Die Drachenhexe

Heute ist mal wieder so ein richtiger Herbsttag. Die letzten Tage hat es von Früh bis Abend nur geregnet und es war empfindlich kalt. Aber heute strahlt die Sonne, weiße Wolken fliegen am blauen Himmel und es weht ein kräftiger Herbstwind. Das ist genau das richtige Wetter, bei dem Seppl seinen selbstgebauten Drachen ausprobieren kann. Voller Stolz holt er ihn aus seinem Zimmer und zeigt ihn seinem Freund, dem Bamberger Kasperl. „Hier, sieh mal, Kasperl, heuer hab ich mir einen besonders grässlichen Drachen gebaut, hoho!“ Lachend muss Kasperl zugeben, dass Seppl’s Drachen wirklich etwas Besonderes ist. „Hähä, Seppl, das stimmt! Ganz in Schwarz, mit einem hässlichen Hexengesicht und langen, schwarzen Flatterbändern, hähä. Sieht aus, wie – wie ….. na ein fliegender Oberhexendrachen, hähä.“ Seppl bestätigt ihn: „Ja, genauso wollte ich ihn auch haben, Kasperl. Da werden die richtigen Hexen im Märchenwald bestimmt große Augen machen!“
Und schon läuft Seppl damit eilig zur Haustüre hinaus. „Ich gehe zur großen Wiese am Waldrand, Kasperl!“, ruft er ins Haus zurück. Mit der aufgerollten Drachenschnur und den Flatterbändern in der einen Hand und den Hexendrachen in der anderen, erreicht er bald die Waldwiese und freut sich schon darauf, wie schön hoch hinaus sein Kunstwerk wohl fliegen wird. Behutsam balanciert er den Drachen in der linken Hand, nimmt die Spule mit der Drachenschnur in die rechte Hand und rennt los. –
Und tatsächlich, der kräftige Herbstwind erfasst den Hexendrachen und hebt ihn, leicht wie eine Feder in die Luft. Staunend verfolgt Seppl, wie sich sein Drachen immer weiter und höher in die Luft schraubt. Immer höher und höher dreht er sich hinauf und Seppl muss immer mehr Drachenschnur abwickeln. – „Da wird Kasperl aber Augen machen“, denkt er sich. „So hoch hinaus ist bis jetzt kein Drachen von mir geflogen.“ Voller Bewunderung blickt er zu seinem sich hin- und herschwirrenden Hexendrachen nach oben. – Wie ihr euch natürlich denken könnt, liebe Kinder, ist Seppl’s Hexendrachen auch von den anderen Märchenlandbewohnern gesehen worden.

Auch die Hexe Schrumpelnase, die gerade auf dem Weg zum Tannenwäldchen ist, um Tannenzapfen für den Winter zu sammeln, blickt erschrocken nach oben. Wütend schimpft sie vor sich hin: „Das darf doch nicht wahr sein! Wie hat sie das nur geschafft? – Diese Oberhexe fliegt doch tatsächlich ohne Besen in der Luft herum! – Wir einfachen Hexen brauchen dazu immer unseren Besen! – Wie macht sie das nur? Das muss ich mir genauer ansehen!“ Die Hexe Schrumpelnase will auf ihrem Besen auch nach oben fliegen und die Oberhexe begrüßen. Dabei will sie doch gleich einmal nachsehen, wie es die Oberhexe wohl geschafft hat, ohne Besen einfach so in der Luft herum zu fliegen.  Schnell klemmt sich Schrumpelnase ihren Hexenbesen zwischen die Beine, murmelt ihren Flugbefehl und schon reitet sie auf ihren Besen ab nach oben. Zielgerichtet lenkt sie ihren Besen Richtung Hexendrachen. „He, Oberhexe, wo hast du deinen Hexenbesen?“, ruft sie schon von weitem. „Hallo, Oberhexe, bleib doch mal stehen! – He, gibt wenigstens Antwort!“ Doch der Drachen fliegt immer weiter und Schrumpelnase steuert immer wieder dem Flugdrachen hinterher.
Auch Seppl hat jetzt gemerkt, dass da am Himmel plötzlich noch so ein fliegendes Objekt aufgetaucht ist. Zuerst denkt er, es sei noch ein anderer, fliegender Winddrache. Aber dann sieht er es! – Es ist eine echte Hexe, die rittlings auf ihrem Hexenbesen seinem Drachen hinterher jagt.
„Oje oje“, denkt Seppl erschrocken, „was mach ich jetzt bloß? Am besten ist, ich hole meinen Drachen wieder zu mir herunter.“ Schnell wickelt er die Schnur, an der der Drachen hängt auf die Spule und so kommt er langsam wieder nach unten. – Aber Hexe Schrumpelnase passt das gar nicht. Immer wieder umkreist sie auf ihrem Besen den Drachen. Dabei wird sie immer wütender, weil ihr der Drachen natürlich keine Antwort gibt. „Jetzt reicht es mir aber, Oberhexe!“, schreit sie, „Gib endlich Antwort oder hast du nicht nur deinen Besen, sondern auch deinen Mund daheim gelassen?“ Sie greift im Fliegen nach dem Drachen, der sich langsam nach unten bewegt. „Hihihi“, lacht sie, „nein, nein, Oberhexe, ausreißen gibt es nicht! Komm einmal mit in mein Hexenhaus, dort kannst du mir in Ruhe erzählen, wie du ohne Besen fliegen kannst!“ Und schon versucht sie mit Seppl’s Drachen weg zu fliegen. – Aber —- Seppl hält ihn ja an der Schnur, der es nicht glauben kann, was sich da in der Luft abspielt. Jetzt will die Hexe auch noch seinen Drachen mitnehmen. „Nein“, denkt er, „das laß ich nicht zu!“, und zieht an der Schnur. „Hoffentlich reißt sie nicht, sonst sehe ich meinen Drachen nie wieder. Was soll ich bloß tun?“ Er überlegt, dass es wohl am besten ist, er lässt die Drachenschnur locker, um zu sehen, was die Hexe mit seinem Drachen vorhat. Vielleicht verliert sie bald die Lust und lässt ihn wieder fliegen. – Wie ihr euch denken könnt, freut sich Hexe Schrumpelnase natürlich, dass sie auf einmal ohne Mühe ruckzuck mit dieser „Oberhexe“ zu ihrem Hexenhaus fliegen kann. Was sie nicht weiß, ist, dass auch die Drachenschnur wie eine Spur zu ihrem Hexenhaus führt.

Endlich ist auch Kasperl zur Waldwiese gelaufen, um Seppl’s Drachen beim Fliegen zu bewundern. Aber er findet nur einen traurigen Seppl, der seiner Drachenschnur hinterher schaut und eine fast leere Spule in der Hand hält. Kasperl weiß natürlich einen Rat: „Aber, Seppl, lass uns doch einfach deiner Drachenschnur hinterher laufen, dann müssen wir deinen Hexendrachen wieder finden.“ Schnell laufen beide an der Drachenschnur entlang in den Wald hinein. Sie führt Kasperl und Seppl direkt zum Haus von Hexe Schrumpelnase. „Ja, da schau hin, Seppl, da ist ja dein Drachen wieder!“, tröstet Kasperl. Seppl wundert sich: „Du hast recht, Kasperl! Aber warum redet denn die Hexe auf ihn ein?“ „Hähä“, meint Kasperl, „Seppl, da fragen wir die Hexe halt einmal!“ Das tut Kasperl auch sofort: „Hallo, Hexe Schrumpelnase, gell Seppl’s Drachen gibt dir keine Antwort, hähä?“ – Erschrocken dreht sich die Hexe um und erblickt Kasperl und Seppl. „Ach“, antwortet die Hexe Schrumpelnase noch immer ein wenig grantig, „ich will doch nur wissen, warum diese Oberhexe ohne Besen fliegen kann. Aber sie gibt mir keine Antwort!“ Als Seppl und Kasperl das hören, können sie sich das Lachen nicht verkneifen. „Aber, Hexe Schrumpelnase“, erklärt Kasperl lachend, „setz einmal deine Brille auf, dann siehst du, dass as keine Oberhexe, sondern ein selbst gebastelter Drachen vom Seppl ist, hähä!“ Die Hexe staunt da nicht schlecht, als sie ihre alte Nickelbrille aufsetzt und den Drachen genau betrachtet: „Du hast recht, Kasperl, da hab ich mich aber schwer getäuscht!“ Seppl ist natürlich immer noch sauer, weil sie seinen Drachen mitgenommen hat und motzt sie an: „Das kommt davon, Hexe Schrumpelnase, weil du deine Brille lieber in der Rocktasche, statt auf der Nase herum trägst!“ Kleinlaut bestätigt Hexe Schrumpelnase Seppl’s Vorwurf und verspricht, ihre Brille ab heute lieber auf der Nase zu lassen, damit sie sich nicht noch einmal so blamiert.
Frohgelaunt darf Kasperl Seppl’s Hexendrachen zurück tragen, während Seppl auf dem Rückweg seine Drachenschnur wieder auf die Spule rollt.
Wenn ihr, liebe Kinder, auch eine Brille habt, damit ihr besser sehen könnt, dann lasst sie auch lieber auf der Nase, denn da gehört sie ja auch hin.
Doch vor dem Schlafengehen nehmt  ihr sie natürlich ab und legt sie schön neben euch auf euer Nachtkästchen oder in euer Regal, damit ihr sie morgen Früh wieder findet.

Nun schlaft gut und träumt was Schönes. Träumen könnt ihr als einziges ohne Brille.
Eine gute Nacht wünschen euch, euer Bamberger Kasperl und die Puppenbühne Herrnleben.

© Elisabeth Herrnleben (2008)