Überall, auf allen Plätzen und in allen Orten sind die Brunnen, die sonst das ganze Jahr oft unbeachtet dahin plätschern seit Ostern bunt geschmückt. Meist Frauen und Kinder haben grüne Girlanden geflochten, diese ringsherum an den Brunnenrändern angebracht oder ganz und gar eine Krone aus grünen Zweigen gebastelt, die sie über die Brunnenfigur gestellt haben. An und zwischen diesen Girlanden hängen an farbigen Schleifenbändchen bunt bemalte Ostereier. Natürlich sind es keine rohen oder gekochten Eier, die wären ja viel zu schwer und würden nur verderben. – Nein – die Kinder, ihre Müttern und Großmütter haben die rohen, weißen Hühnereier mit einem Strohhalm ausgeblasen, so dass nur noch die Schale übrig bleibt. – Und, was gab es an so einem Tag wohl überall zu essen? – Logisch – entweder Rühreier, Pfannkuchen oder Omelettes, denn man kann ja die nahrhaften Eidotter und das Eiweiß nicht einfach wegwerfen. – Dann wurde mit Geschirrspülmittel die Fettschicht von den Eiern gewaschen und endlich kam es schließlich zur Lieblingsbeschäftigung von allen: Das Verzieren der Eier! – Sie wurden mit Wasserfarben bunte Muster aufgemalt oder die Eierschalen mit farbigen Papierschnipseln oder Filzresten beklebt. Dann fädelten sie durch die Löcher bunten Bändchen mit Schleifen und schon waren die Ostereier als Brunnenschmuck fertig. – Letztendlich kam der große Moment, wo sich alle Bastler mit ihren Werken an den Brunnen trafen, um sie zu dekorieren. Meist entstanden herrliche Prachtwerke. Schon an den Osterfeiertagen bekamen die Osterbrunnen bei herrlichem Sonnenschein Tausende von Besuchern, die die Kunstwerke bewunderten. Aber auch danach nutzen noch viele Menschen die Ferien- und Urlaubszeit, um eine Rundreise zu den verschiedenen Brunnen zu machen. – Welcher ist wohl der Schönste? –
Ein besonders schöner Brunnen ist auch der auf dem Kirchplatz in der Nähe des Hauses von Kasperls Großmutter geworden. Natürlich haben auch das Bamberger Kasperle, sein Freund Seppl, die Gretel und die Großmutter viele Ostereier bemalt, die nun auch überall an den Girlanden hängen. Jeden Tag bestaunen viele Gäste den herrlichen Brunnen, so auch heute wieder. Unter die Menschen auf dem Kirchplatz haben sich auch der Räubervater Schlapp und sein Söhnchen Schlipp gemischt. Schlipp staunt nicht schlecht, als er die vielen bunten Ostereier sieht. Sein Vater ist schon dreimal um den Brunnen herum gelaufen und musste feststellen, dass es kein Ei doppelt gibt. Jedes hat sein eigenes, einzigartiges Muster. Schlipp findet das ungerecht, dass er vom Osterhasen noch nie ein Nest mit bunten Eiern bekommen hat. Und den anderen Kindern hat er gleich so viele versteckt, dass sie einen großen Teil sogar um den Brunnen herum aufhängen. Sein Vater versucht ihm zu erklären, dass sie eben Räuber sind und Räuberkindern schenkt der Osterhase nichts. Aber als er dann so darüber nachdenkt, findet er es auch nicht richtig. Sein Sohn ist doch schließlich genauso ein Junge, wie alle anderen auch! – Warum sollen sie sich nicht einfach ein paar von den Eiern abmachen und mitnehmen? Schlapp meint, vom tagelangen Herumhängen in der prallen Sonne werden die Eier auch nicht besser. Zufällig hat er seinen großen Räubersack dabei und beschließt, diesen mit Ostereiern vom Brunnen zu füllen. Aber noch ist es etwas ungünstig, denn es tummeln sich noch zu viele Menschen auf dem Kirchplatz. – Und was ein echter Räuber ist, der lässt sich doch beim Stehlen nicht zusehen. So warten Schlipp und Schlapp auf einer Bank bis alle Leute den Platz verlassen haben. Endlich sind sie alle nach Hause oder in ein Gasthaus gegangen. Schnell laufen die beiden Räuber zum Brunnen und beginnen damit, ein Ei nach dem anderen in den Räubersack zu stecken. Während sich Schlapp immer wieder umsieht, ob sie auch niemand dabei beobachtet, freut sich Schlipp schon auf das heutige Abendessen, wo er
Gute-Nacht-Geschichte Nr. 64 mit dem Bamberger Kasperl zum Ausdrucken und Vorlesen. – Jeden Freitag NEU
Der Osterbrunnen
zum ersten Mal auch solche bunten Eier bekommt. Er ist sich sicher, die schmecken bestimmt besser als die normalen weißen oder braunen. Als sie Beide voller Begeisterung ein Ei nach dem anderen abpflücken, fängt es im Brunnen auf einmal an furchterregend laut zu Blubbern. „Was mag das wohl sein?“, wundern sich Schlipp und Schlapp. Als der Räubervater über den Brunnenrand blickt, taucht plötzlich ein klitschiges, grünes Wesen mit großen weißen Augen auf. Mit tiefer Stimme ermahnt dieses die Räuber: „Halt, ihr bösen Menschen, lasst die Eier hängen. Sie gehören an meinen Brunnen!“ Schlipp und Schlapp weichen vom Brunnen zurück und Schlipp will wissen: „Huch, was bist denn du für ein grünes Gespenst?“ Das Wesen rollt seine weißen Augen und erklärt ihnen zornig, dass er der Brunnengeist ist. Und er duldet es nicht, wenn jemand seinen österlichen Brunnenschmuck zerstören will. Schließlich freut er sich alle Jahre darauf. Doch das interessiert die Räuber nicht. Sie finden, es hängen doch genug Eier am Brunnen und alle wollen sie ja auch nicht mitnehmen. Als sie sich vom Schreck erholt hatten, treten sie wieder mutig an den Brunnen heran und sammeln weiter Ostereier in den Sack, egal, ob das dem komischen Brunnengeist passt oder nicht. Der Brunnengeist lässt sich das nicht gefallen. Er greift mit seinen großen Händen nach draußen, packt erst Schlapp und dann Schlipp, hebt Beide über den Rand und lässt sie in die Tiefe des Brunnens fallen. Von ganz unten hört man zweimal ein lautes „Platsch!“ und dann ist es still. – Als die zwei Räuber wieder an die Oberfläche des Brunnenwassers aufgetaucht sind, rufen sie lautstark: „Zu Hilfe! – Zu Hilfe! – Wir sind ja ganz nass! – Heb uns sofort wieder nach oben! – Hilfe! – Hilfe!“ Die lange, aus Stein gemauerte Brunnenröhre bringt ihre Hilfeschreie hallend bis zur Erdoberfläche. Laut sind sie über den ganzen Kirchplatz zu hören. Doch der Brunnengeist lässt sie im Wasser zappeln und taucht selbst wieder, zwischen die Beiden hindurch, hinab in die Tiefe.
Gerade in diesem Moment nähern sich Kasperl und Seppl dem Osterbrunnen. Sie müssen nämlich jeden Abend vor dem Schlafengehen nachsehen, ob ihre eigenen Ostereier noch hängen. Logischerweise erreicht dieses jämmerliche Geschrei auch ihre Ohren. „Horch“, sagt Kasperl zu Seppl, „das kommt aus dem Brunnen. Da muss jemand hinein gefallen sein. Komm schnell, wir müssen helfen!“ Die zwei Freunde rennen zum Brunnen und schauen in die Tiefe. Obwohl es ziemlich dunkel ist, erkennt Kasperl die beiden Räuber. Als er wissen will, warum sie im Brunnenwasser herum plantschen, beschwert sich Schlapp darüber, dass sie der Brunnengeist hineingezogen hat, bloß weil sie sich die bunten Ostereier mal ganz aus der Nähe anschauen wollten. Kasperl und Seppl können sich das gar nicht vorstellen. Andere Menschen gucken sich die Ostereier doch auch an und niemand zieht sie deswegen in den Brunnen. Da kommt der Brunnengeist wieder blubbernd nach oben und erzählt Kasperl, was wirklich passiert ist. Keinesfalls hätte er die Beiden in den Brunnen gezogen, wenn sie sich nur an den Eiern erfreut hätten. Aber sie wollten sie stehlen und das konnte er nicht zulassen. Schlipp gibt dies aus der Tiefe zu und entschuldigt sich. Er wollte halt auch einmal Ostereier haben, so wie die anderen Kinder auch. Und weil ihm der Osterhase keine bringt, blieb ihm doch nichts anderes übrig, als sich vom Brunnen selbst welche zu besorgen. Über diese Dummheit der Räuber müssen Kasperl und Seppl erst einmal herzhaft lachen. Dann erklärt Kasperl den Räubern, dass man doch die Eier vom Osterbrunnen gar nicht essen kann. Denn sie sind alle hohl, weil sie vor dem Anmalen ausgeblasen wurden. Und manche sind überhaupt nur aus Plastik. Pimperle wundert sich, warum die Menschen denn leere Eier aufhängen. Kasperl sagt ihnen, dass die Eier doch nur als Brunnenschmuck dienen und ein Dank und die Verehrung für unser kostbarstes Element, das Wasser sind. Und deshalb darf man alle Symbole des Lebens vom Osterbrunnen nicht entfernen, weder die Eier, aus denen neues Leben entsteht, noch das lebensspendende Wasser oder die Zweige des Baumes, aus dessen kleinen Samenkörnern die Bäume bis zum Himmel wachsen. Schlipp hat dem Kasperl aufmerksam zugehört und verspricht ihm, in zukünftig keine Eier mehr von den Osterbrunnen abzupflücken. Schlapp will seine Dummheit nicht zugeben und meint nur: „Na eben, was tun wir auch mit leeren Eiern, die man nicht essen kann!“ Der Brunnengeist hofft, dass er ihnen mit dieser Lektion eine Lehre erteilt hat und lässt sie mit einem Zauberspruch wieder aus der Tiefe des Brunnens frei:
Fliegt aus dem Brunnen nach oben ganz schnell,
und seit wieder trocken auf der Stell!“
Es donnert und rumort im Brunnen und wie von Geisterhand gezogen schießen die beiden Räuber wieder nach oben ans Tageslicht und landen wohlbehalten und trocken auf dem Kirchplatz neben Kasperl und Seppl.
Kasperl und Seppl wollen dem Räubersöhnchen
Schlipp ausnahmsweise ein kleines Ostergeschenk machen und ihm morgen einige von ihren Eiern aus dem eigenen Osternest im Räuberhaus vorbei bringen. Hauptsache, sie stehlen keine Eier mehr von den schönen Osterbrunnen.
Habt ihr, liebe Kinder, heuer schon einen Osterbrunnen besucht? – Wenn nein, könnt ihr das ja mit eueren Eltern oder Großeltern am Wochenende noch tun. Aber nur angucken, gell! – Und macht euch bei jedem Brunnen immer klar, wie notwendig das Wasser zum Leben ist. –
Aber auch ausreichend Schlaf ist notwendig. Drum plumpst jetzt in euer Bettchen und schlaft gut.
Eine gute Nacht wünschen Euch die Puppenbühne Herrnleben und Euer Bamberger Kasperl.
Wolfgang Herrnleben (GAP, 2009)






