Nachdem gestern Abend ein heftiges Gewitter mit Blitz, Donner und viel Regen über das Land zog, strahlt heute schon den ganzen Tag die Sonne am Himmel. Das Bamberger Kasperle und seine Gretel haben ihre Hausaufgaben erledigt und machen deshalb noch einen Spaziergang durch die herrliche Natur. Die Luft ist nach dem Regen rein und würzig, Blätter und Wiesen präsentieren sich in einem satten Grün und die Blumen öffnen ihre bunten Blütenkelche. Auf ihrem Weg durch die Felder kommen sie auch an den Getreidefeldern vorbei. Hoch ist das Getreide schon gewachsen und goldgelb leuchtet es in der Sonne. Ringsherum um die Getreidefelder blühen viele Tausend rote Mohnblumen. „Soll ich dir einen Strauß Mohnblumen pflücken, Gretelein – Trompetelein?“, fragt Kasperl lachend die Gretel. Diese freut sich zwar über Kasperls Angebot, doch sie findet, er soll den Klatschmohn mit seinen herrlich roten Blüten lieber am Rand der Getreidefelder stehen lassen. Die roten Blüten passen doch so herrlich zu den goldenen Getreidehalmen. Außerdem weiß Gretel, dass die zarten Blüten des Mohnes in einer Vase daheim ganz schnell verwelken und ihre Blätter abwerfen. Kasperl findet auch, es sei besser die Klatschmohnblumen stehen zu lassen und schlägt vor, auf dem Weg weiter zum Wald zu gehen. Vielleicht findet sie ein paar fruchtige Beeren. So gehen Beide weiter zwischen die Felder hindurch in den Wald. Kaum sind sie zwischen den Bäumen verschwunden, kommt mit heftigem Windrauschen eine kleine Hexe auf ihrem Besen an. „Hui, hui, was seh ich denn da für herrlich rote Blüten?“, ruft sie und landet mit ihrem Besen am Rand des Getreidefeldes. Es ist die kleine Sommerhexe Pimperlinchen. Ihr gefallen die roten Blüten des Klatschmohnes so sehr, dass sie beschließt diese abzupflücken und sich daraus ein neues Kleid zusammen zu nähen. Es ist nicht zu übersehen, dass ihr altes Kleid, das sie trägt, nicht mehr schön und schon überall zerfetzt ist. Aber ob es eine gute Idee ist, sich aus Mohnblüten ein neues zu schneidern? Aber Pimperlinchen will ein leuchtend rotes Kleid haben, fuchtelt mit ihrem kleinen Hexenbesen und spricht einen Hexenspruch: „Nadel und Faden, eins-zwei-drei, helft mir bei der Schneiderei!“
Von schrillem Pfeifen begleitet kommen Nadel und Faden angeflogen und fallen ihr in den Schoß. Pimperlinchen pflückt rasch alle Blüten vom Klatschmohn ab, stapelt diese neben sich auf einen Haufen und beginnt dann die roten Blütenblätter miteinander zu vernähen. Sie ist so in ihre Arbeit vertieft, dass sie gar nicht bemerkt, dass Kasperl und Gretel wieder aus dem Wald zurückkommen. Auch Kasperl und Gretel sehen die Hexe Pimperlinchen zuerst nicht, schließlich ist sie auch nur ein ganz kleines Wesen. Kasperl bemerkt nur, dass an den Mohnblumen keine Blüten mehr sind. „Tatsächlich“, muss ihm Gretel zustimmen, „alle roten Mohnblüten sind weg! Nur die Stiele stehen alle noch! Wer hat nur die ganzen Blütenblätter eingesammelt?“ Beide laufen um das Feld herum und hoffen, den unbekannten Blütensammler zu entdecken. Außerdem sind sie neugierig, was man wohl aus den roten Blütenblättern machen kann. Auf einmal entdeckt Kasperl die Klatschmohnblüten: „Da sieh doch, Gretelein, dort liegt ja ein ganzer Berg aus den roten Blättern im Gras!“ „Ja Kasperl“, flüstert Gretel, „und was sitzt da neben dem Blütenhaufen für ein kleines Wesen im Gras?“ Kasperl kennt die kleine Hexe auch noch nicht. Beide ducken sich hinter die Halme des Getreidefeldes und schleichen sich vorsichtig an das kleine Wesen an. Sie sind nämlich ganz gespannt, wozu es die roten Blüten eingesammelt hat. Kasperl erkennt, dass es eine kleine Hexe ist, welche die Blätter aneinander näht. Als Kasperl und Gretel das sehen, schütten sie sich vor Lachen fast aus. „Psst“, flüstert Kasperle, „nicht so laut, Gretel. Wir wollen doch herausfinden, warum sie die Blätter zusammen näht!“ Kasperl hat eine Idee. Er will der kleinen Hexe einen Schabernack spielen. Deshalb verstecken sie sich im Getreidefeld und Kasperl klatscht fest in die Hände. Pimperlinchen erschrickt: „Huch, wer hat das geklatscht?“ Kasperl antwortet mit verstellter Stimme: „Wir die Klatschmohnstiele, weil du unsere Blüten abgepflückt hast!“ Und wieder klatscht Kasperl laut in die Hände. „Hört doch mit dem fürchterlichen Geklatsche auf!“, ruft die kleine Hexe. Kasperl klatscht aber unentwegt weiter und spricht wieder zu ihr aus seinem Versteck: „Klatschmohn muss klatschen. Und weil du unsere Blüten abgepflückt hast, klatschen wir zur Strafe auch dich!“ Kasperl schleicht sich von hinten an die kleine Hexe heran und klatscht sie leicht auf den Rücken. „Au, au, hört doch auf!“, winselt Pimperlinchen. Dann dreht sie sich um und bemerkt, dass es gar nicht die Klatschmohnstiele sind, die sie klatschen, sondern Kasperle. „Und wer bist du?“, fragt sie Kasperle. „Ich bin die kleine Sommerhexe Pimperlinchen!“, antwortet sie. Gretel ist inzwischen auch aus ihrem Versteck hervorgekommen und will wissen, was sie mit den vielen Klatschmohnblüten vorhat. Pimperlinchen erklärt ihnen, dass sie die Blüten zu einem neuen Kleid zusammen nähen will, weil sie die rote Farbe so gerne mag. Sie ist überzeugt, dass ihr das Kleid bestimmt gut stehen wird und freut sich schon schwärmerisch darauf. Gretel muss herzhaft über den lustigen Einfall der kleinen Hexe lachen. Sie erklärt ihr, dass die Pracht ihres neuen Kleides nicht lange anhalten wird, denn die Blätter werden schnell verwelken und sich ihr Kleid wieder auflösen. Enttäuscht reagiert Pimperlinchen, weil sie doch so gerne ein neues und vor allem rotes Kleid haben möchte. Aber sie weiß nicht, wo sie so einen schönen roten Stoff herbekommen könnte. Da hat Gretel eine Idee. Sie greift in ihre Rocktasche und zieht ein leuchtet rotes Taschentuch heraus. Ja, genau, diese Farbe gefällt Pimperlinchen, denn es ist dasselbe Rot wie vom Klatschmohn. Zum Glück ist Pimperlinchen nur eine kleine Hexe. Gretel hält ihr das Taschentuch hin und nimmt Maß. Das Stück Stoff reicht, damit sie Pimperlinchen sich daraus ein neues Kleid schneidern kann. Kasperl will ihr das rote Taschentuch aber nur überlassen, wenn sie dafür die Blüten wieder an die kahlen Mohnstengel hext. Pimperlinchen verspricht es und schnell schwingt sie ihren Hexenbesen und zaubert:
„Blütenblätter fliegt ganz schnell,
wieder zurück an euere Stell!“
Im Nu wirbeln die Blüten hoch und fliegen wieder zurück an ihren Platz an den Stielen. Alle Klatschmohnblumen leuchten wieder am Rand des Getreidefeldes. Gretel schenkt der kleinen Hexe – wie versprochen – dafür ihr rotes Taschentuch. In ihrem kleinen Hexenhaus, will Pimperlinchen heute noch damit beginnen, sich ihr Traumkleid zu schneidern. Schnell reitet sie damit auf ihrem Besen freudig davon. Die Sonne verschwindet nun auch langsam am Horizont und die Klatschmohnblüten schließen ihre Kelche, um zu schlafen.
Ihr, liebe Kinder schließt nun bestimmt auch gleich euere Äuglein, um zu schlafen und etwas Schönes zu träumen.
Eine gute Nacht wünschen Euch die Puppenbühne Herrnleben und euer Bamberger Kasperl!
Wolfgang Herrnleben (2008)






