Der Obstpflücker

Nach einigen trüben Regentagen hat die Sonne heute wieder einmal länger durch die Wolken geschaut und mit ihren Strahlen die Wiese getrocknet. Deshalb sind das Bamberger Kasperle und die Gretel schon einige Zeit im Garten und pflücken die reifen Zwetschgen vom Zwetschgenbaum. Alle, die Kasperle mit dem Obstpflücker von der Erde aus erreichen konnte, hat er schon abgepflückt und Gretel hat die herrlich großen und blau glänzenden Früchte in einen Korb gesammelt. Doch Kasperle entdeckt hoch oben im Baum noch viele schöne reife Zwetschgen, die er auch noch unbedingt abernten will. Aber, wie soll er da hinauf kommen? Der Stiel am Obstpflücker ist viel zu kurz. Da kommt Kasperle eine Idee! Er wirft den Obstpflücker ins Gras und holt die lange Leiter, die neben dem Gartenhäuschen liegt. – Damit muss es gehen. – Er lehnt die Leiter gegen den Baumstamm, so, dass sie zwischen den Ästen des Zwetschgenbaumes weit hinauf reicht. Dann steigt Kasperl Stufe für Stufe auf der Leiter hinauf. Gretel hält besorgt die Leiter von unten fest. „Halt doch die Leiter richtig fest, Gretel“, ruft Kasperl hinunter, „und wackel nicht so!“ Gretel hat bei Kasperl’s Kletterpartie aber etwas Angst und ruft ihm zu: „Steig nicht so weit hinauf, Kasperl! Sonst fällst du noch herunter!“ Doch Kasperl klettert immer weiter die Leitersprossen hinauf, denn er hat oben im Baum noch so viele schöne, reife, große Zwetschgen entdeckt, die er unbedingt abernten will. Gretel meint aber, es reicht so langsam, weil der Korb schon randvoll ist. Kasperle sieht aber noch so viele schöne Pflaumen am Baum hängen, um die es doch schade wäre, wenn man sie nicht abpflückt. Gretel wird es aber Angst und Bang, wenn sie Kasperl so im Baum herum turnen sieht und bittet ihn doch lieber wieder hinab zu steigen, denn mehr Pflaumen kann die Großmutter heute bestimmt nicht mehr zum Backen und Einmachen verarbeiten. Damit sie beruhigt ist, steigt Kasperl wieder vorsichtig rücklings die Leiter herunter. Gretel ist froh, als er wieder festen Boden unter den Füßen hat. Aber später will Kasperle noch ein paar Zwetschgen pflücken, nur so zum Gleichessen, denn bisher hat er sich brav beherrscht und noch keine einzige genascht. Deshalb lässt er die Leiter schon einmal vorsorglich noch am Baum stehen. Der volle Korb hat ein ganz schönes Gewicht und so müssen sie Beide feste zupacken und tragen den Korb zurück ins Haus zur Großmutter.

Kaum sind sie im Haus, kommt hinter einem Gebüsch der freche Zwerg Graubart hervor, der Kasperl und Gretel schon die ganze Zeit beobachtet hatte. Nun ist der Wichtel ungestört und will sich auch solche Früchte vom Baum holen, denn im ganzen Wald gibt es keinen solchen Baum mit diesen schönen, großen, blauen Beeren. Graubart kann das nicht verstehen, dass bei ihm im Wald kein solcher Baum steht, sondern ausgerechnet nur bei Kasperl und Gretel im Garten. Entschlossen will er die Gunst der Stunde nutzen und die restlichen Zwetschgen herunterpflücken. Zu dumm, dass nur noch ganz oben welche hängen, aber zum Glück steht ja die Leiter noch bereit. Mutig versucht er, die Leiter hochzusteigen. Doch zu seiner Enttäuschung muss er feststellen, dass dies gar nicht so einfach ist. Die Sprossen sind für seine kleinen Beine viel zu weit auseinander und er kann die Leiter nicht hochsteigen. Immer wieder rutscht er ab und landet immer wieder auf seinem Hosenboden. Fast schon verzweifelt sitzt er im grünen Gras und überlegt, wie er wohl an die leckeren blauen Früchte gelangen könnte. Er hofft, im Garten irgendetwas zu finden, mit dem er nach oben in die Baumkrone kommen könnte. Damit ihn niemand sieht, krabbelt er auf allen Vieren durch das Gras. „Huch! Warum ist es denn auf einmal so dunkel?“, wundert sich Graubart. – Er ist auf seiner Suche direkt in den Sack von Kasperls Obstpflücker gelandet und steckt nun fest, wie in einer Sackgasse. Er dreht um und kriecht wieder hinaus. Dann erkennt er das kleine Säckchen mit den Metallzacken außen herum und dem langen, hölzernen Stiel. Da fällt ihm ein, dass er ja im letzten Jahr Kasperl dabei beobachtet hat, wie er damit die Äpfel vom Apfelbaum gepflückt hat. Er denkt sich, was zum Apfelpflücken taugt, muss auch für diese blauen Früchte gut sein. Er greift den Stiel und versucht, das Säckchen nach oben zu bringen. Doch der Obstpflücker ist für Graubart viel zu schwer. Er kann ihn kaum halten, schwankt damit nach links und rechts durch den Garten und knallt damit gegen den Baum, so dass die ersten Zwetschgen durch den Aufprall schon alleine vom Baum fallen und ihm um die Ohren fliegen. Doch, er probiert es immer wieder. Aber es ist für den kleinen Zwerg unmöglich, den langen Stiel senkrecht nach oben zu balancieren. Immer wieder schlägt er damit nur gegen den Baumstamm, doch an die Zwetschgen kommt er einfach nicht heran. Dafür fallen bei jedem Schlag immer wieder reife Früchte von oben ins Gras und dem Zwerg auf den Kopf. Einmal noch will er es versuchen. Ja! – Jetzt schafft er es und kann den Obstpflücker endlich schön senkrecht nach oben halten. Mit schnellen kleinen Tippelschritten rennt er damit wie ein Zirkuskünstler auf den Baum zu! – Wusch! – Der Korb hat sich dabei mit den Metallkrallen in den Ästen verheddert! Durch die Erschütterung fallen ihm wieder jede Menge Zwetschgen auf den Kopf.

In dem Moment hört er Kasperle pfeifend zurück in den Garten kommen. Schnell sammelt Graubart die heruntergefallenen Pflaumen auf und steckt sie in seine Hosen- und Jackentaschen. Kurz bevor Kasperl beim Zwetschgenbaum eintrifft, tippelt der Zwerg davon und versteckt sich im hohen Gras. Dort fühlt er sich sicher und will in aller Ruhe die eingesammelten Früchte verspeisen.

Nun kommt auch Gretel herbeigeeilt und weist Kasperle darauf hin, dass sie nur noch ein paar reife Pflaumen pflücken sollen, die Großmutti für eine Nachspeise braucht. Kasperl ist schon wieder ein paar Stufen auf der Leiter nach oben geklettert. Da entdeckt er neben sich den Obstpflücker im Baum hängen. Er vermutet, dass hier jemand zwischenzeitlich versucht haben muss, damit Pflaumen vom Baum zu angeln. Gretel denkt das auch, denn überall in der Wiese liegen viele zermantschte Zwetschgen. Während Kasperl den Obstpflücker wieder aus den Ästen löst, hören sie ganz aus der Nähe ein „Au! Au!“ Kasperl erkennt sofort, dass der Aufschrei irgendwo aus dem hohen Gras gekommen sein muss. Und da sehen sie auch schon, wie ein kleines Männchen aufspringt und davon eilt. Kasperl verfolgt es auch gleich mit dem Obstpflücker und fängt es damit ein. „Hilfe! Hilfe! Lass mich wieder heraus!“, ruft Graubart wild kreischend. Kasperl stülpt den Obstpflücker um und Zwerg Graubart purzelt heraus. Dabei kullern ihm viele Pflaumen aus den Taschen. Es ist für Gretel nicht schwer zu erraten, dass er der Pflaumendieb ist. Graubart wirft ihnen die restlichen Zwetschgen vor die Füße und schimpft: „Da Dinger könnt ihr gerne behalten! Diese blauen Baumbeeren sind ja gemeingefährlich! Wieso habt ihr da Steine drin wachsen lassen?“ Kasperl kann nur darüber lachen und erklärt dem Zwerg, das die Natur diese Steine in den Zwetschgen hat wachsen lassen. Denn dabei handelt es sich um große Samensteine, die man getrocknet in die Erde stecken kann und mit etwas Glück wachsen dann wieder neue Bäume daraus. Pflaumen gehören nämlich genauso wie Aprikosen und Pfirsichen zum so genannten Steinobst. Graubart findet das allerdings eine Gemeinheit, denn an so einem versteckten Stein hat er sich einen Zahn kaputt gebissen. „Hähä, das kommt davon!“, meint Kasperle. „Nun bleibt dir wohl nichts anderes übrig, als zum Zahnarzt zu gehen und deinen Zahn wieder reparieren zu lassen!“ Graubart jammernd nun noch mehr, denn er hat vor nichts mehr Angst, als vor dem Zahnarzt. Gretel ermutigt den Zwerg, dass er doch vor dem Zahnarzt keine Angst haben muss. Er hilft doch nur dabei, die Zähne länger gesund zu erhalten. Und wenn man regelmäßig zum Zahnarzt geht und dazwischen immer schön die Zähne putzt, sind auch normalerweise selten Löcher darin zu finden und der Zahnarzt braucht nicht zu bohren. Kasperl rät dem Zwerg Graubart, in Zukunft nicht mehr einfach in Früchte hinein zu beißen, die er nicht kennt. Es könnte ja versteckte Steine oder Kerne drin sein oder sie sind gar giftig. Graubart verspricht dies Kasperl und Gretel und macht sich jammernd auf den Weg zum Zahnarzt.

Ihr, liebe Kinder habt bestimmt keine Angst vor dem Zahnarzt, weil ihr auch bestimmt immer brav euere Zähne putzt. Wer sie nun vor dem Schlafengehen noch nicht geputzt hat, sollte das noch schnell und gründlich tun und dann geht’s husch-husch ins Bett.

Die Puppenbühne Herrnleben und Euer Bamberger Kasperl hoffen, Ihr habt alle keine Zahnschmerzen und wünschen Euch eine Gute Nacht!

© Wolfgang Herrnleben (2008)