Die Erdbeeren im Garten

Nach fast einer Woche, in der es nur geregnet hat, ist es seit gestern endlich wieder etwas schöner geworden und auch die liebe Sonne spitzt hin und wieder zwischen den letzten Wolken hervor. Natürlich ist nur ständiger Sonnenschein und brütende Hitze auch nicht gut für Pflanzen, Wiesen und Blumen, denn alle brauchen auch genug Wasser, um leben, blühen und Früchte tragen zu können.
Gretel kann heute endlich wieder einmal in Großmuttis Garten nach dem Rechten sehen. Sie zupft das viele Unkraut aus den Beeten, kümmert sich um ihre Blümchen und sieht nach, ob schon die ersten Tomaten, Gurken oder irgendwelche Beeren trotz des seltenen Sonnenscheins reif geworden sind. Tatsächlich unter einigen, noch von der Feuchtigkeit schweren Blättern spitzt etwas Rotes hervor. Gretel hebt die kleinen, zackigen Blättchen hoch und schaut nach. Welche Überraschung! – Eine ganze Menge Erdbeeren im Garten leuchten ihr in kräftigem Rot entgegen. Da es doch noch etwas feucht ist, will sie Gretel sicherheitshalber gleich abpflücken, bevor sie zu faulen beginnen. Sie ruft laut nach dem Bamberger Kasperle. Dieser ist heute wieder nur zum Scherzen aufgelegt und fragt – ebenfalls mit lauter Stimme – aus dem Haus zurück: „Ja, Gretelein – Trompetelein, was ist denn rasiert – äh – passiert?“ Gretel bittet ihn doch einmal in den Garten zu kommen und die gelbe Schüssel mitzubringen. Lachend fragt Kasperl wieder aus Blödsinn zurück: „Was, hähä, willst du wohl im Garten ein Fußbad nehmen?“ Gretel betont noch einmal, dass er nicht die große, gelbe Wanne, sondern nur die kleine, gelbe Schüssel aus dem Küchenschrank mitbringen soll. Endlich kommt Kasperl mit der Schüssel angelaufen und will neugierig wissen, wozu sie die Gretel denn braucht. Gretel erklärt ihm, dass sie die ersten, roten Erdbeeren pflücken will, weil nämlich schon so viele, reife Früchte an den Sträuchern hängen. Als sie Kasperl bittet, ihr dabei zu helfen, hat der Schlingel gleich wieder eine Ausrede parat. Er meint, vom vielen Bücken bekommt er bestimmt nur Kreuzschmerzen. Doch Gretel ist auch nicht verlegen und droht ihm damit, dass er dann aber auch keinen Erdbeerkuchen bekommt. Als Kasperl das Zauberwort „Erdbeerkuchen“ hört, ist von Kreuzschmerzen nicht mehr die Rede. Sofort fängt er das Erdbeerpflücken an und beugt sich ganz weit hinunter, damit er bloß keine der roten Beeren unter den grünen Blättern übersieht. Er bückt sich sogar so weit, dass er mit seiner großen Nase beinahe den Erdboden berührt. Doch soviel er auch sucht, so viele Erdbeeren, wie Gretel gemeint hat, hängen gar nicht an den Sträuchern. Er hat gerade einmal vier Stück entdeckt. Da lacht er die Gretel aus, weil sie wegen der paar Erdbeeren einen solchen Stress macht: „Hähähä, die paar Erdbeeren reichen aber nur für einen ganz – ganz kleinen Erdbeerkuchen, hähä!“ Gretel kann sich das gar nicht vorstellen, dass heuer nicht mehr Erdbeeren gewachsen sein sollen, denn es sind auch nur noch ganz wenige unreife, weiße Beeren zu sehen. Sie vermutet, dass ihr Kasperle einen bösen Streich gespielt hat und alle anderen Erdbeeren schnell heimlich genascht und sie gleich in seinen Mund gesteckt hat. Aber Kasperl beteuert seine Unschuld und versichert ihr, dass er noch keine einzige gegessen hat. Gretel glaubt ihm aber nicht und fängt zu weinen an.
Da hört Kasperl plötzlich ein seltsames Geräusch und bittet Gretel, einmal still zu sein. „Horch mal, Gretelein, da schmatzt doch was!“ Ja, als Gretel das Weinen aufhört, kommt es ihr auch so vor. Sie meint, es kommt ganz aus ihrer Nähe. Beide heben nacheinander die Blätter der Erdbeerpflanzen hoch und schauen darunter. – Ja, wen entdecken sie denn da, genüsslich beim Erdbeerenfuttern? – Den Igel Spitzstachel und die Schnecke Hulda! – Traurig und enttäuscht findet Gretel, das dies aber gemein von den Beiden war. Sie sind doch eigentlich Freunde vom Kasperl und haben nun fast ihre ganzen Erdbeeren aufgegessen. Igel Spitzstachel weiß gar nicht, warum sich Gretel so aufregt. Er hat doch nur eine einzige gegessen. Auch die Schnecke Hulda antwortet genauso langsam, wie sie sonst dahin kriecht, dass sie doch erst ein paar Mal in eine der Beeren gebissen hat. Kasperle glaubt ihnen aber auch erst einmal nicht, denn er sieht nirgends Erdbeeren, die vielleicht von alleine herunter gefallen und davon gekullert sind. Er sagt zu ihnen: „Schwindelt uns bloß nicht an und vergesst nicht, Lügen haben kurze Beine!“ So langsam die Schnecke auch spricht, um so schneller denkt sie nach und antwortet schlagfertig: „Ich hab doch gar keine Beine, ich bin doch eine Schnecke!“ Auch Igel Spitzstachel ist nicht auf den Mund gefallen und belehrt Kasperl: „Pfft schneuz, so ein Unsinn! Meine Beine waren schon immer so kurz, pfft schneuz!“ Beide versichern, dass sie ganz bestimmt nicht mehr von den leckeren Erdbeeren probiert haben. Aber, wer soll denn dann die Beeren alle abgepflückt haben, wundert sich die Gretel. Spitzstachel will ihnen helfen, den wahren Dieb zu erwischen. Und die Schnecke Hulda? – Sie verkriecht sich in ihr Schneckenhaus und will aus ihrem Unterschlupf gut getarnt den Garten beobachten. Kasperl und Gretel haben leider keine so ein Häuschen wie die Schnecke, in dem sie sich auf die Lauer legen können. So verstecken sie sich hinter dem dicken Stamm vom Apfelbaum, um vielleicht den wahren Erdbeerdieb zu entlarven. Gretel hofft nur, dass sie nicht die ganze Nacht im Freien verbringen müssen. Die Schnecke und der Igel haben sich einen ganz besonderen Räuberfangplan ausgedacht. Igel Spitzstachel, der sich wie Sherlock Holmes fühlt, rollt sich zusammen und legt sich genau vor den Eingang des Schneckenhauses. Hulda stellt ihre Schneckenhörner auf Empfang und will, sobald sie etwas bemerkt, den Igel anstupsen. Dieser soll dann sofort auf den Dieb los rollen. So warten nun alle vier in Bereitschaft darauf, ob sich der Dieb noch einmal im Garten blicken lässt.
Erst rührt sich eine Zeitlang gar nichts, doch als sie schon fast aufgeben wollten, hören sie raschelnde Schritte im Gras. Ja, da staunen sie nicht schlecht! Der kleine, freche Erdwichtel kommt mit einer Leiter anmarschiert und will damit noch die oben gewachsenen Erdbeeren abpflücken, die er wegen seiner kleinen Größe heute Nachmittag so nicht erreichen konnte. Diese hat er allerdings schon in seine Höhle abtransportiert. Er lehnt seine Leiter gegen einen großen Erdbeerstrauch und steigt hinauf. Die Schnecke Hulda hat das natürlich längst bemerkt. Wie ausgemacht, gibt sie dem Igel Spitzstachel einen Stupserer, dieser rollt sofort los und trifft genau die Leiter, auf der der Erdwichtel steht. Mit lautem Geschrei fällt der Erdwichtel von der Leiter und landet genau oben auf dem Stachelfell vom Spitzstachel. „Au, au!“, schreit er schmerzlich, „Was ist denn das? Mir scheint, ich hab tausend Nadeln in meinem Hinterteil!“ Kasperl und Gretel eilen aus ihrem Versteck herbei. Als Kasperl den zappelnden Erdwichtel auf dem Rücken des Igels sieht, muss er schon wieder lachen: „Hähähä, sehr gut, Spitzstachel, du hast den Erdbeerdieb direkt auf frischer Tat aufgespießt, hähä!“ Der Erdwichtel weiß noch gar nicht, was ihm eigentlich geschehen ist und bittet den schadenfroh lachenden Kasperl, ihn bloß sofort herunter zu holen. Kasperl meint, dass passiert auch nicht alle Tage, dass jemand beim Erdbeerpflücken von der Leiter fällt, hebt den Erdwichtel wieder vom Rücken des Igels herunter und verjagt ihn aus dem Garten.
Gretel ist nun beruhigt, dass der Erdwichtel ihre Erdbeeren gestohlen hat und nicht ihre Freunde, die sie schon versehentlich verdächtigt hatten. Doch Spitzstachel und Hulda versichern der Gretel und dem Kasperl, dass sie die Freundschaft zu ihnen nie aufs Spiel setzen würden, denn eine echte Freundschaft ist ihnen sehr wichtig. Und das wissen ja alle Menschen, dass gerade Tiere die besten Freunde sein können. Kasperl würde sich freuen, wenn auch die Menschen untereinander alle gute Freunde wären. Und weil sie gute Freunde sind, wollen Hulda und Spitzstachel nun immer hier im Garten bleiben und aufpassen, dass niemand mehr irgendwelche Beeren von ihren Sträuchern oder Bäumen stiehtl. Gretel verspricht dem Igel und der Schnecke, dass sie ihnen dafür jeden Tag eine rote Erdbeere schenkt, sobald wieder welche nachgewachsen und reif sind. Kasperl muss da bestimmt länger warten, bis die Erdbeeren für einen großen Erdbeerkuchen reichen. „Naja“, meint Kasperl, „solange kann ich halt nur von deinem selbstgebackenen Erdbeerkuchen träumen, Gretelein – Pastetelein, hähä.“
Ihr, liebe Kinder dürft nun auch schlafen und etwas Schönes träumen.
Eine gute Nacht, viele gute Freunde und vielleicht auch einen Erdbeerkuchentraum wünschen Euch die Puppenbühne Herrnleben und Euer Bamberger Kasperl.

Wolfgang Herrnleben (GAP, 2009)