Die dünne Eisdecke

Nebel und trübes Wetter beherrscht das ganze Märchenland. Die Schneedecke hat zwar in den  letzten Tagen abgenommen, aber noch ist es am Morgen und am Abend eisig kalt und ein leichter Wind bläst über Wiesen und Felder. Der kleine Weiher in der Nähe des Zwergenpilzhauses von Zwergenvater Bommelhut und seinem Söhnchen Pimperle ist noch total vereist. Bevor es wärmer wird und die Eisdecke am Ende schmilzt, hat Pimperle noch einmal seine Schlittschuhe angezogen und dreht ein paar Kreise auf dem zugefrorenen Weiher. Natürlich darf er das nicht alleine, denn das Eis könnte ja trotzdem an manchen Stellen schon zu dünn sein und einbrechen. Papa Bommelhut steht deshalb am Ufer und passt gut auf seinen Sohn auf, damit er ihm im Notfall sofort zu Hilfe kommen kann. Wie eine wilde Hummel flitzt Pimperle über das Eis: „Hui, hui, Papa Bommelhut! Schlittschuhlaufen macht mir soviel Spaß! – Hast du gesehen, ich bin heute noch gar nicht hingefallen!“ Bommelhut meint aber, solangsam reicht es für heute. Vom Herumstehen und Aufpassen hat er schon ganz kalte Füße bekommen und möchte endlich wieder nach Hause. Aber Pimperle möchte noch ein paar Runden mit seinen neuen Schlittschuhen laufen. Ihn friert er nämlich nicht. Kein Wunder, bei dem Tempo, mit dem er über die Eisfläche huscht. Papa Bommelhut hält es aber vor Kälte nicht aus und so beschließt er doch lieber heim zu gehen, um den Ofen einstweilen anzuheizen. Bis das Zwergenpilzhaus aufgewärmt ist, darf Pimperle noch etwas fahren. Bommelhut hat ihn ja lange genug beobachtet und ist sich sicher, das Pimperle nicht einbrechen kann, denn bisher hat die Eisdecke ja auch gehalten. Und so schwer ist der kleine Zwerg Pimperle ja nicht. Er muss ihm nur versprechen, schön vorsichtig zu sein. Pimperle verspricht ihm das und will in wenigen Minuten sowieso vom Eis. Und schon rutscht er auf seinen kleinen Schlittschuhkufen wieder davon, quer über den Weiher bis zum anderen Ende. Schlittschuhlaufen macht Pimperle immer eine Riesenfreude. Für ihn könnte der Weiher das ganze Jahr zugefroren sein.
Obwohl sich Papa Bommelhut schon weit entfernt hat, ist Pimperle nicht alleine am Weiher. Denn plötzlich ruft eine Stimme: „Hallo Pimperle!“ Pimperle hält sofort an und schaut um sich, von wo die ihm bekannte Stimme kam. Da entdeckt er das Bamberger Kasperle und seinen Freund Seppl. „Hallo Kasperl und Seppl“, ruft er zurück, „seht mal, wie gut ich mich schon auf dem Eis drehen kann!“ Pimperle versucht etwas unbeholfen eine Pirouette zu drehen. Kasperl bittet ihn, es nicht zu übertreiben, damit es ihm nicht schwindelig wird. Seppl würde Pimperle auch gerne beweisen, dass er das auch kann, aber er hat leider keine Schlittschuhe dabei. Und die vom Pimperle sind ihm nun wirklich zu klein. Pimperle meint, sie könnten doch auch so mit aufs Eis kommen. Kasperle testet kurz mit seiner Zehenspitze vorsichtig, ob sie das Eis tragen würde. Doch er findet, sie lassen es lieber, denn für ihr Gewicht ist das Eis schon zu dünn. Seppl ist erst einmal wieder uneinsichtig und findet, wenn Pimperle darauf Eislaufen kann, hält sie das Eis bestimmt auch aus. „Nein, nein, Seppl!“, warnt Kasperl lachend, „Wir können uns doch mit dem Fliegengewicht vom Pimperle nicht vergleichen, hähä!“ Trotzdem probiert Seppl einmal kurz auf das Eis zu treten. Aber Kasperle hält ihn zurück und erklärt ihm, dass die Eisdecke für einen Menschen mindestens 4 Zentimeter stark sein muss und für mehrere Leute sogar 8 bis 12 Zentimeter. Kasperl misst mit einem kleinen Stöckchen die Eisdecke am Rand und stellt fest, dass sie höchstens nur noch 3 Zentimeter dick ist. Schlau, wie der Seppl sein will, meint er: „Dann hüpf ich halt nur mit einem Fuß auf dem Eis herum. Dann bin ich nur halb so schwer und kann nicht einkrachen!“ Kasperl packt Seppl im letzten Moment am Ärmel und zieht ihn zurück. „Hör auf mit dem Blödsinn, Seppl!“, ruft er dabei, „Auf einem Bein bist du doch auch nicht leichter! Da bist du genauso schwer! Dein ganzes Gewicht verlagert sich dabei komplett nur auf eine Fußfläche!“ Seppl gibt lieber auf, weil er befürchtet, Kasperle erzählt es sonst der Großmutter. Pimperle findet das schade, denn zu Dritt würde ihm das Eislaufen noch mehr Spaß bereiten. Kasperl lacht und ruft Pimperle zu: „Ja, freilich, hähä. Du hättest nur Spaß daran, weil ich wahrscheinlich dauernd auf meinen Hosenboden fallen würde, hähä!“ – Also gut, nachdem Kasperle und Seppl nicht aufs Eis können, steigt Pimperle auch herunter und will nun auch seinem Papa Bommelhut nachhause folgen. Kasperle hilft ihm beim Ausziehen seiner Schlittschuhe und gibt ihm seine Zwergenstiefelchen. Pimperle schlupft hinein und Kasperle beschließt, den Zwerg heim zu begleiten, da es doch schon etwas dämmrig geworden ist. Seinen Freund Seppl bittet er, einstweilen zur Großmutti zu gehen, und ihr Bescheid  zu geben, dass er den Zwergen noch kurz einen Besuch abstattet. Pimperle freut sich, dass Kasperle mit ihm geht und macht sich trällernd mit ihm auf den Weg ins warme Zwergenpilzhaus.
Seppl bleibt am Weiher stehen, bis sie weit genug weg sind und motzt dabei, weil Kasperl immer alles besser wissen will. Er hält es für einen Schmarrn, was Kasperl erzählt hat. Er glaubt, dass Kasperl nur Angst vorm Eislaufen hatte, weil er immer hinfällt. Seppl ist sich sicher, das Eis ist dick genug! Jetzt, wo er alleine ist, will er doch einmal versuchen, auf die Eisfläche zu steigen. Was soll es denn? Wenn es zu knacken anfängt, kann er immer noch schnell wieder ans Ufer zurück laufen. – Vorsichtig setzt er den rechten Fuß auf das Eis. – Und? — Es passiert nichts! – Also lässt er auch seinen linken Fuß folgen. Na also! Es hält doch! So geht Seppl Schritt für Schritt immer weiter Richtung Weihermitte. Bis jetzt trägt ihn das Eis. Prima! – Keine Gefahr! – Herrlich! – Zu dumm, dass er seine Schlittschuhe nicht dabei hat, sonst könnte er auch damit auf dem Eis herumkreiseln oder Achter laufen. Mittlerweilen ist Seppl schon mitten auf dem Weiher angekommen. – Da! – Plötzlich fängt das Eis doch das Knacken an. Als Seppl, das bemerkt, will er schnell ans Ufer flüchten. Doch er ist schon zu weit weg. – Zu spät! – Die Eisdecke gibt nach! – Sie bricht! – Und – - knacks! – Platsch! Schon ist Seppl eingebrochen. Zum Glück ist der Weiher nicht tief und Seppl steht nur bis zu den Waden im kalten Wasser. Er steigt schnell heraus und eilt ans trockene Ufer. Aber seine Stiefel sind dabei patschnass geworden und seine Füße eiskalt. Frierend setzt er sich auf einen Baumstumpf und leert das Wasser aus seinen Stiefeln. –
Na, das passt ja wieder mal! – Genau in dem Moment kommt der Kasperl auf seinem Rückweg wieder am Weiher vorbei und sieht den Seppl. Kasperl erkennt sofort, was geschehen ist. Hat er Seppl nicht davor gewarnt, auf das dünne Eis zu steigen? – Seppl gibt es frierend und kleinlaut zu, dass Kasperl ja Recht hatte. „Jaja“, kann Kasperl dazu nur sagen, als Seppl mit seinen nasskalten Füßen wie ein Häufchen Elend vor ihm sitzt, „aus Schaden wird man klug!“ – Seppl sieht es ein, in Zukunft vernünftiger zu sein und auf Kasperls Rat zu hören. –

Ihr, liebe Kinder, seid bestimmt nicht so leichtsinnig wie der Seppl und geht nur aufs Eis, wenn Euch die Erwachsenen bestätigen, dass das Eis auch stark genug ist, um euch zu tragen. Denn nicht immer endet es nur mit nassen Füßen, wie beim Seppl. Zum Glück ist nichts Schlimmeres passiert! – Kasperl geht mit Seppl nun schnell nachhause, damit ihm Großmutti ein heißes Fußbad macht und einen Tee kocht, nicht, dass er auch noch einen Schnupfen bekommt.

Ihr, liebe Kinder, habt hoffentlich keine kalten und nassen Füße und begebt euch nie auf eine dünne Eisdecke.
Bestimmt habt Ihr dafür Euere Füße schon unter Euere warme Bettdecke gesteckt?!
Na, dann schlaft gut und träumt was Schönes!
Eine Gute Nacht wünschen Euch die Puppenbühne Herrnleben und Euer Bamberger Kasperl!

Wolfgang Herrnleben (GAP, 2009)