Der Nistkasten

Die letzten Nächte war es schon empfindlich kalt und frostig. Auch tagsüber ist es nun teilweise so kalt, dass man nur noch mit Mütze und Handschuhen ins Freie gehen kann. Geschneit hat es diese Woche noch nicht, aber am Vormittag sind die Wiesen, Felder und Sträucher vom eisigen Reif überzogen. Nachdem sich der Nebel heute verzogen hat, ist nur noch blauer Himmel zu sehen und die Sonne kann ihre wärmenden Strahlen zur Erde schicken.
An diesem herrlichen Herbstnachmittag macht sich Kasperl auf den Weg zur Prinzessin Natalie, denn der Schlosspark ist auch in der kalten Jahreszeit immer ein herrlicher Anblick. Als er durch das große Tor den Park betritt und die Allee zum Schloss entlang läuft, entdeckt er plötzlich Prinzessin Natalie zwischen den Bäumen auf einer Leiter herum steigen.
„Halli-hallo, Prinzessin Natalie!“, ruft er ihr zu. „Warum kraxelst du denn noch auf der Leiter an den Bäumen hoch? Es gibt jetzt auch an den Bäumen in euerem Schlosspark nichts mehr zum Abpflücken!“ Die Prinzessin antwortet ihm von den obersten Sprossen der Leiter, dass sie ja auch nichts ernten will. Sie erklärt ihm, dass sie doch nur die Nistkästen für die Vögel abhängt, weil diese doch mittlerweilen alle in den warmen Süden geflogen sind. Kasperl findet,  das ist eine sinnlose Arbeit, denn die Vögel kommen ja im Frühjahr alle wieder zurück. Natalie weiß das natürlich auch. Sie will aber über den Winter alle Nistkästen schön sauber machen und bis zum Frühjahr auf dem Dachboden lagern. Aber rechtzeitig, bevor die Vögel wieder zurückkehren, wird sie alle Nistkästen wieder an ihre Plätze an den Bäumen hängen. Kasperl freut sich darüber, dass sich die Prinzessin so liebevoll um die Behausungen der Vögel kümmert. Er will ihr aber nun dabei helfen und selbst auf die Leiter steigen, bevor die Prinzessin mit ihrem schönen Kleid noch auf den Erdboden fällt und es schmutzig macht. Vorsichtig steigt die Prinzessin von der Leiter herunter. Als sie wieder festen Boden unter den Füßen hat, deutet sie nach oben: „Es ist gut, dass du mir helfen willst, Kasperl! – Sieh mal, ganz da oben hängt noch ein Nistkasten. Aber den kann ich nicht erreichen. Du hast längere Arme als ich. Vielleicht kommst du hin und kannst ihn abhängen!“
Kasperl will es versuchen und steigt die Leiter hoch bis zur allerobersten Sprosse. Dann streckt er sich soweit er kann – und – ja, er kann den Nistkasten greifen. Doch er hängt mit der Drahtschlaufe ganz fest an dem Ast. Kasperl rüttelt an dem Kasten herum, doch der Nistkasten lässt sich nicht lösen. Prinzessin Natalie will eine Zange holen, damit Kasperl den Draht vielleicht durchzwicken kann. Aber Kasperl gibt nicht auf und meint, er kriegt ihn schon ab. Er rüttelt weiter am Nistkasten herum, biegt den Ast etwas nach unten und zieht an dem Draht. –
„Au! – Sapperlott!“, schreit Kasperl auf einmal laut auf, zieht seine Hand zurück und gerät auf der Leiter ganz schön ins Schwanken. Zum Glück kann er sich gerade noch an einem dicken Ast festklammern. „Was ist denn los, Kasperl?“, will die Prinzessin wissen. Kasperl schüttelt seine Hand und es tropft Blut aus seinem Mittelfinger: „Ich weiß auch nicht, Natalie! – Aber irgendwas hat mich in den Finger gebissen!“ Da schaut ein kleines Köpfchen mit frechen Augen aus dem Loch des Nistkastens und schimpft: „Das war ich, der Siebenschläfer Hyronimus! – Meinst du, ich lass mich von dir durchschütteln wie ein Schüttelbecher? – Da wird es mir ja ganz schwindelig! – Also lass das!“
Prinzessin Natalie ist dem Kasperl auf der Leiter gefolgt und fragt den Hyronimus: „Ja, sag mal, was hast du frecher Siebenschläfer denn in einem meiner Nistkästen zu suchen? Die sind für die Vögel da und nicht für dich!“ Doch der Siebenschläfer will nicht weichen: „Nix da! Diesen Nistkasten ganz hoch oben habe ich mir extra als Quartier für meinen Winterschlaf ausgesucht. Und da bleibe ich auch drin!“ Doch die Prinzessin fordert ihn auf, sich einen anderen Platz zu suchen, denn der Nistkasten muss herunter und kommt über den Winter zu den anderen auf den Dachboden. Außerdem muss er unbedingt gereinigt werden, will ihn Kasperl überzeugen, denn es sind überall Blutflecken, weil er ihn in den Finger gebissen hat. Die Prinzessin fordert den Eindringling nochmals auf, den Nistkasten wieder zu verlassen. Doch Hyronimus will das nicht einsehen. Er ist froh, dass er so ein schönes Winterquartier gefunden hat und will es auch nicht wieder verlassen!“ –
Da erklingt plötzlich eine geheimnisvolle Melodie und in hellgrünem Licht erscheint eine  Fee. Sie schwebt nach oben zu dem Nistkasten und spricht zu dem Siebenschläfer: „Ja, da steckst du, Hyronimus!“ Kasperl hat diese Fee noch nie gesehen und will logischerweise wissen, wer sie denn ist und was sie mit dem Siebenschläfer zu tun hat. Diese stellt sich als Wald- und Wiesenfee vor und erklärt ihm, dass es ihre Aufgabe ist, alle Tiere während ihres Winterschlafes zu beschützen. Als sie heute ihren Rundgang durch Feld, Wald und Wiesen machte, um zu kontrollieren, ob alle ihre Schützlinge ihr Winterquartier bezogen haben, hat sie den Siebenschläfer Hyronimus vermisst und sich schon Sorgen gemacht. Frech und schnippisch meint der Siebenschläfer, sie soll doch keinen solchen Aufstand machen. Und Sorgen braucht sie sich um ihn auch nicht zu machen. Schließlich hat er doch in dem Kasten ganz hoch oben ein sicheres Plätzchen gefunden, da kann ihm doch nichts passieren. Doch die Fee findet, er soll sich wie alle anderen Tiere auch an die Regeln halten. Und sein Platz ist im Winter beim hohlen Baum des Wurzelzwerges. Kasperl wundert sich auch, warum er denn den Nistkasten belagert, wenn er doch beim Wurzelzwerg so einen sicheren Schlafplatz hat. Hyronimus ist zwar immer noch mürrisch und will im Nistkasten bleiben. Die Wald- und Wiesenfee lässt das aber nicht zu, denn der Nistkasten ist für die Vögel. Darum greift sie den Siebenschläfer und zieht ihn aus dem Nistkasten nach draußen.
Dem Kasperl gibt sie den guten Rat, mit seinem blutigen Finger zum Arzt zu gehen, damit er keine Infektion bekommt. Prinzessin Natalie findet es gut, dass er gerade hier beim Schloss ist, da kann er gleich zum königlichen Hofarzt gehen. Kasperl meint aber, so schlimm wird es hoffentlich nicht werden, zu mal er ja gegen Wundstarrkrampf geimpft ist. Da ist die Wald- und Wiesenfee beruhigt und schwebt mit dem Siebenschläfer davon, denn es ist sowieso schon spät geworden und sie hat noch einen weiten Weg auf ihrem Kontrollgang vor sich.
Für Euch, liebe Kinder gilt das natürlich auch. Wenn ihr einmal bei Freunden oder sonst irgendwo unterwegs seid, dann kehrt auch immer rechtzeitig oder zum vereinbarten Zeitpunkt wieder nach Hause zurück, damit sich euere Eltern keine Sorgen machen müssen.
Denn so wie die Wald- und Wiesenfee die schlafenden Tiere beschützt, so findet ihr nachts Schutz bei Eueren Eltern.
Also gebt Eueren Eltern schnell noch ein Gute-Nacht-Bussi und dann kuschelt Euch in Euer Bett – am Besten in Euer eigenes, hähä!
Eine gute Nacht wünschen Euch die Puppenbühne Herrnleben und Euer Bamberger Kasperl!

Wolfgang Herrnleben (GaPa, 2009)