Der Omnibus

Das Bamberger Kasperle und sein Freund Seppl sind mit ihren Hausaufgaben fertig und wissen mal wieder vor Langeweile nicht, was sie treiben sollen. Doch – da gibt es ja die Großmutter, die eine gute Idee hat, um die Beiden etwas zu beschäftigen. Weil ja morgen Feiertag ist und die Läden nicht geöffnet haben, bittet sie die zwei Faulenzer, für sie einkaufen zu gehen. Kasperl findet das gut, denn Einkaufen geht er sehr gerne. Nur Seppl murrt, weil er keine Lust hat. – Da müsste er ja seine Schuhe und eine Jacke anziehen und dann den schweren Korb heim tragen. Er möchte lieber zuhause bleiben und meint, Kasperl schafft das auch alleine. Aber Großmutter kann sich das nicht vorstellen, denn sie benötigt für das ganze Feiertagswochenende schon eine Menge. Das kann Kasperl sicher nicht alles alleine tragen. Sie gib Seppl noch ein paar Euro extra, damit er sich als kleine Belohnung etwas zu Naschen kaufen kann. Na gut, damit konnte sie Seppl überreden, Kasperl doch zu begleiten. Großmutter gibt ihnen den Einkaufskorb, zusätzlich ein Netz für das Gemüse, den Einkaufszettel und genügend Geld.
Dummerweise hat es gerade zu Regnen angefangen. Also schlupfen die Zwei in ihre Anoraks, setzen die Kapuze auf und machen sich auf den Weg. Der Regen gefällt dem Seppl natürlich überhaupt nicht. Er meint, wenn er daheim geblieben wäre, müsste er jetzt nicht auch noch nass werden. Kasperl findet, er soll sich nicht so anstellen, es ist doch schließlich nur Wasser, was vom Himmel kommt. Er schlägt vor, dass sie sich einfach etwas beeilen, denn umso schneller sie laufen, desto weniger Tropfen bekommen sie ab. „Was?“, erwidert Seppl ganz entrüstet. „Kommt ja gar nicht in Frage, dass ich bei dem Patschwetter auch noch rennen tu!“
Aber die Motzerei nützt nichts! Kasperl packt Seppl bei der Hand und zieht ihn hinter sich her!
Da sie ihre Anorakkapuzen fast ins Gesicht gezogen haben, merken sie nicht, dass sie vom hinterlistigen Straßenstrolch verfolgt werden. Dem gefällt das Regenwetter auch nicht, denn da kann er den Kindern auf der Straße keinen bösen Streich spielen, weil sie alle mit dem Omnibus fahren. Da kommt ihm eine gute Idee. Er will heute auch einmal mit den Kindern in einen Bus einsteigen. Das wird bestimmt lustig, wenn er während der Fahrt für Aufregung und Schrecken unter den Fahrgästen sorgt.
Na, so ein Zufall!  – Genau in diesem Moment kommt ein Omnibus angefahren und hält kurz danach an der Haltestelle an. Logisch, dass Seppl dieses bequeme Fortbewegungsmittel sofort entdeckt und schlägt Kasperl vor, diese Chance zu nutzen und einzusteigen. Dann kommen sie schneller vorwärts und werden nicht so furchtbar nass. Kasperl findet das für Quatsch. Die paar Meter können sie doch laufen und nass sind sie doch sowieso schon geworden. Außerdem wird der Busfahrer sowieso gleich wieder die Türen schließen und los fahren. Auch, wenn sie sich noch so beeilen, werden sie den Omnibus nicht mehr erreichen können.
Der Straßenstrolch findet Seppl ist ein ideales Opfer und flüstert ihm zu, ohne dass Seppl ihn sieht: „Komm, lass dich nicht abhalten, Seppl! – Lauf schnell zum Bus und spring noch schnell durch die offene Tür hinein! – Dalli, dalli, du schaffst das noch!“
Ermutigt durch die Aufforderung des Straßenstrolch rennt Seppl plötzlich los, so schnell, wie man ihn sonst noch nie hat rennen sehen und ruft Kasperl zu: „Los, Kasperl, renn mit, dann erwischen wir den Bus noch!“ Kasperl aber sieht schon von weitem, dass es sinnlos ist, sich zu beeilen, denn er hört schon das Zischen der schließenden Türen. Gerade als Seppl noch auf die unterste Treppe springen will, zieht sich vor seiner Nase die Türe zu und der Bus fährt weiter. Seppl hat bei dieser waghalsigen Aktion das Gleichgewicht verloren und fällt rücklings mit dem Hinterteil in eine Pfütze am Straßenrand. Als Kasperl seinen Freund so in der Pfütze sitzen sieht, muss er natürlich erst einmal herzhaft lachen: „Hähähä, Seppl, das kommt davon, wenn man noch schnell durch eine sich gerade schließende Omnibustür springen will. Komm steh auf, damit wir schnell vorwärts und wieder nach Hause kommen!“ Und schon wieder meldet sich unentdeckt der freche Straßenstrolch: „Lass dich nicht drängen, Seppl! Mit so einer nassen Hose kannst du noch erst recht nicht mehr weiter gehen. Überrede deinen Freund Kasperl, auf den nächsten Bus zu warten!“ – Seppl hält das auch für das Beste und macht Kasperl klar, dass er nur mit zum Einkaufen geht, wenn sie mit dem Bus fahren. Denn mit so einem nassen Hosenboden kann er nicht durch die Straßen laufen. Im warmen Bus trocknet sie vielleicht auch etwas. Er würde dafür sogar das Extra-Geld von der Großmutter opfern und dafür auf die Naschereien verzichten. Kasperl gibt dem Wunsch nach, aber empfiehlt Seppl, beim nächsten Mal wenigstens richtig einzusteigen. Also warten die Beiden auf den nächsten Linienbus und als dieser ankommt, steigen sie ein und suchen sich zwei Sitzplätze. Seppl hat schnell einen ergattert, doch für Kasperl bleibt nur noch ein Stehplatz. Kasperl weiß natürlich, dass man nicht freihändig im fahrenden Bus herumbalanciert, sondern hält sich brav an einer der Stangen fest. Während der Fahrt fällt Kasperl eine alte Frau auf, die Probleme hat, bei der schaukelnden Fahrt sicher stehen bleiben zu können. Deshalb bittet er den Seppl, doch seinen Platz für die alte Frau zu räumen, damit sich diese setzen kann. Er ist ja schließlich noch jung und kann – wenn er sich gut festhält – besser stehen. Außerdem wäre es gleichzeitig eine gute Tat. Freiwillig will Seppl aber seinen Platz nicht frei machen. Er hat ja schließlich dafür bezahlt. Doch dann wittert der Straßenstrolch die Chance für einen Streich und flüstert dem Seppl zu: „Warum willst du nicht aufstehen, Seppl? Mensch, bloß im Bus sitzen ist doch langweilig! Wenn du dir einen Stehplatz suchst, kannst du doch herrlich im schaukelndem Bus balancieren ohne dich fest zu halten!“ Ja, eben, daran hat Seppl gar nicht gedacht. Das wird bestimmt spannend. Fluchs steht er auf und bietet der alten Frau seinen Platz an. Diese ist hoch erfreut über den netten jungen Burschen und bedankt sich für seine Hilfsbereitschaft. Kasperl rät seinem Freund aber, sich gut fest zu halten, damit er nicht umfällt, wenn der Bus um eine Kurve fährt oder scharf bremsen muss. Aber Seppl denkt an die Worte des Straßenkobolds und will es wagen, die Fahrt freihändig zu überstehen, schließlich ist er ja standfest und steht wie angewurzelt, auch ohne sich an so eine Stange zu klammern. Kaum hat er das gesagt, muss der Bus wegen einem Kind, dass einfach auf die Straße rennt, scharf bremsen. Im ganzen Bus ertönt ein Aufschrei und Seppl wird nach vorne durch den Bus geschleudert. Wie ein Maikäfer liegt er mitten im Gang auf dem Rücken und jammert: „Oooooh! Mein Kopf! Ich glaub, ich hab überall blaue Flecken!“ Kasperl kommt ihm schnell zu Hilfe und hebt ihn auf: „Ja, Seppl, das kommt davon, weil du dich nicht festgehalten hast!“ – Doch nicht nur Seppl ist gestürzt, unterwegs hat er auch noch einige andere Kinder mit umgerissen. Kasperl geht auch schnell zu diesen Kindern und erkundigt sich, ob sich jemand verletzt hat und Hilfe braucht.
In diesem Moment erklingt eine geheimnisvolle Melodie und die gute Kinderfee erscheint im Omnibus: „Ja, Seppl, sieh an, was du angerichtet hast. Du hast einigen Kindern geschadet, nur weil du auf den Straßenstrolch gehört und dich nicht festgehalten hast!“ Kasperl ist froh, dass die gute Kinderfee gekommen ist, die allen unschuldig geschädigten Kindern und bestimmt auch dem Seppl helfen wird. Die Kinderfee will natürlich alles ungeschehen machen, denn die anderen Kinder können ja nichts dazu. Sie hatten sich nämlich alle brav an den Stangen angehalten. Dem Seppl will sie aber nur von seinen Schmerzen und blauen Flecken befreien, wenn er ihr verspricht, zukünftig nie mehr irgendwelche Kunststückchen in einem fahrenden Bus zu versuchen und damit andere zu gefährden. Seppl versichert der Kinderfee, dass er nie mehr so unvernünftig sein und auch nie mehr auf den Straßenstrolch hören wird.
Damit nun alle Kinder wieder auf den Beinen stehen und sofort von blauen Flecken und Schmerzen befreit sind, spricht die gute Kinderfee einen Zauberspruch:
„Alle Kinder sollen wieder auf ihren Beinen stehen,
blaue Flecke und Beulen sollen im Nu vergehen!“
Seppl und alle Kinder bedanken sich bei der guten Kinderfee, die nun wieder so schnell verschwindet, wie sie gekommen ist.
Ihr, liebe Kinder seid sicher immer vorsichtig beim Omnibus fahren und haltet euch an die Sicherheitsregeln, damit ihr nicht mit blauen Flecken oder vielleicht einem gebrochenen Arm schlafen gehen müsst.
Kasperl und Seppl erledigen nun schnell noch die Einkäufe für Großmutti und sind froh, dass sie ohne Schaden wieder nach Hause zurückkehren und in ihr Bett steigen können.
Wir hoffen, Ihr, liebe Kinder, liegt auch gesund und ohne Schmerzen in Euerer Heia und freut Euch auf eine geruhsame Nacht.
Schlaft gut und träumt was Schönes!
Bis zum nächsten Mal wünschen Euch alles Gute und schöne Träume: Euer Bamberger Kasperl und die Puppenbühne Herrnleben!

Wolfgang Herrnleben (GaPa, 2009)
Wolfgang Herrnleben (GaPa, 2009)