Der traurige Frosch

Heute ist im ganzen Märchenland schönes Herbstwetter mit milden Temperaturen, was direkt dazu verleidet hinaus in die Natur zu gehen, die würzige Luft einzuatmen und zu beobachten, wie sich die Blätter an den Bäumen langsam verfärben. Auch das Bamberger Kasperle macht einen Spaziergang über die Wiesen, auf denen schon einige Herbstblumen ihre Kelche öffnen. Da fällt ihm ein, dass er ja eigentlich ein paar von diesen schönen Blümchen pflücken und sie Prinzessin Goldhaar schenken könnte. Er hat sowieso schon den halben Weg zum Königsschloss hinter sich. Also bückt sich Kasperl und pflückt die schönsten Blümchen und bindet sie mit einem langen Grashalm zu einem bunten Strauß zusammen. Dabei trällert er ein lustiges Liedchen vor sich hin:
„Ich gehe heut, wie wunderbar
zur Prinzessin mit dem goldnen Haar,
pflück ihr noch schöne Blümelein
und bind daraus ein Sträußelein!“
Im Nu ist er fertig und beeilt sich nun, möglichst schnell zur Prinzessin zu kommen, bevor die Blumen in seiner Hand verwelken.
Als er so weiter über die Wiese läuft, hört er plötzlich ein „Quak! Quak!“ Kasperl hat das Gefühl, es kommt ganz aus seiner Nähe und sieht sich um. Tatsächlich nur einen Meter neben sich entdeckt er einen grasgrünen Frosch. „Quak!“ meldet sich der kleine grüne Hüpfer wieder, um noch einmal auf sich aufmerksam zu machen. Kasperl beugt sich hinunter und schaut sich den kleinen Frosch an. Dabei fällt ihm auf, dass das Fröschlein so traurig dreinschaut. „Was ist denn, kleiner Frosch?“, fragt er ihn. „Gefällt es dir hier nicht auf der Wiese?“ Da beginnt der Frosch sogar zu sprechen: „Quak, quak! Bitte nimm mich mit!“ Kasperl ist ganz paff: „Ja so was, du kannst ja reden!“ Der kleine Wiesenbewohner erklärt ihm, dass er sich darüber nicht wundern muss. Er ist nämlich kein echter Frosch, sondern ein verwunschener Prinz. Kasperl will wissen, wer ihn denn in einen Frosch verwandelt hat. Der verwunschene Prinz teilt ihm mit, dass ihn der Wiesen-Hannes verzaubert hat, als er gerade auf dem Weg zum Schloss der Prinzessin Goldhaar war. Er wollte an diesem Tag nämlich bei der schönen Prinzessin um deren Hand anhalten. Doch der Wiesen-Hannes hatte die selbe Absicht. Und da sich der Prinz nicht aufhalten ließ, weil er sich sicher war, die Prinzessin würde lieber ihn zum Gemahl nehmen als den garstigen Wiesen-Hannes, hat dieser ihn einfach in einen Frosch verwandelt. Kasperl beruhigt den traurigen Frosch erst einmal und findet, dass er großes Glück hat, denn er ist gerade selbst auf dem Weg zum Königsschloss. Der Frosch will diesen Zufall nutzen und bittet Kasperl ihn doch mitzunehmen, damit er wenigstens in der Nähe von Prinzessin Goldhaar im Schlossbrunnen wohnen kann. Diesen Wunsch kann Kasperl den Frosch natürlich nicht abschlagen und fordert ihn auf, einfach auf seine offene Hand zu springen. So marschiert Kasperl weiter Richtung Königsschloss, in der einen Hand den Blumenstrauß für die Prinzessin und in der anderen den kleinen süßen Frosch. Beim Schloss angekommen, steht Kasperl nun vor dem großen Tor und kann nicht anklopfen, weil er keine Hand frei hat. So pumpert er mit seinem rechten Fuß solange gegen das dicke Holz, bis die Prinzessin öffnet. „Grüß dich, Prinzessin Goldhaar!“, begrüßt er sie freudig. „Sieh mal, was ich dir mitgebracht habe!“ Die Prinzessin weicht erst einmal erschrocken zurück: „Iiiih, ein Frosch!“ Kasperl muss erst einmal lachen und meint sie braucht doch vor einem kleinen Fröschlein keine Angst zu haben. Dann erzählt er ihr, dass er den Frosch getroffen hat, und weil er so traurig drein geschaut hat, musste er ihn einfach mitnehmen. Nun traut sich Goldhaar wieder näher heran und erkennt auch, wie traurig der Frosch sie anschaut. Auf einmal hüpft der Frosch ganz aufgeregt und hüpft auf Kasperls Hand herum. „Quak, quak, quak!“ Goldhaar wundert sich, was er jetzt bloß hat? – Da entdeckt Kasperl den Storch Udo, der vom Schlossturm aus den Frosch gesichtet hat und schon angeflogen kommt. Schnell steckt Kasperl den Frosch in seine Hosentasche und hält den Storch zurück: „Halt nicht, Storch Udo! Den Frosch bekommst du nicht! Der steht unter meinem persönlichen Naturschutz. Udo landet erst einmal auf dem Treppengeländer, klappert mit seinem Schnabel und will wissen, warum er diesen Quakfrosch nicht verspeisen darf. Kasperl kann aber auch ihm das Geheimnis nicht verraten. Verspricht dem Storch aber, dass er es bestimmt bald erfahren wird, wenn er ihm einen Gefallen tut. Udo willigt ein, worauf ihn Kasperl bittet, den Wiesen-Hannes zu suchen, ihn zu schnappen und hierher zu fliegen. Sofort schwingt der Storch seine schwarz-weißen Flügel und fliegt davon.
Es dauert nicht lange, da kommt der Storch schon mit dem Wiesen-Hannes zurück, der zappelnd in seinem Schnabel hängt. „He, was soll das, du blöder Flattermann?“, schreit der Wiesen-Hannes.  „Setz mich sofort wieder auf der Erde ab! Sonst verzauber ich euch alle in Frösche!“ Kasperl ruft ihm zu, dass ihn der Storch erst dann wieder frei lässt, wenn er ihm verrät, wie man den Frosch wieder in Prinz Edelherz zurück verwandeln kann. Als die Prinzessin das hört, strahlen plötzlich ihre Augen und sie schlägt vor, den Frosch doch einfach zu küssen. Dann wird aus ihm bestimmt wieder der richtige Prinz. Doch Kasperl weiß, so funktioniert es nicht. Das ging nur beim Froschkönig im Märchen. Der Wiesen-Hannes zappelt und schreit weiter im Storchenschnabel, aber er will Kasperl keinesfalls verraten, wie man den Prinzen wieder erlösen kann. „Gut“, meint Kasperl, „wenn du nicht nachgibst, dann fliegt Udo mit dir so hoch in den Himmel hinauf, wie er nur kann!“ Das gefällt dem Wiesen-Hannes überhaupt nicht, denn ihm ist es jetzt schon schwindelig und hat Angst, herunter zu fallen. Ihm bleibt also nichts anderes übrig, als Kasperl mitzuteilen, wie er den Prinzen erlösen kann. Erst muss er folgenden Zauberspruch sagen:
„Brunnenwasser, mach ganz schnell,
den Frosch zum Prinzen auf der Stell!“
Damit der Spruch auch wirkt, muss er danach einen Eimer voll Brunnenwasser über den Frosch gießen.
Sofort holt Kasperl einen Eimer Wasser aus dem Ziehbrunnen im Schlosspark, setzt den Frosch auf die oberste Treppenstiege neben die Prinzessin und wiederholt den Zauberspruch:
„Brunnenwasser, mach ganz schnell,
den Frosch zum Prinzen auf der Stell!“
Dann nimmt Kasperl den Eimer und schüttet das ganze Wasser über den Frosch.
In diesem Moment, wird es plötzlich dunkel, es blitzt und eine wundersame Melodie ist zu hören. Als dieser Spektakel vorbei und es wieder hell ist, steht Prinz Edelherz auf der Treppe neben der schönen Prinzessin Goldhaar. Gleich nimmt er ihre Hand, bedankt sich erst bei Kasperle, seinem Retter und gesteht der Prinzessin: „Liebe Prinzessin Goldhaar, nun bin ich endlich wieder erlöst und möchte dich so gerne zur Frau haben!“ Völlig gerührt und überglücklich nimmt die Prinzessin diesen Heiratsantrag an und lädt Kasperl schon jetzt als Ehrengast zur Hochzeitsfeier ein.
Da meldet sich der böse Wiesen-Hannes wieder aus dem Schnabel des Storches: „Nichts gibt’s! Ich will die Prinzessin heiraten und ich will der neue König werden!“ Kasperl muss ihn leider enttäuschen, die Prinzessin hat sich entschieden und damit der Wiesen-Hannes dem jungen Glück nicht mehr in die Quere kommen kann, bittet er Udo, den frechen Wicht weit –weit weg zu fliegen. Storch Udo lässt sich das nicht zweimal sagen und fliegt den Wiesen-Hannes im Nu davon, hoch über die Berge hinweg, über die der Bösewicht nie mehr zurück ins Märchenland laufen kann.
Goldhaar nimmt Prinz Edelherz gleich mit ins Schloss, um die Hochzeitsfeier vorzubereiten.

Ja, das wird bestimmt eine große Märchenhochzeit mit weißer Kutsche, vielen Gästen und leckerem Essen! – Schade, Kinder, dass ich Euch nicht alle dazu einladen kann.
Aber ihr könnt ja heute Nacht alle von einer Märchenhochzeit träumen und euch schon darauf freuen, wenn ihr irgendwann einmal euere eigene Hochzeit feiert.
Also, eine schöne Hochzeit – äh – einen schönen Traum und eine gute Nacht wünschen Euch die Puppenbühne Herrnleben und Euer Bamberger Kasperl!

Wolfgang Herrnleben (GaPa, 2009)