DER KURZE SPAZIERGANG

Es war einmal ein herrlicher Frühlingstag. Die Sonne schien schon seit dem frühen Morgen und schickte ihre warmen Strahlen zur Erde. Die Vögel sangen ihre Lieder und waren fleißig dabei, ihre frisch geschlüpften Vogelkinder zu versorgen. Kasperle, sowie alle anderen Kinder im Märchenland hatten Ferien, genauso vielleicht wie ihr gerade. Und was macht man an so einem schönen Ferientag?-  Genau, man geht natürlich raus, an die frische Luft, zum Wandern, Rad fahren, Ball spielen …….!Auch Prinzessin Sonnenschein liebte die warme Frühlingssonne und verbrachte oft viele Stunden am Tag in ihrem schönen Schlosspark. Aber heute war ein besonderer Tag, denn Kasperle wollte sie zum spazieren gehen  abholen.Endlich durfte sie mal wieder ihren Schlosspark verlassen und außerhalb mit Kasperle spazieren gehen. Ihr müsst wissen, liebe Kinder, Prinzessin Sonnenschein darf nur in Begleitung, ihren durch große steinerne Mauern umgebenen Schlosspark verlassen.König Eusebius hatte nämlich große Angst um seine Tochter, es könnte ihr draußen, im großen Märchenland etwas zustoßen.Voller Freude öffnete Prinzessin Sonnenschein das schwere, hölzerne Schlosstor, als sie Kasperls Klopfen hörte. „Hallo Kasperl, na endlich bist du da. Ich konnte es kaum erwarten!“, begrüßte sie ihn.Auch Kasperl war natürlich wie immer gut gelaunt und lachend streckte er ihr seine Hand zur Begrüßung entgegen. „Grüß dich, Prinzessin Sonnenschein. Bist du bereit? Können wir gehen?“, fragte er.„Natürlich Kasperl! Mein Vater, König Eusebius weiß Bescheid. Wohin gehen wir denn heute?“, erwiderte Prinzessin Sonnenschein, dabei hüpfte sie ungeduldig von einem Bein auf das andere.Kasperle überlegte kurz und antwortete: „ Wie wäre es, Prinzessin, wenn wir heute einmal zum großen Märchenwald hinüber laufen?“„Oh“, staunte Prinzessin Sonnenschein, „das wäre ja ganz toll, ja, wir gehen in den Märchenwald!“Kasperle wusste natürlich, dass er  ihr damit eine große Freude macht, denn nur ganz selten, und dann nur in Begleitung der königlichen Wachen durfte Prinzessin Sonnenschein durch den geheimnisvollen Märchenwald laufen.„Also gut, machen wir uns auf den Weg.“ Lachend schloss Kasperle dabei das schwere Schoßtor und gemeinsam gingen sie Richtung Märchenwald.Schon bald waren sie am Waldrand und Kasperle machte Prinzessin darauf aufmerksam, sie solle sehr vorsichtig sein, denn sie wisse ja, dass viele Gefahren im Wald lauern könnten.Übermütig hörte Prinzessin nur wenig zu und lief schon in den Wald hinein.Doch plötzlich blieb sie stehen und schaute sich nach Kasperle um. „Du Kasperle“, rief sie ihm zu, „bleib ein wenig weg von mir, du stinkst ja auf einmal fürchterlich. Das kann man ja nicht aushalten.“„Aber Prinzessin Sonnenschein, ich stinke doch nicht. Ich rieche nur die frische Waldluft.“, lachte Kasperl.„Doch“, beharrte Prinzessin Sonnenschein, „ich rieche es ganz genau, wenn ich in deiner Nähe bin.“„Hähähä, Prinzessin“, verteidigte sich Kasperl, „es riecht zwar, aber es kommt sicher nicht von mir,“„Doch Kasperl, glaube mir, es wird sogar immer schlimmer! Komm ja nicht in meine Nähe!“Kasperle bückte sich und deutete auf ein Gewächs am Waldboden. „Hier, sieh Prinzessin, dieses Kraut hier, das sich über den ganzen Waldboden ausgebreitet hat, ist der Bärlauch. Das ist es wahrscheinlich, was du riechst.“„Aber Kasperl, du stinkst doch nach Knoblauch, nicht diese grünen Blätter!“, entgegnete Prinzessin Sonnenschein.„Nein Prinzessin, ich bin es wirklich nicht“, erklärte Kasperle seelenruhig und pflückte dabei eines dieser grünen Blätter  und hielt es Prinzessin an die Nase.„Ja pfui, Kasperl“, rief sie angeekelt und drehte dabei ihre empfindliche Prinzessinnen Nase ab, „das ist ja wie Knoblauch!“„Genau Prinzessin, Bärlauch, der nur im Frühling wächst, riecht und schmeckt wie Knoblauch. Meine Großmutti schnippelt immer etwas davon in Salate und würzt auch das Essen damit.“„Igitt“, schüttelte sich Prinzessin, „ich möchte das nicht essen.“Kasperle wusste von der Großmutti, dass Bärlauch sehr gesund ist, gegen Magen-Darm Katarrh hilft und reichlich Vitamin C enthält.

Aber auch das konnte Prinzessin Sonnenschein nicht überzeugen, sie blieb dabei, Bärlauch stinkt.Kasperle jedoch bückte sich und begann vorsichtig, Bärlauchblätter abzupflücken. „Die bringe ich der Großmutti mit, sie wird sich sicher darüber freuen. Du könntest deinem Schlosskoch auch ein paar Blätter mitbringen, Prinzessin!“„Na ich weiß nicht, Kasperl, da muss ich ja dieses stinkende Grünzeug auch noch anfassen,“ erwiderte Prinzessin und ging dabei neugierig etwas tiefer in den Wald.Was Kasperle und Prinzessin nicht wussten, hier, wo der Bärlauch besonders gut wuchs, hauste in einer knorrigen Baumhöhle der kleine, freche Knoblauchzwerg. Er war nicht viel größer als die Bärlauchblätter am Waldboden und man bemerkte ihn auch nicht, wenn er zwischen ihnen hindurchhuschte. Er hatte sich extra einen grünen Zwergenanzug und ebenfalls eine grüne Zwergenmütze beschafft, so dass er ungesehen seinen heiß geliebten Bärlauch bewachen konnte.Als er nun sah, wie sich Prinzessin nun auch bückte und ein Blatt seines Bärlauchs abriss, wurde er so wütend, dass er eilig aus seiner Baumhöhle heraus stieg und sich breitbeinig vor ihr aufbaute. „He, du, höre sofort damit auf, meinen Bärlauch abzureißen“, schimpfte er und stampfte mit dem Fuß vor Prinzessins Hand auf den Waldboden.Erschrocken wich Prinzessin Sonnenschein zurück. „Huch“, stotterte sie, „wer bist denn du?“„Ich bin der Knoblauchzwerg und bewache hier meinen Bärlauch! Denn solange noch keine frischen Knoblauchzwiebeln gewachsen sind, ist es das einzige Knoblauchgewächs, das mir schmeckt. Lass es stehen, du magst es doch sowieso nicht!“, schimpfte der kleine Zwerg.„Da hast du ja recht“, beruhigte ihn Prinzessin Sonnenschein, „ich mag ihn ja nicht einmal gerne anfassen.“„Hehehe“, lachte der Knoblauchzwerg und zupfte Prinzessin dabei an ihrem langen Kleid.„Komm mal mit“, sagte er zu ihr, nicht mehr ganz so wütend, „ ich zeige dir dort drüben ein Kraut, das nicht so stinkt und noch dazu viel besser schmeckt!“„Ja wirklich!“, freute sich Prinzessin und lief mit leichten Schritten dem davoneilenden Zwerg hinterher.Pustend und schnaufend blieb der Zwerg dann endlich stehen und deutete auf den Waldboden.„Hier Prinzessin, sieh mal, dieses Kraut ist viel schöner, als der stinkende Bärlauch!“„Stimmt“, jubelte Prinzessin Sonnenschein, „du hast Recht, kleiner Zwerg, das sind viel grünere Blätter und dazu haben sie auch noch schöne weiße Glöckchenblüten. Mmmh, und wie sie auch noch duften! Ich danke dir, Knoblauchzwerg, davon werde ich gleich einen großen Strauß pflücken und mit ins Schloss nehmen!“Sie bückte sich und begann gleich die weißen Blütenstiele und grünen Blätter als Strauß zu pflücken.Lachend verschwand der kleine freche Zwerg wieder in seiner Baumwurzelwohnung.Natürlich hatte Kasperle von alledem nichts bemerkt und kam mit langen Schritten der Prinzessin nachgelaufen.„Ja sag mal Prinzessin, was läufst du denn da ohne mich einfach in den Wald hinein? Und was machst du da?“„Na sieh doch Kasperl, ich pflücke ein viel schöneres Kraut als du, mit weißen Glöckchenblüten, die noch dazu sehr gut riechen.“Ihr liebe Kinder wisst bestimmt schon, welche Pflanze dieser hinterlistige Zwerg, der Prinzessin empfohlen hat, stimmt’s ? – Ja, genau, es waren die giftigen Maiglöckchen, von denen Prinzessin schon einen ganzen Strauß in den Händen hielt.„Aber Prinzessin“, seufzte Kasperl, „hast du denn noch nie davon gehört, dass das die giftigen Maiglöckchen sind?“„Maiglöckchen?“, wiederholte Prinzessin verwirrt und erzählte dann Kasperl von dem kleinen grünen Knoblauchzwerg, der behauptete, dass dieses Kraut viel besser schmecken würde, als dieser stinkende Bärlauch.Aufmerksam hörte Kasperle zu und schaute sich dabei um, ob er diesen frechen Zwerg noch irgendwo entdecken könnte.Aber wie ihr wisst, hatte er sich ja schon aus dem Staub gemacht. „Ja Prinzessin, nun wird’s wohl nichts aus unserem Spaziergang durch den Märchenwald“, ergriff Kasperle das Wort, als Prinzessin mit ihrer Erzählung am Ende war.„Aber wieso denn Kasperl, wir sind doch noch gar nicht richtig mitten im Märchenwald? Komm, gehen wir weiter!“, bettelte Prinzessin.„Nein Prinzessin, das können wir nicht! Wir müssen zum Schloss zurück, denn diese Maiglöckchen in deiner Hand, sind sehr giftig. Du kannst sie im Schloss in eine Vase stellen und musst dir dann gleich gründlich deine Hände waschen.“Verängstigt schaute Prinzessin auf ihren Strauß und meinte: „Ist das wirklich wahr, Kasperl?“Natürlich hatte Kasperl Recht, denn er hatte ja in der Schule gut aufgepasst und auch ihr wisst, dass alle Pflanzenteile der Maiglöckchen überaus giftig sind. Sogar das Blumenwasser in der Vase wird durch die Maiglöckchen giftig.Traurig über diesen kurzen Spaziergang machten sich Prinzessin Sonnenschein und Kasperl auf den Heimweg. Auch unterwegs musste die Prinzessin noch aufpassen, dass sie mit ihren Fingern nicht an ihren Mund kam, bevor sie die Maiglöckchen zuhause in die Vase gestellt und dann sorgfältig ihre Hände mit königlicher Seife gewaschen hatte.Kasperle versprach Prinzessin: „Morgen Nachmittag komme ich wieder, dann gehen wir aber wirklich schnurstracks in den tiefen Märchenwald!“Ihr liebe Kinder denkt hoffentlich auch daran, wenn ihr Maiglöckchen anfassen wollt, immer gründlich danach die Hände zu waschen.Sehr gesund dagegen ist natürlich der frische Bärlauch, der jetzt im Frühjahr nicht nur im Märchenwald, sondern auch bei euch am Waldrand wächst. Aber Vorsicht, seid nicht so dumm wie Prinzessin Sonnenschein und pflückt nicht die giftigen Maiglöckchen! Für heute wünschen Euch die Puppenbühne Herrnleben und das Bamberger Kasperle eine gute Nacht!

© by Elisabeth Herrnleben (2008)