DER SCHNEEHÜGEL

„Och, hab ich einen Hunger!“, murrt Seppl in seinem Zimmer herum. „Mir knurrt der Bauch und mein Magen hängt schon bis runter zu den Kniekehlen! Hoffentlich hat Gretel heute etwas Gescheites zum Abendessen“, denkt Seppl weiter.
„Am besten ist’s, ich schau’ gleich einmal nach, was sie in der Küche so treibt!“
Schnell läuft er Richtung Küche und öffnet die Türe.„Na Gott sei Dank, du hast ja mit dem Kochen schon angefangen,“, begrüßt er sie.„Jaja Seppl, damit du mir nicht verhungerst“, lacht Gretel.Gretel ist gerade dabei, Kartoffeln zu schälen und auf dem Herd dampft ein großer Topf vor sich hin.
„Was wird denn das, Gretel? Warum brauchst du denn Kartoffeln?“, baut sich Seppl vor Gretel am Küchentisch auf. „Gibt’s heut’ wohl schon wieder diese komischen Salzkartoffeln?“ „Nein, nein, Seppl,“ lacht Gretel und schält eifrig weiter, um die Kartoffeln von den Schalen zu befreien.„Du wirst dich freuen Seppl, heute gibt es einer deiner Lieblingsspeisen!“Seppl reißt die Augen auf und kann es gar nicht glauben. „Was, das kann doch nicht sein, warum schälst du denn dann so viele Kartoffeln?“, stottert Seppl!Gretel hört kurz das Schälen auf und erklärt ihm, „Ja wenn ich Klöße machen will, braucht man eben Kartoffeln dazu.“Ihr werdet es nicht glauben, liebe Kinder, Seppl hüpft in der ganzen Küche herum, so freut er sich, denn Klöße waren nicht nur eine Lieblingsspeise von ihm, sondern überhaupt die aller – allerliebste Lieblingsspeise.
Plötzlich bleibt er vor dem dampfend kochenden Topf am Herd stehen. „Und -“, fragt er, „hier ist wohl der Schweinebraten dazu drin?“Schnell hebt er mit einem Topflappen den Deckel vom Topf und versucht, trotz dem vielen aufsteigendenDampf einen Blick auf den vermeintlichen Schweinebraten zu erhaschen. Doch die Enttäuschung ist Seppl sofort am Gesicht anzusehen.„He Gretel, da sind ja auch nur Kartoffeln drin! Ich denk’, es gibt heute Klöße und einen guten Braten dazu?“Lachend dreht sich Gretel zu Seppl um. „Jaja, es gibt schon Klöße, und für die brauche ich eben rohe Kartoffeln und auch ein paar gekochte.“Seppl schnauft erleichtert aus und zieht dabei die Bratröhre auf. „Achso,“ sagt er, „dann ist der Schweinebratenwohl in der Röhre?“ Aber soviel er auch guckt und schaut, in der Bratröhresteht auch nicht der ersehnte Schweinebraten.„Heute gibt es keinen Schweinebraten zu den Klößen, ich koche später nur noch eine leckere Soße dazu! Du weißt doch Seppl, es ist noch Fastenzeit und da braucht man nicht alle Tage Fleisch zu essen.“,klärt Gretel ihn auf.Seppl trifft beinahe der Schlag. Hört er richtig? Es gibt Klöße, aber dazu keinen knusprigen Braten. Enttäuscht und wütend motzt er Gretel an.“ Du mit deiner Fastenzeit! Bin ich froh, wenn die endlich vorbei ist! Oje, da kommen ja noch etliche harten Wochen auf mich zu!“Gretel lässt sich aber durch Seppl’s Gebrummel nicht aus der Ruhe bringen und schält eifrig weiter Kartoffeln.“ Sei doch froh“, sagt sie, „dass ich mir die Arbeit mache und euch allen richtige Klöße koche.“Doch Seppl motzt weiter. „Was heißt richtige Klöße? Gretel, gibt’s wohl auch falsche?“Seelenruhig weiterschälend, erklärt Gretel, „Ich könnte ja auch einen fertigen Kloßteig kaufen, Seppl, aber ich habe mir gedacht, selbst gemachte Knödel schmecken nun mal besser!“
„Das kann schon sein“, mault Seppl, „aber was sollen noch so gute Klöße, ohne einen saftigen Schweinebraten
dazu?“ Gretel ist nun mit dem Kartoffel schälen fertig und auch die Kartoffeln auf dem Herd sind nun weich gekocht. Sie schüttet das dampfende Wasser ab undGute-Nacht-Geschichte Nr. 5 mit dem Bamberger Kasperl zum Ausdrucken und Vorlesen. – Jeden Freitag NEUDer Schneehügel
beginnt nun auch die heißen, gekochten Kartoffeln zu schälen. Als Seppl nun merkt, dass heute mit Gretel
nicht mehr zu reden ist, verschwindet er, vor sich her brummelnd aus der Küche in sein Zimmer.
Nach kurzer Zeit hat Gretel die gekochten Kartoffeln durch die Kartoffelpresse gedrückt, die rohen Kartoffeln
gerieben und miteinander zu einem geschmeidigen Kloßteig vermischt. Schnell formt sie diesen noch zu schönen runden Klößen, die sie auf dem Küchentisch aufreiht.Später muss sie die Klöße dann nur noch ins kochendeSalzwasser geben und eine würzige Soße aus Speck, Zwiebeln und Gemüse dazu kochen. Bis zum Abendessen ist aber noch etwas Zeit. Gretel blickt kurz aus dem Fenster, durch das die Sonne heute so schön warm in die Küche scheint. Deshalb beschließt sie, noch schnell mit dem Fahrrad ihre Freundin Gaby zu besuchen.Sie öffnet das Küchenfenster, damit der Küchendampf abziehen kann und verlässt die Küche.Was Gretel natürlich nicht weiß, ist, dass draußen im Garten vor Kasperls Haus, zwei kleine Männchen ihr Unwesen treiben. Lange schon haben sie in einem großen Schneehaufen, der durch den zusammengekehrtenSchnee des Winters entstanden war, ihr Winterquartier eingerichtet. Es sind die zwei kleinen
Ausreißer Brix und Brax, die eigentlich beim Schneekönig im Palast wohnen. Aber sie wollten die Welt erkunden und sind einfach von dort ausgerissen. Schließlich, dachten sie, wären sie groß genug, sich ein eigenes Zuhause zu suchen und für sich selbst zu sorgen. So haben sie bei ihrer Suche nach einer Bleibe, den Schneehaufen in Kasperls Garten entdeckt. Schnell gruben sie einen Gang hinein und noch eine kleine Schlafhöhle dazu. So hatten sie eine gemütliche Unterkunft, herrlich kalt und feucht, wie sie es auch aus dem Schneepalast kannten. Seit einigen Wochen war das nun ihr neues Zuhause und sie fühlten sich wohl und konnten es am Anfang gar nicht begreifen, warum es plötzlich so nass und glitschig in ihrer neuen Behausung wurde.Doch als sie heute wieder einmal aus ihrem Schneehaufennach draußen krabbelten, sahen sie die Bescherung. Ihr großer Schneehügel, war durch die warme Frühlingssonne schon um die Hälfte zusammengeschmolzen
und es würde nicht mehr lange dauern, bis ihre Gänge und die gemütliche Schlafstube
dahin geschmolzen wären.
Zum Schneepalast können sie nicht zurück, obgleich sie dort genügend Schnee auf Vorrat hätten, den sie dringend für ihren Unterschlupf bräuchten. Brix und Brax stehen also ratlos vor ihrem immer kleiner werdenden Zuhause und obwohl sie suchend in alle Richtungen des Gartens spähten, nirgends konnten sie auch nur den geringsten Schnee entdecken, den sie dann auf ihre Schneehöhle schichten könnten.
Aber Brix und Brax sind nun mal noch klein und dumm und so denken sie, dass vielleicht in dem Haus, zu dem der Garten gehört, ebensoviel Schnee gelagert wäre, wie beim Schneekönig im Schneepalast.
Wenn sie von dort den Schnee holen und auf ihren Schneehügel verteilen, dann wären sie gerettet und könnten weiter fröhlich darin wohnen.
Also laufen sie schnell, mit ihren kleinen Beinchen zum Haus. Aber oh weh, das Fenster steht zwar offen, aber sie sind viel zu klein, um hinein zu steigen. Schnell macht Brix mit seinen Händen eine Räuberleiter und behende steigt Brax über diese auf die Schultern von Brix. So kann er gerade über den Fenstersims gucken. Krampfhaft hält er sich dabei am Fensterbrett fest und mit einem Satz, zieht er sich hoch und hüpft auf’s Fenster.
„Du Brix“, ruft er aufgeregt zu seinem Kumpel hinunter,
„du glaubst nicht, was ich hier sehe!“
„Na sag schon, Brax, haben sie auch soviel Schnee gelagert, wie der Schneekönig?“
„Hehe,“, lacht Brax, „noch viel besser! Kein Schnee, sondern lauter Schneebälle liegen da auf dem Tisch herum. Wenn ich sie zu dir aus dem Fenster werfe, geht das ganz schnell und wir können ruck-zuck unsere Schneehöhle damit ausbessern.“
Gesagt, getan! Brax hüpft schnell vom Fensterbrett in die Küche hinunter und klettert mit flinken Beinen auf den Küchenstuhl und von dort auf den Tisch, auf dem die schön gerollten Klöße von Gretel liegen.
„So, paß auf Brix, gleich fliegt der erste Schneeball zu dir“, rief er Richtung Fenster. Und schon fliegt der erste Kloß auch direkt auf die Wiese vor dem Küchenfenster.Und der zweite, der dritte, der vierte…….Brix sammelt sie draußen ein und legt sie, in der Nähe ihres Quartiers, auf einen Haufen zusammen.Brax gefällt das Spiel mit den vermeintlichen Schneebällen so gut, dass er übermütig nach draußen ruft: „He, Brix, paß auf, der nächste fliegt dir bestimmt an den Kopf, hehe.“Vor lauter Begeisterung bemerkt er nicht, wie sich die Küchentüre öffnet und das Bamberger Kasperle die Küche betritt.„Ja was ist denn hier für ein Treiben? Was tust du kleiner Knilch auf unserem Küchentisch? Und warumwirfst du unsere guten Klöße aus dem Fenster?“Kasperl läuft dabei auf den Tisch zu und kann gerade noch den letzten Kloß aus der Hand von Brax retten.
Vor lauter Schreck bringt Brax fast keinen Ton heraus und stottert: „Wir – wir brauchen die Schneebälledoch für unsere Schneehöhle!“„Für eure Schneehöhle?“ wiederholt Kasperl. „Was wollt ihr denn da mit den guten Knödeln von Gretel?“ Den Tränen nahe, flüstert Brax: „Unsere Höhle ist schon so arg weg geschmolzen, und – und da brauchen wir eben diesen Schnee, damit wir sie wiederausbessern können.“„Hähä“, lacht Kasperl, „das sind doch keine Schneebälle, sondern Klöße zum Essen.“„Oje, das haben wir nicht gemerkt. Wir dachten, es sind schon schön geformte Schneebälle,“ und schon kullern dabei die ersten Tränen aus Brax Augen.„Tja, was machen wir jetzt mit euch zwei kleinen Männchen?“ Dabei schaut Kasperl zu Brix in den Garten, der immer noch dabei ist, die ganzen Knödel aufzusammeln.
Plötzlich, – ihr werdet es nicht glauben, Kinder – erfüllte ein frostiger Wind die ganze Küche und Schneeflocken wirbeln zum Fenster herein. Verwundert schaut Kasperl zum Fenster und will es gerade schließen, da flüstert Brax tränenüberströmt: „Oh, da kommt der Schneekönig! Oweh, er hat uns gefunden!“„Hähä, der Schneekönig! Seid ihr wohl zwei kleine Ausreißer?“, stellt Kasperl fest.In diesem Moment erfüllt sich die Küche mit einem riesigen Schneegetöse und in diesem steht plötzlich der Schneekönig vor Kasperl. Er trägt einen weiten, blauen Samtmantel, der über und über mit Schneeflocken bedeckt ist. Die Krone auf seinem Kopf glitzert und funkelt besteht ganz und gar aus frostigen Eiszapfen. Aber so klirrend frostig der Schneekönig auch aussieht, er hat freundliche Augen und in seinem langen weißen Bart glitzern unzählige Schneekristalle. Mit seiner tiefen Stimme begrüßt er Kasperl und seine kleinen Schneegehilfen. „Ja Kasperl, endlich habe ich meine beiden Ausreißer gefunden! Seit Wochen bin ich schon auf der Suche nach ihnen. Aber in ihrem Versteck im Schneehügel habe ich sie nicht vermutet.“„Herzlich willkommen, lieber Schneekönig!“, begrüßtKasperle seinen Gast. „Was hast du nun mit den beiden Knödeldieben vor?“
„Ich nehme sie natürlich wieder mit in meinen Schneepalast, denn jetzt zieht bei euch ja bald Herr Frühling ins Land und meine beiden Schneezwerge können bis zum nächsten Wintereinzug über ihre Dummheit nachdenken.“ Dabei packt er Brax, der ganz versteinert und mit gesenkten Kopf auf dem Küchentisch steht und steckt ihn unter seinen großen Mantel.
„Hähä, das ist gut, Herr Schneekönig.“, bestätigte Kasperl, „Aber was machen wir mit unserem Abendessen?
Die Klöße liegen draußen im Garten und sind jetzt ungenießbar geworden?“
„Natürlich“ beschwichtigt der Schneekönig, „bringe ich das alles wieder in Ordnung!“
Leise murmelnd spricht der Schneekönig folgenden Spruch:
„Gretel’s Klöße rund und frisch,
liegen hier auf diesem Tisch!“
Und im nächsten Augenblick erfüllt wieder ein Schneegestöber die ganze Küche und – ob ihr’s glaubt oder nicht – alle Klöße liegen so wie vorher schön aufgereiht auf dem Tisch. Der Schneekönig ist dabei gleichzeitig wieder mit seinen beiden Gehilfen in seinen Schneepalast zurückgekehrt.Und so können Kasperl, Großmutti, Seppl und Greteldoch noch ihre guten, selbstgemachten Knödel zum Abendessen genießen.
Ihr, liebe Kinder habt bestimmt schon zu Abend gegessen und könnt nun in euer geliebtes Bett steigen.
Vielleicht habt ihr ja auch heute Nacht einen schönen Traum vom Schneekönig und seinen beiden Gehilfen?
Die Puppenbühne Herrnleben und das Bamberger Kasperle wünschen Euch deshalb zum Schluss eine gute Nacht!
© by Elisabeth Herrnleben (2008)08)