Der sprechende Tisch

Liebe Kinder, es ist zwar traurig, aber wahr: Der Fasching dieses Jahr dauert nicht mehr lange. Und damit man merkt, dass Fasching ist, sieht man überall in den Schaufenstern und Läden Faschingsdekoration. Es sind bunte Girlanden, Luftschlangen, Lampions, lustige Faschingsfiguren und Luftballons zu sehen, die momentan jeden Ort lustig und farbenfroh erscheinen lassen. Wer aber nicht nur woanders sehen will, dass Fasching ist, kann auch zuhause Wohnzimmer, Flur, Küche und sein Zimmer faschingsmäßig dekorieren.
Gretel findet, dass es auch höchste Zeit wird, dass der Fasching ins Haus von der Großmutter Einzug hält, bevor er vorbei ist. Doch alleine will sie sich auch nicht um den Faschingsschmuck kümmern. Deshalb ruft sie Kasperle herbei und fragt ihn, ob er denn heuer keinen Faschingsschmuck in seinem Zimmer aufhängen will. Kasperl möchte das schon, doch haben sie nichts Passendes mehr vom letzten Jahr übrig. Doch für Gretel ist das kein Problem! Sie schlägt Kasperle vor, einfach selbst etwas zu basteln. Das Wort „basteln“ hat irgendwie sogar der Seppl gehört und kommt auch gleich dazu. – Seppl bastelt nämlich gerne, obwohl er dabei immer alle Papierschnipsel auf den Boden fallen lässt, sich selbst mit Farbe vollkleckert und hinterher überall Klebstoff auf seinen Kleidern hat. – Aber beim Basteln will er unbedingt auch mitmachen, obwohl er gar nicht weiß, was eigentlich gebastelt werden soll. – Aber so ist der Seppl nun mal: Keine Ahnung, worum es überhaupt geht, aber mitmachen will er immer überall! – Kasperl verrät es ihm: „Na Seppl, es ist doch Fasching und da wollen wir für unsere Zimmer und das ganze Haus Faschingsgiraffen – äh – Faschingsgirlanden basteln, hähä! – Diese werden wir dann überall aufhängen!“ Logisch – da ist Seppl dabei und ist gleich Feuer und Flamme! – Gretel war inzwischen schon auf dem Dachboden und hat noch jede Menge buntes Krepppapier und Luftschlangen gefunden. Dann erklärt ihnen die Gretel, dass die Krepppapierrollen in gleichmäßige Streifen geschnitten und dann aneinander geklebt werden müssen. Diese langen Papierschlangen müssen dann aufgerollt und dabei gedreht werden. So werden daraus lustig-bunte Girlanden. Seppl schnappt sich gleich einen Stapel Krepppapier, geht dann gleich damit in sein Zimmer, um mit der Faschingsbastelei zu beginnen. Auch Kasperl nimmt sich vom Krepppapier und verschwindet damit in sein Zimmer. In ihr Zimmer lässt die Gretel keinen von den Beiden, denn sie will ihr Zimmer ganz alleine schmücken und hofft, dass bei ihr am Ende die schönste Girlanden im Zimmer hängen.
Seppl hat seine Zimmertür hinter sich zugemacht und beginnt mit vollem Elan mit der Herstellung der Girlanden, so wie es die Gretel beschrieben hat. Er will nämlich der Erste sein, dessen Zimmer bunt dekoriert ist. Er schnippelt das Papier in Streifen, rollt es auf und dreht es dabei. So entsteht eine Rolle nach der anderen. –
Als er genug Girlanden vorbereitet hat, will er diese natürlich sofort in seinem Zimmer aufhängen, um sie der Gretel und dem Kasperl zu präsentieren. In seinem Schreibtisch kramt er nach Reißnägeln, mit denen er die bunten Bänder kreuz und quer unter der Zimmerdecke durch den Raum spannen will. – Aber, wie kommt er da hinauf? – Die Stehleiter will er nicht erst aus dem Keller holen. Das dauert ihm zu lange! – Da kommt ihm eine einfache Idee! – Er rückt seinen Tisch in die eine Zimmerecke, steigt auf den Stuhl und gerade, als er von dort einen Fuß auf die Tischfläche setzen will, hört er plötzlich eine Stimme: „Halt, du sollst doch nicht auf mich steigen!“ – Erschrocken stellt Seppl den Fuß wieder auf den Stuhlsitz zurück, schaut sich um und wundert sich, wer hier zu ihm gesprochen hat. „Huch, auf wen soll ich nicht steigen?“, fragt er nach. Da meldet sich der Tisch in seinem Zimmer und erinnert ihn daran, dass er doch nicht auf ihn steigen darf! Seppl interessiert das aber nicht und er verbietet dem Tisch, ihn nicht noch einmal so zu erschrecken. Dieser aber weist ihn darauf hin, dass ihm die Großmutter doch streng verboten hat, auf seiner Tischfläche herum zu laufen. Seppl weiß das natürlich auch ganz genau. Aber, was soll’s, die Großmutti sieht es ja nicht, weil sie nicht zuhause ist. Doch der Tisch motzt Seppl weiter an und fordert ihn auf, doch lieber die Leiter zu holen. Aber Seppl lässt sich nicht aufhalten und sagt dem Tisch einmal seine Meinung: „Freilich, so dumm müsste ich sein! Ich latsch doch nicht erst in den Keller und hol die Leiter! Wozu bist du denn da? Ich steig jetzt auf dich drauf und du kannst nichts anderes machen, als still zu halten. Hoho, du alter Tisch kannst dich ja nicht bewegen!“ Unbeirrt steigt Seppl auf den Tisch hinauf und will die erste Girlande aufhängen.
Da ertönt plötzlich eine seltsame Melodie und es wird in seinem Zimmer ganz dunkel. Dann hört er eine Stimme, die ihm erklärt, dass der Tisch gar nicht zu ihm gesprochen hat, weil ein Tisch selbstverständlich nicht reden kann. Es war das gute Hausgeistchen, das schon die ganze Zeit auf ihn einredet. Es bittet ihn ein letztes Mal, zu folgen, sonst wird den Tisch solange rütteln und schütteln, bis er wieder herunter steigt. Seppl glaubt das nicht und weigert sich auch weiterhin, die Tischplatte zu verlassen. Da bleibt dem Hausgeistchen nichts anderes übrig, als seine Drohung wahr zu machen. So beginnt es erst langsam damit am Tisch zu rütteln und den Seppl zum Absteigen zu bewegen. Seppl aber, lässt sich so leicht nicht herunter schütteln. So schüttelt und rüttelt das Hausgeistchen immer heftiger und schneller am Tisch. Anstatt nachzugeben und herunter zu steigen, kniet sich Seppl auf die Tischplatte und klammert sich am Rand fest. Etwas Angst bekommt er bei dem Gewackel allerdings schon und ruft dem Hausgeistchen zu: „Halt, hör auf! Ich fall doch sonst herunter! He, hör auf mit dem Tisch zu wackeln! Hilfe!“ Seine Hilferufe alarmieren Kasperl und Gretel, die sofort herbei eilen, um nachzusehen, was passiert ist. Da es im Zimmer noch stockdunkel ist, sehen sie Seppl nicht und hören nur seine Hilferufe. Gretel knipst das Licht an und da sehen sie Seppl, wie er sich krampfhaft und ängstlich am wackelnden Tisch festhält. Als Kasperl den Seppl sieht, muss er erst einmal lachen: „Hähähä, Seppl, dein Tisch schwankt ja, wie ein Schiff bei Windstärke 12, hähä. – Pass auf, dass du nicht seekrank wirst, hähä!“ Zornig sagt Seppl zum Kasperl, er soll mit dem blöden Gelächter aufhören. Schließlich kann er ja nichts dazu, sondern nur das Hausgeistchen, dass hier wie narrisch am Tisch herum wackelt. Gretel erinnert ihn daran, dass ihm die Großmutter doch verboten hat, auf dem Tisch herum zu klettern! – Da meldet sich das Hausgeistchen wieder und erklärt der Gretel, dass es den Seppl auch davor gewarnt hat. Aber er wollte ja nicht hören und die Stehleiter holen. Zur Entschuldigung kann Seppl nur vorbringen, dass das zu lange gedauert hätte. Er wollte doch schließlich als Erster mit seiner Faschingsdekoration fertig sein. Da muss Kasperl schon wieder lachen: „Hähähä, Seppl, das schaffst du sowieso nicht mehr, hähä. Du hast verloren! – Gretel und ich sind nämlich schon fertig und haben schon alle selbst gebastelten Girlanden aufgehängt, hähä.“ Seppl erwidert nur mürrisch, dass er locker schon längst fertig wäre, wenn das Hausgeistchen nicht dauernd am Tisch wackeln würde. Das Hausgeistchen will ja sofort mit dem Wackeln aufhören, wenn Seppl endlich vom Tisch hinab steigt und ihm verspricht, nie mehr auf der Tischplatte herum zu turnen, sondern lieber eine sichere Leiter zu verwenden. Kleinlaut verspricht es ihm der Seppl und als der Tisch wieder ruhig steht, steigt Seppl hinab. Kasperl hat inzwischen schon die Leiter gebracht, die er schon längst aus dem Keller geholt hat. Gretel und er haben nämlich auch die Leiter verwendet, um die Girlanden in ihrem Zimmer aufzuhängen. Das Hausgeistchen hofft, dass Seppl sich wirklich immer an sein Versprechen hält, denn schnell kann es passieren und man fällt von einem Tisch herunter und bricht sich vielleicht sogar einen Arm oder ein Bein.
Ihr, liebe Kinder, macht hoffentlich auch niemals gefährliche Kletterpartien auf Tischen oder Möbeln, damit ihr Euch nichts weh tut oder Euch etwas brecht.
Wir wünschen Euch nämlich allen, dass Ihr im Fasching tüchtig mitfeiern, einen Kinderfaschingsball besuchen oder bei einem Faschingsumzug mitmarschieren könnt.
Also immer schön vorsichtig und nicht so leichtsinnig sein, wie der Seppl, damit ihr weder im Fasching noch danach ins Krankenhaus müsst.

Viel Spaß im Fasching und für heute eine gute Nacht wünschen Euch die Puppenbühne Herrnleben und Euer Bamberger Kasperl!

Wolfgang Herrnleben (GaPa, 2010)