„Gretel ! – Gretel !– Wo bist du denn?“, ruft Großmutti aus der Küche. „Hier, in meinem Zimmer!“ ,gibt Gretel Antwort. „Könntest du mir beim Zubereiten des Mittagessens helfen, Gretel?“, bittet Großmutti. Aber Gretel ist gerade dabei, für Großmutti, die ja in ein paar Tagen Geburtstag hat, neue Socken zu stricken. Dies kann sie natürlich nur heimlich in ihrem Zimmer, damit Großmutti die Geburtstagsüberraschung nicht merkt. „Verflixt!“, denkt Gretel, „Nur noch ein paar Maschen an der Spitze des einen Sockens und das Geburtstagsgeschenk für die Großmutti wäre in einer Minute fertig.“ Ihr müsst wissen, Gretel strickt immer besonders weiche, mollige Socken, die schöne warme Füße garantieren. Diesmal hat sie für Großmutti’s Geschenk eine extra teuere und farbenfrohe Wolle bei Tante Emma gekauft. Seit Wochen strickt sie nun schon heimlich, bei jeder freien Gelegenheit und abends, vor dem Schlafengehen. Jetzt wäre sie gleich fertig, aber nun soll sie Großmutti beim Mittagessen helfen. Dabei müsste sie nur noch den Anfangs- und Schlußfaden vernähen.
Widerwillig hört Gretel das Stricken auf, legt ordentlich das Strickzeug mit dem restlichen Wollknäuel und der fertigen zweiten Socke in ihren Wollkorb. Damit Großmutti nicht zufällig ihre Geburtstagsüberraschung sieht, falls sie in ihr Zimmer kommt, versteckt sie den Wollkorb schnell noch unter ihrem Bett, bevor sie zu Großmutti in die Küche läuft.
Aber was Gretel nicht weiß, sie hatte eine ständige Beobachterin, die auch jetzt wieder vor Gretel’s Zimmerfenster auf Posten steht. Seit Wochen wartet Hexe Schniefnase jeden Tag darauf, dass Gretel endlich die warmen Socken fertig gestrickt hat.
Ihr müsst wissen, Hexe Schniefnase hat ständig Schnupfen, muss dauernd niesen und ihre Nase läuft ständig, deshalb heißt sie ja auch „Hexe Schniefnase“. Alle anderen Hexen haben ihr diesen Namen gegeben und das ärgert sie natürlich, denn wer will schon „Schniefnase“ heißen. Ihr bestimmt auch nicht, gell?-
Aber trotz aller möglichen Hexenkräutern, Kräutertees aus Salbei, Kamille und vielen anderen Heilkräutern wurde ihr Schnupfen auch nicht besser. Jetzt hatte sie sich überlegt, dass der Schnupfen bestimmt von ihren kalten Füssen in ihrem Hexenhaus kommt. Überall zieht der Wind durch die Fugen der alten Holzhütte und so tüchtig sie auch ihren alten Ofen anfeuert, immer hat sie kalte Füße. Deshalb war es ja auch ein großes Hexenglück, dass sie Gretel bei Tante Emma belauschen konnte. „Warme Socken will sie der Großmutti zum Geburtstag schenken, hihi.“, denkt da Hexe Schniefnase, „Nicht Großmutti braucht warme Socken, sondern ich!“. Hexe Schniefnase war ja nicht dumm und hatte schon selbst probiert, sich warme Socken zu hexen, nachdem sie ihre kalten Füße für ihren Schnupfen verantwortlich machte. Aber in ihrem Hexenbuch, das sie ja von vorne bis hinten auswendig kann, stand kein Hexenspruch, mit dem man sich Socken zaubern konnte. Sie hatte auch daran gedacht, ihre schlauen Hexenschwestern zu fragen, aber da wusste sie genau, dass sie dann noch mehr Gelächter und Spott ertragen muss. Also heißt es warten, bis Gretel die zwei Socken fertig gestrickt hat. Selber stricken ging auch nicht, weil sie in ihrer Hexenschule niemals stricken gelernt hatte. Aber jetzt, sieht sie durch’s Fenster, wie Gretel die zwei Socken zusammengerollt und unter ihrem Bett versteckt hat. Die Gelegenheit scheint günstig. Die Socken sind fertig, Gretel ist in der Küche bei Großmutti und das Fenster steht offen.
Schnell krabbelt Hexe Schniefnase über das Fensterbrett und hüpft in Gretel’s Zimmer. Sie horcht regungslos, ob jemand ihren Sprung ins Zimmer gehört hat. Aber Gretel und Großmutti klappern mit Geschirr und Töpfen in der Küche.
Schnell bückt sich Hexe Schniefnase und holt Gretel’s Wollkorb unter dem Bett hervor. Da liegen sie im Korb, Schniefnase’s Traum, die zwei warmen Socken für ihre kalten Füße. Gierig greift sie in den Wollkorb und, was glaubt ihr, auch direkt in die spitzen Stricknadeln von Gretel’s zweitem Socken.
„Au, au!“, entfährt es Hexe Schniefnase und sie lässt vor lauter Schreck die Socken mit den Nadeln aus der Hand fallen. „So ein Mist!“, denkt sie, „Hoffentlich hat mich jetzt niemand gehört!“ – Sie lauscht mal schnell an der Türe, aber es scheint, dass zum Glück niemand ihren Schrei gehört hatte. Nun schnell zurück zum Wollkorb. Diesmal holt sie besonders vorsichtig die Socken heraus. Wunderschön sind sie geworden und bestimmt auch mollig warm. „Hihihihi, nun habe bestimmt nie wieder kalte Füße, hihi!“, sagt sie zu sich. Aber was soll sie mit den blöden Nadeln machen, die da noch in dem einen Socken stecken?- Mitnehmen?- Weil sie die Nadeln sowieso nicht brauchen kann, zieht sie diese einfach aus den Socken heraus und zurück damit in den Wollkorb. Aber da!!! - Ein Schreck fährt ihr in die Glieder, sie hört Gretel kommen. „Huch, was mache ich nur schnell? – So was Blödes!“ -Schnell schwingt sich Hexe Schniefnase mit den beiden Socken in der einen Hand über das Fensterbrett hinaus und läuft in Windeseile Richtung Wald.
„Hihihi“, kichert sie, „geschafft! Bald habe ich meinen ewigen Schnupfen los und gleichzeitig auch meinen blöden Hexennamen Schniefnase.“ Sie ist sicher, mit diesen warmen Socken in ihrer Hand hat sie nie mehr kalte Füße.
Unterdessen will Gretel schnell ihr Fenster zumachen. Doch was ist denn das? Gretel traut ihren Augen nicht. Da steht doch der Wollkorb vor ihrem Bett, die fünf Stricknadeln liegen darin und von Großmutti’s Socken keine Spur. Nur, was ist das? Quer durch’s Zimmer läuft der Wollfaden Richtung Fenster. Gretel kann nicht glauben, was sie sieht und so langsam steigen Tränen in ihre Augen. Wo sind denn bloß Großmutti’s schöne Socken?-
Mit weinerlicher Stimme ruft sie nach Kasperl, der ihr bestimmt helfen kann. Sie glaubt, dass ihr Seppl wieder einen bösen Streich spielen wollte und mit den Socken in den Garten gesprungen ist.
„Gretelein, Pastetelein, was ist denn los? – Gibt’s schon Mittagessen?“, fragt Kasperl, der zu ihr ins Zimmer kommt.
„Nein, sieh doch, was Seppl wieder angestellt hat!“, jammert Gretel.
„Hähä“, lacht Kasperl, „was denn Gretel? – Hier liegt doch nur ein Wollfaden quer durch dein Zimmer, der dann über’s Fensterbrett hinaus in den Garten läuft.“
Gretel ist jetzt schon ganz wütend, das könnt ihr euch ja vorstellen. „ Ja freilich, er hat meine Geburtstagssocken für die Großmutti geklaut! – Und die Stricknadeln hat er auch rausgezogen“. Dabei kullern ihr jetzt doch ein paar Tränen aus den Augen.
„Nur noch ein paar Maschen hätte ich stricken müssen, dann wären Großmutti’s neue Socken fertig gewesen.“, schluchzt jetzt Gretel.
Kasperl nimmt sie in den Arm und spricht beruhigend auf sie ein. „Nicht weinen, Gretelein, bestimmt bekommen wir sie wieder zurück! – Aber Seppl kann dir die Socken nicht genommen haben, denn er hat ja noch bis zum Nachmittag Sportunterricht. Weißt du was, ich gehe jetzt einfach mal dem Wollfaden hinterher, der aus dem Fenster hängt. Vielleicht hängt ja auch noch der Dieb daran!“
Gesagt, getan! Kasperl steigt also aus dem Fenster und nimmt den Wollfaden in die Hand. An dem läuft er geschwind entlang. Natürlich, ihr wisst es ja, er führt ihn schnurstracks zum Wald. Und wie ihr auch schon vermutet, direkt zu Hexe Schniefnase’s Haus.
„Nanu,“ denkt sich Kasperl, bleibt stehen und lauscht, „was ist das?“ Hört er da nicht Hexe Schniefnase schimpfen?- Ja, ganz deutlich, es ist die Hexe!
„Oh nein, was ist denn das?- Wieso habe ich denn da nur noch einen halben Socken?- Das gibt’s doch nicht?- Gretel hatte doch beide Socken fertig gestrickt!- Nein! – Jetzt habe ich nur einen Socken für meine zwei kalten Füße. So ein Schlamassel!“
Kasperl klopft in diesem Moment an die Türe des Hexenhauses und springt hinein.
„Ja Hexe Schniefnase, das kommt davon, wenn man anderen etwas wegnimmt. Hähä, Gretel hatte den zweiten Socken ja noch nicht ganz fertig gestrickt und jetzt hast du ihn durch dein Weglaufen wieder halb aufgetrennt, hähä“.
Hexe Schniefnase ist natürlich sehr erschrocken, als Kasperl zu ihrer Türe hereingekommen ist. „Kasperl, was machst du denn da?“, bringt sie gerade noch stotternd heraus.
„Hähä, das müsstest du doch wissen, Hexe Schniefnase, ich will Gretel’s Socken wieder zurückholen,“ lacht Kasperl. „Die Spur mit dem Wollfaden hast du mir ja gut gelegt!“
Hexe Schniefnase lässt den Kopf hängen und flüstert kleinlaut, „Oje, dann habe ich jetzt den schönen Socken kaputt gemacht? Das wollte ich nicht, Kasperl, ich habe doch nur warme Füße haben wollen, damit ich endlich nicht mehr Hexe Schniefnase genannt werde. Was machen wir denn jetzt Kasperl?“
Tja, Kinder, nun muss Hexe Schniefnase vorsichtig den ganzen aufgetrennten Wollfaden von ihrem Haus bis zu Gretel’s Zimmer wieder aufwickeln und Kasperl trägt pfeifend nebenher den einen fertigen Socken bis zum Haus zurück.
Ihr könnt euch denken, wie froh Gretel ist, als sie Kasperl mit Großmutti’s fertigen Socken und die Hexe mit der aufgewickelten Wolle und dem restlichen Sockenstück vor ihrem Fenster erblickt. Nun hat Gretel zwar noch etwas Arbeit, um den zweiten Socken bis Großmutti’s Geburtstag fertig zu bekommen.
Aber Gretel schafft es mit flinken Händen und die beiden wunderschönen Socken liegen pünktlich auf Großmutti’ Geburtstagstisch.
Auch Hexe Schniefnase bekommt einige Wochen später von Gretel lustig bunte Wollsocken aus ihren Wollresten gestrickt. Wie ihr euch denken könnt, hat sie sich sehr darüber gefreut.
Ob sie natürlich damit ihren Schnupfen losgeworden ist, kann ich euch nicht sagen, aber ganz bestimmt hat sie ab jetzt keine kalten Füße mehr.
Hoffentlich habt ihr jetzt nicht auch kalte Füße bekommen. Wenn ja, dann schlüpft schnell in euer warmes Bett.
Die Puppenbühne Herrnleben und das Bamberger Kasperle wünschen Euch eine gute Nacht!
© by Elisabeth Herrnleben (2008)






