Seppl und das Bamberger Kasperle sitzen wie jeden Abend am großen Küchentisch und warten hungrig auf das Abendessen. Gretel holt gerade eine große Auflaufform aus der Bratröhre. Und weil diese natürlich sehr heiß ist, fasst sie Gretel mit zwei bunten Topflappen, die die Großmutter für solche Zwecke gehäkelt hat, vorsichtig an den Griffen und trägt sie zum Tisch. Als wenn er schon fast verhungert wäre, schiebt Seppl den Untersetzer in die Mitte des Tisches und hält Gretel gleich seinen Teller hin.„Erst bekommt der Kasperl etwas,“, sagt Gretel zum Seppl, „weil du gar so gierig bist und nicht abwarten kannst!“ Gretel verteilt nun mit einem Schöpfer das dampfende Abendessen erst auf Kasperls Teller, dann auf den Teller von Seppl und den Rest kratzt sie für sich zusammen, damit sie bei den beiden Vielfraßen auch etwas abbekommt.
Doch auf einmal scheint der Riesenhunger vom Seppl verflogen zu sein. Er stochert nur lustlos im Teller herum und begutachtet kritisch Gretels Gericht. „Sag mal, Gretel, was hast du denn da heute für einen Gipsbrei gekocht?“, meint Seppl. „Das ist kein Gipsbrei, sondern ein Reisauflauf!“, erwidert Gretel beleidigt. Seppl verteilt missmutig den Reisauflauf über den ganzen Teller und betrachtet diesen sehr kritisch. „Da ist ja nix drin in dem Zeug!“, motzt er in seiner wortkargen Art. Doch Kasperl belehrt ihn eines Besseren und meint, dass er beim genauen Hinsehen doch erkennen müsste, dass da jede Menge Äpfel im Reisauflauf sind. Aber Seppl hält nichts davon, dass nur Äpfel drin sind, er meinte eigentlich etwas „Fleischiges“. Vorwurfsvoll schimpft Seppl, „Da brech ich ja zusammen, wenn ich kein Fleisch bekomm!“. Kasperl und Gretel können darüber beide nur lachen, denn sie kennen ja Seppl am besten und wissen, dass er trotz seiner häufigen Motzerei über so manches Essen noch nie verhungert ist. Aber Seppl gibt nicht auf. Er will vorher wenigstens ein kleines Schnitzel. Schließlich gilt für ihn ja so ein Reisauflauf nur als Nachspeise.
Gretel erklärt ihm, dass seit Aschermittwoch Fastenzeit ist und in dieser Zeit gibt es halt häufiger nur fleischlose Kost. Irgendwie will sich Seppl damit aber nicht zufrieden geben. Aber was soll’s. So wie Gretel und Kasperl isst er erst einmal seinen Teller leer, bevor der Reisauflauf auch noch kalt wird. Doch Seppl denkt mit Grausen daran, dass ab jetzt wohl selten Fleisch auf den Tisch kommt. „Wie lange dauert denn diese Fastenzeit?“, fragt Seppl. Gretel erklärt ihm, dass die Fastenzeit bis Ostern dauert und nach der turbulenten Faschingszeit dazu dient, sich auf das Osterfest vorzubereiten, Buße zu tun und zu fasten. Seppl fällt vor Schreck bald vom Stuhl, als er sich vorstellt, dass es sechs Wochen lang nur noch „Schlangenfraß“ gibt. Kasperl bittet ihn, endlich das Jammern aufzuhören und lachend verspricht er ihm, dass er dafür an Ostern einen ganzen Hasen alleine aufessen darf. Da werden Seppls Augen plötzlich immer größer und er grinst über das ganze Gesicht, dass seine Mundwinkel bis zu den Ohren reichen. Aber nur, bis Kasperl ergänzt, dass es sich allerdings nur um einen Schokoladenhase für ihn handeln wird. Oh, Seppl ist nun nah daran zu explodieren und will dem lachenden Kasperl schon die leere Auflaufform über den Kopf stülpen, da greift Gretel ein und beruhigt Seppl erst einmal. Sie verspricht ihm, dass es auch in der Fastenzeit ab und zu Fleisch geben wird, aber halt nicht so oft. Das hofft Seppl auch, denn sonst wird ja sein Magen arbeitslos, wenn es nur noch so fleischlosen „Pframpf“ gibt. Seinen Geschmack hat der Auflauf jedenfalls nicht getroffen. Kasperl hingegen hat es geschmeckt und er räumt mit Gretel den Tisch ab, denn weiter gibt es heute nichts zum Essen und satt geworden sind sie davon allemal.
Da es nun auch Zeit zum Schlafengehen ist, gehen die drei nacheinander ins Bad, waschen sich, putzen ihre Zähne, wünschen sich eine gute Nacht und jeder begibt sich in sein Zimmer, um sich schlafen zu legen. Bald kehrt Ruhe in der ganzen Wohnung ein.
Nur Seppl wälzt sich in seinem Bett herum, weil er nicht schlafen kann. Oder vielleicht nur nicht schlafen will? Er bildet sich ein, dass sein Magen vor Hunger furchtbar kracht und ihn damit am Einschlafen hindert. Deshalb steht er noch mal aus seinem Bett auf und will nachsehen, ob er in der Speisekammer nicht doch noch etwas Brauchbares zum Essen findet. Vorsichtig öffnet er seine Zimmertür und schleicht sich leise, nur auf Zehenspitzen über den Flur, durch die Küche, bis zur Speisekammer. Doch da bekommt er den nächsten Schock am heutigen Abend. Nirgends findet er ein Stück Fleisch oder eine Wurst. Und gerade darauf hat er grad so einen Appetit. Ein Stück Käse wäre zwar da, aber das entspricht auch nicht seinen Vorstellungen. Außer einer Tüte Puddingpulver und einer Flasche Milch findet er nichts, was ihm jetzt gegen seinen Hunger helfen könnte. Deshalb beschließt er, sich wenigstens noch eine ganze Schüssel Schokoladenpudding zu kochen. Das kann Seppl, weil er sich schon oft heimlich Pudding gekocht hat. Schnell rührt er das Puddingpulver mit viel Zucker und etwas Milch in einer Schüssel an. In Großmuttis Milchtopf schüttet er einen halben Liter Milch hinein und stellt diesen zum Heißmachen auf den Herd. So, nun ist erst einmal alles vorbereitet, denkt sich Seppl. In der Zwischenzeit, bis die Milch heiß ist, will Seppl doch sicherheitshalber einmal nachsehen, ob Kasperl und Gretel fest schlafen und nichts von seiner nächtlichen Aktion in der Küche bemerkt haben. Deshalb schleicht er sich wieder leise zur Küche hinaus, über den Flur zu den Zimmern von Gretel und Seppl.
Eigentlich weiß ja jedes Kind, dass man Milch niemals alleine auf der heißen Herdplatte stehen lassen soll. Nur Seppl hat nicht daran gedacht.
Auf einmal zischt und blubbert es heftig in der Küche und es erscheint ein kleines, weißes, schlappriges Männchen, wie aus Brei geformt. Es ist der Milchblubberer, der beobachtet hat, dass Seppl den Milchtopf alleine und unbeaufsichtigt auf der Herdplatte stehen gelassen hat. Die Milch fängt schon an zu dampfen und es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis sie im Topf nach oben steigt. Solange will der Milchblubberer aber nicht warten und beschließt, dem Seppl einen Streich zu spielen.
„Milch koch über, blubb, blubb, blubb,
steig aus dem Topf mit einem Schwupp!“, zaubert der Milchblubberer.
Da steigt die Milch im Topf hoch, schwappt über den Rand des Topfes auf die heiße Herdplatte und brennt dort mit furchtbarem Gestank an.
„Hohoho, blubb, blubb!“, lacht der Milchblubberer über seinen gelungenen Streich und verschwindet lieber ganz schnell mit lautem Zischen und Blubbern.Schnell und unaufhaltsam zieht der üble Geruch nach angebrannter Milch zur Küche hinaus und verbreitet sich durch die ganze Wohnung. Logisch, dass der Duft nach und nach durch alle Türritzen strömt und irgendwann auch die Nasen von Kasperl und Gretel erreicht. Natürlich riecht auch Seppl, dass es plötzlich mächtig stinkt. Es wird ihm schnell klar, dass kann nur aus der Küche kommen. Schnell eilt er zurück zum Küchenherd. Dort erblickt er die Bescherung. Die Küche ist von stinkendem Qualm durchsäumt, die ganze Milch ist über die Herdplatte verteilt und rings um die Herdplatte braun und krustig angebrannt. Seppl muß wegen dem Qualm tüchtig husten und öffnet schnell das Küchenfenster, damit der Gestank nach angebrannter Milch abziehen kann. Doch zu spät, Gretel und Kasperl haben es auch längst bemerkt, dass der Geruch aus der Küche kommt und eilen schon im Schlafanzug bzw. Nachthemd herbei. „Ja, Seppl, was machst du denn für einen Qualm?“, fragt die Gretel. „Was werkelst du denn mitten in der Nacht in der Küche herum?“, will Kasperl wissen. Zu seiner Entschuldigung erklärt Seppl den Beiden, dass er doch noch solchen Hunger gehabt hat und sich deswegen noch einen Pudding kochen wollte. Hustend meint Gretel, dass er wohl nicht richtig auf die Milch im Topf aufgepasst hat. Kasperl meint scherzhaft: „Das hat wohl die Milch zum Topf hinaus geguckt und Ausschau gehalten, wo du bist?“ Während Kasperl herzhaft darüber lacht, steht Seppl vor dem stark verschmutzten Herd, wie ein begossener Pudel und lässt den Kopf hängen. Er hat doch nicht gedacht, dass die Milch so schnell heiß wird. Gerade als Gretel den Milchtopf von der Herdplatte ziehen will, wackelt der Topf auf einmal und fängt zu sprechen an. „Normalerweise wäre die Milch in mir auch nicht so schnell übergekocht, wenn sie nicht der Milchblubberer herausgelockt hätte“, spricht der Topf mit hohler Stimme. Gretel erschrickt und weicht vom Herd zurück. Doch der Milchtopf beruhigt sie und sagt, dass sie keine Angst haben muss. Er will ihnen mit einem Zauberspruch helfen, damit sie nicht die halbe Nacht, die Küche sauber machen müssen.
„Milch komm gleich zu mir zurück,
fließ zusammen Stück für Stück!“
Daraufhin kriecht die Milch ruck-zuck wieder in den Topf zurück, der Herd ist sauber und der Mief hat sich aus der Wohnung verzogen. Seppl bedankt sich erleichtert beim Milchtopf. Gretel rät Seppl, in Zukunft daran zu denken, dass man kochende Milch nie unbeaufsichtigt lassen darf, genauso wenig, wie kleine Kinder. Da Seppl mit dem Puddingkochen ja schon mal angefangen hat, helfen die drei zusammen und machen den Schokoladenpudding gar fertig, füllen ihn in kleine Schälchen und stellen ihn in die Speisekammer zum Abkkühlen. „Den gibt’s dann morgen Mittag“, sagt Gretel, „dann haben wir gleich wieder ein passendes Essen zur Fastenzeit.“ Dem Seppl verspricht sie aber, dass es vorher aber eine kräftige Hühnersuppe mit genügend Fleisch drin gibt, damit er morgen bestimmt satt wird. Da ist Seppl aber sichtlich froh. Zwar später als geplant, gehen Gretel, Seppl und Kasperl nun endlich ins Bett und wollen schnell einschlafen.
Euch, liebe Kinder wünschen die Puppenbühne Herrnleben und das Bamberger Kasperle auch eine gute Nacht! Schlaft auch schnell ein!
© by Wolfgang Herrnleben (2008)






