass irgendwo ein Fensterladen klappert. Kasperl findet aber, dass sich das Geräusch ganz anders anhört, springt von seinem Stuhl auf und rennt in den Flur. Dort kann er seinen Augen nicht trauen. „Kommt mal alle her! Im Hausflur kriecht Gretels Allerseelenzopf herum!“ Seppl kann sich das nicht vorstellen und ruft hinaus: „Ach, Kasperl, du spinnst doch!“ Doch dann eilen die anderen Drei auch zum Esszimmer hinaus und sehen, dass Kasperl nicht spinnt oder fantasiert. Inzwischen ist der Hefezopf schon bei der Haustüre angekommen und spricht mit tiefer und hohler Stimme: „Lasst mich hinaus! Macht die Türe auf!“ Da staunen sie alle nicht schlecht und Kasperl fragt die Gretel, was sie denn da für einen sprechenden Hefezopf gebacken hat. Dieser meldet sich schon wieder: „Macht mir endlich die Tür auf! Ich habe keinen Platz mehr im Haus, weil ich immer weiter wachse!“ Schnell steigt Gretel über den Teig hinweg und öffnet die Tür! „Hinaus mit dir, du Riesenzopf!“, fordert ihn Gretel auf. „Mit dir können wir sowieso nichts anfangen, denn so einen großen Allerheiligenzopf können wir ja in einem Jahr nicht aufessen. Außerdem bist du ja noch gar nicht gebacken und bist immer noch nur klebriger Teig!“ Der Teig wächst indes unaufhaltsam weiter und kriecht zur Tür hinaus, die Treppenstufen hinab und setzt seinen Weg bis in den Garten fort. Kasperl geht ihm hinterher und will nachsehen, wo er denn bloß hingehen will. Da sieht er schon die Hexe Schleckermaul, die gerade den ankommenden Hefezopf anhebt und sich ein Stück abbrechen will. Doch dabei erlebt sie eine böse Überraschung! – Weil der Kuchen noch nicht gebacken ist und fast noch völlig roh ist, hat sie nur klebrigen Teig in den Händen, der sich zieht wie flüssiger Gummi. Er wickelt sich um ihre Hände und Arme und die Hexe versucht ihn abzuschütteln, abwechselnd mit der linken von der rechten und dann wieder mit der rechten von der linken Hand abzustreifen. Doch es nützt nichts, der Teig ist nicht zu bändigen und bleibt an ihr kleben. Kasperl beobachtet sie eine Weile und muss dann schadenfroh lachen: „Hähähä, da schau her, die Hexe Schleckermaul kämpft mit einem klebrigen Teig, hähä!“ „Iihhh!“, ruft die Hexe hilflos. „Lach nicht so dumm, du blöder Kasperl, sondern befrei mich von dem klebrigen Zeug!“ Da beschwert sich der rohe Teigzopf: „Ich bin kein klebriges Zeug, du dumme Hexe! Ich bin nur noch nicht fertig gebacken!“ Kasperl meint, sie hätte doch wissen müssen, dass roher Teig immer klebrig ist. Die Hexe schüttelt und windet sich, fuchtelt mit den Armen: „Hilf mir doch, Kasperl! Ich komm von dem pappigen Zeug nicht mehr los!“ Kasperl erklärt ihr, dass er ihr auch nicht helfen kann, aber wenn sie den Kuchen mit einem Hexenspruch hat wachsen und herauskommen lassen, dann kann nur sie ihn wieder zurück in den Ofen hexen. Das meint auch der Hefezopf: „Ja, Hexe Schleckermaul, lass mich wieder in den Ofen zurück, damit ich ein schöner gebackener Allerseelenzopf werden kann!“ Sie Hexe sieht ein, dass ihr nichts anderes übrig bleibt, wenn sie aus ihren Teigfesseln wieder befreit werden will. Also spricht sie schnell einen neuen Hexenspruch:
„Hexenzauber, ich befehle dir,
sei ungeschehen, zwei, drei, vier!“
Blubbernd und pustend zieht sich der Teig wieder zurück, wird immer kleiner und kriecht schließlich wieder in die Bratform in die Ofenröhre zurück. Gretel rennt gleich hinterher und schließt flugs die Ofenklappe, damit der Hefezopf in aller Ruhe fertig backen kann.
Erleichtert bedankt sich die Hexe und verspricht, ihnen nie mehr so dumme Hexenstreiche zu spielen. Die Gretel hofft, sie hält sich auch daran und bietet ihr an, dass sie sich dafür morgen ein Stück vom frisch gebackenen Allerseelenzopf abholen darf.
Das lässt sich die Hexe Schleckermaul nicht zweimal sagen und freut sich schon darauf.
Dann macht sie sich auf den Weg zurück in ihr Hexenhaus.
Kasperl, Gretel, die Großmutter und der Seppl gehen nun auch wieder hinein, denn draußen ist es ganz schön kalt und außerdem ist mittlerweilen Zeit zum Schlafen gehen.
Ihr, liebe Kinder, müsst sicher auch gleich schlafen und morgen könnt ihr Euerer Mami oder Oma vielleicht auch dabei helfen, einen Allerseelenzopf oder Allerseelenbrezen zu backen. Dazu müsst ihr fit sein!
Das Bamberger Kasperle und die Puppenbühne Herrnleben wünschen Euch eine gute Nacht!

Wolfgang Herrnleben (GaPa, 2009)