Das Bamberger Kasperle und sein Freund Seppl sind in den Sommerferien auf große Reise gegangen. – Und zwar ganz schön weit weg. – Sie wurden von Onkel Alois und Tante Liesl nach Garmisch-Partenkirchen eingeladen, um eine Woche Urlaub in den Werdenfelser Alpen zu machen. Ihr könnt Euch vorstellen, was das für eine Riesenaufregung im Haus von Kasperls Großmutter war, als Tante Liesl angerufen hatte. Mit Großmutter sind sie gleich zum Bahnhof gelaufen, um eine passende Zugverbindung auszusuchen und die Fahrkarten zu kaufen. Und dann begannen zuhause die großen Urlaubsvorbereitungen. Beide holten ihre Rucksäcke vom Schrank und packten alles hinein, was sie brauchen: Bekleidung für Sonnen- und für Regentage, Zahnbürste, Seife und die Wanderschuhe. Alle Zwei konnten die Nacht vor der Abreise kaum ein Auge zumachen und sind schon mit dem ersten Hahnenschrei aufgestanden. Großmutter hat ihnen noch jede Menge Brotzeit für unterwegs eingepackt, ihnen noch einmal alles für die bevorstehende Bahnfahrt erklärt und – natürlich – immer wieder gesagt, dass sie brav, vorsichtig und nicht leichtsinnig sein sollen …. Und …. Und … Und ……
Dann begleitete sie die Beiden zum Bahnhof. Kasperl und Seppl stiegen in den Zug, drückten ihre Nasen platt ans Fenster und als der Zug abfuhr, winkten sie der Großmutti heftig zu.
Großmutti winkte vom Bahnsteig aus zurück. Er schossen ihr aber auch ein paar Tränen in die Augen, denn soviel Unfug die Beiden mit ihr manchmal auch treiben, die nächsten Tage wird sie sie trotzdem schwer vermissen. Folgsam – wie Kasperl und Seppl auch sein können – haben sie alles so gemacht, wie es ihnen die Großmutter gesagt hat und sind gut in Garmisch-Partenkirchen angekommen. Und – wie versprochen – haben sie von hier auch gleich die Großmutti angerufen, damit sie sich keine Sorgen machen muss.
Nun sind Kasperl und Seppl schon ein paar Tage hier. Nachdem sie mit Onkel Alois und Tange Liesl schon einige Spaziergänge durch den schönen Ort, Ausflüge durch die herrliche alpenländische Natur und sogar eine Seilbahnfahrt auf Deutschlands höchsten Berg, die Zugspitze unternommen haben, sind Beide heute alleine unterwegs.
Mit festen Wanderschuhen und Rucksäcken voller Marschverpflegung laufen sie durch die Partnachklamm und müssen in den teilweise düsteren Felsengängen immer wieder stehen bleiben, um die steilen Felswände zu bewundern, die steil nach oben ragen und von denen das Wasser herab läuft. Als sie die Klamm hinter sich und wieder freien Himmel über sich haben, überlegen sie, wo sie nun weiter gehen könnten. Seppl will nicht einfach wieder durch die Klamm zurück, sondern schlägt vor, den Wanderweg hinauf zum Graseck zu laufen. Oje, auf dem Weg erwarten die Beiden jede Menge Stufen. Aber sie sind ja fit und erreichen bei herrlichem Sonnenschein die luftige Höhe. Nun hat Seppl aber anständig Hunger bekommen, setzt sich ins Gras, packt seinen Rucksack aus und stärkt sich erst einmal tüchtig für den Rückweg. Auch Kasperl knurrt jetzt der Magen und auch er gesellt sich neben seinen Freund und macht nach dem anstrengenden Aufstieg erst einmal Brotzeit. Als sie sich gestärkt haben, marschieren sie weiter und wollen den nächst besten Weg suchen, der sie wieder ins Tal führt. Seppl meint, das ist doch kein Problem, denn von oben auf dem Weg führen doch alle Wege wieder nach unten. Seppl spurtet los, als wenn er sich auf diesen fremden Pfaden auskennen würde. Kasperl kommt ihm kaum hinterher. Eine ganze Stunde sind sie schon unterwegs, bergauf, bergab, in den Wald und wieder heraus, über Brücken, über Stege – aber von Garmisch-Partenkirchen ist noch kein einziger Dachgiebel zu sehen. Dann ruft Seppl auf einmal nach hinten zu seinem Freund: „Du Kasperl, guck doch! Da vorne sind schon wieder die ersten Häuser zu sehen! – Hoho, ich bin doch ein Superprima-Bergführer!“ Beide laufen auf die Häuser zu – und – als sie davor stehen, erkennen sie dass es nur wieder die Häuser vom Graseck sind. – „Oje, Seppl!“, kann Kasperl nur schnaufend von sich geben, „Du bist wirklich der beste Bergführer, hähä! – Merkst du was? – Wir sind eine ganze Stunde nur im Kreis herum gelaufen!“ Seppl kann es gar nicht glauben, dass er sie solange falsch geführt hat. Aber dann findet er, dass es nach so viel Lauferei wieder einmal Zeit für eine Brotzeit ist. „Nix gibt’s, Seppl!“, stoppt ihn Kasperl, „Du kannst doch nicht schon wieder Hunger haben! – Komm weiter, wir müssen schleunigst versuchen, den Ort wieder zu erreichen, bevor am Ende noch die Dämmerung herein bricht!“ – Aber Seppl hat noch soviel Proviant in seinem Rucksack und meint, wenn er noch etwas davon isst, wird sein Rucksack leichter und er kann viel schneller laufen. Unbelehrbar, wie Seppl ist, wenn er Hunger hat, setzt er sich wieder ins Gras und holt sich noch zwei Brote und einen Apfel heraus. Kasperl bittet ihn, doch auch gleich die Wanderkarte und den Kompass heraus zu holen, wenn er seinen Rucksack schon offen hat. „Das Zeug hab ich gar nicht mitgenommen. Das braucht man doch nicht!, sagt ihm Seppl, „Außerdem hätte das ihn meinem Rucksack zuviel Platz weggenommen, den ich für meine Brotzeit brauchte!“ Kasperl kann es nicht glauben und er erklärt Seppl, dass man niemals ohne Karte und Kompass in unbekannte Gegenden herum marschieren darf. Diese Dinge sind beim Wandern dringend nötig, um sich nicht zu verlaufen und wieder nach Hause zu finden. Aber Seppl denkt halt immer nur ans Essen. Zum Glück hat aber Onkel Alois dem Kasperl extra seinen Kompass und die große Wanderkarte mitgegeben. Kasperl holt die Sachen aus dem Rucksack und breitet die Karte aus. Dann nimmt er den Kompass und legt ihn auf die Karte. Seppl hat gerade mal wieder tüchtig in sein Brot gebissen und fragt mit mampfend, mit vollem Mund: „Was machst du denn jetzt für ein komisches Experiment, Kasperl?“ Kasperl erklärt ihm, dass er auf der Karte Graseck gesucht hat und sie in süd-westlicher Richtung gehen müssen, um wieder nach Garmisch-Partenkirchen zu gelangen. „Soso, und wo geht es nach Süd-Westen?“, will Seppl wissen. Kasperl versucht ihm zu zeigen, wie man das feststellen kann. „Also zuerst muss man die Wanderkarte einnorden. Dazu muss man sie so hinlegen, dass eben Norden nach Norden zeigt. Normalerweise ist bei allen Karten Norden immer oben, aber zur Sicherheit ist auf der Karte in der Ecke auch eine Windrose!“ Vor lauter Kaugeräuschen hat Seppl das falsch verstanden und muss erst einmal lachen: „Was, hoho, eine Windhose?“ – Kasperl ist allerdings nicht zum Lachen zumute, denn er muss den schnellsten Weg zurück ins Tal finden. Er zeigt dem Seppl die Windrose auf der Karten mit den Pfeilen, die nach Nord, West, Süd und Ost zeigen. Daneben legt er auf die Karte den Kompass, so dass er ebenfalls in die gleichen Himmelrichtungen zeigt. Und dann dreht er die Karte mit dem Kompass solange hin und her, bis sich die Kompassnadel mit dem Kennzeichen nach Norden deckt. Wenn Windrose, Kompassrichtung und Kompassnadel einheitlich nach Norden zeigen, dann hat man die Karte eingenordet. Jetzt sucht Kasperl ihren genauen Standort auf der Karte und dann erkennt er, welchen Weg sie gehen müssen, um wieder zu Onkel Alois und zu Tante Liesl zu kommen. Seppl ist ganz erstaunt, wie leicht es ist, mit Kompass und Karte den richtigen Weg zu finden. Er hat erkannt, wie wichtig die beiden Sachen sind, wenn man sich in unbekannte Gegenden aufmacht.
Beide sind dann schnurstracks zu Onkel und Tante gelaufen und dort wieder gut angekommen. Total müde sind sie nach der anstrengenden Bergwanderung gleich in ihre Betten gefallen.
Ihr, liebe Kinder, denkt bitte auch immer daran, wenn ihr eine Wanderung durch Feld, Wald oder in die Berge macht, nicht nur Essen und Trinken, wetterfeste Kleidung, sondern auch Wanderkarte und einen Kompass mitzunehmen. Denn das ist für eine Wanderung genauso wichtig, wie schönes Wetter.
Vielleicht geht Ihr ja am Wochenende oder in den Ferien auch einmal auf „große Tour“. Dazu muss man aber auch fit und ausgeschlafen sein. Drum macht es wie der Kasperl und der Seppl, geht bald in Euer Bettchen und schlaft gut.
Eine gute Nacht wünschen Euch die Puppenbühne Herrnleben und Euer Bamberger Kasperl.
Wolfgang Herrnleben (GaPa, 2009)






