Die ersten drei Schultage nach den Weihnachtsferien sind vorbei. Aber es war ja nur eine kurze Woche. Gretel, Seppl und das Bamberger Kasperle sind aber trotzdem froh, dass schon wieder Freitag ist und das Wochenende bevorsteht. Alle drei hoffen, dass es am Wochenende wieder einmal tüchtig schneit und sie dann im Neuschnee Schlittenfahren oder eine Schneeballschlacht machen können. Die ganzen letzten Tage hat nämlich Frau Holle ihre Betten nicht mehr geschüttelt, so dass kein Schnee mehr vom Himmel gefallen ist. Der Schnee, der bisher die Wiese im Garten zugedeckt hat, wird auch immer weniger. Die ersten kleinen Grashalme spitzen schon wieder durch die dünne, vereiste Schneedecke. Sogar der Schneemann, den sie vor Weihnachten gebaut haben, beginnt auch schon zu schrumpfen. Aber sie sind sich sicher, dass es bestimmt wieder schneit, denn der Winter ist ja noch lange nicht vorbei.
Gerade sitzen Kasperl, Gretel und Seppl mit der Großmutter beim Abendessen und schmieden Pläne fürs Wochenende. Da kommt es ihnen plötzlich so vor, als hörten sie von draußen eine verhaltene, tiefe Stimme: „Hallo, seid ihr zuhause?“ Oder haben sie sich getäuscht? – Nein, scheinbar nicht, denn da ruft die Stimme schon wieder. – Da, nun klopft es auch an die Tür! – Wer mag das nur sein? „Wir haben uns nicht getäuscht!“, sagt Kasperle. „Da ist jemand an der Tür!“ Schnell springt er von seinem Stuhl auf, eilt zur Haustür und öffnet sie. Ein leichter, kalter Wind dringt durch die geöffnete Tür ins Haus. „Gretel, Seppl, Großmutter! Das gibt es doch nicht!“, ruft Kasperle lachend in die Küche. „Hähähä, ihr glaubt nicht, wer da vor der Tür steht!“ Gretel, die als erstes zu Kasperle an die Tür kommt, ist ganz erstaunt: „Da steht doch ein Schneemann vor der Tür. Er sieht aus wie der, den wir gebaut haben!“ Mit tiefer, frostiger Stimme bestätigt der Schneemann: „Ja, ich bin wirklich euer Schneemann. Ich brauche dringend euere Hilfe!“ Selbstverständlich sagt Kasperle ihm seine Hilfe zu und bittet ihn, doch erst einmal herein zu kommen, um ihnen in Ruhe zu erzählen, was denn passiert ist. Doch der Schneemann kann nicht in die warme Stube kommen, sonst schmilzt er noch mehr. Er berichtet ihnen etwas ganz Schreckliches. Der böse Zauberer Nieswurz sitzt vor dem Palast des Schneekönigs und lässt ihn nicht heraus. Und weil der Schneekönig gefangen ist, kann er es nicht mehr schneien lassen. „Aber trotzdem hat es doch schon einmal etwas geschneit!“, erwidert Gretel. Dafür hat der Schneemann eine logische Erklärung. Der Zauberer musste einmal heftig niesen und als er sich dabei gerade sein großes Taschentuch vor das Gesicht hielt, ist es der Schneeprinzessin geglückt, aus dem Palast zu flüchten. Kaum hatte sie es geschafft, den ersten Schnee auf die Erde zu schicken, da hat sie der Zauberer wieder ins Schloss zurück gewünscht und eingesperrt. Deshalb fiel bisher wenigstens etwas Schnee. Ratlos steht der Schneemann nun vor der Tür und weiß nicht, wie er seinen Schneemannkollegen und der Natur helfen kann, damit es endlich richtig Winter mit viel Schnee werden kann. Kasperle ist sofort auch klar, dass man etwas unternehmen muss, sonst schneit es ja den ganzen Winter nicht mehr. Kasperle überlegt kurz und da fällt ihm nur ein Wesen ein, das der Natur helfen kann: Die gute Mutter Erde! –
Kasperl will sie rufen und hofft, dass sie ihn auch hört:
Mutter Erde, hörst du mich,
ich, der Kasperl brauche dich!“
Da, es tut sich was! Es wird geheimnisvoll düster und eine dumpfe Melodie erklingt. Mit hohler Stimme fragt die für alle unsichtbare Mutter Erde: „Was willst du denn von mir, Kasperle?“ Dieser bedankt sich erst einmal bei Mutter Erde, dass sie auf seine Bitte so schnell gekommen ist. Dann erzählt er ihr ganz hastig vom gefangenen Schneekönig und vom Zauberer Nieswurz, der ihn nicht mehr aus seinem Palast nach draußen lässt und es deswegen nicht schneien lassen kann. Wie ein Wasserfall plappert Kasperle alles heraus, so dass ihn die Mutter Erde erst einmal in seinem Redefluss bremsen muss. Sie ist allerdings ganz überrascht, woher Kasperle das alles weiß. Da mischt sich der Schneemann in das Gespräch ein und erzählt ihr, dass er Kasperle wegen diesem Umglück um Hilfe gebeten hat.
Selbstverständlich sagt Mutter Erde ihre Hilfe zu, denn sie will ja auch, dass ihre Erde im Winter eine dicke, weiße Schneedecke bekommt. Sie denkt kurz nach und findet es am sinnvollsten, als erstes den Zauberer vom Schneepalast zu entfernen.
Mit einem Spruch will sie ihn zu sich hier her holen:
„Frühling, Sommer, Herbst und Winter,
immer schön für alle Kinder!
Drum Nieswurz komm zu mir,
Mutter Erde befiehlt es dir!“
Ein heller Blitz, begleitet von einem schrillen Pfeifton dringt durch den düsteren Himmel. Völlig verwirrt und heftig niesend steht der Zauberer plötzlich in Kasperls Garten und schaut fragend um sich: „Nanu, wo – wo bin ich den jetzt?“ Lachend antwortet ihm Kasperle: „Hähähähä, Zauberer Nieswurz, auf jeden Fall nicht mehr vor dem Schneepalast!“
Und Mutter Erde ordnet ihm mit ernstem Ton an, dass er da auch nichts mehr zu suchen hat. Sie schlägt ihm vor, er solle sich doch in seinem Zauberschloss einschließen, wenn er den Winter und den Schnee nicht mag.
Was bleibt dem Zauberer da noch anderes übrig, denn vor der Macht der Mutter Erde hat er großen Respekt. Tief betroffen trottet er schimpfend und niesend davon und murmelt allen beleidigt zu: „Auf Nimmerwiedersehen!“
Kasperl ist erst einmal froh, dass der Zauberer ausgeschaltet ist und seine bösen Absichten nicht weiter verfolgen kann. Er kann nicht verstehen, wie man den Winter mit seinem Schnee nicht leiden kann, denn Seppl, Gretel und er freuen sich doch auch immer darauf.
Mutter Erde kündigt ihnen an, dass es bald wieder richtig schneien wird, denn nun können der Schneekönig und die Schneeprinzessin ungehindert ins Land ziehen und eine dicke Schneedecke über das Land legen.
Wenn es soweit ist, möchte der Schneemann auch einen Wunsch erfüllt bekommen:
„Und dann baut bitte ein Schneeweibchen für mich!“
Kasperl, Gretel und Seppl versprechen ihm das gerne, denn schließlich hat er ja mitgeholfen, dass heuer doch noch viel Schnee fällt. So trottet der Schneemann wieder zurück an seinen Platz im Garten und wartet sehnsüchtig auf sein Schneeweibchen, die Mutter Erde verabschiedet sich auch und begibt sich wieder zur Ruhe.
Kasperl ruft ihr schnell noch nach: „Vielen Dank, gute Mutter Erde!“ und dann geht er zusammen mit Gretel und Seppl wieder zurück ins warme Haus.
Ihr, liebe Kinder, seid bestimmt auch in Euerer warmen Wohnung und kuschelt Euch bald in Euer Bettchen, denn ihr wollt bestimmt morgen Früh auch als erstes aus dem Fenster sehen, um zu sehen, ob es über Nacht geschneit hat. Wir wünschen es Euch, denn Ihr freut Euch sicher auch über viel Schnee, damit ihr Schlitten- oder Skifahren, eine Schneeballschlacht machen und einen Schneemann bauen könnt.
Doch nun schlaft gut und träumt vom weißen Winter.
Eine gute Nacht wünschen Euch die Puppenbühne Herrnleben und Euer Bamberger Kasperl.
© Wolfgang Herrnleben (GAP, 2009)






