DER SONNTAGSKUCHEN

„Ach,“, seufzt Kasperls Großmutter, „was könnte ich denn dieses Mal für das Wochenende für einen Kuchen backen?“
Ihr müsst wissen, liebe Kinder, Großmutter und Gretel backen nämlich jedes Wochenende einen feinen Sonntagskuchen. Euere Mami bäckt bestimmt auch gerne Kuchen für euch, stimmt’s? Vielleicht helft ihr auch dabei immer mit. Das macht doch allen Kindern immer großen Spaß!
Aber es gibt immer ein Problem, welcher Kuchen gebacken werden soll. Seppl, Gretel und das Bamberger Kasperle haben jeweils einen anderen Lieblingskuchen. Kasperl zum Beispiel mag den fruchtigen Zitronenkuchen am liebsten, Gretel einen saftigen Obstkuchen und Seppl, das alte Schleckermaul, den süßen Schokoladenkuchen. So muss Großmutter jeden Freitag überlegen, welchen der drei Lieblingskuchen sie backen könnte. Aber heute, denkt sich Großmutter, werde ich einmal einen Kuchen backen, den ich gerne mag. Das ist auch nicht mehr als gerecht, meint ihr nicht auch? Großmutter isst besonders gerne einen Gugelhupf. – Kennt ihr alle Gugelhupfkuchen? – Das ist ein runder, gewellter Hefeteigkuchen mit vielen Weinbeerla und einem Loch in der Mitte. Er sieht genauso aus, wie die Kuchen, die ihr mit eueren Sandkastenförmchen baut, nur natürlich größer und viel – viel leckerer, weil er ja nicht nur aus Sand ist.
So macht sich Großmutter an die Arbeit. Zuerst muss sie natürlich die ganzen Zutaten abwiegen oder abmessen: das Mehl, die Butter, den Zucker, Eier sowie die Milch. Dann rührt sie die Hefe, etwas Milch und einen Teelöffel voll Zucker an. – Ja, schau mal, als wenn er es geahnt hätte! Schon geht die Küchentüre auf und Kasperl streckt seinen Kopf herein. Mit seiner großen Kasperlnase schnuppert er, ob er schon riechen kann, wessen Lieblingskuchen Großmutter heute bäckt. „Na komm halt herein, Kasperl!“, lacht Großmutter, als sie ihn zur Tür hereinspitzen sieht. Neugierig schaut Kasperl auf die Zutaten, die auf dem Tisch stehen, um vielleicht zu erraten, was es dieses Mal für ein Sonntagskuchen wird. Aber so lange er auch rätselt, er hat keine Ahnung und fragt deshalb seine Großmutter: „Sag mal, Großmutti, was wird denn das für ein komischer Kuchen? – Oder rührst du gerade Gips an, hähä?“ – „Nein, nein, Kasperle!“, erklärt Großmutter. „Das ist doch kein Gips! Das ist Hefe mit lauwarmer Milch und Zucker verrührt.“ – „Aha.“, staunt Kasperl. „Und was soll daraus für ein Kuchen werden?“ „Ein Gugelhupf, Kasperl!“, verrät ihm die Großmutter. „Hähähä.“ Kasperle muss lachen. „Ein Hupfgugel!“ Darüber muss Großmutter auch lachen und verbessert ihn dabei: „Ein  G u g e l h u p f, Kasperle, mit vielen Weinbeerla drin!“ „Und was geschieht jetzt mit deiner eingeweichten Hefe?“, will Kasperl wissen. – Geduldig erklärt ihm Großmutter, dass die Hefe gehen muss, damit der Kuchen auch schön locker wird. Schon wieder muss Kasperl lachen. „Hähähä, die Hefe muss gehen? – Wohin denn? – In den Backofen vielleicht?“ Großmutter erklärt Kasperle, dass sich die Hefe im Schüsselchen über die warme Milch und den Zucker freut und dadurch doppelt so gross wird. Und wenn sie dann mit dem Mehl, dem Zucker, der Butter und den Eiern verknetet wird, freut sie sich noch mehr und hebt die ganzen Zutaten in die Höhe. Dabei wird der Kuchen mindestens doppelt so groß und schön locker. – Aufmerksam hat Kasperl zugehört und staunend guckt er dabei auf das Schüsselchen mit der angerührten Hefe. Und tatsächlich! Zuerst waren es nur kleine und große Blasen, aber jetzt hebt sich wirklich die Hefemischung ganz langsam in die Höhe. „Da sieh, Großmutti!“, flüstert Kasperl, scheinbar um die Hefe nicht zu erschrecken. „Die Hefe geht in die Höhe!“ Dabei schaut er ganz gebannt in die Schüssel. „Siehst du, Kasperl,“, sagt Großmutter, „ich hab es dir doch gesagt! Jetzt ist es auch soweit und ich kann sie mit den restlichen Zutaten verkneten!“ Kasperl findet das schade, denn es war doch so interessant, der aufgehenden Hefe zuzugucken. Aber er will später auch dabei sein, wenn der ganze Teig aufgeht. Aber erst einmal verschwindet Kasperl aus der Küche, um auch Seppl von dem Hefekuchen zu erzählen. – In dieser Zeit verrührt nun Großmutter sorgfältig die Hefe mit dem Mehl, dem restlichen Zucker, der Butter und den Eiern. Für einen guten Geschmack des Teiges gibt sie auch noch ein paar Tropfen Zitronenöl dazu und knetet den Teig kräftig mit beiden Händen zu einer glatten Teigkugel. Jetzt wird es auch Zeit, die vorbereiteten Weinbeerla unter den Teig zu kneten. Wieder formt sie dann daraus eine Kugel und bedeckt sie mit einem frischen Geschirrtuch. „So,“, sagt Großmutter zum Teig, „nun musst du nur noch schön aufgehen und dann kann ich dich backen!“ Großmutter schaltet schon einmal den Backofen zum Vorheizen ein, fettet die Gugelhupfform aus, bestreut die Innenwände mit Semmelbrösel und stellt
sie einstweilen bereit. In der Zwischenzeit will Großmutter die Wäsche aufhängen, die sie am Vormittag gewaschen hat und verlässt die Küche.
Doch etwas wusste Kasperls Oma nicht. Sie hatte schon seit einiger Zeit neugierige Beobachter. Draußen nämlich, auf dem Fensterbrett des offenen Küchenfensters sitzen schon seit einiger Zeit zwei kleine Gestalten. Sie spitzten schon die ganze Zeit durch das Fenster und beobachteten Großmutter neugierig beim Kuchenbacken. Es sind die beiden Zwillingsbrüder, Wichtel Purzel und Wichtel Schnurzel. Beide sind noch sehr klein und sollen deshalb eigentlich immer in der Nähe der Wichtelwohnung bleiben. Aber heute haben sie spontan entschlossen, eine kleine Wanderung zu unternehmen. Dabei entdeckten sie das Haus von Kasperls Großmutter, stiegen auf das Fensterbrett und sahen von der Fensterbank aus ganz leise und unbemerkt der Großmutter beim Kuchenbacken zu. Das ist was Neues für die Beiden gewesen. Das hatten sie noch nie gesehen. Nachdem nun die Großmutter die Küche verlassen hatte, wurden die Zwillingswichtel wieder springlebendig. Sie kichern sich an und Purzel stottert vor Aufregung: „Du – du, Schnurzel, siehst du dort auf dem Tisch das große Sandförmchen?“ – Wenn wir das in unserem Sandkasten hätten, könnten wir ganz –ö ganz große Sandkuchen backen!“ Auch Schnurzel ist natürlich ganz begeistert über die große Kuchenform und gemeinsam beschließen sie, diese in ihren Sandkasten zu bringen. Wichtelvater Hutzel hatte nämlich für seine beiden Zwillingsbuben einen großen Sandkasten am Waldrand angelegt, gleich in der Nähe ihres Wichtelhauses.
Schnell klettern nun Purzel und Schnurzel durch das Fenster in die Küche, springen auf den Küchentisch und schon stehen beide neben der Kuchenform. „Oje, das gibt’s doch nicht!“, staunt Purzel, „Diese Kuchenform ist ja größer als wir!“ Auch Schnurzel kann kaum über den Rand der Form gucken. Und so stehen sie beide ratlos vor der für sie riesengroß wirkenden Kuchenform. „Was machen wir denn jetzt? Wie können wir sie zu unserem Sandkasten bringen?“, beendet Schnurzel das Schweigen. „Ich hab’s!“, schreit Purzel plötzlich auf und macht dabei mit seinen kleinen Wichtelbeinchen einen freudigen Luftsprung. „Wir schieben sie einfach immer vor uns her, bis zu unserem Sandkasten!“ „Au ja, das ist eine gute Idee.“, bestätigt Schnurzel. „Es dauert zwar länger, aber tragen können wir sie ja nicht.“ Und so stellen sich beide Wichtel hinter die Kuchenform und stemmen sie mit ihren kurzen
Ärmchen die Kuchenform langsam Richtung Tischkante. Sie sind so eifrig bei der Sache und prusten und keuchen vor Anstrengung, dass sie dabei nicht bemerken, dass sie die Form schon über den Tischrand schieben. Auweia! Das war wohl zu weit! Mit lautem Getöse fällt die Kuchenform auf den Fußboden. Und die beiden Wichtel wären vor lauter Eifer beinahe hinterher vom Tisch gefallen. Sie kamen gerade noch am Rand des Tisches zum Stehen. Erschrocken und verdutzt schauen sie der blechernen Kuchenform hinterher, die bis zur Küchenecke kullert und dort liegen bleibt. Ihr könnt Euch denken, liebe Kinder, Großmutter und Kasperl haben das laute Scheppern der Kuchenform logischerweise durch das ganze Haus gehört. Schon kommen sie auch schon in die Küche geeilt.
Purzel und Schnurzel bekommen einen Riesenschreck, als plötzlich die Küchentür aufgeht. Sicherheitshalber verstecken sie sich schnell hinter dem Gugelhupfteig auf dem Küchentisch, der immer größer und größer wird. „Da sieh mal, Großmutti! Es ist nur deine Kuchenform vom Tisch gefallen, hähä!“, sagt Kasperl lachend zu seiner Oma. „Aber, Kasperl, das gibt’s doch nicht! Sie kann doch nicht von ganz alleine herunterfallen. Wir hatten doch kein Erdbeben.“, erwidert die Großmutter, schüttelt verwundert den Kopf und hebt dabei die Kuchenform vom Fußboden auf. „Ich verstehe das nicht, Kasperl. Sie stand doch neben dem Kuchenteig mitten auf dem Tisch!“ Kasperl läuft inzwischen zum Küchentisch und blickt ungläubig auf die noch zugedeckte, aber schon mindestens doppelt so groß gewordene Hefekugel an. Lachend hebt er das Tuch vom Teig und weicht sogleich erschrocken zurück. „Nanu, Großmutti, sieh mal, wen wir da haben!“ Großmutter stellt die Kuchenform auf dem Tisch ab und sieht dann auch, wovor Kasperl so erschrocken ist. Es sind die zwei kleinen Wichtelmännchen, die sich ängstlich hinter die große Teigkugel geduckt haben. Mit großen Augen schauen sie nun – einer links – der andere rechts – an der Teigkugel vorbei zu Kasperl und Großmutter. „Hähä,“, lacht Kasperl nun schon wieder und viel lauter als vorher, „das sind doch die beiden kleinen Zwillingswichtel Purzel und Schnurzel! – Was macht ihr denn in unserer Küche?“ Schnurzel, der vor lauter Aufregung ganz rote Bäckchen bekommen hatte, findet als erster die Sprache wieder. „Wir – wir wollten doch nur einen großen Sandkuchen in unserem Sandkasten bauen!“ Auch Purzel mischt sich jetzt ein: „Und deshalb haben wir die schöne, große Kuchenform vor uns her geschoben und wollten sie so bis zu unserem Sandkasten bringen.“ Großmutter wird es nun klar. Die beiden kleinen Wichtelkinder wollten die Kuchenform nur zum Spielen in ihrem Sandkasten verwenden. Dabei ist ihnen halt dieses Missgeschick passiert. – Doch ehrlich, glaubt ihr, liebe Kinder, dass die Beiden das geschafft hätten? Sie hätten die Form ja sicher nicht einmal über das Fensterbrett bekommen. – Großmutter hat eine Idee und bittet Kasperle, die alte Kuchenform aus dem Küchenschrank zu holen. Sie sieht dieser sehr ähnlich und sie verwendet sie ja nicht mehr. Diese sollen die Wichtel zum Spielen bekommen. Kasperl holt geschwind diese andere Kuchenform und stellt sie neben die beiden Wichtel auf den Tisch. „Ui, die ist ja auch so groß!“, jubelt Purzel, der sich zusammen mit seinem Bruder Schnurzel über das Geschenk freut. Beide tanzen, hüpfen und springen vor lauter Begeisterung auf dem Tisch um die Kuchenform herum. Angesteckt von der Freude der beiden Wichtelkinder kann Kasperls Großmutter gar nicht wegen dem Streich der Beiden schimpfen. Sie ermahnt sie nur, in Zukunft erst einmal zu fragen, wenn sie etwas haben möchten. Mit treuherzigem Blick versprechen es Purzel und Schnurzel hoch und heilig. Da sie aber auch diese große Kuchenform niemals alleine bis zu ihrem Sandkasten bringen könnten, hat Kasperl einen lustigen Einfall. Er setzt die Beiden in die alte Kuchenform und trägt sie zu ihrem Sandkasten am Waldrand zurück. Großmutter knetet inzwischen den Gugelhupfteig nochmals kräftig durch und legt ihn vorsichtig und gleichmäßig in die Kuchenform. Der Backofen ist nun auch vorgeheizt und Großmutti schiebt den Kuchen zum Backen hinein. Als Kasperl vom Wald zurück kommt, strömt schon ein süßer Kuchenduft durch das ganze Haus.
Ihr, liebe Kinder bekommt von euerer Mama oder Oma vielleicht auch einen wunderschönen, leckeren Sonntagskuchen gebacken. Sicher helft ihr auch dabei, beim Rühren, beim Kneten und vor allem …. beim Probieren ….. Mmmh …….
Aber heute nicht mehr, denn jetzt müsst ihr erst einmal schlafen.
Die Puppenbühne Herrnleben und das Bamberger Kasperle  wünschen Euch eine gute Nacht!

© by Elisabeth Herrnleben (2008)