König Karl der Fünfundzwanzigste rennt ganz aufgeregt in seinem Schloss herum, steigt die große, breite Schlosstreppe in den ersten Stock, in den zweiten Stock, ins Dachgeschoss, schaut in jedes Zimmer, steigt wieder hinab bis in die Kellergewölbe, kommt wieder nach oben und irrt mit wehendem Königsmantel und zerzausten Haaren in der Eingangshalle herum. Irgendwas scheint er zu suchen! – Soll er vielleicht noch nach draußen in den Schlosspark blicken, obwohl es eigentlich eisig kalt ist. Aber es bleibt ihm nichts anderes übrig. Er öffnet die schwere Schlosstür und lässt seine Blicke von der obersten Stufe der Schlosstreppe durch den großen Schlosspark schweifen. – Da! – Jetzt hat er endlich entdeckt, wonach er die ganze Zeit gesucht hat. Erleichtert ruft er: „Prinzessin Schlampelchen! – Prinzessin Schlampelchen!“ Mit dem zweiten Rufen hat ihn seine Tochter gehört und kommt sogleich herbeigeeilt. Als sie bei ihm eintrifft, beschwert sie sich erst einmal: „Ich heiß nicht Schlampelchen, sondern Christine!“ Der König weiß natürlich, wie seine Tochter richtig heißt, aber er weiß auch, dass sie sehr unordentlich ist und immer alles verlegt. Als sie nun endlich vor ihm steht, betrachtet er sie mit Verwunderung und will wissen, warum sie bei der winterlichen Kälte nur mit ihrem Nachthemd bekleidet im Schlosspark herum rennt. Die Prinzessin erklärt ihm bibbernd, dass sie ihr Kleid nicht mehr findet. Sie hat es am Nachmittag gewaschen und zum Trocknen irgendwo im Schlosspark aufgehängt. Und nun findet sie es nicht mehr, weil sie nicht mehr weiß, wo sie es hingehängt hat. „Und wo ist dein goldenes Krönchen?“, fragt der König weiter. Prinzessin Christine ist sich sicher, dass sie es doch – wie immer – auf dem Kopf hat. Als sie danach in ihren lockigen, blonden Haaren fühlt, bemerkt sie, dass es auch fehlt. – Wo kann das Krönchen und ihr Kleid nur sein? – Sie hat dafür keine Erklärung. Der König fühlt sich wieder einmal bestätigt. Seine Tochter ist wirklich ein richtiges Schlampelchen! – Er versteht nicht, was sie für ein Mädchen ist. Überall, wo sie geht und steht, lässt sie ihre Sachen liegen. Die Diener und Kammerzofen sind nur damit beschäftigt, ständig ihre Sachen zu suchen und ihr alles hinterher zu tragen. Die Prinzessin ist auch untröstlich und kann das alles nicht verstehen. König Karl fordert sie auf, sich erst einmal warme Schuhe und einen Mantel anzuziehen und dann nach ihrem Kleid sowie ihrer wertvollen Krone zu suchen. Christine ist davon überzeugt, dass alles nur hier im Schlosspark sein kann. Die Prinzessin geht schnell ins Schloss, um sich warm anzuziehen und dann will sie sich auf die Suche machen. Zum Glück ist das Bamberger Kasperle gerade gekommen, um sie zu besuchen. Sie bittet ihn, ihr zu helfen. Kasperl ahnt natürlich gleich wobei: „Was muss ich diesmal suchen, Prinzessin Christine?“ Die Prinzessin ist erstaunt, dass Kasperl sofort klar ist, was auf ihn zukommt. Aber er kennt die unordentliche Prinzessin ebenso gut, wie König Karl, denn er hat ihr schon sooft dabei helfen müssen, regelmäßig nach Dingen zu suchen, die sie verlegt hat. Also macht er sich mit ihr im Schlosspark auf die Suche nach ihrem rosafarbenen Kleid und ihrem goldenen Krönchen. In der Nähe vom Schloss ist jedenfalls nichts zu entdecken und so entfernen sich Beide immer weiter weg in den großen Schlosspark. –
Doch werden Beide kein Glück haben! – Was sie nämlich nicht wissen, ist, dass sich hinter einem Gebüsch der Räuber Allesklau versteckt hat. Er hat das Kleid und das Krönchen schon längst gefunden und an sich genommen. Ihm kam dies nämlich sehr gelegen, denn er will schon lange einmal ungehindert ins Schloss gelangen. Ungesehen zieht er sich hinter dem Gebüsch das Prinzessinnenkleid an und setzt sich das Krönchen auf. Er ist davon überzeugt, dass ihn der kurzsichtige Diener Schnorrnbastl trotz seines Bartes nicht erkennt und ihn ins Schloss hinein lässt. Und wenn, was soll ihm schon passieren. Er hat schon eine Ausrede parat, falls ihn jemand erkennt: Es ist doch schließlich Fasching, da darf sich auch ein Räuber einmal ungestraft verkleiden. So marschiert er im Prinzessinnenkleid und mit dem goldenen Krönchen auf das Schlosstor zu und klopft an. Es dauert nicht lange, da öffnet Diener Schnorrnbastl die Tür und fragt sehr vornehm: „Ja, bitte sehr, wen darf ich melden?“ Mit verstellter Stimme antwortet der Räuber: „Na ich bin es doch, Prinzessin Christine!“ Kurzsichtig und schwerhörig wie der Diener ist, hat er doch tatsächlich den Schwindel nicht bemerkt und gewährt dem Räuber Einlass: „Ach ja natürlich! Kommen Sie nur herein, gnädiges Fräulein!“ Fluchs huscht der Räuber Allesklau ins Schloss und macht sich gleich auf die Suche nach den Schätzen des Königs, die er in seinen großen Sack, den er unter dem Kleid versteckt hat, packen und mitnehmen will. Kaum hat der Diener hinter dem Räuber die Tür wieder verschlossen und es sich in seinem Sessel in der Empfangshalle bequem gemacht, klopft es schon wieder an der Tür. Behäbig steht Diener Schnorrnbastl wieder auf und murmelt vor sich hin: „Ach herrje, was ist denn schon wieder? Wer klopft denn nun? Das ist aber heute ein Stress!“ Er öffnet die Tür und fragt wieder in gemäßigtem Ton: „Bitte sehr, wen darf ich diesmal melken – äh – melken?“ Vor lauter Lachen kann Kasperl kaum antworten: „Hähähä, Diener Schnorrbastl, gemolken werden nur die Kühe, hähähä. Ich bins doch nur, das Bamberger Kasperle!“ „Und ich, Prinzessin Christine!“, fügt die Prinzessin hinzu. Verwundert mustert der Diener mit zugezwickten Augenlidern die Beiden und bemerkt zweifelnd, dass dies noch nicht sein kann, denn die Prinzessin ist doch schon im Schloss. Christine meint, er muss sich täuschen, denn sie gibt es ja wohl nur einmal. Doch der Diener lässt es sich nicht ausreden. Schließlich hat er sie ja vor ein paar Minuten schon einmal herein gelassen und sie an ihrem Kleid und ihrem Krönchen genau erkannt. Prinzessin Christine hält das nicht für möglich, denn ihr Kleid und das Krönchen haben sie ja nirgends gefunden. Und wenn, dann hätte sie es doch selbst an. Kasperl denkt kurz nach und äußert den Verdacht, dass da wohl etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Wenn der Diener Recht hat und es diese andere Prinzessin wirklich gibt, muss sie ja wohl noch hier im Schloss sein. So macht sich Kasperl mit Prinzessin Christine gleich auf die Suche. Sie steigen die Schlosstreppe hoch in den ersten Stock, wo sich die königlichen Gemächer befinden. Kaum kommen sie um die Ecke am Beginn des breiten Flures, da sehen sie jemandem mit dem Kleid der Prinzessin ins Zimmer von Christine verschwinden. Auf leisen Sohlen schleichen sie sich an und stellen sich links und rechts neben die Zimmertüre, um abzuwarten, wer da wohl heraus kommen mag. Es dauert gar nicht lange, da verlässt der Räuber Allesklau mit dem Schmuckkästchen der Prinzessin das Zimmer. Wie angewurzelt bleibt er stehen, als er Kasperle und die Prinzessin sieht, die ihm den Weg nach allen Seiten versperren. „Hähähä“, sagt Kasperl lachend, „das ist ja der Räuber Allesklau als Prinzessin mit Vollbart, hähä!“ Inzwischen ist ihnen auch der Diener Schnorrnbastl gefolgt und stellt erstaunt fest, dass es jetzt wohl zwei Prinzessinnen im Schloss gibt und er sich doch nicht getäuscht hat. Doch Prinzessin Christine muss ihm da widersprechen, denn es ist nur eine Prinzessin hier. Das andere ist der verkleidete Diener Schnorrnbastl. Sie wirft ihm vor, dass er ihn doch an seinem Bart hätte erkennen müssen. Der Diener ist untröstlich über das Missgeschick und entschuldigt es damit, dass er eben schlecht sieht. Doch Kasperl verteidigt den betroffenen Diener, denn die Verwechslung hätte nicht passieren können, wenn die Prinzessin ihr Kleid und ihr Krönchen nicht verlegt hätte. Der Räuber muss Kleid, Krone und das Schmuckkästchen wieder zurück geben und Kasperl begleitet ihn eigenhändig zur Tür hinaus. Lachend ruft er dem Räuber hinterher: „Wenn du dich im Fasching wieder maskieren willst, dann such dir etwas anderes aus, denn ein Prinzessinnenkleid steht dir nicht, hähähä.“ Damit es nicht noch einmal passiert, dass sie der Diener verwechselt, nimmt sich die Prinzessin vor, zukünftig besser auf ihre Sachen aufzupassen und nicht mehr überall alles liegen zu lassen. Kasperle hofft das auch, damit er ihr nicht mehr stundenlang beim Suchen helfen muss.
Ihr, liebe Kinder, räumt bestimmt immer alles ordentlich auf, oder? Denn wie heißt es so schön? „Ordnung ist das halbe Leben!“ – Wisst ihr eigentlich schon, als was ihr euch im Fasching verkleidet? – Wenn nicht, dann könnt ihr ja einmal darüber nachdenken, bevor ihr einschlaft! – Euer Bamberger Kasperl braucht sich nichts zu überlegen. Er ist und bleibt das Bamberger Kasperle – auch im Fasching!
Eine gute Nacht wünschen Euch die Puppenbühne Herrnleben und Euer Bamberger Kasperl.
© Wolfgang Herrnleben (GAP, 2009)






