Überall – auch im Märchenland – wird es bedauert: Die Faschingszeit geht ihrem Ende entgegen. Die letzten Wochen hatten alle Kinder, aber auch viele Erwachsene, ihre Freude daran, sich zu verkleiden, mit anderen Fasching zu feiern oder bei einem Faschingszug mitzumachen. Nun sind es aber nur noch ein paar Tage und die närrische Zeit – wie manche den Fasching bezeichnen – ist wieder vorbei. Dann müssen alle Faschingsnarren wieder vom Aschermittwoch bis zum 11.11. warten, bis es erneut mit dem Trubel losgeht.
Das Bamberger Kasperle mag den Fasching natürlich auch sehr gerne, auch wenn er den Fasching eigentlich gar nicht braucht, um sich verkleiden zu dürfen. Wer das Bamberger Kasperle kennt, weiß, dass er sein buntes Kostüm mit den vielen Zipfeln das ganze Jahr trägt. Logisch, sonst würde ihn ja niemand erkennen! —
Heute will Kasperle mit dem Faschingsprinz Fredy und der Faschingsprinzessin Ella zum großen Abschlussfaschingsball im Märchenland gehen. Kasperle freut sich schon riesig darauf. Und weil er es nicht abwarten konnte, ist er schon ganz bald ins Schloss des Faschingsprinzen gegangen, um Prinz Fredy, den Ersten und Prinzessin Ella abzuholen. Doch der Faschingsprinz ist noch lange nicht soweit. So ein Faschingsprinz läuft ja auch nicht den ganzen Tag maskiert herum. Er muss noch sein teueres, buntes Gewand anziehen, seine Schnallenschuhe, die Prinzenkappe und seine weißen Handschuhe. Kasperl vertreibt sich die Zeit solange in der Eingangshalle des Schlosses, tanzt herum, wirbelt mit seiner Zipfelmütze, schlägt Purzelbäume und trällert ein lustiges Faschingsliedchen:
„Fallerie und hoppsassa,
die Faschingszeit ist wieder da.
Fallerie und hollarei,
doch schnell ist sie vorbei.“
Als der Faschingsprinz Kasperl singen hört, kommt er aus seinem Gemach und bittet Kasperl, doch damit aufzuhören. Kasperl wundert sich, denn gerade einem Faschingsprinzen müsste es doch gefallen, wenn man froh gelaunt und guter Dinge ist. Aber dem Faschingsprinzen ist heute nicht nach Frohsinn und Faschingsstimmung zumute. Kasperl versteht das nicht, denn er findet, gerade als Faschingsprinz müsste er doch mit gutem Beispiel voran gehen und immer lustig sein. Doch die gute Stimmung des Faschingsprinzen ist seit ein paar Tagen sehr getrübt, denn ausgerechnet kurz vor Ende des diesjährigen Faschings ist seine liebe Faschingsprinzessin Ella spurlos verschwunden. Und ohne sie macht ihm das Fasching feiern keinen Spaß. Kasperl hofft nicht, dass Ella vor dem vielen Faschingstrubel davon gelaufen ist. Nein – das glaubt Prinz Fredy ganz und gar nicht, denn die Prinzessin hat doch den Fasching genauso gern wie er. Beide überlegen, wo Ella sein könnte und wo sie suchen sollen. Da fällt dem Prinzen ein, dass er draußen im Schlosspark riesengroße Fußabdrücke gesehen hat. – Aber, ob die mit dem Verschwinden der Prinzessin zusammen hängen? – Kasperl findet das sehr verdächtig und schlägt deshalb vor, den Spuren einfach einmal zu folgen.
Beide machen sich sofort auf den Weg zum Schloss hinaus und suchen nach den großen Fußabdrücken. Der Prinz überlegt, an welcher Stelle in dem großen Schlosspark er die großen Fußspuren gesehen hat. Tief gebückt und mit der Nase fast am Boden suchen sie zu Zweit jeden Quadratmeter auf der Erde ab. Auf einmal schreit Kasperl auf: „Da, mein Prinz, schau! Da, da hab ich Spuren von Riesenschuhen entdeckt!“ Der Prinz eilt herbei und erkennt die Spuren, die ihm verdächtig vorgekommen sind. Kasperl schlägt vor, dass sie den Spuren einfach einmal folgen sollten. „Oje“, entgegnet Prinz Fredy, „meinst du, es kann nicht gefährlich werden!“ Doch Kasperl meint nur lachend, er soll kein Hasenfuß sein. Schließlich ist er ja auch dabei. Und außerdem geht es ja um seine Faschingsprinzessin, da muss er seine Angst überwinden. Vielleicht ist sie in Not und braucht ihre Hilfe. Daraufhin nimmt der Faschingsprinz all seinen Mut zusammen und so laufen sie den Spuren hinterher, die sich zum Glück tief in den Boden gedrückt haben. So können sie ihnen ohne Schwierigkeiten folgen. Sie führen sie zum Schlosspark hinaus, über die leicht verschneiten Wiesen, sandige Wege, bis in den Wald. Dort geht es immer weiter und tiefer in den Wald hinein. Kasperl und der Prinz müssen auf dem Weg durch den ganzen Wald laufen, denn die großen Fußspuren sind bisher vom Weg nicht abgezweigt. Kasperl findet, Hauptsache, die Abdrücke sind noch zu erkennen und sie haben sie nicht verloren. Aber, wie weit müssen sie noch gehen? – Das kann doch nicht sein! Wo führen sie die Spuren hin? In der Ferne sehen sie schon, dass es heller wird. Es geht wieder aus dem Wald hinaus. Der Weg steigt an und sie müssen den Berg hinauf steigen. Dumm ist nur, dass es immer höher ins Felsengebiet geht und der Weg immer steiniger wird. Auf dem Geröll ist es unmöglich, noch irgendetwas zu erkennen, was ihnen den weiteren Weg weisen würde. Aber, wo sollen sie sonst hinmarschieren? Also steigen sie immer weiter den Berg hinauf und der wird steiler und steiler. Auf einmal endet der Weg und sie stehen vor einer steilen Felswand. Wohin jetzt? Wo geht’s weiter? Da entdeckt Kasperl links davon einen Durchgang. Kasperl spitzt vorsichtig um den Felsvorsprung herum und flüstert: „Da sieh mal, Prinz Fredy, dahinter ist eine riesige Höhle!“ Zögerlich wagt auch der Prinz einen Blick: „Oh, Kasperle, da drin sieht es ja unheimlich aus!“ Kasperl fürchtet sich natürlich nicht und ruft hinein: „Hallo, ist hier jemand?“ Hallend breitet sich Kasperls Ruf in der Höhle aus und mit einem fünffachen Echo schallt er wieder zurück. „Ich glaub, ich hab etwas gehört!“, bemerkt der Prinz ganz aufgeregt. Ganz still und konzentriert lauschen Beide in die Höhle. „Da – da war es wieder!“ – „Ja, hier!“, ist von einer zarten Stimme, tief aus der hallenden Höhle zu hören. Kasperl vermutet zuversichtlich, dass sie ihr Ziel erreicht haben. „Bist du es, Prinzessin Ella?“, fragt er laut rufend. Die Antwort kam prompt. Es ist Prinzessin Ella. Kasperl und Prinz Fredy geben sich zu erkennen, damit die Prinzessin weiß, dass Hilfe naht. Ohne lang zu überlegen, dringen Kasperl und Prinz Fredy immer tiefer in die Höhle ein und rufen immer wieder nach der Prinzessin, um die Orientierung nicht zu verlieren. Ihre Stimme kommt immer näher. Sie müssen bald bei ihr sein. Es kommt ihnen mit einem Mal so vor, als stünde die Prinzessin direkt neben ihnen. Doch sie sehen sie nicht. Das ist auch nicht möglich, denn die Prinzessin ist dummerweise in einer Höhlenkammer eingeschlossen, die von einem großen Felsbrocken verschlossen ist. Sie fleht Kasperl und den Prinzen an, zu versuchen, den Stein weg zu rollen. Gemeinsam und mit aller Kraft stemmen sich die Beiden gegen den Stein und es gelingt ihnen nach einiger Mühe tatsächlich, den Felsbrocken wenigstens etwas zur Seite zu bewegen. Zum Glück ist die Prinzessin ein schlankes Mädchen und kann durch den schmalen Spalt in die Freiheit schlüpfen. Freudestrahlend und erleichtert fällt sie erst dem Kasperl und dann ihrem Faschingsprinzen um den Hals: „Endlich! Ich danke euch! Ich bin wieder frei! Ihr seid meine mutigen Retter! Ihr seid Helden!“
Während sie alle Drei im Freudentaumel sind, packt jemand plötzlich Kasperl und den Prinzen von hinten am Genick und hebt sie in die Höhe. Beide zappeln mit den Beinen frei schwebend in der Luft herum und blicken hinter sich, wer sie da nach oben befördert hat. Da zucken sie ganz schön zusammen, als sie erkennen, welcher Kran sie da nach oben befördert hat. Es ist ein unheimlich großer Riese mit Riesenhänden und noch riesigeren Füßen. Mit tiefer, brummiger Stimme sagt er so laut, dass der ganze Berg erbebt: „Ihr seid nun alle meine Gefangenen und müsst mit mir Fasching feiern!“ Kasperl hat seinen ersten Schreck schon wieder überwunden und schüttelt mit dem Kopf: „Das kommt gar nicht in die Konfettitüte, hähä. Mit dir Brummelsuppe kann man doch keinen Fasching feiern!“ Doch der Riese will ihn vom Gegenteil überzeugen und behauptet, mit ihm kann man sogar sehr gut Fasching feiern. Er hat den Fasching sogar sehr gerne, aber mit ihm feiert ja keiner, weil er der einzige Riese im Gebirge ist und alle Angst vor ihm haben. Prinzessin Ella kann sich darüber nur wundern und will von ihm wissen, warum er sie dann entführt und solche Angst gemacht hat. Da lässt der Riese Kasperl und den Prinzen wieder langsam zur Erde hinunter, und setzt sich selbst auf einen Felsbrocken, damit er nicht mehr so groß erscheint. Dann wird seine Stimme plötzlich ganz sanft und ruhig. In einem traurigen Tonfall erzählt er ihnen, dass er halt auch gerne einmal eine Faschingsprinzessin haben wollte. Aber im ganzen Märchenland gibt es keine Prinzessin, die so groß ist wie er. Und um seine Sehnsucht zu erfüllen, musste er sich halt eine Menschenprinzessin zu sich holen. Er versichert, dass er Prinzessin Ella nach dem Fasching ganz bestimmt wieder zurück gebracht hätte. Kasperl tut der traurige Riese ganz leid. Da macht er ihm einen Vorschlag. Wenn er die Prinzessin, den Prinzen und ihn heute wieder frei lässt, dann darf er mitkommen und mit ihnen im Schlosspark und auf den Straßen bis zum Faschingsdienstag Fasching feiern. Nur ins Schloss und in den Ballsaal kann er halt leider nicht mit hinein, weil er dazu als Riese dummerweise viel zu groß ist. Doch alles andere reicht ihm schon. Hauptsache er kann beim Fasching dabei sein und mit feiern. Und das darf er sogar als Ehrengast, verspricht ihm Prinzessin Ella. Vor lauter Freude nimmt der Riese die Drei vorsichtig in seine großen Hände, erhebt sich wieder in seiner ganzen Größe und trägt sie mit Riesenschritten schnell wieder zurück zum Schloss. Dort fangen sie das Fasching feiern an und werden sicher bis Aschermittwoch keine Minute Trübsal blasen.
Ihr, liebe Kinder feiert die letzten Tage bei Faschingsbällen und Faschingsumzügen noch feste mit. Denkt daran …….. am Aschermittwoch ist alles vorbei. Drum schlüpft alle schnell in euer Bett, damit ihr ab morgen Früh ausgeschlafen und fit zum Faschingsendspurt starten könnt.
Die Puppenbühne Herrnleben und Euer Bamberger Kasperl wünschen Euch noch ein paar tolle, närrische Tage und für heute eine Gute Nacht! – Helau!- Helau!-Helau!
© Wolfgang Herrnleben (GAP, 2009)






