Die letzten Tage war es zwar überall im Land bitter kalt und richtig frostig. Nur so richtig geschneit hat es eigentlich nicht.
Kasperl und Seppl haben sich heute trotzdem nach den Hausaufgaben warm angezogen und sind mit Anorak, Winterstiefeln, Schal, Pudelmütze und Handschuhen losgezogen, um einen Winterspaziergang an der frischen Luft zu machen. Unterwegs kommen sie auch am Weiher vorbei, der direkt neben dem Waldrand liegt.
Seppl rennt gleich darauf zu und testet mit seiner Fußspitze die Wasseroberfläche. „Guck mal, Kasperl“, ruft er, „der Weiher ist ja total zugefroren. Darauf könnten wir doch heute wenigstens etwas Schlittschuhlaufen, wenn das bisschen Schnee schon zum Rodeln nicht reicht!“ Aber Kasperl findet das keine gute Idee. Denn in den Weiher fließt ein Bach. Und Weiher, die einen Wasserzulauf haben, frieren schlecht zu. Deshalb kann es gefährlich werden, wenn man darauf Schlittschuh läuft. Seppl will das aber nicht glauben. Außerdem sind ja sonst keine Kinder auf dem Eis und das ist doch besonders gut. Da hätte er nämlich alleine ganz viel Platz zum Schlittschuhlaufen. Kasperl meint, er soll doch mal überlegen, warum hier keine Kinder auf dem Eis sind. Alle anderen Kinder wissen nämlich, dass Schlittschuhlaufen auf einer dünnen Eisdecke leichtsinnig wäre. Kasperl erklärt Seppl, dass die Eisschicht mindestens 15 bis 20 Zentimeter betragen muss, damit man darauf nicht einbricht. Seppl findet, dass Kasperl genauso ein alter Angsthase ist, wie die anderen Kinder auch. Er würde sich schon auf das Eis trauen, denn so schwer ist er ja auch nicht. Da muss die Eisdecke gar nicht so dick sein. Kasperl sagt lachend zum Seppl: „Hähähä, was du meinst, du bist nicht zu schwer. Na bei der Menge, die du jeden Tag futterst, müsste die Eisdecke wohl dreimal so dick sein! Hähä!“ Aber aus dem Schlittschuhlaufen wird sowieso nichts, denn sie haben ja auch gar keine Schlittschuhe dabei. Deshalb machen sie sich jetzt erst einmal wieder auf nach Hause, denn so langsam bekommen sie trotz Stiefel und Handschuhe kalte Füße und Hände.
Großmutter hat sich schon gewundert, wo sie bei der eisigen Luft solange bleiben. Kasperl berichtet ihr, dass er dem Seppl erst auf die Gefahren von Schlittschuhlaufen auf Weihern mit einer dünnen Eisdecke hinweisen musste. Mürrisch ergänzt Seppl nur: „Jaja, wie ein Schulmeister!“ Da Beide recht durchgefroren sind, kocht ihnen Großmutter erst einmal einen heißen Kräutertee zum Aufwärmen. Doch dann fällt der Großmutter ein, dass sie ja für den Sonntag noch einen Kuchen backen muss. Leider sind ihr das Mehl, der Zucker und die Eier ausgegangen, die sie dazu benötigt. Seppl springt gleich auf und will noch mal hinaus in die Kälte und zum Kaufmann Willi laufen. Großmutter wundert sich, dass Seppl einmal freiwillig zum Einkaufen gehen will. „Na, hähä, bevor Seppl am Sonntag keinen Kuchen bekommt, opfert er sich gerne, hähä!“, meint Kasperl lachend dazu. Ruck-zuck hat sich Seppl wieder warm angezogen, schnappt sich den Einkaufskorb mit dem Geldbeutel und rennt davon.
Doch Seppl’s Eifer hatte einen anderen Grund. Kaum ist er zur Haustüre draußen, läuft er die Treppe hinunter, die vom Garten in den Keller führt. Vor der Kellertüre liegen nämlich die ganzen Schlittschuhe. Er sucht sich sein Paar heraus, packt sie in den Korb und rennt erst einmal schnurstracks zum Weiher. „Hohoho, ich werde dem Kasperl schon beweisen, wie gut man darauf Schlittschuhlaufen kann!“, freut er sich schon unterwegs auf seinen gelungenen Schachzug. Kaum ist er beim Weiher angekommen, schlupft er in seine Schlittschuhe und steigt auf den zugefrorenen Weiher. „Na, was sag ich denn!“, meint er voller Überzeugung, „Das Eis ist doch fest genug und man kann herrlich darauf Schlittschuhlaufen!“ Mit einem breiten Grinsen im Gesicht zieht Seppl Kreise und Achter auf dem Eis.
Da Seppl so schnell verschwunden war, hat Großmutter ganz vergessen, dass sie zum Kuchenbacken unbedingt auch noch eine frische Hefe benötigt. Sie schickt Kasperl dem Seppl hinterher, um es ihm noch auszurichten. Kasperl macht sich sofort auf den Weg, doch Seppl ist schon nicht mehr zu sehen. „Das kann doch nicht sein.“, wundert sich Kasperl. „So schnell läuft Seppl doch sonst nicht!“ Kasperl ist mittlerweilen schon beim Kaufmann Willi angekommen, doch Seppl war bisher noch nicht bei ihm im Laden. Da kommt Kasperl eine Idee, wo Seppl sein könnte. Sofort kehrt er um und eilt zum Weiher. – Und – tatsächlich, Seppl fährt auf dem Eis mit seinen Schlittschuhen! – Kasperl ruft ihm zu: „He, Seppl, komm sofort vom Eis herunter! Habe ich dir nicht gesagt, dass es zu gefährlich ist!“ Doch Seppl kurvt unbekümmert weiter auf dem zugefrorenen Weiher herum. „Was willst du denn?“, ruft er zurück. „Das Eis ist doch fest genug!“ Dabei merkt Seppl gar nicht, wie die dünne Eisschicht unter ihm schon zu Knacken beginnt. Kasperl bemerkt, dass das Eis schon einen Sprung bekommen hat und warnt ihn nochmals: „Schnell, Seppl, komm vorsichtig ans Ufer, das Eis knackt schon!“ Seppl lacht ihn nur aus: „Hohoho, das bisschen Knacken ist doch normal. Deswegen kracht es noch lange nicht ein!“ Kaum hat Seppl das gesagt, springt das Eis unter Seppls Füßen in lauter einzelne Platten auseinander und Seppl kracht ein! „Hilfe! Hilfe!“, ruft er. „Kasperl, hilf mir! Meine Beine hängen bis zum Bauchnabel im kalten Wasser! Hilf mir und zieh mich heraus!“ Aber wie soll Kasperl auf der zerbrochenen Eisdecke bis zum Seppl kommen, ohne selbst einzubrechen und im kalten Wasser zu landen.
Da fängt es plötzlich ganz laut zu Blubbern an und ein grünes Wesen taucht zwischen den Eisplatten hindurch. Es ist die gute Weihernixe! – Sie bittet Kasperle am Ufer zu bleiben, denn sie wird dem Seppl helfen und ihn aus seiner unglücklichen Lage befreien. Die Eisdecke hat so viele Sprünge bekommen, dass es auch für Kasperle gefährlich werden kann, wenn er darauf steigt. Seppl schreit zappelnd: „Hilfe! Holt mich doch heraus! Ich gehe sonst unter!“ Die Weihernixe will ihm ausnahmsweise helfen, aber nur, wenn er ihr verspricht, nie mehr so leichtsinnig auf dünnem Eis mit seinen Schlittschuhen zu laufen. Seppl verspricht es der Weihernixe hoch und heilig. Diese hofft, er hält sich an sein Versprechen und will ihn mit einem Spruch erlösen:
„Weiher, gib den Seppl frei,
schick ihn zum Ufer, eins-zwei-drei!“
Unter Donnergrollen bäumen sich die Eisschollen und das Wasser auf und schleudern den Seppl ans Ufer, direkt vor Kasperls Füße. Seppl schüttelt erst einmal etwas Wasser von sich ab und ruft der Weihernixe zu: „Ich danke dir, gute Weihernixe!“
Die Weihernixe erinnert ihn noch einmal an sein Versprechen. Denn diesmal war es nur Zufall, dass sie von ihrem Wasserschloss aus, die zappelnden Beine im Wasser gesehen hat. Dann taucht sie mit mächtigem Geblubber wieder hinab in die Tiefe.
Ihr, liebe Kinder, seid hoffentlich nicht so leichtsinnig wie der Seppl und begebt euch auf dünnes Eis, denn nicht immer ist eine Weihernixe zur Stelle. Vor allen Dingen solltet ihr niemals alleine zum Schlittschuhlaufen gehen! Es ist immer besser, wenn jemand in der Nähe ist, der selber helfen oder Hilfe holen kann, wenn die Eisdecke doch nicht stabil genug ist.
Und denkt daran, auf keinen Fall mehr aufs Eis zu gehen, wenn die Temperaturen wieder wärmer werden.
Aber jetzt wird es Zeit, dass Ihr – wie der Seppl – in Euer Bettchen schlüpft. Das kracht bestimmt nicht zusammen, wenn es unter der Bettdecke warm wird, hähä.
Eine gute Nacht wünscht Euch die Puppenbühne Herrnleben und Euer Bamberger Kasperl
Wolfgang Herrnleben (GaPa, 2009)






