Die falsche Henne

Wisst Ihr, liebe Kinder, wann Kasperl, Gretel und – manchmal – auch der Seppl morgens immer aufstehen? – Immer gleich nach dem ersten Hahnenschrei! – Und – wann gehen sie ins Bett, immer gleich nach den Hühnern, genau! – Geht Ihr auch immer gleich nach den Hühnern ins Bett? – Naja, wer keine Hühner hat, der muss halt dann ins Bett, wenn es die Mama, der Papa, die Oma oder der Opa sagen! – Bestimmt folgt Ihr immer brav und legt Euch dann bald schlafen! –
Doch bevor Gretel, Kasperl und Seppl in ihre Betten hüpfen, müssen sich erst die Hühner auf ihre Stangen setzen und schlafen. – Aber ohne Abendessen schlafen auch die Hühner nicht. Deshalb geht Kasperl immer erst vor dem Schlafengehen in den Hühnerstall und gibt den Hühner noch ein paar Körnchen als Abendessen.
Gerade ist er deshalb – wie jeden Abend – im Hühnerstall und streut für die Hühner frische Körner ins Stroh und ihre Tröge. – Schnell kommen alle Hühner herbei und picken hungrig ihre Körnchen zum Nachmahl auf. Henne Otti drängt sich durch das ganze Hühnervolk und geht auf Kasperle zu: „Ga-ga-gaack! Danke Kasperle! – Ich lege dir dafür morgen ein besonders schönes Ei, ga-ga-gaack!“ Daran hat Kasperle keine Zweifel, denn die Henne Otti legt immer besonders große und schöne Eier. Kasperl kann gar nicht so schnell schauen, da haben die Hühner schon wieder alle Körnchen aufgepickt und setzen sich zum Schlafen auf ihre Stangen. Kasperl wünscht den Hennen, Küken und Gockel Buntfeder noch eine gute Nacht und dann schließt er bis morgen Früh die knarrende Hühnerstalltüre. Lautstark und mit krächzender Stimme ruft der Gockel noch einmal hinaus: „Kikeriki, Kasperle! Ich wünsche dir auch eine gute Nacht!“ Das ist jeden Abend immer dasselbe und immer der gleiche Ablauf! – Kasperl ruft dem Gockel durch die Holztür noch zu: „Hähähä, danke, Gockel Buntfeder! – Pass gut auf deine Hennen auf!“ Dann geht Kasperl zurück ins Haus, um sich auch für die Nacht fertig zu machen.
Auf diesen Moment hat die Hexe Schleckermaul schon die ganze Zeit hinter einem Gebüsch versteckt gewartet. Denn sie muss unbedingt in den Hühnerstall, um sich einige ihrer frischen, weissen Eier zu holen. Da sie vom Osterhasen nie guten Schokoladen- oder Zuckereier bekommt, will sie wenigstens echte Hühnereier haben. Sie hat extra ihren großen alten Rupfensack mitgebracht, um die Eier damit zu ihrem Hexenhaus zu tragen. Vorsichtig öffnet sie die Hühnerstalltüre! – Doch die Holztüre knarrt auch dann, wenn man sie ganz langsam öffnet. Logisch, dass von dem Knarren alle Hühner wieder aufwachen und sofort das Gackern anfangen. Mit zischender Stimme fordert sie die Hexe auf: „Psst, ihr blöden Hühner, seid doch leise! – He, ihr sollt ruhig sein, hab ich gesagt!“ Da die Hühner aber nicht still sind, fängt die Hexe hastig an, das ganze Stroh am Boden zu durchwühlen, um weiße Eier zu suchen! – Da stellt sich ihr Gockel Buntfeder in den Weg und pickt auf sie ein: „Kikeriki, was willst du denn hier bei uns im Hühnerstall? – Wir kennen dich überhaupt nicht! – Du hast hier nichts verloren! – Kikeriki!“ Die Hexe Schleckermaul versucht ihn wegzuscheuchen und sagt ihm, dass sie sich doch nur ein paar von ihren Eiern holen will! – Gockel Buntfeder erklärt ihr, dass es am Abend keine frischen Eier gibt, sondern erst wieder morgen Früh. Doch solange kann die Hexe nicht warten und fordert die Hühner auf, sofort ein paar frische Eier zu legen, damit sie diese gleich mitnehmen kann. Buntfeder will sie aus dem Hühnerstall vertreiben und macht ihr klar, dass seine Hennen jetzt alle müde sind und ihren Kopf unter die Flügel stecken wollen. Erst wenn sie ausgeschlafen haben, gibt es wieder Eier. Vorher nicht! – Da kommt der Hexe eine bessere Idee. Sie will einfach ein Huhn mit ins Hexenhaus nehmen, das für sie jeden Tag frische Eier legt. Dann kann sie sofort wieder gehen und braucht nicht mehr in irgendwelche Hühnerställe eindringen, um sich Eier zu stehlen. Aber Gockel Buntfeder will das nicht zulassen, dass sie auch nur eine von seinen Hennen mitnimmt und pickt weiter auf die Hexe ein. Zur Strafe will die Hexe den Gockel mitnehmen, denn sie ist sich sicher, er legt bestimmt die größten Eier. Schließlich ist er ja das größte und schönste Federvieh im Hühnerstall ist. Ruck-zuck packt sie den Gockel am Hals und steckt ihn in ihren Sack hinein. Buntfeder wehrt sich und zappelt im Sack herum: „Kikeriki! Lass mich wieder frei! – Ich leg bestimmt keine Eier!“ Doch die Hexe lacht nur hämisch und glaubt, sie wird den Gockel bestimmt dazu bringen, dass er ihr jeden Tag frische Eier legt! – Gockel Buntfeder zappelt weiter im Hexensack herum und kräht: „Kikeriki. Lass mich wieder aus dem Sack heraus! – Glaub mir doch. Ich kann keine Eier legen! Kikeriki!“ Die Hexe aber glaubt ihm nicht, verschwindet mit dem zappelndem Sack wieder aus dem Hühnerstall und macht sich damit schnell auf den Weg zu ihrem Hexenhaus.
Aufgeregt gackern alle Hühner im Stall herum und machen ein Riesenspektakel. Henne Otti rennt aus dem Hühnerstall hinaus, aber sie kann der Hexe nicht folgen: „Ga-ga-gaack! – Das darf doch nicht wahr sein! – Die böse Hexe hat doch tatsächlich unseren Gockel Buntfeder mitgenommen. – Ga-ga-gaack!“ Lautstark ruft Henne Otti nach Kasperle.
Zum Glück war Kasperle noch nicht im Bett und kommt wieder aus dem Haus geeilt, um nachzusehen, warum im Hühnerstall so eine Aufregung herrscht. Henne Otti berichtet ihm gackernd, dass die Hexe Schleckermaul ihren Gockel entführt hat, damit er für sie Eier legt. – Darüber kann Kasperl nur herzhaft lachen: „Hähähä, Henne Otti, so was Lustiges habe ich ja schon lange nicht mehr gehört, hähä. Das weiß doch schon jedes Kind, dass ein Gockel keine Eier legen kann, sondern nur die Hennen, hähä!“ Trotzdem macht sich Henne Otti große Sorgen um ihren Gockel Buntfeder und bittet Kasperle, ihn doch bitte wieder zurück zu holen. – Kasperle will sich sofort auf den Weg machen, da hören sie aus der Ferne ein lautes, aufgeregtes „Kikeriki! Kikeriki!“. – Ja, wer kommt den da angerannt? – Der Gockel Buntfeder! – Und hinterher humpelt schimpfend und fuchtelnd die Hexe Schleckermaul: „He, komm sofort wieder zu mir zurück, du komische Henne! Du gehörst mir und musst für mich Eier legen!“ Gockel Buntfeder ist aber viel schneller als die Hexe und kommt als erstes wieder beim Hühnerstall an. Völlig außer Atem erzählt er, dass er gleich wieder ausgerissen ist, als ihn die Hexe aus dem Sack gelassen hat. Darüber ist Henne Otti überglücklich. – Dann kommt auch die Hexe wieder am Hühnerstall an und will, dass Buntfeder sofort wieder mit ihr zum Hexenhaus zurückgeht. Doch Kasperl macht ihr klar, dass dies gar nicht in Frage kommt. Denn es handelt sich nicht um eine komische Henne, sondern um einen männlichen Gockel, der niemals Eier legen kann, der in Großmuttis Hühnerstall gehört und nicht zur Hexe. Henne Otti hat inzwischen alle Hennen aus dem Hühnerstall alarmiert, die gemeinsam auf die Hexe losgehen und sie davon jagen. Kreischend ergreift die Hexe vor dem großen Hühneransturm die Flucht und ruft dabei nur: „Ich will doch auch einmal ein paar Eier zum Osterfest haben!“ Kasperl kann ihr nur raten, einfach nicht mehr allen Leuten so viele Streiche zu spielen. Denn dann würde sie vom Osterhasen bestimmt auch einmal Ostereier an Ostern bekommen, so wie alle Kinder auch.
Und damit die Hennen auch genügend Eier für den Osterhasen legen können, die er in die Osternestchen der Kinder verteilen kann, müssen die Hennen nun endlich schlafen. Dann können sie morgen Früh doch noch rechtzeitig anfangen, frische Eier zu legen.
Ihr, liebe Kinder, müsst morgen Früh zwar keine Eier legen, aber zum Schlafengehen wird es auch für Euch höchste Zeit.
Drum setzt Euch auf Euere Stangen – äh – ich mein – legt Euch in Euere Heia und träumt schon einmal von vielen bunten Ostereiern, die Euch der Osterhase bald in Euere Nestchen legt.

Eine gute Nacht wünscht Euch Euer Bamberger Kasperl und die Puppenbühne Herrnleben!

Wolfgang Herrnleben (GaPa, 2010)