Der unsichere Christbaum

Ja, liebe Kinder, so wie zu Euch, ist auch gestern zu Gretel, Seppl und Kasperl das Christkind gekommen. Alle drei haben alles bekommen, was sie sich zu Weihnachten gewünscht haben. – Und das haben sie sich auch verdient, weil sie das ganze Jahr über ganz brav waren und der Großmutti bei allen Dingen immer geholfen haben. Dafür wurden sie vom Christkind reich belohnt und es lagen viele tolle Geschenke unter ihrem Christbaum. – Habt ihr, liebe Kinder unter dem Christbaum auch alle Geschenke auspacken können, die ihr auf Euere Wunschzettel geschrieben habt? –
Kasperl ist heute – so wie jedes Jahr – bei Prinzessin Ulrike ins Königsschloss eingeladen, die ihm stolz zeigen will, was bei ihr für Überraschungen unter dem Christbaum lagen. Vorher gibt es natürlich erst einmal – auch wie immer – einen heißen Tee mit Zitrone, Christstollen, Lebkuchen und Plätzchen, was der Schlosskoch extra zum Weihnachtsfest zubereitet hat. Da Prinzessin Ulrike weiß, dass Kasperle an Weihnachten gerne auch mal Süßigkeiten nascht, hat sie an ihren Christbaum extra viele Zuckerstückchen an den Christbaum gehängt und ist sich sicher, Kasperle wird darüber begeistert sein! –
Doch darf Kasperle nicht gleich mit in den blauen Salon kommen. Denn damit der Baum in seiner vollen Pracht erstrahlt, will sie erst die neue elektrische Beleuchtung anzünden. Solange Kasperle vor der großen Tür warten muss, geht Prinzessin Ulrike vor und steckt erst einmal den Stecker in die Steckdose. – Als der Baum nun mit seinen vielen elektrischen Kerzen den ganzen Salon hell beleuchtet und Prinzessin Ulrike ihn noch einmal begutachtet, kann sie ihren Augen kaum glauben. Wo sind denn die Zuckerstückchen? Es hängt ja nur noch die Hälfte davon am Baum? – Wer hat denn den Baum schon wieder geplündert? – Prinzessin Ulrike vermutet, dass sich Kasperl wohl heimlich in den blauen Salon geschlichen und vom Baum genascht hat. Enttäuscht darüber, dass sich Kasperl nicht beherrschen kann, ruft sie ihn in den Salon: „Kasperle! – Kasperle!“
Stürmisch betritt Kasperl den Salon und freut sich schon auf die Leckereien. Doch Prinzessin Ulrike empfängt ihn mit vorwurfsvollen Worten: „Sag mal, Kasperl, hast du heimlich die ganzen Zuckerstückchen vom Christbaum genascht? – Seit dem Heiligen Abend habe ich schon acht Mal neue Süßigkeiten an den Baum gehängt, weil sie immer wieder weggegessen sind!“ Kasperl beteuert, dass er bestimmt noch nichts vom Baum genascht hat. Und bisher kann er es ja wohl erst recht nicht gewesen sein, weil er ja seit dem Heiligen Abend noch gar nicht im Schloss war. Außerdem weiß Kasperl, dass zuviel Naschen ungesund und schlecht für die Zähne ist. Prinzessin Stephanie muss ihm Recht geben und glaubt ihm. Bisher kann es Kasperl tatsächlich nicht gewesen sein! – Aber, wer war es dann? – Ulrike kann sich nur vorstellen, dass ihr Vater, der König, ständig die Zuckerstückchen vom Baum herunter pflückt. Sie kennt ja ihren Papa recht gut und weiß, dass er Süßigkeiten nicht widerstehen kann. Sie will ihn deshalb unbedingt zur Rede stellen, denn Herr König soll eigentlich nicht soviel naschen, weil er sonst noch kugelrunder wird, als er schon ist. Deshalb macht sie sich gleich auf den Weg durch das Schloss, um ihn zu suchen. Kasperle nimmt sie sicherheitshalber mit, damit er in der Zwischenzeit nicht auch noch die restlichen Zuckerstückchen vom Baum nascht.
Kaum hat sie Prinzessin die Tür zum Salon hinter sich geschlossen, da kriecht hinter dem blauen Samtvorhang ein altes, hutzeliges Weibchen hervor. Da die alte Frau schon keine Zähne mehr hat, ist sie schwer zu verstehen. „Hihihihi“, lacht sie und freut sich, dass die Luft endlich wieder rein ist, denn sie will den Weihnachtsbaum gar leer naschen. Es ist niemand anderes, als die Zahnlückenhexe. Sie heißt aber nur noch so, denn wegen ihrer dauernden Nascherei hat sie keine Zahnlücken mehr. Mittlerweilen sind alle ihre Zähne ausgefallen. Deshalb kann sie nichts mehr beißen, sondern nur noch lutschen. Und Zuckerstückchen von einem Christbaum sind deshalb die ideale Nahrung für die Hexe. Sie weiß, dass sie nur hier im Königsschloss die besten Zuckerstückchen bekommen kann. Obwohl sie schon ganz alt ist, schafft sie es, den Baum hoch zu klettern. Schmatzend isst sie alles, was sie am Baum noch findet: Schokokringel, Geleeringe, Fondantringel. – Zu dumm, die jetzt hängen nur noch welche ganz oben am Baum. Aber, um sie zu erreichen, strengt sich die Zahnlückenhexe mächtig an, um an die obersten Zuckerstückchen zu gelangen. Als sie mühsam bis nach oben hoch geklettert ist, fängt der Christbaum plötzlich das Schwanken an. Rauschend und klirrend kippt der Christbaum um und fällt auf den Boden.
Die Zahnlückenhexe fällt logischerweise mit ihm um und liegt – wie begraben – unter dem Baum mit seinen vielen Ästen und Nadeln. „Oh, so ein Mist“, schimpft sie, „geh doch weg und erdrück mich nicht!“ Sie zappelt und wühlt in den Ästen herum, die über ihr liegen, doch sie kann sie nicht aus dem Nadelgefängnis befreien.
Prinzessin Ulrike hat ein seltsames Poltern aus dem blauen Salon gehört und bittet Kasperle, sofort mit ihr zu kommen, um dort nach dem Rechten zu sehen. Irgendwas muss ja dort wohl passiert sein. Als sie den blauen Salon betreten, ist Prinzessin Ulrike ganz entsetzt! – Der Christbaum ist ja umgefallen! – Kasperl fragt sie, ob sie denn den Baum nicht festgebunden haben? Ulrike meint, dass dies doch nicht nötig war, weil er doch ganz fest in dem schweren, gusseisernen Christbaumständer steckte. Da hören Beide plötzlich jemanden jammern: „Au, ihr blöden Tannennadeln! – Warum müsst ihr nur so pieksen?“ – Als Kasperl das hört, muss er erst einmal lachen: „Hähähä, Prinzessin Ulrike, mir scheint, Euer Christbaum kann sprechen!“ Ulrike hält das nicht für möglich und betrachtet den flach liegenden Baum. „Kasperl, guck doch, da liegt jemand unter dem Baum!“ Kasperl hebt den Baum etwas hoch und erkennt die Zahnlückenhexe. Nun ist ihm auch klar, wer dauernd die Zuckerstückchen vom Baum nascht. Die Zahnlückenhexe zappelt unter dem Baum herum und bittet, sie doch endlich von dem schweren Baum zu befreien, der auf ihr liegt. Kasperl und Prinzessin Ulrike stellen den Baum erst einmal wieder auf. Die Hexe steht mühsam wieder auf und schimpft, weil sie der blöde Baum beinahe erdrückt hätte. Kasperl meint zu ihr: „Ja, hähä, Zahnlückenhexe, das kommt nur davon, weil du so gierig auf Süßigkeiten bist. Du hattest Glück, dass keine echten Kerzen auf dem Baum brannten, sondern nur eine elektrische Beleuchtung. Gar nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn der Baum auch noch Feuer gefangen hätte und du unter dem brennenden Baum gelegen wärst!“ Die Prinzessin schickt die Hexe zum Schloss hinaus und hofft, dass sie sich hier nie mehr sehen lässt. Schnell huscht die Hexe auf ihrem Besen davon! – Kasperl ist sich sicher, dass die Zahnlückenhexe bestimmt nie mehr auf einen Christbaum klettert, um Zuckerstückchen zu stehlen.
Prinzessin Ulrike holt nun ihren Karton, in dem sie noch genügend Zucker- und Schokoladenkringel als Ersatz hat, mit dem sie den Baum immer wieder auffüllen kann. Aber bevor sie diese an den Baum hängt, bindet Kasperl den Christbaum sicherheitshalber mit einer Perlonschnur an ein paar Nägeln in der Wand fest, damit er nicht vielleicht doch wieder umfällt.
Liebe Kinder, Euer Christbaum ist hoffentlich auch fest gebunden? – Und es brennt sicher auch eine elektrische Beleuchtung am Baum, nicht dass ein Unglück passiert und echtes Kerzenfeuer den Baum entzündet. Denn wir wollen ja auch, dass Ihr fröhliche Weihnachten feiern könnt.
Sicher hängen bei Euch auch viele Zuckerstückchen am Baum, so wie sich das gehört. Aber denkt daran, wenn Ihr welche genascht habt, danach immer schön die Zähne putzen, nicht, dass es Euch genauso ergeht, wie der Zahnlückenhexe.
Ein frohes Weihnachtsfest und schöne Feiertage sowie eine gute Nacht wünschen Euch die Puppenbühne Herrnleben und Euer Bamberger Kasperl!

Wolfgang Herrnleben (GaPa, 2009)